Diese Geschichte ist eine Fortsetzung zu "Indigo", "Eine Überraschung nach der anderen", "Abendteuer in Afrika" und "Vermisst".
Hauptpersonen: Mark und Gina, Peter mit Stella und Oliver, Michael und Karin, Jens und Sabrina, Siegfried (Bruder von Sabrina) und Katharina (Mitarbeiterin von Sabrina)
Nebenrollen: Thomas und Biggi, Ralf, Samantha (Sabrinas Kollegin aus Amerika)
Am frühen Morgen hatten sie sich auf der Medicopter-Basis getroffen um für eine Woche in die Berge zu fahren. Die Tage sollten dazu dienen den sportlichen Leistungstand von Mark, Peter und Jens zu prüfen. Außerdem wollte Sabrina sie, ihre Einstellung und ihre Familien besser kennen lernen. Nach und nach war das für alle Mitarbeiter der Medicopter-Basis vorgesehen. Sie sollten Sabrina abwechselnd zu Einsätzen begleiten und in einem halben Jahr würden sie dann gemeinsam entscheiden, ob sie künftig zusammen arbeiten würden.
Nach knapp 2 Stunden Fahrt erreichten sie die Hütte in den Bergen die in den nächsten Tagen ihr Zuhause sein würde.
"Das ist ja noch viel schöner als ich es mir nach den Beschreibungen von Karin vorgestellt habe", rief Gina begeistert als sie aus dem Auto stieg.
"Die Hütte liegt wirklich in einem herrlichen Hochtal. Hier kannst du dich den ganzen Tag austoben Oliver", sagte Stella. Sie half Oliver beim Aussteigen aus dem Auto und er rannte sofort begeistert über die Wiese.
"Gott sei Dank ist dein Auto so bequem Mark, sonst würden mir jetzt vermutlich alle Knochen weh tun." Peter stieg ebenfalls aus und streckte sich. "Das ausgerechnet heute morgen mein Getriebe den Geist aufgeben muss. Die Werkstatt-Rechnung wird bestimmt teuer, aber wenigstens machen wir hier oben kostenlosen Urlaub."
"Oliver! Lauf nicht so weit weg!" Stellas Blick glitt suchend über die Wiese.
"Mami, Mami, darf ich zum Wasser?"
"Geh mit ihm zum Bach Stella. Nach der langen Autofahrt braucht er jetzt Auslauf. Ich packe unsere Sachen aus", sagte Peter mit einem Schmunzeln.
"Willst du nicht mit gehen Gina? Eine Abkühlung für deine geschwollenen Füße im Bach würde dir bestimmt auch nicht schaden. Ich kümmere mich um unsere Sachen." Mark sah Gina liebevoll an, strich über ihren Bauch und gab ihr einen Kuss.
"Das ist eine wunderbare Idee." Dankbar nahm Gina seinen Vorschlag an.
"Wann ist es denn soweit?" fragte Stella als sie mit Gina über die Wiese zum Bach schlenderte.
"Wenn alles nach Plan läuft in 8 Wochen. Bislang habe ich keine größeren Komplikationen, trotz der Aufregungen in letzter Zeit. Aber Zwillinge kommen meistens etwas früher. Ich möchte die Tage hier oben gerne genießen, soweit es geht. Wenn nur nicht die geschwollenen Beine wären, das lange Sitzen im Auto heute hat es wieder gefördert. Mark sagt, das ist nichts Ungewöhnliches in der Schwangerschaft." Sie erreichten den Bach und Gina setzte sich ans Ufer und zog ihre Schuhe aus um die Füße in das Wasser zu strecken. "Das tut gut!"
"Hier oben kann man sich glaube ich sehr gut erholen. Ich hoffe Gina wird das noch einmal gut tun und sie genießt es, bevor die Zwillinge kommen", sagte Mark nach einem Rundblick über das Tal und die Hütte.
"Michael und Karin haben wirklich nicht zuviel versprochen. Ich bin mal gespannt was Sabrina mit uns vor hat", antwortete Peter während er ihre Koffer und Olivers Spielsachen aus dem Kofferraum des Wagens holte.
"Keine Angst, ich werde euch schon nicht überfordern." Sabrina stand plötzlich auf der Veranda. "Ich muss schließlich auf Jens Rücksicht nehmen."
"Was heißt hier Rücksicht nehmen, ich bin vollkommen einsatzfähig! Meine Verletzungen sind verheilt und ich brauche keine Sonderbehandlung." Angriffslustig kam Jens von hinten und packte Sabrina.
"Wenn du meinst, dass du mir etwas beweisen musst...." Und schon lagen die beiden miteinander ringend im Gras.
"Hey Sabrina, wenn du unbedingt kämpfen willst, dann können wir das nachher auf der Wiese tun. Hier haben wir jede Menge Platz dazu." Mischte sich Siegfried lachend ein.
"Willst du mir den Spaß verderben? Pass nur auf, dass ich dich nicht verprügle."
