Versuch's noch mal mit mir

- Medicopter 117 : Story aus der Sicht von Peter Berger -

 

 

Personen:

- Medicopter 117

Gina Aigner (Pilotin), Dr. Karin Thaler (Notärztin), Enrico Contini (Sanitäter),

Jens Köster (Pilot), Dr. Mark Harland (Notarzt), Peter Berger (Sanitäter),

Stella Berger (Peter's Frau), Oliver (ihr Sohn),

Florian Lenz (Praktikant Sanitäter), Yvonne (Bekannte von Florian)

 

 

1

Glassplitter und Blechfetzen verteilten sich auf der gesamten Breite der Alpenstraße zwischen den beiden Orten Inzell und Ruhpolding. Die Unfallstelle war auf beiden Seiten durch Streifenwagen der Polizei abgesichert, und der Medicopter sicher auf dem angrenzenden Feld eines Bauern gelandet. Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel und die Temperaturen pendelten sich bei warmen 30° ein. Allerdings hatte ich nicht viel Gelegenheit, mir darüber Gedanken zu machen. Ich nahm das eher nebenbei wahr ...

Dr. Mark Harland, ein etwa 185cm großer, dunkelhaariger Notarzt, untersuchte eines der Unfallopfer, das noch im Auto, einem Mini, eingeklemmt war. Sie war in einer leichten Rechtskurve auf die Gegenfahrbahn geraten, und hatte sich dabei mit einer Mercedes S-Klasse angelegt; dessen Fahrer und Gattin waren gänzlich unverletzt, trotz der recht hohen Aufprallgeschwindigkeit. Schließlich ersetzten die breiten, ausgebauten Landstraßen hier allzu gern und vor allem bei Jugendlichen das fehlende Autobahnnetz, wie es zum Beispiel rund ums Ruhrgebiet anzutreffen war.

"Peter, reich mir mal die Spritze!" forderte mich Mark auf.

Ich gab sie ihm. "Wie sieht's aus?" erkundigte ich mich mit ernster Stimme.

"Schlecht." antwortete der Notarzt ehrlich: "Ihre Beine sind vollständig eingeklemmt. Vermutlich schwere innere Verletzungen und Blutungen. Sie muß schnellstmöglich ins Krankenhaus. Wann kommt denn bloß die Feuerwehr? Sonst nehme ich das Auto per Hand auseinander!"

Aus der Ferne vernahm ich leises Sirenengeheul.

"Ich glaube, sie sind nicht mehr weit weg." teilte ich ihm mit.

"Hoffentlich!" Mark wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Die Schere, bitte!"

Ich suchte sie hervor. Mark zerschnitt das Hemd der Fahrerin, einer jungen Südländerin. Wie Stella! Ich senkte den Blick, als ich daran dachte und seufzte. Um die Ehe stand es sehr schlecht, seit sich eine Frau namens Yvonne in mein Leben gedrängt hatte. Sie war eine gute Freundin des Praktikanten Florian und mir schon bei seinem Einstand sehr nahe gekommen, vor Stellas Augen ... Resultat war ein langer Streit gewesen und Stella packte schließlich ihre Koffer, um für eine Weile nach Italien überzusiedeln, ihrer Heimat. Sie tat dies nicht zum ersten Mal ...

Es wäre auch nicht mein erster Schiffbruch. Vor Stella hatte es noch eine Barbara in meinem Leben gegeben, ebenfalls südländisch, versteht sich. Ich dachte schon damals an die große Liebe, und als sie schwanger wurde, schien das Glück auf meiner Seite zu sein. Doch dann, ich schluckte bei dem Gedanken, verlor Barbara das Baby, und die Beziehung scheiterte nur kurze Zeit später. Daran war auch eine Polizistin nicht ganz unschuldig gewesen, die wie Yvonne versuchte, in mein Leben zu drängen. Beide waren blond, die Polizistin und Yvonne - eine weitere Ähnlichkeit ...

Als Stella dann schwanger war, hatte ich oft an die Fehlgeburt zurück denken müssen. Je näher der Termin rückte, desto aufgeregter wurde ich. Es war einfach die schreckliche Angst, daß wieder etwas schief gehen könnte. Wie sehr hätt ich mir eine ganz normale Entbindung gewünscht, möglichst noch in meinem Beisein, doch kam wieder alles ganz anders. Stella war allein als die Wehen einsetzten, und auf der Fahrt zum Krankenhaus blieb sie mit ihrem Wagen liegen. Mit einem Japaner, die doch sonst die Zuverlässigkeit zelebrierten ...

