Zu Spät
"Diese Hitze ist doch echt nicht mehr normal!" Peter brachte gerade noch die Kraft auf, um sich mit der rechten Hand die Cola- Flasche zu angeln, während er sich mit der linken unablässig mit einer Zeitung Luft zufächerte. Seit zwei Wochen nun waren die Temperaturen schon so unerträglich heiß, dass die meisten kleineren Bäche und Seen ausgetrocknet waren. Die meisten Einsätze, die die Medicopter Crew noch flog waren Kreislaufzusammenbrüche und Brände, heißgelaufene Autos die plötzlich Feuer fingen wurden zu einer Gefahr für die Menschen.
Während der Schicht verbrachten die Crew die meiste Zeit damit, sich mit dem Wasserschlauch abzuspritzen, selbst das Heliwaschen war plötzlich ein heißbegehrter Job. Gerde waren Marc und Jens damit beschäftigt, dass Baby auf Hochglanz zu bringen. Allerdings landete dabei immer mindestens genauso viel Wasser auf den Overalls wie auf der Maschine.
Plötzlich ging die Sirene. Eine junge Frau war in der Einkaufstraße zusammengebrochen. Marc und Jens stöhnten auf. "Bei diesem Job frage ich mich echt, warum ich nicht doch im Krankenhaus geblieben bin!" Marc setzte seinen Helm auf und sprach ins Mikro: "Verstanden Rettungsleitstelle. Wir übernehmen. Koordinaten werden nicht benötigt da Einsatzort bekannt." Jens ließ die Maschine an und sah Marc skeptisch an: "Ach komm schon, dan würdest du jetzt irgendwelche Hühneraugen aufschneiden oder Formulare ausfüllen!" Marc nickte. "War ja auch nur so ein Gedanken. Tauschen würd ich niemals." Jens grinste. "Genau, wo bekommt man schon so tolle Kollegen wie uns!" Marc lachte. In dem Moment sprang Peter mit den Taschen auf seinen Sitz, gerade bevor Jens losflog. "Wer ist ein guter Kollege? Ihr jedenfalls nicht, die Taschen musste ich ganz alleine schleppen!" Jens grinste. "Och, du Armer! Dafür darfst du nächstes Mal unser Baby waschen. Das wird es nämlich gleich schon wieder nötig haben, so staubig wie die Luft heut ist!" Peter sah ihn schief an und wollte gerade noch etwas entgegnen, als Jens auch schon die Landung anging. Peter und Marc sprangen aus dem Heli und rannten zu einer Traube von Menschen, die sich vor einem Eiskaffee versammelt hatte. "Entschuldigung, würden sie uns mal durchlassen?" Marc drängelte sich durch die Schaulustigen und sah sich verwundert um. "Und wo ist die Bewusstlose Frau?" Fragend sah er einen neben ihm stehenden Mann an. Der zuckte ahnungslos die Schultern. "Was für eine Frau?" Marc sah sich verärgert um: "Wer von ihnen hat denn der Notruf abgesetzt?" Keine Antwort. Alle schüttelten den Kopf und sahen sich fragen um. Ein junger Mann trat zu Marc und sagte: "Also da waren vorhin noch zwei Jungen die standen eben noch hinter dem Baum dort drüben. Als sie gelandet sind, sind sie weggerannt!" Jens und Peter standen verärgert daneben. Peter meinte: "Na spitze. Jetzt dürfen wir auch noch die Umgebung absuchen oder was?" Marc schüttelte den Kopf. "Vergiss es, dass war ein dummer Jungenstreich. Karin hat erzählt dass sie gestern einen ähnlichen Einsatz hatten. Passanten haben zwei Jungen wegrennen sehen. Wir verschwinden!"
Marc kochte immer noch vor Wut, als sie auf der Basis ankamen. Schon zu oft waren solche Scherze schlimm ausgegangen.
An der Basis warteten bereits Gina, Enrico und Karin, die die nächste Schicht hatten. "Na, wie war der Einsatz?" Gina gab Marc einen Kuss und sah ihren Freund erschrocken an, seine Schlechte Laune war fast spürbar. Marc bemerkte dass Gina ihn prüfend ansah. "Ach, wir hatten bloß wieder so einen Spaßanrufer, kein Verletzter und auch kein Anrufer. Passanten haben aber wieder zwei Jungen wegrennen sehen." Karin schüttelte den Kopf. "Schon wieder? Meinst du, dass das die selben waren wie bei uns gestern?" Marc zuckte die Schultern. "Keine Ahnung. Aber ich geh jetzt mal duschen. Viel Spaß dann noch. Es ist wirklich unmenschlich bei diesem Wetter noch zu arbeiten!" Es griff seine Tasche und verschwand im Haus. Peter und Jens folgten ihm, sie traf der Fehlalarm nicht so. Die Polizei würde sich schon darum kümmern!