"Das werden wir sehen, ich habe Verstärkung! Katharina hilft mir."
"Zwei gegen einen, das wird langsam interessant", antwortete Sabrina grinsend.
"Ihr wollt hier Kampftraining machen?" fragte Mark überrascht.
"Wir trainieren regelmäßig um unsere Reflexe und die Kondition zu stärken. Ihr braucht das nicht zu machen. Schaut es euch nur mal an. Wobei es immer gut ist, wenn man sich verteidigen kann."
Gemeinsam brachten sie ihr ganzes Gepäck in die Hütte und da es bereits Mittag war, bereiteten sie ein kleines Vesper vor. Kochen wollten sie mit Ruhe erst gegen Abend. Das Wetter meinte es gut mit ihnen, die Sonne schien und es wurde für Mitte Mai schon relativ warm. Am Nachmittag saßen Mark, Gina, Jens, Peter und Stella mit Kaffe und Tee auf der kleinen Veranda. Oliver spielte zufrieden auf einer Decke im Gras. Sie beobachteten Sabrina, Siegfried und Katharina die auf der Wiese ihr Kampftraining absolvierten.
"Was ist das für eine Kampfkunst?" fragte Peter.
"Sabrina sagt es ist eine Mischung aus verschiedenen Stilrichtungen. Sie haben sich das Beste aus den unterschiedlichen Arten herausgezogen und weiter entwickelt. Es ist kein Angriffssport, sondern dient fast nur zur Verteidigung. Ich habe im letzten Jahr ein Einstiegstraining mit ihr an der Polizeischule gemacht. Es ist recht einfach zu lernen und sehr effektiv", antwortete Jens.
"Sabrinas Bewegungen sind sehr geschmeidig und fließend, fast katzenhaft. Ich wusste gar nicht, dass sie eine Tätowierung trägt." Gina verfolgte Sabrina bewundernd mit den Augen.
"Es ist ein Tiger den sie auf der Schulter tätowiert hat."
"Sie ist relativ groß. Stört dich das nicht?" fragte Stella.
"Nein, im Gegenteil. Er ist sehr schön, fast ein Schmuckstück, wenn du ihn näher betrachtest."
"Ich weiß nicht, ob ich mir so etwas machen lassen würde. Vielleicht eine kleine Rose, aber so groß?" Stellas Gesicht nahm einen grübelnden Ausdruck an.
"Untersteh dich und lass dich tätowieren!" Peter sah seine Frau entsetzt an.
"Das tut mit Sicherheit weh und es lässt sich nur schwer entfernen, wenn es einem nicht mehr gefällt", meinte Mark.
"Ich würde sie nie entfernen lassen! Sie ist für mich ein Schmuckstück." Sabrina stand vor ihnen und wischte sich ein paar Schweißperlen von der Stirn.
Siegfried und Katharina hatten sich erschöpft in das Gras fallen lassen.
"Warum hast du dir die Tätowierung machen lassen?" fragte Stella.
"Das hat mehrere Gründe. Ich habe dort auf der Schulter eine ziemlich große, hässliche Narbe die ein Tiger verursacht hat. Mehrere Operationen und Hauttransplantationen wären nötig gewesen um sie zu entfernen. Mit meiner Abneigung gegen Krankenhäuser und Ärzte wollte ich das nicht auf mich nehmen, außerdem hätte es viel Zeit gekostet. Der Tiger ist mein chinesisches Sternzeichen, unser Wappentier und das Symbol unserer Kampfkunst, dass ich mir nach Abschluss der Prüfung verdient habe", erklärte Sabrina.
"Darf ich sie mal anfassen? War das nicht schmerzhaft?" fragte Gina.
"Sicher darfst du. Ein bisschen hat es schon weh getan, aber es gibt Schlimmeres. Ich denke mal Operationsnarben und der Heilungsprozess wären unangenehmer gewesen und hätten mehr Zeit in Anspruch genommen. Es war nur anstrengend so lange still zu halten bis sie fertig war."
Gina fuhr vorsichtig mit ihren Fingern über Sabrinas Schulter. "Da sind Narben zu spüren, aber sehen kann man sie praktisch nicht. Das ist so gesehen auch eine Lösung. Er ist wunderschön ausgearbeitet, fast ein Kunstwerk."
"Wie lange trainierst du schon? Das hat interessant und elegant ausgesehen. Im Gegensatz zu Siegfried und Katharina bist du kaum erschöpft, obwohl du zwei Gegner hattest und ihr relativ lange trainiert habt", sagte Mark.
"Über 10 Jahre und das fast täglich. Es ist eine Frage der Übung und des effektiven Krafteinsatzes."
"Es wird noch eine Weile dauern, bis wir dich schlagen können. Ich habe eigentlich gehofft, dass wir es zu zweit schaffen können", sagte Siegfried kopfschüttelnd und mit Bewunderung.