Es war nahe einer Bahnstrecke gewesen, und der aufmerksamer Lenker eines Güterzuges nahm sie auf. Leider erlitt dieser auf der Weiterfahrt einen Schwächeanfall. Der Medicopter 117 musste ausrücken, und konnte ihn und Stella in letzter Sekunde retten. Oliver kam dann nichtsdestotrotz noch am selben Tag und wohl erhalten zur Welt. Ein Moment, den ich mein Leben lang nicht vergessen würde ...

"Was ist jetzt, Peter?" riß mich Mark aus meinen Gedanken.

Erstaunt blickte ich auf. "Ich glaube, ich war gerade etwas abwesend." entschuldigte ich mich.

Mark seufzte. "Einen Verband, bitte!" wiederholte er: "Für die Schnittverletzung an der Schulter. Da hat sich etwas von der Wagentür gelöst. Ein ziemlich scharfes Teil der Karosserie. Sag mal, spreche ich eigentlich chinesisch?" fragte er noch.

"Nein!" antwortete ich leicht gereizt. "Allenfalls Fachchinesisch, aber auch das ist selten ...!"

 

 

2

Mark trat aus dem Krankenhaus. Jens Köster startete darauf hin schon einmal die Rotoren. Der Pilot trug eine Sonnenbrille und zog seinen Helm über die kurzen, braunen Haare. Ich kletterte auf den Sitz neben ihm, während Mark hinten Platz nahm. Gewohnt schwungvoll zog Jens den Medicopter 117 hoch.

"Was macht die Patientin?" wollte ich von Mark wissen.

"Ihr Zustand ist kritisch, aber sie wird durch kommen." teilte er mit.

"Was ist mit Dir los, Peter?" fragte Jens und blickte herüber: "Wirkst schon den ganzen Tag nachdenklich."

Jens und Mark waren meine besten Freunde, neben den Mitgliedern der zweiten Einsatzcrew. Weshalb sollte ich es ihnen eigentlich nicht erzählen? "Stella kommt heute zurück." berichtete ich kurz und bündig: "Sie war ja in Italien, nach dem das mit Yvonne passiert ist."

"Es ist ja nichts passiert." antwortete Mark sofort.

"Stella hat ein wenig überreagiert." stimmte Jens, der in Scheidung lebte, zu: "Typisch Frau eben!"

"Ich würde sie an Deiner Stelle nicht darauf ansprechen, sondern einfach in den Arm nehmen." riet Mark mir, der glücklichmit der Pilotin Gina Aigner von der zweiten Medicopter Crew liiert war: "Jens könnte Dich auch eben bei einem Blumenladen heraus lassen ...!"

"Kein Problem!" Jens lachte: "Du mußt es nur sagen!"

"Laß mal lieber!" erwiderte ich gleich: "Das geht auch ohne Blumen ...!"

Die Basis kam in Sicht. Wolken schoben sich über die Berge der Umgebung. Hoffentlich ist das kein Zeichen, dachte ich nur, ein Zeichen für Unglück, das über mich hinein bricht. Bitte nicht! Als Jens landete, ließ ich meinen Blick über den Parkplatz wandern. Wenn Stella hier war, dann ohne Auto. Ihr roter Geländewagen war weit und breit nicht zu sehen.

Jens und Mark gingen gleich ins Büro. Die Spätschicht war bestimmt schon da, auch wenn sie noch gut eine Stunde Zeit hatten. "Ich geh mal eben für kleine Jungs!" rief ich den beiden nach und betrat die Toilette der Basis. Sie war ordentlich sauber, Höppler, der Stützpunktleiter, achtete penibel darauf, daß die Putzfrau auch richtig arbeitete ... und das zahlte sich eben irgend wie doch aus ...

Als ich die Toilette verließ, passierten zwei Dinge gleichzeitig. Yvonne, ein junges, blondes Mädchen mit schlanker Figur, trat von der Seite an mich heran und schlang gleich ihre Arme um meinen Körper. Ich war so überrascht, ja quasi überfallen, daß ich gar nicht reagieren konnte. Als sie meine Wange küßte, sah ich an ihr vorbei - genau in Stellas Augen! Sie öffnete erstaunt den Mund und drückte Oliver, unseren Sohn, ganz fest an sich. Sie musste sich merklich anstrengen, um nicht lauthals los zu schreien. "Peter!" meinte sie schließlich, nach Luft schnappend: "Das ist doch wohl die Höhe! Vor den Augen von Oliver! Schäm Dich! Du wirst Dich wohl nie ändern!"