Später bei Marc zuhause. Es frustrierte ihn immer noch, dass jemand auf die dumme Idee kommen konnte, einfach so die Rettung zu alarmieren. In der Zeit hätte auch ein anderer Einsatz kommen können, der Ernst gewesen wäre! Marc lag auf dem Sofa und starrte auf den Fernseher. Vor ihm lag noch die Packung der Pizza, die er sich bestellt hatte. Wenn Gina Abends nicht da war, lohnte es sich für ihn nicht zu kochen. Er lag eine ganze Weile so da, bis er irgendwann, bäuchlings auf dem Sofa liegend einschlief.
Eine Stunde später schreckte er aus dem Schlaf auf. Einen Moment lang wusste er nicht, wo er war und musste seinen schmerzenden Nacken massieren, dann bemerkte er den eigenartigen Geruch, der durch die Wohnung zog. Er stand auf und sah sich um. Es roch, als wenn irgendetwas brennen würde! Marc stellte den Fernseher ab und kontrollierte alle Zimmer. Nein, hier war alles n Ordnung. Aber woher kam dann der Gestank? Marc ging nach draußen und schon ihm Flur wurde er in dichte Nebel gehüllt. Seine Nachbarn verließen schon in panischer Angst das Haus, immer mehr Türen öffneten sich und die Bewohner verließen Fluchtartig ihre Wohnungen. Der Mann, der mit seiner Familie über der Wohnung von Marc und Gina wohnte blieb bei Marc kurz stehen und rief ihm zu: "Die Feuerwehr ist bereits verständig. Wo kommt der Rauch bloß her?" Marc lief zurück in seine Wohnung und holte seinen Autoschlüssel. Dann verließ auch er schnell das brennende Haus und ging nach draußen auf den Hof, wo sich bereits sämtliche Bewohner versammelt hatten.
"Wo ist meine Tochter? Hat irgendwer meine Hannah gesehen? Wo ist sie denn bloß...?" Frau Müller rannte verzweifelt von einem zum anderen, ihr rannen Tränen über die Wangen.
Marc sah auf zum Haus. Frau Müller lebte mit ihrer Tochter im Obergeschoss, aus den Fenstern schlugen bereits die Flammen und dicker Rauch quoll aus den übrigen Fenstern. Marc drehte sich um und wandte sich an Frau Müller: "WO ist ihre Tochter? Ist sie noch in der Wohnung?" Die Frau schluchzte. Sie nickte und ihre Schultern bebten. Marc sah sie erschrocken an, dann zögerte er nicht lange und lief zurück in das brennende Haus. Er eilte, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die drei Stockwerke zur Wohnung hinauf. Die Tür war verschlossen, doch von drinnen hörte Marc ein herzzerreißendes Schluchzen. "Hannah? Bist du da drin? Mach bitte die Tür auf, ich will dir helfen!" Drinnen verstummte das Weinen und Marc hörte ein kratzen an der Tür. "Ich bekomme die Tür nicht auf..." Marc fluchte. Mist! Hannah war gerade fünf geworden und würde den Schlüssel nicht finden, wenn er sie auffordern würde, danach zu suchen! "Hannah? Gehst du bitte von der Tür weg? Ich muss sie eintreten, sonst kann ich dich nicht herausholen!" Marc hoffte einfach, dass die kleine von der Tür weg war und warf sich mit Schwung gegen die Tür. Der dichte Rauch nahm ihm die Sicht und das Atmen wurde immer beschwerlicher. Noch drei mal musste er sich gegen die Tür schmeißen, bis sie endlich nachgab. Er stieß sie beiseite und sah sich um. Hannah hatte sich ganz ängstlich in eine Ecke neben einem Schrank gedrückt. Marc eilte zu ihr und hob sie auf seine Arme. "Keine Angst, jetzt wird alle gut, gleich bist du wieder bei deiner Mama!" Die Kleine wimmerte bloß. "Mein Gott" dachte Marc, "wo bleibt die Feuerwehr bloß?" Er lief wieder auf den Flur hinaus und erschrak. Die Flammen krochen bereits die Treppe zum zweiten Stockwerk hinunter. Mit drei Sätzen war Marc eine Treppe weiter unten in seiner Wohnung. Er warf die Tür hinter sich ins Schloss und setzte die Kleine ab. "Keine Angst, alle wird gut. Bleib schön hier stehen, okay?" Dann ging er ans Fenster und öffnete es. Draußen standen mittlerweile noch mehr Menschen, doch die Feuerwehr war immer noch nicht eingetroffen. "Scheiße!!!" Marc lief zurück zur Wohnungstür und sah hinaus. Bald würden die Flammen die Nachbarwohnung in brand setzten. Er krallte sich ein nasses Handtuch und stopfte damit den Spalt unter der Tür zu. Er wollte gerade weitere feuchte Tücher holen, als er ein bekanntes Geräusch vernahm. Als er ans Fenster gestürzt kam, sah er gerade, wie seine Kollegen von Medicopter auf einer Wiese nebenan landeten.
