"Hey Kleine"
"Morgen!" Fröhlich und Arm in Arm kamen Biggi und Enrico auf die Basis. Beide wohnten seit einigen Wochen zusammen und erschienen dann gemeinsam zum Dienst. Im Aufenthaltsraum saß bereits Karin am Tisch und füllte noch Einsatzberichte aus. Als sie die beiden sah, wie sie so verliebt in einander waren, wurde ihr schwer ums Herz. Es war nun schon eine ganze Zeit her, das Michael nach Amerika gegangen war, und sie hatte sich damit abgefunden, das es ein Wiedersehen nicht geben würde. Doch hatte sie bisher noch keinen Mann gefunden der ihr auch nur annähernd gefallen hätte. Bis auf....
In diesem Moment schreckte sie aus ihren Gedanken, Biggi sah sie fragend an. Karin schüttelte verwirrt den Kopf: "Is was?" Biggi grinste: "Nö, außer, dass ich dich eben gefragt habe, ob du einen Kaffee möchtest, aber mach dir bloß nicht die Mühe mich zu beachten." Karin lächelte sie entschuldigend an. "Tut mir leid, aber ich war gerade ganz woanders." Biggi ließ sich interessiert neben Karin auf einen Stuhl sinken. "Aha? Und, hat das was mit Michael zu tun?" Karin schüttelte den Kopf. "Nicht direkt... eher mit ... Marc." Biggi hustete. Sie hatte sich vor Schreck an ihrem Kaffee verschluckt. "Was? Jetzt im Ernst? Ich meine... das wusste ich ja gar nicht... aber,... hey du, dass finde ich ja voll genial. Das muss ich ja wohl gleich mal bei Marc nachhorchen was der denn dazu meint..." "Wen willst du was fragen?" Enrico kam aus der Umkleide und nahm sich auch eine Tasse. Karin sah Biggi beschwörend an. Diese verstand sofort. "Ach niemanden. Kommst du mit, ich muss noch den Heli checken." Seufzend erhob Enrico sich wieder. "Hier kann man sich auch keine fünf Minuten ausruhen." Biggi sah ihn bedeutungsschwer an. "Wovon musst du dich denn erholen?" Enrico grinste. "Na, also ich kann mich an heute Nacht noch sehr gut erinnern..." Biggi schubste ihn zur Tür raus. Karin musste schmunzeln. Und wieder wanderten ihre Gedanken zu Marc...
Marc unterdessen hatte ganz andere Probleme. Er musste in zwei Stunden auf einem Kongress sein und kam mit dem Knoten seiner Krawatte nicht klar. Immer wieder wickelte er an dem Stück Stoff rum, das mittlerweile ziemlich mitgenommen und zerknittert aussah. "Ach Mist!!!" Er versetzte dem Mülleimer unter dem Waschbecken einen Tritt und sah auf die Uhr. Es nütze nichts! Er musste jetzt los, egal wie seine Krawatte aussah. Er schnappte sich die Autoschlüssel, als das Telefon schrillte. Marc seufzet.
"Harland?"
"Guten Tag Harr Dr. Harland, ich bin Frau Berg vom Jugendamt und es geht um ihre Schwester Jenny..."
Marc wurde blass. Seine Schwester hatte er zuletzt gesehen, da konnte sie gerade laufen, danach hatte er den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen und auch Jenny nicht mehr gesehen.
"Ihre Mutter hatte einen Unfall mit dem Auto und liegt im Krankenhaus. Wir möchten nur wissen, ob sie sich um ihre Schwester kümmern können oder ob sie für die Zeit in ein Heim soll..."
Marc schüttelte den Kopf. "Nein, natürlich kümmere ich mich um sie... wie geht es meiner Mutter?"
"Tut mir leid, das weiß ich nicht. Sie liegt im Mariehospital, soweit ich weiß. Jenny ist auch noch dort. Wann können sie sie denn abholen?"
Marc sah auf die Uhr. Für seinen Kongress war es jetzt eh zu spät. "Ich mache mich sofort auf den Weg. Auf Wiederhören."
Auf dem Weg zum Krankenhaus rief er auf der Basis an. Karin ging an Telefon.
"Medicopter 117, Dr. Thaler?"