Bei mir zog sich etwas zusammen. So hatte ich mir ihre Wiederkehr nun wirklich nicht vorgestellt! "Stella!" rief ich und wollte mich aus den Fängen von Yvonne befreien, doch die zog mich zurück. Mit lautem Krachen fiel die Tür hinter Stella zu. "Laß die Zicke!" riet mir Yvonne lächelnd: "Die ist doch nichts für Dich!"

"Da hast Du Dich aber gewaltig geirrt!" fuhr ich das Mädchen in scharfem Ton an und riß mich los.

Dabei fügte ich ihr einen Kratzer am Zeigefinger zu, den sie gleich mit erstauntem Blick begutachte. "Geschieht Dir recht!" Ich legte hörbar Ablehnung in meine Stimme und ließ sie stehen. Rannte zum Ausgang und wollte gerade die Tür nach draußen aufstoßen, als die Sirene einen weiteren Einsatz verkündete. Noch waren wir im Dienst, und nicht die zweite Mannschaft!

Nein! dachte ich: Nein! Das darf jetzt nicht sein!

"Herr Berger!" rief mir Stützpunktleiter Höppler nach: "Zum Medicopter, bitte!"

Ich verdrehte die Augen zum Himmel und trat einmal wütend vor den Reifen von Marks Saab Kombi.

"Das nächste Auswuchten der Reifen geht auf Dein Konto!" tadelte mich der Notarzt.

"Ich muß zu Stella!" flehte ich Höppler an.

"Ich kann auch mit fliegen!" bot Enrico Contini, Stellas Bruder, sofort an: "Kein Problem!"

"Das kommt nicht in Frage!" entgegneter Höppler kopfschüttelnd. Der Stützpunktleiter fuhr einmal mit der Hand durch sein schütteres Haar. "Dienst ist Dienst! Was Sie privat zu regeln haben, können Sie in Ihrer Freizeit tun - aber nicht hier! Ich hoffe, wir haben uns verstanden! Nun los, meine Herren, wir haben einen Notfall!"

Ich schluckte und sah zum Geländewagen herüber, der soeben mit durchdrehenden Reifen anfuhr.

Enrico klopfte mir auf die Schulter. "Wir bekommen das wieder hin!" tröstete er mich: "Ich rede mit ihr!"

"Aber nicht vorm Dienst!" schränkte Höppler gleich ein. Freunde machte er sich mit dieser Einstellung nicht.

 

 

3

Der Medicopter schwebte über der deutschen Alpenstraße zwischen Weißbach und Bad Reichenhall. Dreißig Meter darunter schlängelte sich die Weißbachschlucht durch Felsen und Gestein. Ein Wanderer war dort auf einer glitschigen Holzbrücke ausgerutscht und hatte sich vermutlich ein Bein gebrochen. Es war eine verdammt enge Stelle, nur die Alpenstraße und die Schlucht befanden sich hier zwischen den zwei Bergen, für mehr war kein Platz.

"Hoffentlich ist das Seil lang genug." bemerkte Mark: "Das ist eine verdammt enge Kiste!"

"Ansonsten geh ich tiefer runter." versprach Jens: "Irgend wie paßt das schon!"

"Ich hoffe, Du weißt was Du da tust!" seufzte ich.

"Keine Sorge." munterte er mich augenzwinkernd auf: "Will ja bei der Versöhnung mit Stella dabei sein!"

"Wir müssen ihn mit der Trage heraus holen." teilte Mark Jens über Funk mit: "Kriegst Du das hin?"

"Was für eine Frage?" erboste sich Jens: "Holen müßt ihr sie schon selber! Ich kann meinen Platz hinter dem Steuer leider nicht verlassen!" Ich setzte ein Grinsen auf. Allerdings sah das sehr künstlich aus. Die Konzentration verteilte sich auf den Einsatz - und auf Stella. Sie nahm sogar einen Großteil dieser Konzentration ein ... Wo war sie jetzt, was machte sie jetzt?

"Du mußt mal eben die Trage holen!" forderte mich Mark auf.

"Hättest Du auch vorhin dran denken können!" tadelte ich ihn.

"Das ist eigentlich Deine Aufgabe, Peter!" verteidigte er sich: "Bitte, Sanitäter!"