Als der Medicopter landete, sprangen Karin und Enrico schon raus und rannten auf das brennende Haus zu. Karin schrie Enrico zu: "Also, wenn da noch jemand drin ist...!" Enrico nickte und rannte weiter. Gina kam langsamer hinterher. Sie stand fast unter Schock, war es doch ihre Wohnung die da Brannte. "Hoffentlich ist Marc in Ordnung!" Doch als sie dann unter den übrigen Hausbewohnern ihren Marc nicht fand, überkam sie Panik. "Karin!!! Marc ist nicht da!!!" Karin kam auf sie zugeeilt. Sie hatten nicht viele Menschen zu versorgen, da fast alle unverletzt waren und nur einige wenige eine Rauchvergiftung erlitten hatten. Karin versuchte Gina zu beruhigen. "Marc muss ja gar nicht zu hause gewesen sein. Vielleicht ist er noch bei Jens oder so...?"
Als Marc sah, dass Karin und Gina direkt unter seinem Fenster standen, versuchte er, auf sich aufmerksam zu machen. Doch durch das laute Prasseln der Flammen die aus den unteren Fenstern schlugen, war es unmöglich, das seine Kollegen ihn bemerkten. Da hatte Marc eine Idee. Er griff sich eine neben ihm auf einem Regal stehende Vase, ein kitschiges grell Pinkes etwas, dass Gina von einer Tante geerbt hatte, und warf es auf dem Fenster. Die Vase zersprang wenige Meter neben Gina auf dem Pflaster. Erschrocken drehte sie sich um und sah dann hoch zum Fenster. Aufgrund des vielen Rauchs konnte sie Marc zuerst kaum ausmachen, doch dann sah sie ihn. "Karin! Da ist Marc! Er ist noch in der Wohnung!" Karin fuhr herum und starrte in die Richtung die Gina ihr zeigte. "Wir müssen ihn da rausholen! Bei dem Qualm erstickt er sonst!" Gina rannte schon vor zum Heli und ließ die Turbinen an. Karin riss im Vorbeirennen Enrico mit sich, der dabei beinahe gestürzt wäre. "Sag mal, Karin, was ist denn los du kannst mich doch nicht so einfach..." Karin ließ ihm keine Zeit zu sagen was `sie nicht konnte´ und schrie ihm zu: "Marc ist noch in dem Haus, wir müssen ihn da rausholen!" Enrico verstand zwar nicht, was Marc in einem brennendem Haus verloren hatte, folgte den beiden jedoch ohne zu zögern.
Marc derweil machte sich viel mehr Sorgen um die kleine Hannah als um sich selbst. Der Rauch wurde immer dichter und machte das Atmen schwer. Immer wieder musste er die kleine Wachhalten, sie durfte nicht bewusstlos werden! Dann vernahm er ein bekanntes Geräusch: Der Medicopter schwebte nun über dem Dach. Doch wie sie an Marc rankommen sollten, das wussten sie noch nicht!
"Gina, kannst du mich direkt über der Dachkante abseilen?" Enrico hatte sich ins Seil eingeklinkt und wartete auf das Okay der Pilotin. Gina nickte. "Okay, aber sei vorsichtig, durch den Rauch und die Hitze kann ich unser Baby kaum halten!" Karin ließ Enrico langsam am Seil hinab, bis er mit den Füßen die Kannte des Daches erreicht hatte. "Okay Karin, jetzt ganz langsam. Und noch einen Meter weiter rüber, sonst komm ich nicht an Marc dran." Gina hatte Mühe, überhaupt über dem Haus zu bleiben. Unten tauchte mittlerweile auch die Feuerwehr auf und begann mit den Löscharbeiten. Weitere Rettungskräfte fuhren mit Blaulicht vor.
