Versöhnung auf Umwegen
"Anna! Komm endlich wir wollen los!" Jens war gestresst, obwohl eigentlich sein Urlaub heute beginnen sollte. Die ganze Basis hatte von Höppler zwei Wochen Frei bekommen; nach den anstrengenden letzten Wochen war das auch dringend nötig gewesen. Sie wollten sich an der Basis treffen und von dort aus gemeinsam an den Bodensee fahren. Dort hatte ein bekannter von Karin ihnen ein Häuschen vermietet. Mit Müh und Not konnte Jens seine Tochter Anna überzeugen auch mitzukommen, da ihm nicht wohl bei dem Gedanken war, seine Tochter die zwei Wochen ganz alleine zu Hause zu lassen. Insgesamt wären sie dann zu neunt, Gina und Marc, Karin, Enrico und Peter mit seiner Frau Stella und seinem Sohn Oliver. Langsam wurde Jens ernsthaft ungeduldig. Sie hätten schon vor fünf Minuten losfahren müssen, wenn sie pünktlich an der Basis hätten eintreffen wollen. Er ging noch mal ins Haus zurück, um zu sehen, wo seine Tochter blieb. Er fand sie in ihrem Zimmer über dem offenen Koffer, vor ihr drei T-Shirts, und immer wieder nahm sie eins in die Hand, sah es an und legte es wieder zurück. Jens traute seinen Augen kaum.
"Sag mal was machst du denn da? Du solltest doch gestern schon gepackt haben!" Anna sah ihn fragend an: "Ich kann mich aber einfach nicht entscheiden welches Oberteil ich nehmen soll. Was meinst du, welches passt besser zu meinem neuen Rock, das grüne oder das rote?" wieder nahm sie beide T-Shirts in die Hand und hielt sie sich an. Jens sah sie entsetzt an, nahm dann den Koffer, ließ das Schloss zuschnappen und zog ihn aus dem Zimmer. Das Gepäckstück war bis zum platzten mit Sachen vollgestopft, Jens konnte sich denken was für Sachen das waren. "Musst du eigentlich deinen ganzen Kleiderschrank mitnehmen? Wir sind doch bloß zwei Wochen weg!" Mit Schwung hievte er ihn in den Kofferraum und schloss die Klappe. Anna stand in der Haustür und protestierte: "Und was wenn ich jetzt ausgerechnet eines von den beiden Oberteilen brauche?" Jens zog sie aus dem Haus und schloss die Tür hinter sich ab. "Dann ziehst du eben ein anderes an." Jens lief die Stufen hinab und stieg ins Auto. Anna saß bereits auf dem Beifahrersitz und schmollte. De Urlaub fing ja toll an!
Auf der Basis waren mittlerweile schon alle bis auf Jens und Anna eingetroffen. Sie hatten schon begonnen, die Strecke die sie fahren wollten zu besprechen, Marc, Enrico und Peter standen über eine Karte gebeugt, während Gina und Karin auf der Seite standen, sich unterhielten und auf Oliver aufpassten. Der Kleine hatte gerade begonnen zu laufen, weshalb nichts mehr vor ihm sicher war.
Als Jens auf den Parkplatz einbog, blickten alle auf. Jens stieg aus und sah seine Kollegen entschuldigend an. "Sorry aber wir hatten da noch eine kleine Diskussion über das Gepäck." Marc grinste und warf einen Blick zu Gina hinüber. "Oh ja, das kenn ich. Wir hatten da auch so ein Gespräch..." Gina warf ihm einen leicht beleidigten Blick zu. Nachdem Peter Jens berichtet hatte, welche Route sie nehmen würden, stiegen alle in ihre Wagen und fuhren los.
Wenige Stunden später trafen sie an ihrem Urlaubsort ein. "Das ist ja himmlisch hier!" Gina war ganz begeistert von der herrlichen Landschaft, ihr Haus stand direkt am See und lag ein wenig außerhalb. Das andere Ufer konnte man von hier aus so gerade erkennen, dahinter leuchteten die noch schneebedeckten Gipfel der Berge in der Sonne. Marc trat hinter Gina und legte einen Arm um sie. "Ich glaube auch dass wir uns hier einige Schöne Tage machen können. Ich finden wir sollten....." Marc wurde unterbrochen von Annas lautem Geschrei, sie hatte gerade damit begonnen ihr Gepäck aus dem Kofferraum zu hieven, als ihr viel zu voll gepackter Koffer mit einem seufzen den Geist aufgab und sämtliche Klamotten von Anna auf den Sandboden fallen ließ. Gina half ihr, die Sachen aufzuheben und den gröbsten Schmutz abzuklopfen. Anna war den Tränen nahe, während sie mit Ginas Hilfe ihre Sachen auf ihr Zimmer brachte. Gina warf Marc einen leicht verzweifelten Blick zu und Marc musste grinsen. Das konnte ja heiter werden!
Am Abend standen Gina und Karin in der Küche und bemühten sich verzweifelt, den anderen etwas zu essen zu kochen. Leider hatten sie nicht daran gedacht, dass bei ihrer Ankunft bereits alle Geschäfte geschlossen sein würden und es keine Möglichkeit geben würde, noch einzukaufen. "So geht das nicht!" Gina stöhnte. "Alles was wir haben reicht vielleicht für drei Personen!" Karin nickte. "Damit bekommen wir nie was anständiges hin!"
Während die beiden sich in der Küche abmühten kam Anna zu ihrem Vater gelaufen und bettelte darum, noch ein wenig nach draußen zu dürfen. Sie wollte ein wenig die Gegend erkunden, da sie sich so bald wie möglichst von ihrem Vater und seinen Kollegen absetzten wollte. Jens war einverstanden. Anna wandte sich gerade zum gehen, als Peter noch etwas einfiel: "Nimm doch bitte Oliver mit, der wird immer so quengelig und will nicht schlafen wenn er den ganzen Tag im Auto verbracht hat." Anna verdrehte die Augen. "Muss das sein? Ich hab da ehrlich gesagt überhaupt keinen Bock drauf!" Doch Jens pflichtete Peter bei: "Du nimmst ihn mit, sonst gehst du gar nicht. Wenn Oliver die ganze Nacht durchschreit kannst du schließlich auch nicht schlafen!" Anna maulte noch ein bisschen, nahm dann aber Oliver auf den Arm und verließ mit ihm die Hütte. Das würde bestimmt ganz tollt Ferien werden!
Draußen ließ sie Oliver zu Boden und nahm in an die Hand. Langsam ging sie den recht steilen weg zum Ufer hinunter, immer darauf achtend, das der kleine nicht hinfiel. Sie wollte der Landstraße in Richtung Dorf folgen, durch das sie auf dem Hinweg gefahren waren. Groß war es nicht, aber Anna hoffte, dort auf Gleichaltrige zu treffen. Oliver ließ immer wieder einen fröhlichen Jauchzer hören, er freute sich, endlich draußen zu sein. Immer wieder stapfte er auf seinen kleinen unsicheren Beinchen ein Stückchen voraus, ab und zu plumpste er auf seinen Po. Anna musste schon gut aufpassen, zum Träumen blieb ihr kaum Zeit. Auf einmal kam ein Auto mit hoher Geschwindigkeit um die Ecke gebraust. Schnell hob Anna Oliver auf den Arm und sprang ein Stück auf den Grünstreifen. "Blöder Idiot! Will der uns etwa alle überfahren?" Nach diesem Schreck entschied Anna sich für einen kleinen Umweg. Sie bog in den nächsten Unbefestigten Weg rechts am Rand der Straße ein und ließ Oliver wieder runter. Hier würde ihnen kein Auto begegnen, Oliver konnte also ruhig alleine laufen. Angst sich zu verlaufen hatte sie nicht, sie wusste, dass es nicht weit bis zum Ort sein konnte und außerdem blieb es hier zu dieser Jahreszeit noch lange hell.
In der Hütte bei den anderen herrschte derweil nicht so fröhliche Stimmung. Karin und Gina hatten den anderen soeben eröffnet, dass es ihnen nicht möglich sein mit den wenigen Lebensmitteln essen zu kochen. Jens stöhnte. "Heißt das jetzt etwa, wir müssen bis morgen früh warten bis wir endlich was zu essen bekommen?" Verzweifelt sah er in die Runde, doch die anderen hoben auch nur entschuldigend die Schultern. Keiner hatte daran gedacht Lebensmittel mitzunehmen. Stella stand auf. "Ich glaub ich werde mal kucken wie viele von den Broten für Unterwegs noch da sind. Peter kannst du mir mal die Autoschlüssel geben?" Peter schaute sie überrascht an: "Was für Brote?" Stella sah ihn verwundert an: "Na, die die du heute morgen geschmiert hast, damit Oliver im Auto nicht hungrig wird und anfängt zu quengeln." Peter sah nicht so aus als könnte er sich wirklich daran erinnern, warf seiner Frau jedoch die Schlüssel zu.