"Karin, ich bin’s, Marc. Meine Mutter hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus. Ich muss hin und mich um meine Schwester kümmern. Kannst du vielleicht Höppler bescheid sagen?"
"Klar mach ich dass. Ich wusste ja gar nicht, dass du eine Schwester hast."
"Ich hab sie auch schon seit über 12 Jahre nicht mehr gesehen."
"Aha. Und, willst du sie dann mit zu dir nehmen?"
"Keine Ahnung, ich weiß auch gar nicht wie ich mit ihr reden soll, schließlich kennen wir uns so gut wie gar nicht. Was wenn sie gar nicht mit zu mir will? Aber... Karin, willst du nicht mitkommen? Ich könnte dich schnell abholen, ich fahre ja sowieso in die Richtung."
"Und du meinst ich könnte dir behilflich sein?" Karins Herz schlug ihr bis zum Hals.
"Klar. Also abgemacht?"
Karin strahlte. "Abgemacht. Bis gleich!"
Karin knallte den Hörer auf das Telefon und lief in die Umkleide. Dann musste Höppler halt eine Vertretung für sie finden!
Als sie aus der Umkleide kam, lief sie Biggi in die Arme. Diese sah sie ganz verdutzt an. "Karin? Wir haben jetzt Schicht, warum..." Karin unterbrach sie. "Kannst du Höppler sagen, mir wäre ganz plötzlich ganz schrecklich schlecht geworden? Erzähl ihm ich wäre zum Arzt oder so. Irgendwas." Sie wollte schon rauslaufen, aber Biggi hielt sie fest. "Wenn ich schon für dich lügen soll, will ich wenigstens wissen, wo du so dringend hinmusst!" Karin wurde rot. "Also....Marcs Mutter hatte einen Unfall und er muss sich um seine Schwester kümmern, und er hat mich gefragt, ob ich ihm helfe, weil..." Karin kam nicht zum ende weil Biggi sie verschmitzt ansah. "Schon klar Karin. Na du bist ja ne prima Freundin! Eben erst erzählst du mir, dass du Marc nicht uninteressant findest, und jetzt habt ihr schon ne Verabredung. Du lässt aber auch gar nicht anbrennen!" Karin sah sie empört an. "Aber das stimmt! Er hat seine Schwester schon seit ganz früher nicht mehr gesehen und..." Biggi lachte. "Schon klar. Na hau schon ab und kümmere dich um Marcs `Schwester´!" Karin wollte noch was einwenden, aber ließ es dann doch und lief nach draußen. Wenige Momente später kam Marc auf den Parkplatz gefahren und ließ Karin einsteigen. Biggi stand am Fenster und grinste. Sie glaubte Karin nicht.
Unterdessen saß im Krankenhaus Semmelweißein dunkelhaariges Mädchen von ca. 16 Jahren und plauderte angeregt mit einem jungen Arzt, der dabei war, eine kleine Schramme an ihrer Stirn zu versorgen. Es war Marcs Schwester Jenny. Dem jungen Arzt im Praktikum fiel es sichtlich schwer, sich zu konzentrieren.
"Ich hoffe doch, du machst das anständig?" Jenny grinste ihn fragend von unten her an.
"Wahre Schönheiten kann doch nichts entstellen."
"Sollte das en Kompliment sein? Ich dachte immer, als Arzt dürfte man nichts mit Patientinnen anfangen?"
Der junge Arzt sah sie erschrocken an: "Also wirklich! Du hast Ideen." Dann huschte ein grinsen über sein Gesicht. "Was meinst du, warum ich überhaupt studiert habe? Und jetzt nimmst du mir meine ganzen schönen Wunschträume!"
Missbilligend schüttelte sie den Kopf. "Also wirklich. Ich hab mir bei dir aber schon fast gedacht dass du schlimme Absichten hast! Ich glaub ich muss dann erst mal meinen Bruder fragen, ob der auch nur deshalb studiert hat!"
"Dein Bruder ist auch Arzt?"
"Ja, bei Medicopter. Aber als ich ihn das letzte mal gesehen habe, war ich sechs oder so. Keine Ahnung was er sonst so macht! Aber er will mich gleich abholen."
Plötzlich ging die Tür zum Behandlungsraum auf und ein älterer Arzt kam mit wehendem Kittel in den Raum gestürzt.
