Julia Cencig zu Gast bei Monika Langthaler
Redaktion: Am 5. April wird die Volkstheaterproduktion Lulu im Wiener Forum U3 uraufgeführt. Sie spielen in dieser Inszenierung die Hauptrolle. Wie charakterisieren Sie die Lulu?
Julia Cencig: Das ist eine sehr schwere Frage. Denn die Lulu, die ich hier spiele hat wirklich sehr, sehr viele Charaktere. Sie verkörpert nämlich auch alle Männer, die der echten Lulu begegnet sind. Wir spielen ja eine Gustav-Ernst-Bearbeitung von Lulu. Meine Lulu hat - wenn's gelingt - wirklich tausend Seiten. Auch alle, die die Männer hatten, denen sie begegnet ist. Auch das Gewaltsame. Und natürlich ist sie auch einmal die Verführerin, das Kind, die Schlampe, süchtig, wahnsinnig verletzbar - das alles ist die Lulu, die man kennt. Aber in unserem Stück ist sie eben auch gewalttätig, die Rächerin und kühle Geschäftsfrau, die mit Ihren Übeltätern abrechnet.
Redaktion: Das klingt nach einer Wahnsinnsrolle!
Julia Cencig: Ja (lacht)! Mit drei Rufzeichen!!! So hab ich das auch noch nie erlebt. Das ist eine Rolle, die so viel fordert. Die verlangt, in alle möglichen Richtungen zu gehen. Und über die eigenen Grenzen in jeder Hinsicht. Über Schamgrenzen und psychologische Abgründe, in die man sich hineinbegeben muss. Wirklich über das hinaus, was man sich als normaler Mensch vorstellen kann. Der Frau ist wirklich viel passiert. Viel an Gewalt, an Misshandlung und psychischer und physischer Vergewaltigung.
Redaktion: Wer spielt sonst noch mit?
Julia Cencig: Meine Kollegen sind Robert Hauer-Riedl, Rainer Frieb, Cornelia Köndgen - Gottseidank! (lacht herzlich) Eine liebe Frau, mit von der Partie! - und Christoph von Friedl. Thomas Evertz, Peter Vilnai und Alexander Lhotzky. Die Regie macht Alexander Kubelka, der voriges Jahr auch Woyzeck am Volkstheater gemacht hat. Ein sehr guter Regisseur, der mich an diese Grenzen sicher hinführt. Ich fühle mich da sehr gut aufgehoben.
Redaktion: Das ist das erste Mal nach längerer Zeit, dass Sie wieder Theater spielen, oder?
Julia Cencig: Ja. Genau vor einem Jahr hab ich am Volkstheater in einem Kinderstück die Hauptrolle gespielt. Das hieß Julia, was ist los? Davor war auch ein Jahr... Also ich habe zwei Jahre nur gedreht und immer nur eine Theaterproduktion im Jahr gemacht. Das ist immer so ein Meilenstein für mich, wo ich jetzt wieder auf eine ganz andere Art gefordert bin, die mir eine große Erfüllung bereitet. Mir macht der Probenprozess so wahnsinnig viel Spaß, dass ich gar nicht einmal so wahnsinnig nervös bin, was das Ergebnis anbelangt, weil mir der Weg dahin so viel Spaß macht und ich jeden Tag so viel lerne, dass es überhaupt so schon ein riesiges Geschenk ist.
Redaktion: Sie sind ja auch in der ORF/RTL-Serie Medicopter zu sehen. In den neuen Folgen sogar als Pilotin. Ist diese Arbeit vielleicht nicht ganz so anspruchsvoll?
Julia Cencig: In einer anderen Art anspruchsvoll. Da muss man sehr schnell sein, ohne Proben in Sekundenschnelle fertige Sachen spielen und wiederholen können. Es gibt keine Zeit für Proben und man ist generell unter Zeitdruck...
Redaktion: ...und muss manchmal einen Helicopter fliegen, nicht?
Julia Cencig: Ja (lacht)! Also, nein. Es ist so: Wir fliegen wirklich. Ich fliege wirklich mit und sitze wirklich auf dem Pilotensitz, aber neben mir, auf dem Co-Pilotensitz, da sitzt ein echter Pilot. Und der fliegt das Ding. Ich habe die Hände am Steuerknüppel und simuliere. Der bewegt sich auch echt. Das ist sehr spannend, weil ich immer glaube, wenn ich das Ding - um Himmels Willen! - falsch bewege, stürzen wir am Ende wirklich ab.
Redaktion: Angst?
Julia Cencig: Angst? Nein, mittlerweile nicht mehr. Ich bin jetzt schon so oft geflogen und auch schon recht spektakuläre Manöver... nein, Angst hab ich nicht. Es macht Spaß. Ich hätte gerne manchmal etwas mehr Zeit zum Spielen dabei. Weil gerade oben im Hubschrauber muss immer alles ganz besonders schnell gehen, weil es besonders teuer ist. Und deshalb geht's da einfach Ratz-Fatz! Ich hätte manchmal wirklich gerne ein bisschen Zeit, es richtig gut zu machen. Aber generell betrachtet macht es Spaß.