"Schon gut!" winkte ich ab: "Bin auf dem Weg!" Ich sicherte mich am Seil, das Jens per Knopfruck einzog. Im Medicopter angekommen, schnappte ich mir die Trage. Wenige Sekunden später stand ich wieder neben dem Notarzt und der Frau des Patienten.

"Er ist transportbereit!" rief Mark mir zu: "Ich geh zuerst mit ihm hoch."

"Ist okay!" Ich nickte. Zusammen legten wir den Wanderer auf die Trage. Zuerst befestigten wir ihn am Seil, dann kam Mark dran. Ich sah den beiden nach, wie sie vom Medicopter hochgezogen wurden. Jens flog ein Stück zur Seite und setzte beide danach, für mich nicht unsichtbar, auf der Alpenstraße ab. Scheinbar war inzwischen auch die Polizei vor Ort und hielt den Verkehr solange an.

Der Medicopter tauchte wieder über mir auf und das Seil kam herunter.

"Wissen Sie, wohin mein Mann gebracht wird?" fragte die Frau. Ich wußte es nicht, aber Jens.

"Nach Traunstein!" erwiderte der Pilot und ich gab die Info weiter, während ich mich am Seil sicherte. Dabei sah ich zur Frau, und mit Gedanken war sowieso ich ganz woanders ... "Kannst mich hoch ziehen!" teilte ich Jens mit.

Es kam wie es kommen musste. Ein Ruck ging durch das Seil. Ich wurde mit hoch gerissen, aber nur ein Stück, denn ich hatte mich gar nicht richtig gesichert! Mit rudernden Armen wurde ich nach hinten geschleudert, über das Geländer der Brücke hinweg. Der Fall war kurz und endete im auch in dieser Jahreszeit mordsmäßig kalten Wasser der Weißbachschlucht. Es war an dieser Stelle etwa 25cm tief. Während sich meine ganze Kleidung voll sog, blickte ich zum Medicopter, der hin und her pendelte. Jens fluchte einmal leise, konnte das Gerät aber souverän einfangen, insbesondere ohne anzuecken.

"Was ist passiert?" fragte Mark besorgt.

"Nichts." antwortete Jens betont lässig: "Unser Sani ist nur baden gegangen!"

Ich schloß die Augen. Heute ging auch alles schief! Ehrlich: Was schief gehen konnte, ging schief! Zuerst kam Stella im denkbar ungünstigsten Moment auf der Basis an, dann dieser Einsatz gleich hinter her, mit meinem peinlichen Aussetzer gerade eben!

Vor meinem Gesicht baumelte das Seil. Ich griff danach und sicherte mich - dies Mal mit mehr Sorgfalt.

"Kannst mich nun hoch ziehen, Jens!" sprach ich ins Mikro.

"Wirklich?" fragte Jens und unterdrückte ein Lachen, wie ich an seiner Stimme fest stellen konnte.

"Ja, wirklich!" entgegnete ich. Bloß raus hier ... und diesen Tag, diesen Einsatz schnellst möglich vergessen ...

 

 

4

Wieder kam die Basis in Sicht. Wir hatten den verletzten Wanderer nach Traunstein gebracht, und kehrten etwa eine Stunde nach unserem regulären Feierabend zurück. Ich sprang als erster aus dem Medicopter heraus und erstarrte für einen Moment. Yvonne stand nämlich schelmisch lächelnd auf dem Landeplatz. "Na, Peter, endlich abgekühlt?" erkundigte sie sich mit Blick auf die noch nicht komplett abgetrocknete Kleidung: "Vielleicht bist Du ja jetzt bei klarem Verstand?"

Ich ging kommentarlos vorbei.

"Sprichst Du nicht mehr mit mir?" fragte sie.

Nun drehte ich mich zu ihr um. "Nein!" antwortete ich bestimmt.

Ich duschte in Rekordzeit und verließ keine Viertelstunde später die Basis, stolperte dabei Florian Lenz, dem Sanitäter-Lehrling, über den Weg. Er grüßte freundlich. Ich nickte ihm zu und grüßte zurück. Gut, durch ihn war ich mit Yvonne in Kontakt geraten - aber war er aus diesem Grund mit Schuld an dieser Situation? Eher nicht!

Den Himmel zierten mittlerweile recht dichte und dunkle Wolken. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ein Unwetter los brach. Meine Stimmung besserte das nicht. Mit entschlossenem Gesicht öffnete ich meinen Wagen und fuhr los. Die Fahrt dauerte nicht lange und ich hielt vor dem Haus. Ich parkte direkt hinter Stellas Geländewagen.