"Na Herr Kollege? Fertig? Na, sieht ja ganz gut aus. Bei so einer Schönheit hätten sie sich auch keinen Fehler leisten können!"
Jenny wurde rot und biss sich auf die Lippe. Na das war ja ein komischer Verein hier!
"Ist deine Mutter schwer verletzt?" Karin sah Marc vorsichtig an.
Marc nickte. "Sie wird lange Zeit im Krankenhaus bleiben müssen, danach halt noch zur Kur. Aber genaueres haben sie mir am Telefon auch nicht gesagt."
"Und deine Schwester?"
"Der Arzt meinte, ihr wäre nichts schlimmes passiert. Weißt du eigentlich wie mir die Knie zittern?"
Karin lächelte. "Ja, kann ich mir denken. Wie alt ist sie jetzt?"
Marc musste Nachdenken. Dann schüttelte er den Kopf. "Du wirst lachen, aber das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht so genau. Irgendwas so um die 12 oder 13."
"Du weißt nicht wie alt deine Schwester ist?"
"Ich hab doch gesagt dass ich sie ewig nicht gesehen ab."
"Du hast deine Familie schon so lange nicht mehr gesehen?" Karin sah Marc erschrocken an. Ihr ging ihre Familie über alles.
"Ach, dass ist eine lange Geschichte. Meine Eltern haben sich früh geschieden, Mutter hat dann neu geheiratet. Ich wusste von vorneherein, dass mit dem Kerl irgendetwas nicht stimmt. Aber sie wollte ja nicht auf mich hören! Ihr neuer Mann war dann Alkoholiker wie sich rausstellte und wollte sich nur von meiner Mutter bedienen lassen. Sie hat sich dann auch wieder von ihm getrennt. Aber sie meinte...." Marc stockte. Geduldig sah Karin ihn an während Marc sich weiter auf die Straße konzentrierte.
"... wenn ich ihr doch nur Vorschriften machen wolle, dann käme sie auch gut ohne mich klar. Damals war Jenny gerade ein Jahr alt." Marc endete. Er bog von der Autobahn ab und schon bald hatten sie die Einfahrt zum Krankenhaus erreicht. Während Karin und Marc nebeneinander auf das Eingangsportal zugingen, fiel Karin etwas ein: " Dann ist sie also nur deine Stiefschwester?"
Marc nickte. "Einmal hab ich sie dann an ihrem viertem Geburtstag gesehen. Ihr einzigster Wunsch war, dass ich sie besuchen komme. Da konnte selbst Mutter nicht umhin, mich im Haus zu dulden!" Seine Stimme war bitter. Dann wurde sie wieder weicher. "Sie war so ein süßes Kind. Aber es gab wieder nur Streit mit meiner Mutter und deshalb..."
Sie hatten die Information erreicht und Marc fragte nach Jenny. Eine junge Schwester mit blauen Rastazöpfen erklärte ihm den Weg. Marc bedankte sich und machte sich mit Karin auf den Weg zum Behandlungsraum.
Jenny unterdessen saß an der Seite des jungen Arztes auf einer Bank, jeder mit einer Flasche Cola in der Hand und flirtete auf Teufel komm raus. Als Marc und Karin um die Ecke bogen, sah sie kurz auf.
Marc und Karin gingen den Flur entlang, denen ihnen die Schwester gezeigt hatte. Auf einer Bank vor dem Behandlungsraum saßen ein junger Arzt mit einem jungen Frau. Er wollte schon weiter gehen, als sie ihn ansprach.
"Marc?"
Marc drehte sich um und staunte.
"Was ist? Erkennst du deine eigene Schwester nicht?"
"Ich...äh...ich hätte dich jetzt echt nicht erkannt!"
Jenny lächelte. Sie machte nicht den Eindruck, als wenn sie soeben einen Autounfall unverletzt überstanden hätte und ihre Mutter schwer verletzt worden wäre. Doch Karin sah hinter diese Fassade. Jenny sah blass aus, und n ihren Augen konnte Karin eine tiefe Verzweiflung sehen.
Auf dem Weg zum Auto war davon jedoch nichts zu spüren. Jenny erzählte und fragte Marc Löcher in den Bauch. Marc war noch kurz bei seiner Mutter gewesen. Sie lag auf der Intensivstation und war nicht bei Bewusstsein, weshalb Jenny noch nicht zu ihr durfte. Marc entspannte sich merklich, als er merkte, dass seine Schwester so unkompliziert war. Doch auf der halbstündigen Fahrt zur Basis wurde Jenny merklich stiller, bald saß sie da und blickte mit starrem Blick aus dem Fenster.