Anna derweil spazierte immer noch durch den Wald. Warm schien die Sonne durch die Baumwipfel und warf ein belebtes Muster auf den mit Tannennadel bedeckten Waldboden.
Wenige Meter vor ihr stolperte Oliver über den Weg, freudig glucksend wenn ein Vogel über den Weg hüpfte. Plötzlich wurde Anna bewusst, dass sie den Ort eigentlich schon lange erreicht haben müssten. Sie blickte auf ihre Uhr und stellte mit entsetzten fest, das es bereits auf 18 Uhr zuging. Sie hatte den Spaziergang so genossen, dass sie die Zeit schlichtweg vergessen hatte. "Oliver, warte!" Sie lief ein paar Schritte hinter ihm her und nahm den kleinen bei der Hand. Sie drehte sich um, um den selben Weg zurück zu nehmen. Doch schon nach wenigen Abzweigungen merkte sie, dass sie keine Ahnung mehr hatte, wo sie sich befand und ob sie überhaupt noch dem richtigen Weg folgten. Oliver wurde auch merklich müde, er fing an zu quengeln und schließlich musste Anna ihn tragen, da er nicht mehr weiterkonnte. Verzweifelt kramte Anna in der Hosentasche nach ihrem Handy, doch ausgerechnet heute hatte sie es in ihrem Zimmer liegen gelassen. "Mist! Was mach ich denn jetzt? Dabei wollte ich doch bloß nicht mit Oliver an der Straße lang laufen! Aber das hab ich jetzt davon!" Sie war genervt, doch so langsam überkam sie auch Panik, sie kannte sich hier schließlich überhaupt nicht aus, wie sollte sie zurückfinden? "Ich kann höchstens hoffen durch Zufall den richtigen Weg zu erwischen! Oder sie kommen uns suchen!" Plötzlich drehte sie sich erschrocken um. Direkt hinter ihr im Gebüsch begann es laut zu rascheln!
Jens stand am Fenster und sah hinaus in die Abendsonne. Bald würde es Dämmern, Anna hätte schon längst wieder da sein müssen.
"Sag mal Marc, wie lange läuft man denn so bis man im Dorf ist?" Fragend sah Jens ihn an. "Marc zuckte die Schultern. "Na, ich schätze mal so eine viertel Stunde. Vielleicht aber auch länger. Machst du dir Sorgen um Anna?" Jens nickte. "Ein bisschen. Schließlich wird es bald dunkel und sie kennt dich doch hier überhaupt nicht aus."
"Hat sie ihr Handy mit?" Peter ließ sich von Jens` Nervosität anstecken. Schließlich ging es auch um seinen Sohn. Seine Frau Stella blieb dagegen ziemlich ruhig. "Jetzt macht euch mal nicht solche Sorgen. Anna ist schließlich schon fast erwachsen, sie kann schon auf sich aufpassen! Und hier ist ja nun auch nicht das Ende der Welt."
Doch genauso fühlte Anna sich im Moment. Oliver eng an sich gedrückt stand sie zitternd auf dem Weg und starrte auf das Gebüsch vor sich. Immer noch war das näherkommende Geräusch brechender Zweige zu hören. Plötzlich teilte sich das Gebüsch vor ihr und heraus sprang ein riesengroßes braunes Pferd. Anna sprang mit einem kleinen Aufschrei zur Seite als das Pferd kurz vor ihr zum stehen kam. Laut schnaubte es, als Anna bemerkte das auf seinem Rücken noch jemand saß. Wobei als sitzen konnte man das nicht mehr bezeichnen, mit einer in die Mähne gekrallten Hand hing da ein Mädchen mit kurzen dunklen Haaren, ließ sich mit einem leisen "Scheiße" vom Pferd gleiten und landete unsanft und wackelig neben Anna. Oliver hörte Augenblicklich auf zu weinen und blickte mit großen Kulleraugen auf das riesige Tier, dass da vor ihm stand. Anna dagegen war sich noch nicht so sicher, was sie jetzt davon halten sollte. Das Mädchen drehte sich zu ihr um uns strahlte sie an. Ihre Augen blitzten fröhlich obwohl ihr ganzes Gesicht von Schrammen und Kratzten überseht war. Sie war ungefähr so alt wie Anna, aber gut einen halben Kopf größer.
"Danke, wenn du nicht da gestanden hättest wäre er wohl noch ein paar Meilen weiter gelaufen! Ich bin Maxi." Anna war total baff. "Maxi?" Die andere grinste. "Eigentlich Maximiliane, aber das ist doch doof, mein Vater sagt immer Maxi." Anna konnte nur nicken. Dann stammelte sie: "Ich... Ich bin Anna. Das ist Oliver. Wir machen hier Urlaub in einer Hütte am Seeufer." Maxi sah sie erstaunt an: " Und dann bist du soweit gelaufen? Da müsst ihr ja stunden unterwegs gewesen sein!" Anna zuckte nur die Schultern. "Keine Ahnung. Wir sind von einer Straße aus auf einen Waldweg abgebogen weil da zuviel Verkehr war und dann wollte ich halt den Umweg ins Dorf finden aber irgendwie..." "Habt ihr euch verlaufen!" vervollständigte Maxi den Satz. Dann grinsten beide. Oliver war immer noch total fasziniert von dem Pferd, er streckte seine Ärmchen aus und wollte es streicheln. Anna zog ihn weg, aber Maxi nahm ihr Pferd am Zügel und sagte: "Du kannst in ruhig lassen. Rigo ist echt total lieb, wenn nicht gerade ein bekloppter mit einer Schrotflinte hinter ihm her ist!" Anna starrte sie entgeistert an. " Maxi zuckte entschuldigend die Schultern. "Jaah, das war so, also... ich bin über die Felder vom Bauer Buschkühler geritten und der kann es nicht leiden wenn ich das mache. Wollt ich ja eigentlich nicht aber es war so schönes Wetter und da wollte ich halt nicht den riesige Umweg machen. Leider hat er es bemerkt und angefangen auf uns zu schießen. Aber ich glaube er wollte und gar nicht wirklich treffen. Hoffe ich doch mal!" Anna schüttelte den Kopf. "Das kann doch nicht dein Ernst sein! Aber weißt du vielleicht trotzdem, wie ich jetzt zurückkomme?" Maxi ging zu ihrem Sattel und zog aus einer Tasche eine Karte hervor. "Erst mal muss ich wissen, welche Hütte du meinst, es gibt hier verdammt viele." Anna warf einen Blick auf die Karte und kuckte ziemlich hilflos. "Ganz ehrlich, keine Ahnung!" Maxi beugte sich noch einmal über die Karte. " Also du hast gesagt, sie wäre Am Ufer vom See. Lag der Ort denn Gegenüber?" Anna nickte und Maxi fuhr mit dem Finger die Karte entlang. "Also, dann kommen nur diese Hütten hier in Frage. Aber da du ja direkt der Straße gefolgt bist, eigentlich nur noch diese hier." Triumphierend tippte sie mit dem Finger auf einen Punkt auf der Karte, von dem Anna nur ahnen konnte, dass es sich um eine Hütte handeln könnte.
"Na, dann lass uns mal los!" Maxi steckte die Karte wieder weg und sah Anna fragend an. "Bist du schon mal geritten?" Anna nickte. "Ja, aber das ist lange her und auch nur auf Ponys. Und Oliver der kann ja auch nicht...!" Maxi schüttelte den Kopf. "Macht nix, den halten wir fest, und reiten verlernt man nicht. Das ist wie Fahrradfahren." Schon hatte sie Anna Räuberleiter gemacht, damit diese hinaufklettern konnte. Rigo stand die ganze Zeit wie ein Denkmal. "Und wenn wir jetzt zu schwer für ihn sind?" Maxi musste lachen. "Also wirklich. Uns drei Fliegengewichte spürt er doch kaum!"
Unterdessen in der Hütte. Jens und Peter standen immer noch am Fenster und überlegten, was nun zu tun sein, während die übrigen auf den trockenen Broten von Stella herumkauten. Marc verzog das Gesicht und hielt das Brot weit von sich. "Also wirklich! Was hast du bloß damit angestellt Peter?"