"Wir Frauen sind eben nicht so schwach, wie ihr Männer das gerne hättet und Sabrina ist ein Meister dieser Kampfkunst", grinste Katharina und knuffte Siegried in die Seite. "Das sollte dich nur noch mehr anspornen."
"Oh Gott, diese Sprüche kommen mir doch bekannt vor. Hoffentlich färbt das nicht ab. Gina höre bitte nicht hin", murmelte Mark und blickte sie flehend an.
"Sag mal hast du vor irgend etwas Angst? Soll ich dich ein bisschen ärgern?" fragte Gina und grinste schelmisch zurück. Sie genoss die Situation sichtlich.
"Nein, wie kommst du darauf? So friedlich wie du momentan bist, mag ich dich am liebsten." Mit einem unschuldigen Blick sah Mark seine Frau an.
"Das glaube ich dir! Also, wir drei haben langsam Hunger, wie sieht es mit euch aus?" Gina strich sich mit der Hand über den Bauch.
Während die Frauen für ein deftiges Abendessen sorgten, kümmerten sich die Männer um Holz für das Kaminfeuer. Später wurde zusammen aufgeräumt und Geschirr gespült. Nachdem Oliver ins Bett gebracht war und schlief, trafen sie sich im gemütlichen Wohnzimmer vor dem Kamin.
"Worum geht es eigentlich bei euerer Arbeit?" fragte Mark.
"Wir wollen mit unserer Arbeit einfach nur helfen. Ganz egal ob einzelnen Menschen oder Gruppen bzw. Völkern. Einzelfälle sind z. B. Michael und Dirk die wir aus Amerika zurück geholt haben. Im Rahmen der Aktion sind wir außerdem gegen eine international tätige Verbrecherorganisation vorgegangen. Genauso wie in Südamerika, als wir Dirk aus dem Dschungel geholt haben. Im großen Stil sind wir oft in Katastrophengebieten im Einsatz. Wir helfen nicht nur bei der Bergung und den Aufräumarbeiten, sondern bieten Hilfe beim Wiederaufbau und besonders Hilfe zur Selbsthilfe. Ob es Bomben sind die wir entschärfen oder entführte Menschen die wir befreien, es ist ganz egal. Wir sind mit unserer Organisation unabhängig von Regierungen, um ohne politischen Druck zu arbeiten. Ziel ist es, direkt und Vorort zu helfen und nicht die offiziellen Kanäle zu benutzen. Dort versickert durch Korruption oft viel und kommt nicht bei den Menschen an, die diese Hilfe wirklich benötigen. In einigen Teilen der Welt kaufen wir großflächig Land auf um bedrohten Volksstämmen und Tieren Rückzugsgebiete vor der modernen Gesellschaft zu schaffen. Häufig sind wir auch im Tierschutz tätig z. B. bei gestrandeten Walen", erläuterte Sabrina.
"Warum Wale?" fragte Peter.
"Warum nicht? Sie sind ein Teil unseres ökologischen Systems und wenn sie aussterben geht unsere Artenvielfalt verloren. Es sind Lebewesen mit denen wir die Erde teilen, die es genauso Wert sind dass man ihnen hilft wie Menschen."
"Ihr setzt euch für alle ein?" fragte Mark.
"Ja. Für alle, ob Mensch oder Tier, wenn wir davon erfahren und die Möglichkeiten dazu haben, es macht keinen Unterschied."
"Unsere Arbeit ist sehr vielfältig und unsere Leute kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Ich habe z.B. Geologie und Meteorologie studiert. Über unser weltweites Netz tauschen wir ständig Daten aus und versuchen Katastrophen und Unwetter vorher zu sagen bzw. Warnsysteme aufzubauen. Das ist nicht immer einfach, weil die Natur relativ unberechenbar ist, aber bei Einsätzen kann ich z. B. vor Nachbeben warnen und somit weitere Unfälle eingrenzen. Seit ich bei ´People for People` bin habe ich noch zusätzliche Ausbildungen gemacht. Wir lernen alle voneinander und geben unser Wissen an die anderen weiter, weil die Erfahrung gezeigt hat, dass wir immer wieder davon profitieren können", erzählte Katharina.
"Aber ihr seid doch nie allein im Einsatz, oder?" fragte Peter.
"Von der Planung her praktisch nie. Es ist aber nie auszuschließen, dass die Gruppe getrennt wird oder es Schwierigkeiten gibt, aufgrund unserer vielschichtigen Arbeit. Wenn du auf dich alleine gestellt bist ist es immer von Vorteil, so viel wie möglich selbst zu wissen. Ich habe bei der Bundeswehr eine Ausbildung als Kampfschwimmer gemacht. Sie hat mir, was die körperliche Leistungsfähigkeit angeht viel abverlangt und gebracht, aber die praktischen Dinge und Erfahrung auf vielen Spezialgebieten habe ich von den Kollegen gelernt. Das ist das Schöne bei uns, wir lernen ständig etwas dazu und es macht Spaß, auch wenn die Einsätze und die Arbeit manchmal sehr anstrengend sind." Erläuterte Siegfried weiter.