Auf der Basis angekommen stieg Karin aus dem Wagen. Marc stieg mit aus. "Karin? Danke, dass du mitgekommen bist!" Karin blickte ihn lächelnd an: "Aber ihr hättet auch auf mich verzichten können!"
Den Blick, den Marc ihr nun zuwarf, konnte sie nicht richtig deuten, sie meinte aber, so etwas wie Enttäuschung darin lesen zu können. "Trotzdem..... Also, ich wird dann mal. Du hast ja auch noch Dienst. Bis später dann."
Karin warf einen Blick auf Jenny, die noch immer zur Scheibe hinausstarrte. "Und was macht’s du mit ihr? Willst d sie echt den ganzen Tag alleine lassen?" Marc schüttelte nachdenklich den Kopf. "Ich glaube, ich werde sie mitnehmen. Könntest du dich dann vielleicht ein bisschen mit ihr...?"
"Beschäftigen?" Karin nickte. "Klar, kein Problem." Marc lächelte ihr noch einmal zu, öffnete dann die Tür des Autos wieder, stieg ein und fuhr davon. Nachdenklich blieb Karin zurück. Sie wusste oft nicht, was sie von Marcs Verhalten halten sollte, aber das er ihr so viel über seine Vergangenheit erzählt hatte, wertete sie als ein durchaus positives Zeichen.
Selig lächelnd kam sie in den Aufenthaltsraum. Als Biggi und Enrico sie hörten, rutschte Biggi schnell von Enricos Schoß und zog ihr T-Shirt glatt.
"Äh... Karin, schon wieder da? Wir äh... wir haben diese Schicht frei gehabt. Höppler hat keinen Ersatz für dich gefunden."
Karin nickte. Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken und goss sich einen Kaffee ein. Biggi sah sie erwartungsvoll an.
"Und?"
Karin verstand nicht. "Was `und´?"
Biggi verdrehte die Augen. "Na, wies war will ich doch wissen. Geht’s Marc Schwester gut?" Ein scheinheiliges Grinsen zog sich über ihr Gesicht.
Karin stöhnte. "Mensch Biggi. Du darfst mir ruhig glauben! Marc bringt Jenny nachher mit. Ich soll mich ein bisschen um sie kümmern, damit sie nicht ganz alleine zu Hause rumsitzt."
Biggi sah sie erst skeptisch an, dann jedoch entschied sie sich, ihrer Freundin zu glauben. "Okay, aber das Mädel ist doch 16 oder nicht? Kann sie da nicht auf sich selbst aufpassen? Wenigstens für ein paar Stunden?"
Karin blickte betrübt. "Ich weiß nicht. Sie macht auf mich einen ziemlich verzweifelten Eindruck. Auch wenn sie mit aller Macht bemüht ist, es zu verstecken!"
Enrico mischte sich jetzt auch in das Gespräch ein. "Du meinst also, wir sollten auf sie aufpassen, damit sie keine Dummheiten anstellt?"
Karin schüttelte lächelnd den Kopf. "Ich glaube nicht, das sie gleich vorhat sich was anzutun. Aber wir sollten trotzdem ein Auge auf sie haben. Schließlich kennt sie hier niemanden und wird sich schrecklich einsam fühlen."
Biggi nickte. Sie wollte gerade was sagen, als Höppler den Raum betrat.
"Ach, schön dass sie sich auch wieder blicken lassen Frau Dr. Thaler. Augenscheinlich geht es ihnen ja wieder besser. Meinen sie, sie sind in der Lage, nun auch wieder ihren Dienst zu versehen?"
Karin schmunzelte. "Klar Herr Höppler. Ich geh mich schon umziehen" Sie stand auf und machte sich auf den Weg zu Umkleide. Auch Höppler verschwand wieder in seinem Büro. Hinter seinem Rücken schnitt Biggi eine Grimasse. Karin musste lachen. Sie war schon gespannt, wie das mit Marc und Jenny weitergehen würde!
Fortsetzung folgt!
Copyright: Sandra 2004