"Ich kann mich nicht daran erinnern diese Brote überhaupt je...." Er wurde von Stella unterbrochen: "Käsestullen die den halben Tag lang im heißen Auto lagen schmecken nun mal etwas seltsam."
Enrico schaute sie skeptisch an: "Seltsam nennst du das? Also so was würde ich ja nicht mal einem Hund mehr anbieten!"
Karin hatte genug vom belanglosen Gequatsche ihrer Kollegen und trat zu Jens und Peter ans Fenster. "Immer noch nichts zu sehen?" Sie lehnte sich an Jens` Schulter.
"Nee, gar nichts. Meinst du, wir sollten die Polizei verständigen?" Jens blickte sie ängstlich an.
"Hey, jetzt bleib mal ganz ruhig. Noch ist es nicht ganz dunkel, ich bin dafür wir sollten mal rausgehen und uns in der Nähe umsehen. Vielleicht taucht sie auch gleich schon wieder hier auf?!" Jens nickte zu Karins Vorschlag und holte seine Jacke. Auch die übrigen machten sich auf den Weg nach draußen. Gina drückte sich zitternd an Marc. "Hu, es ist aber schon ziemlich kalt geworden, oder glaub ich dass nur so?" Marc nickte. "Du hast recht, es wird hier oben schnell kühl. Hoffentlich passt Anna auf Oliver auf, damit er nicht unterkühlt!"
Seit knapp 2 Stunden schritt Rigo nun durch den Wald, Oliver war mittlerweile auf Maxi's arm eingeschlafen und auch Anna fiel der Kopf immer wieder kurz vornüber, wenn sie kurz einnickte. Maxi stützte sie so gut es ihr möglich war, zum Glück ging ihr Pferd jetzt ruhig und gemächlich wohin sie es lenkte. Also sie um eine Kurve bogen, meinte Maxi in der Ferne auf einer kleinen Erhebung die Lichter eines Hauses ausmachen zu können. Sie atmete auf. Einfach war es nicht, mit einem schlafenden Baby auf dem Arm zu reiten, gleichzeitig Anna hinter ihr nicht zu verlieren, und auch Rigo den richtigen Weg zu zeigen. Doch dann erreichte sie die Auffahrt, mit Erleichterung stellte sie fest, das mehrere Autos vor der Hütte standen.
Jens hörte den Hufschlag als erstes. Aufgeregt spurtete er um die Autos herum. Mit großen Augen starrte er auf das Bild welches sich ihm bot. Dann half er Anna vom Pferd.
"Papa es tut mir so leid, wir hatten und verlaufen und dann wusste ich nicht mehr wie es zurückgeht, und...." Anna liefen Tränen über das Gesicht. Jens drückte sie an sich, er war bloß froh seine Tochter wieder zu haben.
Peter und Stella stürzten heran und nahmen Oliver aus Maxi's Armen. Die wusste gar nicht wie ihr geschah, auf einmal waren da überall Leute und ale starrten sie an. Marc reckte sich schließlich zu ihr hinauf und bat sie, doch mit ins Haus zu kommen da Anna nicht in der Verfassung war, alles zu berichten. Sie schwang sich aus dem Sattel und führte Rigo zu einem Zaun, stülpte ihm ein Halfter, welches sie in ihrem Rucksack hatte über und folgte dann den anderen ins Haus. Drinnen war es schön warm, erst jetzt merkte sie, wie durchgefroren sie doch gewesen war. Dankbar nahm sie einen Becher heißen Kakao aus Karin Händen entgegen und ließ sich auf einen Hocker sinken. Oliver schlief mittlerweile bereits selig in seinem Bettchen, nachdem Karin sich davon überzeugt hatte, dass mit ihm alles in Ordnung war. Anna hatte sich auch wieder beruhigt und erzählte ihrem Vater und seinen Kollegen war vorgefallen war. Als sie endete erntete Maxi bewundernde Blicke, was ihr sichtlich unangenehm war. Sie lief leicht rot an und grinste. "Ich hätte sie ja schlecht im Wald lassen können. Das war doch selbstverständlich!"
Jens schüttelte den Kopf. Dann fiel ihm etwas ein. "Sag mal, machen sich deine Eltern keine Sorgen um dich, dass du immer noch nicht wieder da bist?" Maxi schüttelte den Kopf. "Meine Mutter ist schon lange tot. Und mein Vater ist schon so einiges gewohnt." Jens grinste. "Trotzdem. Ruf besser mal an, sonst macht er sich noch so Sorgen wie ich mir um Anna und ruft am Ende die Polizei!"
Karin schmunzelte. "Genau, so wie Jens dass schon die ganze Zeit vorhatte." Alle grinsten. Aber Maxi stand auf und zog ihr Handy aus dem Rucksack. "Na gut, aber ich glaube nicht dass er schon gemerkt hat dass ich nicht da bin!" Damit verschwand sie in der Küche. Als sie wiederkam hielt Anna sich gerade den Bauch und stöhnte: "ich hab solchen Hunger. Was gibt’s denn zu essen?" Enrico kratzte sich am Kopf. "Tja, also wir hätten dann noch zwei angebissene Brote..." Anna verzog das Gesicht. "Habt ihr etwa nichts zu essen mitgenommen? Ich komm gleich um vor Hunger...!"
Maxi griff nach ihrem Rucksack und förderte zwei Konservendosen zutage. Alle Starrten sie entgeistert an. Maxi zuckte die Schultern. "Was denn? Wenn ich mich mal verlaufe will ich wenigstens nicht verhungert sein bis irgendjemand mich findet!" Unter dem lauten Gelächter der Erwachsenen griff Anna sich die Konservendosen und verschwand in der Küche. Wenige Minuten später trug sie zwei in der Mikrowelle erhitzte Teller mit Spagetti Bolognese in das Wohnzimmer. Den einen stellte sie vor sich auf den Tisch, den anderen reichte sie Maxi. "Ich hoffe das du mir dass jetzt nicht übel genommen hast, aber ich fall gleich um!" Wieder waren alle am Lachen und Maxi griff sich Messer und Gabel vom Tisch. "Nö, warum denn? Sonst hätte ich sie dir ja nicht angeboten." Sie bemerkte den Blick mit dem Enrico auf ihren Teller starrte, als sie ihn anblickte, den Kopf aber schnell in eine andere Richtung drehte. Maxi stand auf und ließ sich neben Enrico auf das Sofa plumpsen. "Also, ich bin gerne bereit zu teilen. Besteck musste dir aber selber holen." Enrico starrte sie an wie ein Junge den man beim Äpfelklauen erwischt hatte. "Was? Ich hab doch überhaupt keinen Hunger, ich..." Er wurde unterbrochen vom lauten Knurren seines Magens, der scheinbar anderer Meinung war. Enrico grinste und hob die Schultern. "Na okay, aber ich will dir ja nix wegessen." "Oh, das ist nicht weiter schlimm, mir ist die Portion sowieso immer zu groß. Und jetzt hol endlich dein Besteck, sonst wird ja alles kalt." Sie versetzte ihm einen Stoß in die Rippen und bald hörte man nur noch eifriges Kauen. Natürlich hatte auch Anna ihre viel zu große Portion geteilt, so dass wenigstens alle annähernd satt wurden. Marc fiel plötzlich etwas ein: "Was hat eigentlich dein Vater gesagt? Holt er dich gleich ab oder soll ich dich nach hause fahren?" Maxi schüttelte den Kopf. Ich hab doch mein Pferd noch hier. Papa sagt ich soll heut nacht hier bleiben und er holt mich morgen dann ab. Dann kann er mit dem Anhänger kommen. Also, ich meine, wenn das okay ist wenn ich hier bleibe." Maxi schaute fragend von einem zu anderem. "Klar, kein Problem." Marc nickte. Gina sah sie an. "Also wenn dein Vater dich einfach bei Wildfremden lässt musst du ihm ja ziemlich...!" Sie stockte. Das was sie sagen wollte klang doch zu anmaßend. Maxi schmunzelte. "...Muss ich ihm wohl ziemlich egal sein wolltest du sagen, oder?" Sie lächelte traurig. "Na ja, manchmal glaube ich dass auch. Aber es ist nur so das ich schon von klein auf auf mich selbst aufpassen musste. Mein Vater verbringt viel zeit mit seiner Arbeit als Geschäftsleiter einer großen Firma." Gina tat es leid, dass sie so direkt gewesen war. "Tut mit leid, ich wollte nicht..." Maxi unterbrach sie: "Schon okay. Konnten sie ja auch nicht wissen."