"Wie kommt ihr an euere Aufträge?" fragte Mark.
"Wir haben ein weltweites Informationsnetz über das wir sehr schnell informiert sind, wenn Katastrophenfälle eintreten. Wir arbeiten mit der UNO, sowie regionalen und internationalen Hilfsorganisationen zusammen. Es gibt die Nachrichten und Zeitungen. Manchmal treten auch Einzelpersonen an uns heran und bitten um Hilfe oder wir erfahren über unser Netz von Einzelschicksalen für die wir uns einsetzen. Erinnert ihr euch an Jusuf?"
"Ja, er hat uns in Afrika einiges erleichtert. Warum?" fragte Mark.
"Die Aufständischen haben vor kurzem die Regierung zerschlagen und vertrieben. Jusuf ist zum Mitglied in der provisorischen Regierung berufen worden. Der Wiederaufbau des Landes ist schwierig, weil es an allem fehlt. Er hat uns und die UNO um Hilfe gebeten. Deshalb ist ein Teil meiner Leute vor ein paar Tagen mit Hilfsgütern nach Afrika geflogen. Jusuf hat bei uns Politik und Wirtschaftswissenschaften studiert, das wird ihm helfen diese Aufgabe zu bewältigen. Die Situation dort unten ist noch sehr heikel, da es zahlreiche Regierungsanhänger gibt die den alten Zustand wieder herstellen möchten und Anschläge verüben. Das ist für die Helfer sehr gefährlich, weil gerade diese Aufbauprojekte ihr Ziel sind und es dadurch viele Unschuldige trifft. Es gibt sehr viel zu tun und wir sind eigentlich viel zu wenige um alles zu tun was nötig ist." Sabrinas Blick wurde traurig.
"Dann bekommt ihr jetzt Zuwachs durch die Mitarbeiter der Basis und könnt vielleicht mehr tun", sagte Gina.
"Langsam, das ist noch nicht entschieden. Unsere Arbeit ist oft gefährlich. Wir sind viel im Ausland unterwegs und setzen häufig unser Leben aufs Spiel. Ich möchte das von keinem verlangen oder ihn dazu zwingen. Außerdem sollt ihr das gemeinsam entscheiden, Gina. Sieh mal, ihr bekommt demnächst Zwillinge und werdet eine große Familie. Je nachdem, was wir für einen Einsatz wir haben, besteht nicht selten die Gefahr, dass jemand nicht zurück kommt. Was, wenn es Mark trifft? Ich kann nicht überall sein. Deshalb möchte ich wissen, wie fit jeder körperlich ist und wie groß die Bereitschaft ist von den anderen zu lernen. Das reduziert das Risiko ein wenig, schließt es aber nicht aus. Darum möchte ich uns auch ein halbes Jahr Zeit geben, bis wir die Entscheidung treffen und ich bin niemandem böse, wenn er Nein sagt." Sabrina blickte ihr direkt in die Augen.
"So habe ich das noch nicht gesehen", antwortete Gina nachdenklich.
"Deshalb sind wir hier, um darüber zu reden und euch Zeit zu geben. Dass ich euch nicht alles sagen kann ist klar, ihr werdet nach und nach einiges erfahren, auch abhängig davon, wie die Entscheidung fällt."
"Hey, da wird jemand unruhig", sagte Gina und legte ihre Hände auf den Bauch. "Ich glaube, ich sollte mich hinlegen, es war ein anstrengender Tag."
"Alles in Ordnung?" fragte Mark sofort besorgt und stand auf.
"Ja, Herr Doktor. Es war ein langer Tag und sehr warm heute. Demnächst kannst du mich sowieso kugeln, ich weiß nicht wo der Bauch noch hinwachsen soll. Wenn ich mich hinlege und Ruhe einkehrt, dann beruhigen sich die Babys wieder", meinte Gina und stand mit Marks Hilfe vom Sofa auf.
"Ich begleite dich und rede mit unseren Beiden mal ein ernstes Wort, schließlich braucht die Mama Ruhe." Mark ging mit Gina in Richtung Schlafzimmer.
"Peter ich werde auch ins Bett gehen, es ist spät und obwohl ich erst am Anfang meiner Schwangerschaft stehe, hat mir die Hitze heute doch zu Schaffen gemacht. Gute Nacht miteinander", sagte Stella und verabschiedete sich mit einem flüchtigen Kuss auf Peters Wange.
"Ich komme demnächst nach. Da sind nur noch ein paar Fragen die ich Sabrina stellen möchte." Peter dachte noch einmal über alles nach was sie gehört hatten und überlegte. "Nach welchen Kriterien und wie suchst du dir deine Leute aus?"