Wir wohnten im zweiten Stock. Das Treppenhaus empfing mich mit dem Geruch von Säuberungsmitteln. Ich rümpfte einmal die Nase und stieg die Treppen hoch. Die ersten quietschen wie gewohnt. Vor der Tür angekommen, schob ich den Schlüssel ins Schloß. Doch er ließ sich nicht umdrehen.

Sie hat ihren von innen stecken! "Stella!" rief ich mit leiser Stimme. Wir hatten Mittagszeit und ich wollte keinen der Nachbarn verärgern. "Was soll das?" fragte ich: "Laß mich rein! Du hast da was mißverstanden! Ich kann Dir das erklären!"

"Da gibt es nichts zu erklären." entgegnete sie: "Der Koffer mit Deinen Sachen steht hinter Dir!"

Ich drehte mich erschrocken um. Tatsächlich - auf der Treppe zum Speicher war ein Koffer abgestellt.

"Das kann doch nicht Dein Ernst sein!" Ich klopfte vor die Tür: "Stella, mach auf!"

"Es ist vorbei, Peter!" kam als Antwort: "Endgültig! Oliver braucht einen Vater, der nur für ihn da ist!"

"Ich bin nur für ihn da!" versprach ich: "Das vorhin war eine ...!" Ja, wie sollte ich es nennen?

"Ja, ich weiß schon!" unterbrach mich Stella: "Wieder nur so 'ne blöde Situation! Wie immer!"

"Sie war auf einmal da!" verteidigte ich mich: "Ich wollte das nicht! Ehrlich nicht!"

"Die Diskussion ist unnütz!" legte sie sich fest: "Ich glaube Dir gar nix mehr!"

"Stella!" rief ich, doch drinnen fiel eine Tür zu. Ende ihrer Diskussion ...!

Ich seufzte und nahm meinen Koffer. Auf der Treppe blieb ich noch einmal stehen und sah zurück. Doch es gab keinen Weg zu ihr ... zumindest jetzt nicht! Doch ich würde um sie kämpfen! Sie hatte mir weh getan, klar, vor allem durch ihr Mißtrauen, aber es war ja auch nicht unverständlich! Allerdings fiel mir noch kein Weg ein, mit ihr in Kontakt zu treten. Anrufen? Sie würde den Hörer gleich auflegen. Tür einrennen? Sicher auch eine Möglichkeit, gewiß, aber eine sehr drastische ...

 

 

5

Geschafft stieg ich vor der Basis aus dem Auto. Mark und Jens, meine Kollegen, waren schon nicht mehr hier, nur das zweite Team - bestehend aus Pilotin Gina Aigner, Notärztin Dr. Karin Thaler und Sanitäter Enrico Contino - anwesend. Enrico war der Bruder von Stella, durch ihn hatte ich diese Frau kennen gelernt. Liebe auf den ersten Blick, auch wenn es da noch die eine oder andere Komplikation gab. Komplikation in Form von Eifersüchteleien, Mißverständnissen und Streitereien, doch als sie mit Oliver schwanger war, heirateten wir endlich. Ein Schritt, den ich trotz manchem Streit nicht bereute. Wie so oft lag es an beiden, wenn Schwierigkeiten auftraten. Das war meine klare Meinung dazu ... und ich wollte mich auch keinesfalls heraus reden ...

"Was ist?" fragte Enrico besorgt.

Er war etwas größer als ich, schlank, und hatte dunkle, gewellte Haare und blaue Augen.

Ich hielt ihm den Koffer hin. "Muß ich dazu noch etwas sagen?" fragte ich verbittert.

"Hat sie ihn Dir vor die Tür gestellt?" Er senkte den Blick: "Diese Frau ist manchmal stur wie eintausend Rinder!" schimpfte er dann und griff zum Telefon. "Ich glaube, es wird Zeit, daß sie mal wieder jemand einfängt und ihr zeigt, wo es lang geht." Er wählte die Nummer, doch niemand ging dran.

"Sie denkt sicher, ich bin das!" vermutete ich.

Gina trat dazu. "Wieder Stress?" fragte sie: "Wegen Yvonne vorhin?"

Die Pilotin war etwa 160cm groß und schlank, hatte schulterlange, dunkle Haare und braune Augen.

Ich nickte. "Ich komme nicht in die Wohnung." berichtete ich: "Sie hat den Schlüssel von innen stecken, und aufmachen tut sie auch nicht. Wenn ich nur wüsste, wie ich sie überzeugen könnte, zumindest mit mir zu Sprechen? Daß ich ihr irgend wie wieder das Gefühl geben kann, daß sie die einzige Frau in meinem Leben ist - und auch für immer bleiben wird!"