Redaktion: In Ihrem derzeitigen „Dritt-Beruf“ als Stubenmädel im Schlosshotel Orth geht es ja auch weiter, oder?
Julia Cencig: Ja, genau (lacht). Da gibt es auch noch mal ein Jahr in Stubenmädel-Uniform. Aber das ist auch lustig. Ich spiele so gern Komödie. Das ist eine Leidenschaft von mir. Ich habe auch am Theater viel Komödie gespielt und liebe das. Das kann auch ruhig ins Boulevard-Fach gehen, wenn es gut gemacht ist. Irgendwie sehe ich das Stubenmädel so. Wie ein Zwischending zwischen Theater spielen und drehen. Natürlich sind es Dreharbeiten, aber die Rolle ist halt sehr, sehr märchenhaft. Da ist man weit weg vom echten Leben, sag ich mal. Und das macht total Spaß.
Redaktion: Ich nehme an, es ist ziemlich stressig, Theaterproduktionen zu proben und zugleich für Medicopter und Schlosshotel Orth zu drehen, weil die Drehorte weit auseinander sind. Wie wirkt sich das auf Ihr Privatleben aus?
Julia Cencig: Ja, ja. Fürs Privatleben ist zwischen Mai und Oktober nicht viel Zeit. Aber ich habe zum Glück einen sehr flexiblen Freund. Ich bin hauptsächlich unterwegs, in Hotels. Man dreht dann einen halben Tag und wird danach zur Vorstellung geführt, nach Gmunden oder sonst wo hin. Das sind viele Kilometer auf der Autobahn. Eine anstrengende Seite des Berufs. Das geht jetzt alles wieder los.
Redaktion: Sind Sie seit Medicopter so bekannt, dass Sie auf der Straße angesprochen werden?
Julia Cencig: Nein, eigentlich nicht. Ich bin jetzt in meinem zweiten Jahr als vollwertige Pilotin bei Medicopter dabei. Davor gab es eine Staffel, wo ich eingestiegen bin und nur die Hälfte mitgemacht habe. Und weil die Staffel, wo ich so richtig als Pilotin von Anfang bis Ende voll dabei bin, noch nicht gezeigt wurde - die kommt erst im September zur Ausstrahlung - hat man mich zwar schon gesehen, aber ich hab mich wohl noch nicht ins Gedächtnis eingeprägt. Es haben mich allerdings Polizisten bei einer Verkehrskontrolle sehr wohl erkannt. Ich kam leider trotzdem nicht um die Strafe herum, weil ich ohne Führerschein und Zulassung unterwegs war. Die haben sehr gelacht, bei der Vorstellung, dass ich eigentlich Pilotin sein soll.
Redaktion: Was ist Ihnen lieber: Theater oder Film und Fernsehen?
Julia Cencig: Ich könnte mir nichts wegdenken. Ich möchte immer beides machen. Meine Wunschvorstellung ist, eine richtig gute, herausfordernde, spannende Theaterproduktion im Jahr zu machen und sonst zu drehen?
Redaktion: Was ist für Sie Genuss?
Julia Cencig: Ich bin überhaupt ein Genussmensch. In der Arbeit und privat. Mir muss alles so viel Genuss wie möglich bereiten. Das kann ein toller Opernabend sein, ein toller Kinofilm, ein angeregtes Gespräch mit Freunden, gute Musik, mit dem Hund spazieren gehen. Da fallen mir sehr viele Dinge ein. Ich versuche, so viel Genuss wie möglich aus allem zu schöpfen, auch wenn es manchmal vielleicht in erster Linie Pflicht ist.
Redaktion: Und wie sieht's kulinarisch betrachtet aus?
Julia Cencig: Im Kulinarischen bin ich sehr verwöhnt, weil meine Mutter eine hervorragende Köchin ist. Meine Mutter hat immer schon, noch bevor der Bio-Lebensmittel-Trend eingesetzt hat, viel aus dem eigenen Garten verwendet und das gekocht, was es gerade frisch gab. Frisch und einfach.
Redaktion: Stimmt es, dass Sie Vegetarierin sind?
Julia Cencig: Ich bin seit sechs Jahren Vegetarierin. Und es ist für mich jetzt noch viel wichtiger geworden, dass ich gutes Gemüse und Obst esse, weil meine ganze Ernährung ja daraus besteht. Ich schaue, dass alles vom Markt ist, frisch ist und ich das esse, was es bei uns hier gerade frisch geerntet ist. Exotische Dinge kaufe ich nur ab und zu so zwischendurch.
Redaktion: Es ist Ihnen wichtig, dass die Produkte biologisch sind?
Julia Cencig: Das ist mir wichtig. Ja. Ich kaufe, glaube ich, ausschließlich Bio-Lebensmittel. Außer Primina, weil das für mich die beste Butter ist. Aber sonst...Obst, Gemüse, Eier, Milch - das ist für mich zur Selbstverständlichkeit geworden. Wenn ich die Wahl habe, ob Bio oder nicht, dann nehme ich Bio. Ich gehe allerdings nur selten in Bio-Läden, muss ich gestehen.