"Meine Mitarbeiter kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Ich überlege welche Fertigkeiten und Wissen für unsere Arbeit von Vorteil sind, so wie bei Katharina z. B. Geologie und Meteorologie, bei Felix sein Computerwissen, Siegfried war Kampfschwimmer, wir haben Piloten, Sprengstoffspezialisten, Mechaniker und Polizisten. Außerdem haben wir überall Menschen in der Wissenschaft und Industrie, die uns und unsere Arbeit unterstützen. Christian ist als Arzt im Klinikum Basel unser fester Anlaufpunkt, wenn meinen Leuten oder mir etwas zustößt. In besonderen Fällen habe ich ihn auch schon auf Einsätze mitgenommen, wenn wir die Hilfe eines Arztes benötigt haben."
"Christian hat doch ein halbes Jahr Sonderurlaub genommen und ist in Asien. Was macht er da eigentlich?" Mark kam zurück, er hatte den letzten Satz noch gehört.
"Er hat sich entschlossen sich mit chinesischer Medizin zu beschäftigen, weil er gesehen hat welche alternativen Möglichkeiten sie bietet und für uns Indigo sehr wichtig ist. Außerdem lernt er in dieser Zeit Meditation und Kampfkunst."
"Hast du ihm das vorgeschlagen?"
"Nein, es war seine eigene Entscheidung, ich unterstütze das nur. Ich zwinge niemanden etwas zu lernen. Allerdings kann ich euch nur mitnehmen und einsetzen, wenn ihr gewisse Fähigkeiten und Kenntnisse erworben habt. Die Bereitschaft zu lernen muss von euch selbst kommen. Hilfe und Unterstützung die ihr dafür benötigt bekommt ihr jederzeit und von uns allen. Falls ihr euch dafür entscheidet und euch uns anschließt werdet ihr nur so eingesetzt wie es aufgrund des Ausbildungsstandes möglich ist. Ich verlange nichts, von dem ich nicht genau weiß, dass ihr es könnt. In der Anfangszeit wird auch mindestens einer von uns immer bei euch sein."
"Was müssen wir tun um zu euch zu kommen?" fragte Peter.
"Im Moment möchte ich erst einmal sehen wir fit ihr seid und euch besser kennen lernen. Ich muss erst sehen, ob ihr zu uns passt, wir sind manchmal ein bisschen eigen. In der Regel arbeiten wir, so wie ich es vorgeschlagen habe erst einige Zeit mit den Menschen zusammen, bevor eine endgültige Entscheidung getroffen wird. Schaut euch alles an und dann sehen wir, was wir tun werden."
"Eigen ist gut, ihr seid alle etwas Besonderes, zumindest was ich bis jetzt von euch so kennen gelernt habe. Gelegentlich sogar ein wenig verrückt und ungewöhnlich, von dir mal ganz abgesehen." Jens grinste breit.
"Ich habe nie behauptet, dass ich normal bin", schmunzelte Sabrina.
"Deshalb liebe ich dich auch so, weil du einfach anders bist."
"Danke für das Kompliment. Wie sieht es aus? Ich möchte morgen eine Wanderung machen und will zeitig los. Es soll wieder sehr warm werden und wir wären gegen Mittag zurück. Ist 7 Uhr morgen früh in Ordnung?" fragte Sabrina.
"Ich dachte wir können ein paar entspannte Tage genießen und du willst wandern, noch dazu so früh." Jens knuffte Sabrina in die Seite.
"Ist es dir in der Mittagshitze lieber? Ich habe damit kein Problem und du?"
"Muss das sein?" murmelte Jens leise.
"Es war euer Wunsch und ich muss sehen, was ihr könnt. Siegfried und Katharina gehen auch mit. Wir werden anschließend sogar noch trainieren."
"Stell dich nicht so an Jens, du hattest doch in letzter Zeit genug Erholung. Was Sabrina vor hat ist eine leichte Übung in den nächsten Tagen, da habe ich sie schon ganz anders erlebt." Siegfried griff unterstützend ein.
"Wenn es denn sein muss ....." seufzte Jens und gab nach.
In den nächsten drei Tagen berichtete Sabrina ihnen von der Arbeit ihrer Organisation, damit sie einen größeren Einblick in die Vielfältigkeit ihrer Tätigkeit erhielten. Sie unternahmen ausgedehnte Wanderungen die sich in Länge und Schwierigkeit langsam steigerten. Jens, Mark und Peter schlugen sich tapfer und steckten die Anstrengung ohne große Mühe weg. Gina und Stella genossen mit Oliver in vollen Zügen die Ruhe und das herrliche Wetter vor der Hütte, am Bach oder See. Am vierten Tag weckte Sabrina sie bereits um 6 Uhr, weil sie eine längere Tour mit Bergbesteigung geplant hatte.
Bis alle aufgestanden waren lagen auf einem Tisch bereits Brote, Obst, Wasserflaschen und Sonnenschutzmittel zum Einpacken bereit und ein kräftiges Frühstück war vorbereitet. Jeder sollte dieses Mal selbst verantwortlich sein für seinen Proviant den er oder sie mit auf die Wanderung nahm.