Sie saßen an diesem Abend nur noch kurze Zeit zusammen, alle waren müde und nach einer weile waren alle auf ihren Zimmern verschwunden. Maxi hatte eine Matratze in Annas Zimmer bekommen, und man hörte noch eine ganze weile leises Geflüster aus dem Zimmer.
Am nächsten Morgen. "Morgen!" Marc und Gina kamen in die Küche. Die beiden galten unter ihren Kollegen als ausgesprochene Frühaufsteher und waren daher meistens die ersten, die unten in der Wohnung anzutreffen waren. Ganz überrascht schauten die beiden auf Maxi die auf dem Sofa hockte und Gonzo hinter den Ohren kraulte. Vor ihr auf dem Tisch lag eine Tüte mit frischen Brötchen und ein Packet mit Kaffee. Sie hob entschuldigend die Schultern. "Ich hatte keine Ahnung wie die Kaffeemaschine funktioniert...." Marc schüttelte verwundert den Kopf. "Woher hast du denn die Brötchen? Oder gibt’s die auch in Dosen?" Maxi musste Lachen. "Nein! Aber ich bin eben ins Dorf runtergeritten. Ich dachte, Spagetti zum Frühstück sind nicht so das wahre!"
Gina nahm den Kaffee und verschwand in der Küche. Bald durchströmte der Geruch von frischem Kaffee die ganze Wohnung und weckte nach und nach auch die übrigen. Maxi hatte unterdessen noch einmal mit ihrem Vater telefoniert, er würde es nicht schaffen, seine Tochter abzuholen, jedoch jemanden schicken der den Pferdetransporter fahren würde. Er hatte seine Tochter jedoch erst davon überzeugen müssen, dass sie unmöglich nach hause reiten könnte, da es ja viel zu weit wäre. So ganz wollte Maxi das nicht einsehen, fügte sich jedoch schlussendlich.
Nach dem Frühstück verschwanden Anna und Maxi mit Oliver nach draußen, zu Rigo, Maxi's Pferd. Während sie Rigo dabei zusahen, wie er genüsslich sein Heu kaute, tatschte Oliver die ganze Zeit an ihm rum, er konnte es nicht glauben, so ein großes Tier anzufassen. Immer wieder glitten seine kleinen Hände über das braune Fell und er quietschte vor Vergnügen auf, wenn Rigo ihm den Kopf zuwandte. Anna musste Lachen. "Wusste ja gar nicht, dass der kleine so Pferdevernarrt ist." Maxi sah sie an: "Wie lange ist es her, dass du das letzte mal geritten bist?" Anna sah an ihr vorbei.
"Schon lange."
"Tut mir leid, wenn du nicht drüber reden willst..."
"Nein, ist okay. Ich hatte damals einen Unfall. Seit dem nicht mehr..."
"Erzählst du mir davon?" Maxi sah sie schüchtern an.
"Ist aber ne längere Geschichte..." Anna hob die Schultern und seufzte. "Ich war damals gerade zwölf Jahre alt, ich hatte eine kleine schwarze Ponystute. Flicka. Sie war echt niedlich und total lieb. An dem Tag bin ich ausgeritten, alleine, obwohl ich nicht durfte aber ich war sauer, weil Papa mir verboten hatte, am Turnier teilzunehmen...." Anna stockte. Geduldig wartete Maxi bis sie weitersprach.
"Ich ritt an einer Landstraße entlang, die normalerweise kaum befahren war. Plötzlich war da dieser Laster... das ging alles so schnell....!" Anna wischte sich über die Augen. "Als ich im Krankenhaus aufwachte, war Flicka tot. Weil ich nicht darauf gehört habe, was man mir gesagt hatte...!" Eine Träne lief ihr über die Wange und sie wischte sie eilig weg. Maxi schluckte. Sie verspürte plötzlich einen dicken Kloß im Hals. Sie ging zu Rigo herüber, legte die Arme um seinen Hals und vergrub das Gesicht in seiner dicken Mähne. "Das muss ja schrecklich gewesen sein! Wenn ich mir vorstelle dass Rigo..." Weitersprechen konnte sie nicht. Oliver hatte von all dem nichts mitbekommen. Nachdem ihm langweilig geworden war, hatte er sich lieber damit beschäftigt, einem Schmetterling nach zulaufen, wobei er im hohen Gras immer wieder auf die Nase fiel.
Maxi wandte sich wieder Anna zu. "Also... ich weiß ja nicht, aber... vielleicht hättest du doch mal wieder Lust zu reiten? In dem Stall wo Rigo steht, verleihen sie manchmal auch Pferde. Aber ich könnte natürlich verstehen, wenn du nicht..." Sie stockte.
Anna schwieg. Sie dachte über den Vorschlag nach. Und sie musste sich eingestehen, dass sie seit gestern, als Maxi sie auf ihr Pferd gehoben hatte, schon öfters daran gedacht hatte, wie es wäre, wieder zu reiten. Nur, was würde ihr Vater sagen? Sie hatte damals lange Zeit im Koma gelegen, lange hatte nicht festgestanden, ob sie überhaupt je wieder aufwachen würde. Trotzdem, es reizte sie sehr, es einfach einmal wieder auszuprobieren. Auch wenn ihr beim bloßen Gedanken daran die Knie zitterten und ihr das Herz bis zum Hals schlug.
Maxi unterbrach ihre Gedankengänge. Sie blickte auf und zeigte auf den Geländewagen, an dem ein Pferdetransporter angekoppelt war. "Na ja, ich glaube, wir müssen uns jetzt verabschieden. Falls du es dir noch überlegst, ruf mich doch einfach an. Sie zog einen Kugelschreiber aus ihrer Tasche malte Anna eine Nummer auf die Hand. Anna lächelte sie an. Der Wagen hielt vor dem Haus, Marc trat mit Gina im Arm hinaus, ihnen folgten die übrigen Kollegen. Anna nahm Oliver auf den Arm und Maxi band Rigo los. Jens kam auf sie zu und bedankte sich bei ihr. Er wusste dass kein Dank der Welt genug waren, um seine Dankbarkeit auszudrücken, dass Maxi ihm seine Tochter gesund wiedergebracht hatte. Doch Maxi lächelte ihn an, und er wusste, dass sie verstanden hatte, was er zeigen wollte. Dann führte sie Rigo auf den Anhänger, stieg ins Auto und winkte noch einmal. Anna fuhr mit den Fingern die Zahlen auf ihrer Hand nach, während der Wagen hinter einer Kurve verschwand.
Die nächsten Tage verliefen relativ ruhig. Während Anna meistens zuhause saß und auf Oliver aufpasste, gingen die übrigen wandern und erkundeten die Gegend.
Am fünften Tag ihres Urlaubs war das Tagesziel die Wanderung zu einem Wasserfall. Anna hatte sich breitschlagen lassen, doch auch mal mitzukommen und kraxelte nun neben Karin und Gina her, die sich lebhaft über ihre `Jungendsünden´ unterhielten. Weiter vorn gingen Marc und Jens nebeneinander. Marc stieß Jens an: "Sag mal, wie hast du es eigentlich geschafft, Anna zum mitkommen zu bringen?" Jens grinste. "Ach, ich hab ihr bloß gesagt, dass wandern einen unglaublich knackigen Hintern macht." "Und das hat sie dir geglaubt?" "Glaub nicht, aber immerhin ist sie mitgekommen." Marc lachte. Dann wurde er ernst. "Sag mal Jens, ich weiß ja nicht, ob es dir auch aufgefallen ist, aber findest du nicht dass Anna sich seit einigen Tagen seltsam benimmt?" Jens sah ihn erschrocken an. "Was meinst du?" Marc hob beschwichtigend die Hand. "Keine Ahnung, aber ich finde sie ist sehr still geworden. Sonst konnte man sie ja kaum stoppen, wenn sie einmal ins Erzählen gekommen ist. Und dann scheint sie immer total in Gedanken versunken zu sein." Jens nickte. "Stimmt, dass ist mir auch schon aufgefallen. Manchmal kuckt sie ganz erschrocken wenn man sie anspricht. Ich glaube, ich werde mal mit ihr reden." Marc grinste. "Mach das, kann ihr zumindest nicht schaden wenn du sie Ginas und Karins Einfluss entziehst. Die beiden werden bestimmt wieder über irgendwelche Flirtstrategien tratschen." Jens blickte ihr spöttisch an: "Gina auch? Da wirst du ja bald deinen Rang zu verteidigen haben, was?" Marc verzog das Gesicht. "Ich hoffe nicht!"