Enrico hangelte sich unterdessen an der Hauswand endlang, nur langsam kam er näher zu Marc und der kleinen Hannah. Immer wieder zog ihn das Seil wieder zurück und der beißende Qualm nahm ihm den Atem. Schließlich hatte er es geschafft. Marc half ihm, ins Zimmer zu klettern.
"Kannst du uns beide mitnehmen?" Marc zeigte auf Hannah. Enrico sah ihn erschrocken an: "Wie stellst du dir das vor? Es war ja schon fast unmöglich, alleine hier her zu kommen, aber mit der Kleinen? Meinst du, wir können es wagen?" Marc sah ihn entschlossen an: "Wenn wir es nicht machen, stirbt sie. Das wird zwar ziemlich unbequem, aber es muss einfach klappen!" Er legte der Kleinen und sich die Rettungsschlinge um und hakte sich ins Seil. Enrico sah ihn an. "Na dann! Wird schon schief gehen!" Mit Hannah auf dem Arm kletterten sie nach draußen. "Okay Gina, wir hängen jetzt nur noch so am Fenstersims, kannst du uns hier wegbringen?" Enrico klammerte sich mit aller Kraft fest. "Ober im Heli sah Gina erschocken zwischen ihre Füße hindurch nach unten. "Enrico, wenn ihr jetzt loslasst, pendelt ihr doch wie wahnsinnig! Kannst du mir sagen wie ich da die Maschine halten soll?" "Sorry, aber vom Fliegen hab ich keine Ahnung! Also, wie machen wir’s?" Gina schüttelte den Kopf. "Du bist doch total...! Okay passt auf, ihr lasst auf Kommando los und ich wird versuchen, den Schwung auszugleichen. Aber haltet euch bloß gut fest, das wird ganz schön schaukeln! Also, auf drei! Eins...,zwei...,drei!!!" Enrico und Marc stießen sich von der and ab und Gina zog ihr Baby zur Seite. Beinahe wären die Drei unten am Seil gegen die Wand geprallt, Enrico konnte es gerade noch verhindern. Nachdem sie nicht mehr so pendelten, setzte Gina sie auf der Wiese neben dem Haus ab. Karin eilte auf sie zu und kümmerte sich um die Kleine Hannah. Sie hatte viel Rauch eingeatmet, es ging ihr nicht gut. Wenige Momente später rannte Hannahs Mutter auf sie zu. "Hannah! Oh Gott, meine Kleine! Was ist mir ihr?" Karin konnte sie beruhigen, sie würden sie ins Klinikum fliegen und da würde man sich schon um sie kümmern. "Und du, Marc, solltest dich auch durchchecken lassen. Wahrscheinlich hast du auch eine Rauchvergiftung!" Marc hörte sie gar nicht, er war in einem tiefen Kuss mit Gina vertieft.
Auf dem Flug in die Klinik:
"Etwas gutes hatte das ganze ja: Wir sind endlich diese hässliche alte Vase von deiner Tante losgeworden." Marc grinste. Gina sah ihn entsetzt an : "Das war ein Erbstück und ich hab sehr daran gehangen! Warum musstest du ausgerechnet diese Vase schmeißen?" Marc zuckte die Schultern: "Hab in der Eile nichts anderes gefunden. Außerdem hat sie mich schon lange gestört. Sie hat überhaupt nicht zu unserer Einrichtung gepasst!"
Gina sah in empört an. Dann hellte sich ihr Blick auf: "Weißt du was? Da unsere Möbel sowieso hinüber sind können wir sie diesmal ja passend zur Vase kaufen! Meine Tante hat zum Glück ja noch einen ganzen Karton davon auf dem Dachboden stehen. Damals waren die so billig!"
Marc sah sie entsetzt an: "Das ist doch nicht dein ernst! OH NEIN!" Karin und Enrico stimmten ein lautes Gelächter an in das auch Gina einfiel. Nur Marc zog ein etwas saures Gesicht. Noch auf dem Flug begann es endlich zu regen. Enrico stöhnte auf: "Hätte es nicht zwei Stunden eher regnen können? Da wäre uns ne Menge Arbeit erspart geblieben!"
Copyright 2004: Sandra