Sabrina hatte bewusst eine anspruchsvollere Route ausgesucht auf der sie auch ein Stück klettern mussten. Da Katharina, Siegfried und sie selbst im Klettern erfahren waren, konnten sie ohne Schwierigkeiten Jens, Peter und Mark mit Seilen sichern. Am frühen Nachmittag befanden sie sich auf dem Rückweg zur Hütte und machten noch einmal eine kurze Rast unter einem großen Baum.
"War es heute zu anstrengend für euch?" Fragte Sabrina. Sie betrachtete sich Jens, Peter und Mark die ziemlich mitgenommen wirkten.
"Im Vergleich zu den letzten Tagen ja. Peter und ich waren gegen Mittag zu erschöpft um das letzte Stück zu bewältigen und die Spitze zu erreichen. Ich war überrascht, dass Jens es geschafft hat", antwortete Mark.
"Ich kann dir erklären warum. Wolltet ihr mir heute etwas beweisen? Ihr Beide seid ziemlich schnell voraus gelaufen und habt euch dadurch verausgabt. Jens hat sich unserem Tempo angepasst, langsam und stetig. Das war kein Wettbewerb und Zeit hat keine Rolle gespielt. Soweit ich gesehen habe, habt ihr nicht genügend Wasser mitgenommen, deshalb habe ich an zwei Quellen unterwegs jeweils eine Rast eingeplant. Wenn ich euere Haut ansehe, seid ihr auch nicht ausreichend gegen die Sonne geschützt gewesen."
"Warum hast du nichts gesagt?"
"Wie alt seid ihr? Bin ich euere Mutter oder mit euch verheiratet? Ich habe euch in den letzten drei Tagen mehrfach darauf hingewiesen. Das ist euere eigene Verantwortung, das solltet ihr lernen. Es ist nicht immer jemand von uns da der euch alles sagen kann, ihr müsst mitdenken."
"Danke, es ist wirksam angekommen!" Peter betrachtete stirnrunzelnd seine geröteten Arme und das rote Genick von Mark.
"Wenn ich mich nicht mit euch unterhalten und mich dadurch euerem Tempo angepasst hätte, dann wäre es mir vermutlich genauso gegangen. Ich bekomme auch einen Sonnenbrand, weil ich mich heute morgen nicht eingecremt habe. Nach den letzten Tagen bin ich davon ausgegangen, dass mir die Sonne nichts mehr aus macht. Dabei habe ich die Höhe und die Intensität der Strahlung in den Bergen doch unterschätzt. Aus Fehlern lernt man, die Flasche stand auf dem Tisch heute morgen." Jens zeigte seine geröteten Arme.
"In der Hütte habe ich Calcium, Aloe Vera und Kieselerde Gel. Wenn ihr viel trinkt und die beiden Gels abwechselnd anwendet, dann hilft das sehr schnell", riet Sabrina.
"Ich denke im Notfallkoffer ist noch eine Salbe die ich einsetzten kann um das Schlimmste zu verhindern. Calcium, Aloe und Kieselerde, das hilft?" Mark sah Sabrina skeptisch an.
"Es ist ein Angebot. Uns haben diese Produkte schon oft geholfen. Du bist Arzt, mache was du für richtig hälst. Wollen wir wieder los, es ist nicht mehr weit."
"Ja, ich bin froh, wenn wir zurück sind. So wie sich mein rechter Fuß anfühlt habe ich mir eine dicke Blase gelaufen. Die Socken, die ich heute morgen angezogen habe, waren zu dünn und die Schuhe noch relativ neu. Ich will gar nicht nachsehen, die ist bestimmt blutig", stöhnte Peter und rieb seine Wade.
"Im Rucksack habe ich Pflaster, es ist zumindest ein Schutz. Den restlichen Weg laufen wir langsamer. In knapp anderthalb Stunden dürften wir die Hütte erreichen. Stella pflegt dich sicher gern", sagte Sabrina. Sie reichte ihm das Pflaster und eine Wundsalbe.
Mark half Peter den Schuh auszuziehen. "Denkst du immer an alles?" Fragte er überrascht.
"Es gehört zu unserer Grundausrüstung. Man sollte immer auf alles vorbereitet sein, du weißt nie was passiert."
"Peter, deine Ferse sieht nicht besonders gut aus. Die Salbe und das Pflaster verhindern hoffentlich, dass es noch schlimmer wird. Kannst du laufen?" Besorgt sah er Peter an.
"Es wird schon irgendwie gehen. Oder wollt ihr mich tragen?"
"Wenn es nicht anders geht, warum nicht? Mit unseren Kletterseilen könnten wir dir zwischen zwei Personen eine Art Sitz konstruieren, das würde recht gut gehen", erklärte Siegfried. "Wir haben das schon gemacht."
"Danke für das Angebot, ich versuche es erst mal so." Antwortete Peter und stand auf.