Am Ende der Gruppe gingen Stella und Peter, der Oliver auf dem Rücken trug. Während Stella ihren Mann mit Geschichten und den neusten Gerüchten zutextete, konnte Peter nur ab und zu zustimmend grunzen, da Oliver samt Trage ganz schön schwer war. Enrico ging wenige Meter vor den drein, und musste grinsen, als er Stellas Lobrede auf die tolle Landschaft hörte. Peter würde wohl so viel nicht davon mitbekommen!
Gegen Mittag kamen sie an ihrem Ziel an. Peter ließ sich total erschöpft auf eine Bank sinken, während Stella sofort den Fotoapparat aus ihrem Rucksack kramte. Plötzlich stand Anna neben Jens. Sie wollte was trinken, jedoch hatte sie sich vom Proviant befreien können und alles ihrem Vater aufgeladen. Jens setzte seinen Rucksack ab und reichte ihr die Flasche. "Sag mal Anna, ist eigentlich alles in Ordnung?" Anna sah ihn erstaunt an. "Was soll denn sein?" Jens zuckte die Schultern. "Keine Ahnung, du kommst mir im Moment nur so still vor. Is wirklich alles in Ordnung?" Er sah sie prüfend an. Anna wandte den Kopf in die andere Richtung, scheinbar äußerst interessiert an einem Stein auf dem Boden. "Klar, alles in Ordnung. Und sag Marc, er soll sich in Zukunft um seine eigenen Angelegenheiten kümmern!" Jens musste schmunzeln. Als sich seine Tochter zu gehen wandte, hielt er sie aber noch einmal zurück: "Anna, wenn aber irgendwas ist, dann sagst du mir bescheid, okay?" Anna nickte zögernd. Jens lächelte und strich ihr übers Haar. Seine Tochter entwand sich dem Griff und schimpfte scherzhaft: "Lass dass Papa, wie sehen meine Haare denn jetzt wieder aus."
Auf dem Rückweg erzählte Jens Marc von Annas Reaktion. Marc schüttelte lachend den Kopf. "Na, dann wird ich mich mal um meine Angelegenheiten kümmern." Mit diesen Worten sprintete er vor zu Gina und legte von hinten einen Arm um sie. Gina erschrak und rutschte sie aus und fiel in Marcs Arme. "Du Schuft!" Marcs Antwort war ein langer, inniger Kuss, den Gina mit Begeisterung erwiderte.
Karin legte einen Arm um Anna uns seufzte: "Muss Liebe schön sein!" Anna sah sie erstaunt an: "Äh, was? Ich war gerade mit meinen Gedanken ganz woanders..." Karin sah sie prüfend an: "Sag mal, seit diese Maxi wieder weg ist bist du ja ganz von der Rolle! Was steckt denn da hinter?" Anna schwieg. Karin knuffte sie scherzhaft mit dem Ellenbogen: "Hey, ich bin’s, mir kannst du es doch erzählen! Na komm, was ist los?" Anna zögerte immer noch. Dann erzählte sie ihr von Maxi’s Vorschlag und dass sie sich immer noch nicht sicher war, ob sie den nötigen Mut dazu aufbringen würde. Als sie geendet hatte, sah sie Karin erwartungsvoll an. "Also, wenn du meine Meinung dazu hören möchtest, ich würde es machen oder zumindest ausprobieren. Jens würde ich dass dann allerdings ganz vorsichtig beibringen. Aber es ist natürlich deine eigene Entscheidung." Anna nickte. "ich würde es ja auch total gerne wieder mal ausprobieren, wie es wäre, nach so langer Zeit mal wieder zu reiten, aber... du kennst Papa ja!" Karin lächelte. "Also, wenn du willst, helfe ich dir dabei." Anna sah sie erstaunt an: "Und wie willst du dass anstellen?" Karin hob die Schultern. "Das lass mal ganz meine Sorge sein. Sag mir nur bescheid, bevor du zu Maxi fährst." Anna nickte. "Geht klar! Danke Karin."
Nachdem auch Marc und Gina sich wieder auf ihre Füße konzentrieren konnten, und nicht mehr anderweitig beschäftigt waren, kamen sie am späten Nachmittag wieder an ihrer Hütte an. Marc und Gina verschwanden auf ihrem Zimmer, Katrin kochte Kaffee während Enrico den Tisch deckte und Stella und Peter bemühten sich, Oliver beizubringen, dass nicht alles was auf dem Boden herumlag, essbar war. Das war seit kurzem nämlich die Lieblingsbeschäftigung des Kleinen: Immer wenn gerade keiner zusah, stopfte er sich alle erreichbaren Gegenstände in den Mund. Anna war sofort auf ihrem Zimmer verschwunden. Als Jens jetzt in ihr Zimmer kam, lag sie auf dem Rücken auf dem Bett und starrte an die Decke. Als sie ihren Vater bemerkte drehte sie sich auf den Bauch und sah ihn fragend an. Jens sah sie besorgt an. "Sag mal Anna, du verschweigst mir doch etwas. Was Wichtiges?" Anna musste grinsen, ihr Vater kuckte so ängstlich. "Also, wenn es dich beruhigt, ich bin nicht schwanger oder wenn du so was vermutet hast!" Jens kuckte sie erstaunt an: "Wie kommst du denn darauf dass ich das von dir denken könnte?" Insgeheim fiel ihm aber doch ein Stein vom Herzen. "Was ist es denn dann?" Er ließ sich neben seiner Tochter auf dem Sofa nieder und wartete. Anna kämpfte mit sich, sollte sie es ihm erzählen? "Also, weißt du Papa es ist so..." Sie machte eine Pause weil sie nicht wusste, wie sie es ihm erzählen sollte. "Also Maxi hat mich gefragt, ob ich nicht mal wieder reiten will." Ängstlich schielte sie zu ihrem Vater hin, wartete auf seine Reaktion. "Hast du ihr erzählt, was damals passiert ist?" Anna nickte. Jens stand auf. "Gut, dann wäre dass ja geklärt. In einer halben Stunde gibt es essen!" Er wandte sich zu gehen. Anna starrte ihm fassungslos hinterher. "Aber Papa, was wenn ich auch gerne möchte..." Sie konnte ihren Satz gar nicht zu ende sprechen, Jens wirbelte herum und starrte sie entsetzt an. "Das ist nicht dein Ernst! Du kannst froh sein, überhaupt hier zu sitzen, ich werde nicht zulassen, dass dir so etwas noch einmal passiert!" Anna sprang auf. "Das ist gemein! Endlich traue ich mich, und du verbietest es mir einfach. Schließlich ist das meine Entscheidung!" Wütend funkelte sie ihren Vater an. Jens wurde immer lauter, als er sie beinahe anschrie: "Du bist meine Tochter, und ich habe Angst um dich! Unter keinen Umständen wirst du dich jemals wieder in die Nähe eines Pferdes begeben! Und jetzt ist Schluss, ich will davon nichts mehr hören!" Jens knallte die Tür hinter sich zu und Anna liefen heiße Tränen der Wut über die Wangen. Das war so gemein!
Beim Essen herrschte eisiges Schweigen zwischen den beiden, die anderen hatte die Auseinandersetzung natürlich mitbekommen. Enrico versuchte vergebens, die Stimmung aufrecht zu erhalten, und bemühte sich um ein Gespräch. Schließlich gab er es auf und kaute schweigend auf seinen Kartoffeln herum. Er war auf Annas Seite, es war ein Unfall gewesen, so etwas musste nicht zwangsläufig noch einmal geschehen! Überhaupt stand Jens mit seiner Meinung ziemlich allein, seine Kollegen fanden auch, dass Anna, wenn sie wollte, es doch ruhig mal wieder ausprobieren könnte!
Dan ganzen Abend war die Stimmung gedrückt, auch wenn Anna schon frühzeitig auf ihrem Zimmer verschwunden war. Sie schäumte immer noch vor Wut! Was fiel ihrem Vater ein, es war ihre Entscheidung, und damals war es ein Unfall gewesen, diesmal würde sie schon vorsichtiger sein. Sie lehnte mit dem Kopf gegen die Fensterscheibe und starrte in die bereits ziemlich tief stehende Sonne. Dann fasste sie einen Entschluss.