"Taten sagen manchmal mehr als Worte." meinte Gina.

Enrico und ich tauschten einen Blick. Was meinte sie damit?

"Na, ihr habt doch einen Balkon." erklärte sie: "Ich könnte Dich dort absetzen, Peter! Dort wird sie Dich bestimmt nicht sitzen lassen. Vorher kaufst Du noch einen schönen, großen Strauß Blumen - und dann läuft das wie geschmiert! Höppler ist weg zu einer Besprechung, wir können problemlos den Medicopter nehmen. Das Unwetter läßt sich auch noch etwas Zeit, zumindest laut Wetterbericht."

Ich war von dem Erfolg dieser Aktion noch nicht ganz überzeugt, wollte aber auf alle Fälle jede erdenkliche Möglichkeit ausschöpfen. Mit einem Strauß Blumen bewaffnet schwebte ich über der Straße, in der wir wohnten, am Seil des MC 117 befestigt. Gina lud mich sicher auf meinem Balkon ab. Ich konnte sehen, wie Stella aufgeregt im Wohnzimmer auf und ab lief, und soeben in ihre blaue Jeansjacke schlüpfte, die ihr hervorragend gut stand. Wo wollte sie hin? Auch der Rest der Kleidung deutete eher auf ein Ausgehen hin.

Sie war eine attraktive, junge Frau, mit ihren 175cm genau so groß wie ich, und sehr schlank. Das dunkle Haar reichte ihr bis knapp über die Schulter. In diesem Moment sah sie mich. Ich glaube fast, mitten in ihre leuchtend braunen Augen zu sehen. Zunächst wusste ich nicht so recht, wie ich reagieren sollte. Schließlich winkte ich ihr einfach zu und hob freundlich lächelnd den Blumenstrauß an. Sie legte den Kopf etwas schief und musterte mich nachdenklich. Nur Anstalten zur Tür zu kommen, die machte sie nicht. Nein, sie trat sogar einen Schritt zurück, zum Radio. Stellte sie es aus, um wegzugehen? Stella, Du kannst mich hier doch nicht stehen lassen!

Im Hintergrund konnte ich noch den Medicopter hören, er schwebte etwa fünfzig Meter Luftlinie von mir entfernt. Gina schien mich nicht allein zu lassen, obwohl ein erstes, lautes Grollen das nahende Unwetter ankündigte. Das Glas der Balkontür spiegelte einen ersten Blitz. Ich zuckte erschrocken zusammen und versuchte, wieder in die Wohnung zu blicken. Stella schien das Radio lauter zu drehen.

Was hatte sie vor? Wollte sie das Gewitter überstimmen? Bestimmt nicht!

Was lief dort für ein Lied? Hatte es damit zutun?

 

 

 

6

Mit eiligen Schritten kam sie zur Tür gelaufen und öffnete sie. Während sie einen ganz und gar überraschten Peter in die Arme nahm, drang die Strophe des Liedes in mein Bewußtsein. Allerdings konnte ich das Lied nicht gleich zuordnen, wenn auch der Text der Strophe weitesgehend auf Stella und mich passte ...

Dein grenzenloses Vertrauen / Hab ich sicher verlor'n / Und es wird lange Zeit dauern / Es zurück zu hol'n / Du wirst noch sehr daran zweifeln / Und sicher nichts verzeih'n / Doch Zeit macht vieles Vergessen / Ich helfe Dir dabei

Ja, ich helfe Dir! Nun kannte ich auch das Lied ...

Hey - versuch's noch mal mit mir

Hey - was hast Du zu verlier'n

Selbst wenn es noch mal zerbricht

Ob's gut geht oder nicht

Wir sollten es probieren

"Wir probieren es!" flüsterte ich Stella ins Ohr.

"Ja, wir probieren es!" bestätigte sie: "... und wir drei schaffen das!"

"Wir lassen uns unser Glück nicht durch jemand wie Yvonne zerstören!" legte ich mich fest. "Für mich zählen nur Oliver und Du! Ich hab nie etwas von ihr gewollt! Trotzdem hat sie es verstanden, uns beide vorübergehend auseinander zu treiben. Was bin ich froh, daß Du endlich wieder hier bist. Die Zeit ohne Dich war schrecklich!"

"Für mich war die Zeit auch schrecklich!" gestand sie.

Copyright 2004: Christian

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