Langsam marschierten sie wieder los. Peter, der leicht humpelte, und Mark gingen nebeneinander und bestimmten das Tempo bestimmten. Sie wurden sehr schweigsam und grübelten über den Vormittag nach. Jens spürte die Anstrengung inzwischen auch, aber nicht so stark, da er seine Kräfte besser eingeteilt hatte. Sabrina, Siegfried und Katharina war fast nichts anzumerken, da sie sehr gut durchtrainiert waren. Nach und nach lies sich Sabrina mit Jens ein wenig zurück fallen.
"Habe ich einen Fehler gemacht?" Besorgt und fragend sah sie Jens an.
"Nein, meiner Meinung nach nicht. Die Erfahrung ist nur ein wenig schmerzhaft. Du hast uns die Möglichkeiten geboten uns zu entscheiden, wir hatten es selbst in der Hand. Mir wäre es wie Mark und Peter gegangen, dabei ist es eigentlich logisch. Ihr drei steckt diese Anstrengungen mit Leichtigkeit weg und jedes Mal, wenn wir zurück kommen trainiert ihr anschließend noch. Du brauchst Siegfried und Katharina nicht einmal auffordern, sie kommen von sich aus und ihr habt noch jede Menge Spaß dabei. Dabei ist es egal ob ihr Bogenschießen übt, Kampftraining macht oder meditiert. Ich finde das erstaunlich."
"Das Leben ist Ernst genug. Lernen soll kein Zwang sein, sondern Spaß machen, so fällt alles viel leichter. Unsere Arbeit verlangt uns viel ab, deshalb versuchen wir uns die Lern- und Trainingszeiten so angenehm wie möglich zu gestalten. Aber du hast dich heute wirklich gut geschlagen."
"Ihr seid schon ein seltsamer Haufen." Jens schüttelte mit dem Kopf.
Kurz darauf erreichten sie endlich die Hütte. Gina und Stella saßen mit Oliver, der vergnügt im Wasser planschte, am Bach und bemerkten ihre Rückkehr nicht.
Sabrina holte gleich die versprochenen Gels und stellte sie auf den Tisch. Jens wagte den Versuch und rieb sich die Arme mit Aloe Vera Gel ein. Sofort konnte er eine angenehme Kühlung auf der Haut spüren. Außerdem trank er ein Glas Wasser in dem Sabrina eine Calciumtablette für ihn aufgelöst hatte. Während Mark und Peter den Medikamenten aus dem Notfallkoffer für den Sonnenbrand und die Blase den Vorzug gaben. Katharina ging zu Sabrinas Wagen um die Nachrichten am Telefon abzuhören. Siegfried und Sabrina zogen sich kurze, leichtere Kleidung an, weil sie anschließend Meditationsübungen machen wollten.
"Sabrina, in der Zentrale sind Daten und Unterlagen eingegangen die ich mir unbedingt ansehen will. Unsere Leute in Asien bitten um einen Abgleich mit unseren Daten und um eine zusätzliche Meinung. Gegen Abend wird es mit großer Wahrscheinlichkeit ein heftiges Wärmegewitter geben. Ich fahre am besten gleich und komme morgen gegen Mittag zurück. Soll ich noch irgendetwas mitbringen oder einkaufen?" Katharina sah sie fragend an und flüsterte ihr ins Ohr. "Samantha kommt morgen überraschend zu Besuch."
"Da wird sich jemand freuen", flüsterte Sabrina augenzwinkernd zurück und laut sagte sie: "Soweit ich weiß, haben wir alles da. Frage aber Mark, ob ihm noch Medikamente fehlen, vielleicht gegen Sonnenbrand.""
"O.K. mache ich, bis morgen", antwortete Katharina und klopfte an die Tür von Marks Schlafzimmer. Er hatte Peters Blase verarztet und sich anschließend hingelegt um sich von den Strapazen auszuruhen.
"Sabrina was machst du jetzt?" Jens sah sie fragend an während er sich vorsichtig das kühlende Kieselgel auf die brennenden Arme strich.
"Siegfried und ich wollen auf der Wiese ein wenig Tai Chi trainieren. Nichts Anstrengendes, warum?"
"Ich glaube, das kenne ich. Kann ich mitkommen? Zeigst du mir wie das geht?"
"Gerne, es freut mich, dass du es versuchen willst. Nimm dir eine Flasche Wasser mit und löse dir eine Calciumtablette darin auf."
"Ich fahre dann los. Tschüß Leute, bis morgen", sagte Katharina, verlies die Hütte und fuhr mit Sabrinas Auto los.
Sabrina, Siegfried und Jens folgten ihr und gingen über die Wiese zum Bach.
Oliver entdeckte sie zuerst und begrüßte sie freudig: "Sabrina, Jens toll, dass ihr da seid. Wo ist Papa?"