"Okay, wir fahren dann. Sollen wir sonst noch was mitbringen?" Enrico und Karin wollten noch schnell in Dorf hinunterfahren, um ein paar Besorgungen zu erledigen. Bei neun Personen hielten sich die Vorräte nie sehr lange. Marc schüttelte den Kopf und die beiden gingen nach draußen und stiegen in Karins VW Golf.
Stella stieß Peter an: "Du, wir wollten uns doch noch dieses Museum ankucken. Heute hätten wir doch mal Zeit dazu, oder?" sie sah ihn Bedeutungsschwer an, ihr eigentlicher Gedanke bei der Sache war, Jens und Anna zeit zu geben um sich auszusprechen. Peter schnallte nicht und sah seine Frau entgeistert an: "Was für ein Museum denn? Eigentlich bin ich total müde, wollen wir nicht lieber morgen..." Er wagte nicht, den Satz zu ende zu sprechen, Stella sah ihn so streng dass er sich vom Sofa erhob, Oliver packte und ihm zumurmelte: "Sei froh, dass du noch nicht solche Probleme mit Frauen hast, die machen nur Scherereien!" Stella hatte das Mitbekommen und eilte wütend hinter Peter her. Marc und Gina grinsten. Gina sah Marc bedeutungsschwer an: "Also, wenn Jens sich mit Anna unterhält und alle anderen Weg sind... da haben wir ja mal richtig sturmfreie Bude..." Marc schmunzelte. "Was könnte man da nur machen? Nicht, dass wir uns noch langweilen oder so..." Gina lachte und küsste ihn leidenschaftlich. Jens, der die ganze Zeit schweigend in seinem Sessel gehockt hatte, stand auf und stöhnte: Na, ihr könntet ja wenigstens warten, bis ich euch alleine lasse! Das ist ja nicht mit anzusehen..." Er verließ den Raum und ließ die Tür hinter sich laut zuschlagen.
Marc sah Gina an: "Was ist denn jetzt los? Haben wir was falsches Gesagt?" Gina zuckte die Achseln. Aber jetzt hatten sie ihre Ruhe!
Jens derweil saß in seinem Zimmer und kämpfte mit seinem schlechten Gewissen. Hatte er nicht doch zu streng reagiert? Seine Kollegen waren ja auch der Meinung, dass es ein Unfall gewesen war, und.... Er schüttelte den Kopf und stand auf. Obwohl er sich nicht sicher war, ob er das richtige tat, stand er auf. Er wollte noch einmal mit seiner Tochter reden. Vielleicht konnte er sie dazu bringen, seinen Standpunkt zu verstehen!?
Im ganzen Haus war es still, als Jens aus dem Fenster sah, stellte er mit Verwunderung fest, dass es für die Uhrzeit noch ungewöhnlich hell war. Vielleicht konnte er mit Anna noch nach draußen gehen. Sie hatten sich schon länger nicht mehr in Ruhe unterhalten können, was aber oft auch an seinem Job bei Medicopter lag. Vor der Tür zu Annas Zimmer blieb er stehen und lauschte. Es war nichts zu hören, normalerweise lief immer irgendwelche Musik oder der Fernseher in Annas Zimmer. Doch Jens dachte sich nichts weiter und klopfte an die Tür. Das Klopfen hallte in dem leeren Flur wieder, als aus dem Zimmer keine Antwort kam, drückte Jens die Klinke herunter und wollte die Tür öffnen. Doch die Tür war abgeschlossen! Jens sah erstaunt auf. Anna schloss sonst nie ihre Tür ab. Er rief durch die Tür: "Anna, ich bin’s, mach bitte die Tür auf!" Doch von drinnen kam keine Antwort. Jens überkam ein jähes Gefühl der Panik und er rannte zurück ins Wohnzimmer wo Marc und Gina nicht gerade erfreut über die Störung waren. "Jens, was soll das? Du wusstest doch dass wir nicht... äh... gestört werden wollten!" Gina grapschte schnell nach ihrem T-Shirt. Marc sah auch sehr zerwühlt aus, seine Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab und er hatte deutliche Lippenstiftspuren auf dem Kinn. Jens war viel zu aufgeregt um die peinliche Situation zu überschauen. Marc bemerkte es und sah ihn an: "Jens was ist denn? Du siehst ja aus als hättest du einen Geist gesehen!" Jens zog ihn vom Sofa hoch und schrie ihn beinahe an: "Anna hat sich auf ihrem Zimmer eingeschlossen und macht die Tür nicht auf. Wenn ich sie rufe, antwortet sie nicht!" Marc bemerkte dass Jens total panisch wurde und klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. "Jetzt mach mal langsam. Vielleicht will sie einfach ihre Ruhe haben." Jens schüttelte den Kopf. "Aber sie schließt sonst nie die Tür ab. Sie weiß, dass ich das nicht mag!" Marc sah ein, dass es keinen Sinn hatte jetzt vernünftig mit Jens zu reden. Er ließ sich erweichen und ging mit ihm zu Annas Zimmer. "Anna? Machst du die Tür auf? Ich bin’s, Marc. Alles in Ordnung?" Keine Antwort. Aus dem Zimmer drang immer noch kein Geräusch und Marc überkam ein ungutes Gefühl. Gina kam nun auch über den Flur geeilt, sie hatte sich ihr Shirt übergestreift und sah die beiden erstaunt an: "Was ist denn? Antwortet sie immer noch nicht?" Marc schüttelte den Kopf. Gina sah ihn fragend an: "Gibt es keinen zweit- Schlüssel für die Tür?" Marc schüttelte erneut den Kopf. Jens haute mit den Fäusten gegen die Tür. "Dann renn ich jetzt die Tür ein... Irgendwie muss man doch...!" Marc unterbrach ihn. "Nix wirst du. Und schon gar nicht eine Tür in einem Haus einrennen. Ich finde, erst könnte Gina ja noch mal versuchen mit ihr zu reden. Als Frau hat sie da bestimmt die besseren Chancen!" Jens nickte erschöpft. Gina sah die zwei zwar empört an, schickte die beiden dann jedoch in die Küche. Das war ihr dann doch zu stressig! Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Tür und ließ sich zu Boden gleiten. "Anna?" Keine Reaktion. "Ich bin’s Gina. Dein Vater macht sie tierische Sorgen um dich. Warum willst du denn nicht aufmachen? Wir könnten uns dann besser unterhalten!" Immer noch nichts. Gina zuckte die Achseln. "Ist es wegen dem Streit mit Jens vorhin? Das würde ich nicht so eng sehen. Weißt du, er macht sich einfach total schnell Sorgen um dich, und dein Unfall damals war ja auch schon extrem heftig! Bitte mach doch auf." Gina wartete noch eine Weile und stand dann auf. "Anna, ich gehe jetzt wieder, aber wenn du die Tür nicht bald aufmachst, wird Jens sie dir einrennen!" Gina machte sich auf den Weg in die Küche, wo Marc Jens einen extra starken Kaffee vorgesetzt hatte. Jens war total verzweifelt, er ging fest davon aus, dass Anna seinetwegen nicht aufmachte oder sich womöglich etwas angetan haben könnte! Ala Gina in die Küche kam sahen beide erschrocken auf. "Und?" Jens sah sie mit Angst an. Gina schüttelte den Kopf. "Nichts. Mit mir redet sie auch nicht. Vielleicht solltest du doch die Tür aufbrechen...?"
Als Karin und Enrico eine halbe Stunde später wiederkamen, waren sie ganz erstaunt, die anderen in so schlechter Stimmung in der Küche vorzufinden. "Na, ich dachte ihr beiden wolltet euch einen schönen Abend machen?" witzelte Enrico und drückte Marc eine der Einkaufstüten in die Hand. "Haha Pater, sehr witzig! Anna hat sich in ihrem Zimmer eingeschlossen und meldet sich nicht. Jens ist komplett fertig mit den Nerven!" flüsterte er Enrico und Karin zu.
Plötzlich stand Jens auf. "Ich hab die Schnauze voll. Ich renn jetzt die Tür ein und dann werden wir ja sehen..." Er wurde von Karin unterbrochen. "Sorry Jens wenn ich deinen Tatendrang störe aber warum geht ihr nicht durch das Fenster? Als wir eben mit dem Auto gekommen sind, stand es offen!" Alle starrten sie verwundert an.