Redaktion: Warum wählen Sie Bioprodukte? Wegen des Geschmacks, des Umweltschutzes oder aus gesundheitlichen Gründen?
Julia Cencig: Das ist bei mir eine Mischung aus alledem, würde ich sagen. In erster Linie denke ich da wahrscheinlich ganz egoistisch an mich und daran, dass ich meinem Körper das Gesündeste zuführen will. Aber natürlich spielt es für mich auch eine Rolle, dass ich Randgruppen und Familienbetriebe wie etwa auch die Bergbauern unterstützen will. Ich bin generell an der Erhaltung solcher Produktionsweisen interessiert, weil ich einfach daran glaube, dass Massenproduktion sich immer negativ auf Qualität auswirkt. Und ich versuche da entgegenzuwirken, wenn es mein Portemonnaie zulässt.
Redaktion: Kein Fleisch mehr zu essen war eine Entscheidung im Sinne der eigenen Gesundheit oder im Sinne des Tierschutzes?
Julia Cencig: Das ist gar nicht gesundheitsorientiert. Das ist eigentlich eine ausschließlich ethische Entscheidung. Ich bin fest davon überzeugt, dass es nicht gut ist, getötete Lebewesen zu sich zu nehmen. Ich bin da buddhistisch orientiert. Das ist meine Überzeugung und nach der lebe ich.
Redaktion: Kochen Sie selbst?
Julia Cencig: Ja. Sehr gern und so oft ich kann. Ich habe das auch von meiner Mama gelernt, glaube, dass ich da auch talentiert bin und liebe es, Leute einzuladen. Momentan kommt das leider ein bisschen zu kurz, weil ich so viel zu tun habe. Aber sonst bin ich eine begeisterte Gastgeberin.
Redaktion: Haben Sie eine Lieblingsspeise?
Julia Cencig: Pasta! In allen Variationen. Ich mache auch selber Pasta mit der Nudelmaschine. Weil wenn ich meinen Gästen schon kein Fleisch kredenze, muss ich sie natürlich anderweitig mit etwas Besonderem verwöhnen. Ich mache auch alle möglichen Variationen von gefüllten Nudeln. Angefangen von Kasnudeln - ich komme ja aus Kärnten - bis zu Ravioli mit Ricotta und Spinat.
Redaktion: Die Gentechnik drängt immer stärker in den Lebensmittelmarkt. Es heißt auch, man wolle mit manipuliertem Saatgut den Hunger in der Dritten Welt bekämpfen. Wie denken Sie über Gen-Food?
Julia Cencig: Ich bin da eher misstrauisch. Wenn ich „Gen“ höre, werde ich schon misstrauisch. Ich denke, es müsste doch auch anders gehen. Ich glaube, es sind wirtschaftliche Überlegungen, die hier in erster Linie mitspielen. Und dass es sehr wohl auch auf natürlichem Weg ginge, was, meiner Ansicht nach, viel besser wäre. Aber ich will mir auch nicht anmaßen, da ein Urteil zu fällen, weil ich mich nicht so genau auf diesem Gebiet auskenne. Aber rein aus dem Bauch heraus, schrecke ich zurück, wenn ich genmanipuliert oder gentechnisch erzeugt höre.
Redaktion: Sie würden so etwas also lieber nicht essen?
Julia Cencig: Genau. Ich würde es nicht essen wollen.
Redaktion: Wenn jetzt die gute Fee aus dem Märchen hier herein käme und Ihnen die berühmten drei Wünsche frei gäbe, was würden Sie tun?
Julia Cencig: Oh Gott! Da habe ich schon lange nicht mehr drüber nachgedacht! Diese Frage habe ich mir früher ständig gestellt. Ich bin grade so wunschlos glücklich... Es gibt momentan überhaupt nichts Materielles, das ich unbedingt haben wollte. Bei mir ist das so: Ich bin mittlerweile so schicksalsfürchtig, dass ich es überhaupt nicht wagen würde, so etwas wie Gesundheit bis ans Ende meiner Tage einzufordern. Da bin ich irgendwie total abergläubisch. Ich finde, so etwas muss man dem Schicksal überlassen. Das darf man sich nicht wünschen, weil es sonst vielleicht auf Kosten von irgendetwas anderem geht, was man dann gar nicht will. Da wäre ich eher vorsichtig.
Redaktion: Also gar keine Wünsche an die Fee?
Julia Cencig: Ich glaube, ich würde mir beinhart wünschen: Ein Auto. Ein cooles neues Auto. Ein Haus auf dem Land. Und......mmmmm.....ja! En Privatflugzeug mit einem Piloten, der mich immer ganz, ganz schnell zu meiner Schwester bringen kann. Die lebt nämlich in England und es ist ein bisschen mühsam, sie zu sehen. Und das wäre ein Riesenwunsch von mir, dass ich sie einfach besuchen könnte, wann und wie ich will. Und wenn's nur für einen Abend ist! Das wäre fein!
Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch!