Leiden
Sie saß auf der Landeplattform zu Füßen der BK117. In den letzten Monaten hatte sich viel verändert, vor allem sie selbst, psychisch und physisch. Ihre Kollegen hatten nichts bemerkt, so gut verstellte sie sich ihnen gegenüber. Eher im Gegenteil, sie waren der Meinung, ihr ginge es in dieser Situation gut, und dass sie sich damit abgefunden hatte, was geschehen war. In Wirklichkeit leidete sie noch immer wie am ersten Tag nach der Trennung. Sie bekämpfte die Symptome ihrer Krankheiten, in die sie danach verfallen war, mit Medikamenten, die schon lange nicht mehr halfen. Der Schmerz saß einfach zu tief, um ihn besiegen zu können. Seit einiger Zeit ging es ihr richtig schlecht, Schwindelgefühle, sie fror wesentlich häufiger, obwohl Winter war normal für sie, hatte Probleme sich zu konzentrieren, was für ihre Arbeit als Pilotin nicht besonders gut war und oft schaffte sie es kaum die Treppe zur Wohnung in einem Zug hochzusteigen, so schwach war sie auf den Beinen. Aber keiner registrierte es. Alle hatten ihre eigenen Probleme. Karin war im Mutterschaftsurlaub und kümmerte sich hauptsächlich um ihren Sohn, überhaupt stand der Kleine voll und ganz im Mittelpunkt, so dass man meist nicht mal bemerkte, wenn sie verschwand. Mit Karins Vertretung verstand sie sich nur, wenn sie einen Einsatz hatten, sonst stritten sie heftig. Der Arzt bei dem sie gewesen war, hatte sie gewarnt. Wenn sie so weiter machen würde, könnte es damit enden, dass sie plötzlich zusammenbrach. Er hatte auch die Blutanämie festgestellt. Sie nahm, abgesehen von den Medikamenten, seit einiger Zeit nun auch Vitaminprodukte zu sich. Trotzdem merkte auch sie, dass es nicht mehr lange so weitergehen konnte. Aber was sollte sie machen? Die Trennung zehrte zu sehr an ihr. Jeden Tag sah sie ihn und die andere Frau. Sie war schön, keine Frage. Doch verstand sie nicht, wie sie ihn so beeinflussen konnte, dass er sich von ihr trennte, sie fallen ließ wie eine heiße Kartoffel, sie waren doch verlobt. Und gestern die Offenbarung, die ihr Leben endgültig zur Hölle machte. Die Frau war schwanger und er wollte sie in wenigen Wochen heiraten. Wie sollte sie das durchstehen? Das Glück in ihren Augen versetzte ihr selbst Stiche ins Herz. Sie hatte nicht vor mit anzusehen, wie er ihr sein Jawort gab und sie einsam zurückließ. Das wollte sie sich nicht antun, auf gar keinem Fall. Deswegen war sie heute bereits so früh gekommen, ihr Dienst begann erst Nachmittags, aber sie wollte ihr Baby noch ein letztes Mal sehen. Neben ihr lag ein Foto aus besseren Zeiten, ein Brief und das glänzende Messer. Auch die Tablettenschachteln waren dort ausgebreitet. Sie waren leer. Ein letztes Mal hatte sie diese Dinger genommen. Sie war sich sicher, dass es nicht lange dauern würde, da sie so und so zu wenig Blut in den Adern hatte. Langsam nahm sie das Foto und strich über sein Gesicht. Er lachte, genau wie sie neben ihm. Ohne dass sie es aufhalten konnte, stiegen ihr Tränen in die Augen und liefen über ihr kaltes Gesicht. Dann nahm sie das Messer und setzte es am Handgelenk an. Verwundert nahm sie zur Kenntnis, dass es keinen Schmerz gab. Sie drückte stärker und das Blut tropfte immer schneller auf die Steine. Als sie es wegnahm schoß das Blut aus den zerstörten Adern. Langsam lehnte sie sich gegen die Kufen und schloß die Augen. Mit den Fingern ganz fest das Foto umklammert.
Zwei Stunden später saß die Medikoptercrew im Aufenthaltsraum, als Max plötzlich kreidebleich hereinkam. Alle sahen ihn entsetzt an. "Leute... kommt mal mit zum.... Heli.", forderte er sie stotternd auf und ging voraus. Die anderen folgten ihm stirnrunzelnd. Karin direkt hinter ihm, sah den leblosen Körper als erstes. "Oh mein Gott.", schrie sie. Geschockt blieben alle stehen und blickten sie ungläubig an. Marc lief zu ihr. "Gina.", sagte er entsetzt. Er nahm sie in seine Arme und fühlte ihren Puls, dann schüttelte er den Kopf. Peter stand hinter ihm und schaute sich den Brief und die Schachteln an. "Antidepressiver.", stellte er tonlos fest und reicht Marc den Brief. "An dich.", sagte er in dem selben Ton. Der Notarzt nahm ihn und schlug ihn auf.
Es tut mir leid. Ich habe es nicht geschafft, darüber hinweg zu kommen und das ihr jetzt heiraten wollt, hat mir teilweise den Rest gegeben. Den andere Teil haben meine Depressionen getan und bekannter Maßen, kann Magersucht einen ja auch umbringen. Bevor ich weiter leide, hab ich es lieber verkürzt. Liebe ist stark, aber anscheinend nicht stark genug für mich. Ich liebe dich, Marc.
Er drückte ihren Körper an sich und schluchzte leise: "Oh, Gina." Ihre Kollegen standen weinend daneben und der strahlend blaue Himmel bezog sich mit grauen, düsteren Wolken, als ob er mit ihnen leiden würde.
Copyright 2004: Kristina