Anna war unterdessen schon ein ganzes Stück von der Hütte entfernt. Sie hatte sich einen dicken Pulli und eine alte Jeans angezogen. Zum Reiten war die zwar nicht so geeignet, aber egal. Einen Moment hatte sie noch überlegt, ob sie eine Taschenlampe mitnehmen sollte, aber dann hätte sie Rucksack schleppen müssen. Leise und vorsichtig öffnetete sie das Fenster. Draußen begann es zu Dämmern, doch Anna war überrascht davon dass es noch so warm war. Leise ließ sie sich auf dem Fenster gleiten und stand nun draußen auf der Wiese. Sie lief im Schatten der Bäume von der Hütte weg. Erst als sie die Straße erreichte, wagte sie, normal zu gehen. Die Luft war angenehm frisch und Anna spürte ein aufgeregtes Kribbeln der Vorfreude in der Magengegend. Sie würde es tun, sie würde wieder reiten und wenn ihr Vater ihr Lebenslang Hausarrest aufbrummen würde! Pfeifend wanderte sie den weg entlang, bald würde sie den Hof erreichen, den Maxi ihr beschrieben hatte. Was sie dann machen würde, wusste sie noch nicht, insgeheim hoffte sie, dort auf die Freundin zu treffen, schließlich konnte sie nicht einfach irgendein Pferd aus dem Stall nehmen. "Na, vielleicht muss ich es doch, immerhin war ich früher ja auch ziemlich gut. Und sonst wäre ich den ganzen Wag umsonst gelaufen!" Gemütlich schlenderte sie weiter und kickte einen Stein vor sich her. Um elf wollte sie spätestens wieder da sein, es würde schon keinem auffallen, dass sie nicht da war. Was allerdings passieren würde wenn es doch jemandem auffallen sollte, darüber mochte sie gar nicht nachdenken!
"Das gibt’s doch nicht!" Wütend stand Jens mitten in Annas Zimmer und stemmte die Hände in die Hüften. Das Zimmer war leer, von Anna natürlich keine Spur. Hinter ihm stiegen Gina und Marc ins Zimmer. "Sie ist weg! Darum war auch das Fenster offen." Stellte Marc fest. Gina ging zur Zimmertür und schloss von innen auf. Auf dem Flur standen Enrico und Karin und sahen sie fragend an. "Sie ist weg. Abgehauen." Gina sah die beiden schwer an. "Enrico blickte fragend in die Runde: "Weg? Aber wo sollte sie denn hin? Sie kennt sich doch hier überhaupt nicht aus..." Jens war schon wieder total fertig. "Ich bin schuld wen ihr was passiert... ich hätte niemals so streng zu ihr sein dürfen..." Aufmunternd legte Marc eine Hand auf seine Schulter. "Mach dich nicht fertig. Mädchen in dem Alter sind nun mal schwierig, ich wüsste nicht wie ich an deiner Stelle reagiert hätte." Jens sah ihn verzweifelt an: "Und was machen wir jetzt?" Marc zuckte die Schultern. "Für die Polizei ist es noch zu früh. Wie lange kann sie denn jetzt weg sein?" Jens zuckte die Schultern. "Also beim Essen war sie ja noch da..." Karin unterbrach ihn: " Wir hätten sie gesehen wenn sie an der Straße langgegangen wäre. Und ich glaube nicht dass sie nach dem Erlebnis von letzten Mal noch einfach so in den Wald läuft. Also muss sie irgendwann vor einer knappen halben Stunde losgegangen sein." Enrico zog seinen Autoschlüssel aus der Tasche. "Ich fahr mal die Straßen bis ins Dorf ab. Vielleicht haben wir ja Glück..." Er ging zu seinem Wagen und fuhr los. Hoffentlich baute Anna keinen Scheiß!"
Unterdessen kämpfte Karin mit ihrem schlechten Gewissen. Sie hatte schließlich eine ziemlich genaue Ahnung davon, wo Anna stecken könnte. Aber sie musste es sagen, auch wenn sie Anna ihr Wort gegeben hatte!
"Du Jens, ich... ich glaube ich hab da eine Idee wo Anna sein könnte." Jens sah sie überrascht an: "Ach ja? Warum hast du nicht schon eher...?" Karin zuckte die Schultern. 2Ich hatte Anna versprochen dass ich nichts sagen würde, aber ich wusste ja nicht, dass sie so spät Abends hingeht." "Wohin geht?" Jens packte sie am Arm. Karin machte sich los und sah ihn an: "Sie war so sauer auf dich und wollte es doch unbedingt... sie ist reiten!" Marc sah sie völlig perplex an: "Jetzt? Um diese Uhrzeit? Das glaubst du doch selber nicht!" Karin schüttelte den Kopf. "Nein, aber wir sollten trotzdem mal hinfahren. Schließlich ist es unser einzigster Anhaltspunkt." Jens seufzte. "Okay, aber jemand muss hier bleiben, falls sie zurückkommt."
Marc, Gina und Jens gingen zu Jens Auto. Karin hatte sich freiwillig bereit erklärt, da zu bleiben. Außerdem musste sie warten, dass Stella, Peter und Oliver von ihrer Museumstour zurückkamen.
Unterdessen schwebte Anna bereits auf Wolke sieben. Sie hatte Maxi noch am Stall getroffen, die ihr auch gleich eine süße dunkelbraune Stute gegeben hatte, auf der sie nun über ein Stoppelfeld bummelten. Maxi hatte sie zuerst geführt, doch als Anna immer sicherer wurde, ließ sie los und stieg auf ihr Pferd. Bald stellte sich raus, dass Anna Maxi in ihren Reitkünsten in fast nichts nachstand und beiden machte der Ausritt riesigen Spaß.
"Sag mal Anna..." Maxi parierte Rigo zum Schritt durch "Weiß dein Vater eigentlich, dass du hier bist? Er muss doch schrecklich stolz auf dich sein, dass du dich wieder traust, zu reiten, oder?" Anna sah sie beschämt an. "Er weiß es nicht. Ich bin vorhin einfach aus meinem Zimmer abgehauen. Er wollte auf keinen Fall, dass ich je wieder auf ein Pferd steige, er meint, es würde wieder so etwas passieren wie damals." Maxi sah sie erschrocken an: "Und da kommst du trotzdem? Was wenn er merkt, dass du weg bist?" Anna zuckte die Schultern. Sie wollte darüber lieber nicht nachdenken. Sie trieb ihr Pferd an. "Komm, wir galoppieren noch ein Stück!"
Peter und Stella saßen zu dieser Zeit in ihrem Auto und plauderten. Dass heißt, eigentlich plauderte Stella und Peter fuhr Auto. Oliver saß in seinem Kindersitz und schlief. Der Kleine hatte sich während der Museumsbesichtigung schrecklich gelangweilt und war schnell quengelig geworden. Peter musste sich auf die Straße konzentrieren, die an dieser Stelle schmal und voller scharfer Kurven war. Als sie aus dem Waldstück rauskamen, wurde die Straße gerade und war gut zu überblicken, Peter gab Gas. Stella blätterte durch einen Museumsführer und las gerade eine Textpassage vor, als auf der Straße vor dem Wagen plötzlich ein dicker Ast im Scheinwerferlicht auftauchte. Peter riss das Steuer herum, der Ast nahm fast die ganze Straßenseite ein. Der wagen raste die Böschung hinunter in den Straßengraben und blieb dort ruckartig stehen. Oliver schrie, sonst war alle dunkel und still.
Stella wurde davon wach, dass sie Oliver ganz erbärmlich schreien hörte. Sie wollte sich umdrehen und versuchte, ihren Sohn mit der Hand zu erreichen, doch sie erreichte ihn nicht. Ihr Rücken schmerzte, sie konnte sich kaum rühren, sofort durchfuhr sie ein ungeheurer Stich. Sie blickte zu Peter. Er war mir dem Kopf gegen die Seitentür geschlagen und war bewusstlos. Er blutete aus einer Wunde am Kopf, und seine Beine waren eingeklemmt. Stella bekam Panik. Wie sollte sie Hilfe holen?!
Unterdessen hatten Jens, Gina und Marc den Hof erreicht. Gina lief auf die Stallungen zu. "Hier, seht mal!" Gina hielt eine rote Haarspange in der Hand. "Das st Anna’ s!" Jens sah sich aufegeregt um. Marc schüttelte den Kopf. Sie sind nicht hier, es ist alles dunkel!" "Vielleicht sind sie ausgeritten?" Gina schmiegte sich an Marc, mittlerweile war es doch ziemlich kühl geworden. Jens starrte sie entsetzt an. "Und jetzt?" Plötzlich klingelte sein Handy.
"puh, warte, jetzt reicht’s, ich brauch ne Pause!" Mit hochrotem Kopf parierte Maxi Rigo durch. "Anna’s Pferd kam kurz vor ihr zu stehen. Beide hatten rote Wangen und waren außer Atem. Tief atmeteten sie die frische klare Nachtluft ein. Plötzlich stieß Anna Maxi an. "Hast du das auch gehört?" "Was denn?" "Ich glaube, da hat jemand um Hilfe gerufen!" "Ach, dass bildest du dir bestimmt bloß ein!" Anna stieg wieder auf ihr Pferd. "Lass uns trotzdem mal kucken!" Maxi folgte ihr, schon bald konnten sie deutlich die Hilferufe einer jungen Frau vernehmen. Stella!
Beide Mädchen sprangen von ihren Pferden und banden sie an einem Strauch an. Anna stand vor Schreck ganz starr da, doch Maxi reagierte sofort. "Hast du ein Handy mit? Dann ruf deinen Vater an!" Sie lief zum Auto und beugte sich zu Stella. Diese sah sie erleichtert an. "Maxi? Bist du’s? Sieh bitte nach Oliver, hoffentlich ist ihm nichts passiert!" "Geht klar, aber erst sehe ich mal nach ihrem Mann!" Sie lief zu Peter und fühlte nach seinem Puls. Viel Ahnung hatte sie nicht, aber er fühlte sich normal an, sodass sie zunächst zu Oliver ging und den kleinen genau ansah. Er hatte eine Schramme an der Stirn und fühlte sich kalt an, aber ansonsten schien er in Ordnung. Kaum dass sie ihn auf den Arm genommen hatte, hörte er auf zu schreien und beruhigte sich wieder. Maxi hüllte ihn in ihre Jacke, drückte ich an sich und ging zurück zu Anna. "Hast du ihn erreicht?" Anna nickte. "Ein Glück!" Plötzlich zuckte sie zusammen und zeigte auf den Wagen: "Scheiße, kuck mal, unter der Motorhaube kommt Rauch raus...!" Sie rannte zu Stella und riss an der Tür. Sie hatte sich verkanntet, sodass sie erst nach mehreren Versuchen nachgab. Stella stöhnte vor Schmerzen, als Anna sie unter den Armen fasste und vorsichtig aus dem Wagen zog. Die Flammen hatten schon beinahe den Fußraum erreicht, und der Qualm im Innenraum wurde zunehmend dichter. Maxi setzte Oliver kurzerhand in den Sattel von Rigo, drückte dem Kleinen einen Halteriemen in die Hand und sagte: "Gut festhalten, du bist jetzt ein Cowboy!" Oliver gluckste vor Freude und Rigo verscheuchte bloß mit dem Schweif eine Fliege. Dann rannte Maxi zum Wagen und half Anna, Peter aus dem Autowrack zu befreien. Behutsam legten sie ihn ein gutes Stück von der Straße entfernt auf die Wiese und Anna breitete ihre Jacke über ihm aus. Gerade als sie Nach Oliver sah, waren in der Ferne die Scheinwerfer eines Autos zu entdecken. Kurze Zeit später sprangen Marc, Gina und Jens aus dem Wagen. Marc rannte sofort zu Peter, fühlte seinen Puls und atmete erleichtert auf. Jens kniete neben ihm. "Wie sieht’s aus?" Marc lächelte ihn beruhigend an. "Alles okay, er hat wohl eine schwere Gehirnerschütterung, aber ansonsten ist er nicht schwer verletzt." Stella klagte immer noch über Schmerzen im Rücken, Marc kümmerte sich um sie, bis ein Rettungswagen aus dem nächsten Ort kam. Gina ging zu Maxi, die neben Rigo stand, der immer noch Oliver auf dem Rücken hatte. Als sie sh, dass es ihm gut zu gehen schien, nickte sie Maxi zu und ging zu Marc. Stella sah sie an: "Wie geht es Oliver? Ist er in Ordnung? Ist er nicht verletzt?" Gina kniete sich neben sie: "Nein, ihm geht es gut. Maxi kümmert sich um ihn. Mach dir keine Sorgen."
Kurze Zeit später trafen Enrico und Karin ein. Karin lief sofort zu Peter, während Enrico Marc half. Jens stand nun auf und sah sich suchend um. Anna stand bei ihrem Pferd und unterhielt sich mit Maxi. Er ging auf sie zu.
"Anna? Kann ich dich kurz sprechen?" Anna sah Maxi an. Dann nickte sie. Sie gingen einige Schritte, bis sie nicht mehr im Lichtkegel der Scheinwerfer standen. Jens sagte kein Wort. Anna hielt es nicht mehr aus. "Papa, jetzt sag doch was! Schrei mich an oder mach sonst was, ich weiß dass ich nicht einfach so hätte abhauen dürfen. Aber..." Jens legte ihr den Finger auf den Mund. "Mach mal langsam. Ich bin doch bloß froh, dass dir nichts passiert ist! Und außerdem hast du meinem Freund das Leben gerettet." Er sah sie lange an. Dann konnte Anna nicht mehr. Tränen traten ihr in die Augen und sie begann bitterlich zu schluchzen. Ihr Vater nahm sie in den Arm und drückte sie an sich. "Ist schon gut... ist ja schon gut."
Am Morgen erwachte Anna in ihrem Zimmer in der Hütte, weil die sonne direkt auf ihr Gesicht schien. Sie schlug die Decke zurück und zog sich an. Gestern Abend hatte sie ihre Sachen nur noch in einer Ecke des Zimmers liegen gelassen, nun hob sie ihre Hose auf und roch daran. Ein starker Geruch nach Pferden stieg ihr in die Nase und weckte die Erinnerungen an letzte Nacht. Peter und Stella waren in die Klinik eingeliefert worden. Peter würde schon morgen wieder entlassen werden, außer einer Gehirnerschütterung hatte er tatsächlich keine Verletzungen abbekommen. Stella hatte eine Quetschung des Rückenmarkes erlitten, sie würde sich noch lange schonen müssen, doch auch sie würde wieder ganz gesund werden.
Anna ging in die Küche und stellte erstaunt fest, dass dort alle Versammelt waren, auch Maxi, die mit Oliver auf dem Fußboden spielte. Karin bemerkte sie als erstes. "Hey, da ist unsere Heldin ja!" Anna sah sie erschrocken an. "Ich? Aber ich ha doch gar nichts..." Jens zog sie an den Tisch und drückte ihr ein Brötchen in die Hand. "Hier iss! Wir wollen gleich noch mal ins Krankenhaus fahren." Anna nickte. "Bist du eigentlich gar nicht sauer?" "Weshalb sollte ich sauer sein?" Anna sah ihn skeptisch an: "Na, vielleicht weil ich einfach so ohne deine Erlaubnis geritten bin?" Jens sah sie erstaunt an: "Was du in deiner Freizeit machst, ist schließlich deine Sache. Und wenn es deine liebste Freizeitbeschäftigung ist, dir sämtliche Knochen zu rechen..." Weiter kam er nicht. Anna stürzte sich wutschnaubend auf ihren Vater, sodass dieser eiligst die Flucht vor seiner Tochter ergriff. Alle lachten und Maxi meinte: "Ich versteh nicht, warum sie reiten will, wenn sie doch zu Fuß genauso schnell ist!" Gina prustete in ihren Kaffee, der Marc über die Hose lief. Das gab den anderen den Rest. Maxi kringelte sich vor Lachen auf dem Boden und Enrico lief schon ganz blau an.
Bald war der letzte Ferientag gekommen, Peter und Stella waren schon in eine andere Klinik verlegt worden und Anna saß auf gepackten Koffern. "Komm schon Anna, wir müssen! Maxi hat es scheinbar vergessen, dass wir heute fahren, wir können trotzdem nicht auf sie warten!" Er nahm ihren Koffer und schleppte ihn zum Auto. "Sag mal, was hast du denn damit gemacht? Der ist ja noch viel schwerer als bei der Hinfahrt!" Anna zuckte die Schultern. Sie war traurig, dass sie schon fahren mussten, in den letzten Tagen waren Maxi und sie die besten Freundinnen geworden. "Anna! Komm schon!" Jens hupte zum Aufbruch. Anna seufzte schwer und stieg in den Wagen.
Als sie gerade an der Stelle vorbeikamen, an der der Unfall passiert war, wies Jens aus dem Fenster. "Schau mal!" Anna drehte sich um. Auf dem Feld neben ihnen galoppierte Maxi auf ihrem Pferd, wie wild winkend. Anna winkte zurück und lachte. In die nächsten Ferien würde sie mit Sicherheit freiwillig mitkommen!
Copyright 2004: Sandra