"Dein Papa ist noch in der Hütte, er ist ein bisschen müde. Es war heute sehr anstrengend, aber er kommt bestimmt bald", antwortete Sabrina.
"Hast du unsere Männer heute richtig gefordert?" Grinsend sah Gina sie an.
"Es war eine anspruchsvolle Tour mit einer kleinen Kletterpartie. Sie haben sich nur bevor wir los sind nicht gut eingecremt und zu wenig Wasser mitgenommen. Außerdem haben sie geglaubt, sie müssten mir beweisen wie gut sie sind. Das schnelle und stramme Tempo das sie angeschlagen haben, hat sie dann, wie zu erwarten, ausgelaugt. Peter hat falsche Socken und relativ neue Wanderschuhe angezogen und sich eine Blase gelaufen", erklärte Sabrina.
"Also haben sie Sonnenbrand und Wunden die wir pflegen müssen", lachte Stella. "Komm Gina wir sehen mal nach ihnen und bedauern sie ein wenig."
"Haben unsere Helden unterwegs schlapp gemacht?" Fragte Gina mit einem lachenden Gesichtsausdruck.
"Nein, sie haben die Wanderung ohne Murren durchgehalten. Jetzt sind sie groggy und müssen sich ein bisschen erholen." Antwortete Sabrina.
"Sei nicht so hart Stella, sie haben eine schmerzliche Erfahrung gemacht. Das Schlimme daran ist vermutlich die Erkenntnis, dass sie selbst Schuld sind." Jens versuchte seine Kollegen zu verteidigen.
"Könnt ihr bitte auf Oliver aufpassen? Er wäre gut, wenn er langsam aus dem Wasser kommt, sonst weichen die Füße der Wasserratte noch ganz auf."
"Machen wir gerne. Und wir geht es euch beiden?"
"Es ist einfach herrlich hier oben. Wir genießen das Wetter und die Ruhe. So schnell werde ich so viel Erholung nicht mehr haben. Die Zwillinge werden mich bestimmt fordern, wenn sie da sind. Aber ich freue mich darauf." Zärtlich strich Gina über ihren Bauch.
Jens reichte Gina die Hand und half ihr beim Aufstehen. Gemeinsam mit Stella schlenderte sie über die Wiese zurück zur Hütte.
"Hey Oliver, komm aus dem Wasser. Wir spielen mit dem Ball auf der Wiese." Jens nahm ein Handtuch und trocknete Oliver ab. Anschließend spielten sie mit ihm auf der Wiese verschiedene Ballsiele. Jauchzend genoss Oliver die Aufmerksamkeit der drei Erwachsenen und tollte ausgiebig mit ihnen herum.
Nach einiger Zeit sagte Sabrina: "Hast du Lust ein paar Übungen mit uns zu machen?"
"Was denn?" Fragte Oliver neugierig.
"Tai Chi. Jens möchte das auch lernen, wir zeigen es euch."
Siegfried und Sabrina zogen ihre Schuhe aus und zeigten den Beiden langsam die Übungen. Innerhalb kurzer Zeit konnten Jens und Oliver den Bewegungsabläufen folgen und passten sich an, sodass ein harmonisches Bild entstand.
Gina saß mit Mark, den sie mit Hilfe einer Tasse Kaffee aus dem Bett geholt hatte, auf der Veranda und beobachtet die vier auf der Wiese.
"Schau dir das mal an Mark, jetzt lernt sogar schon Oliver diese Übungen."
"Dann kann das nicht so schwer sein. Sabrina erwähnte heute Tai Chi, es soll der Entspannung und dem inneren Ausgleich dienen. Vielleicht probiere ich das auch, demnächst werde ich das nötig haben, wenn ich von der Arbeit komme und eine gestresste Frau und zwei schreiende Babys habe." Schmunzelte Mark und blickte Gina von der Seite an.
"Wie stellst du dir das eigentlich vor? Wenn du nach Hause kommst erwarte ich, dass du mir hilfst und mich unterstützt. Da gibt es nichts mit Entspannung, schließlich sind es auch deine Kinder." Angriffslustig stand Gina auf und setzte sich auf Marks Schoß.
"Ich glaube die Tage hier oben tun dir wirklich gut. Du bist richtig gut drauf, so habe ich dich am liebsten meine Maus." Mark umschlang Gina, so gut es mit dem dicken Bauch eben ging, und küsste sie lang und innig. Anschließend kuschelte sich Gina an ihn und Mark legte seine Hand auf ihren Bauch.
"Hey, das ist glaube ich ein Fuß gewesen. So langsam wird es euch wohl zu eng. Aber ein bisschen solltet ihr noch warten, damit ihr groß und kräftig seid, wenn ich auf die Welt kommt", sagte er liebevoll. "Tretet euere Mama nicht so stark, das tut ihr weh. Habt ihr mich gehört meine Kleinen?"
"Danke für die Unterstützung Mark. An manchen Tagen sind sie ziemlich aktiv. Ich hoffe sie werden ruhiger, wenn sie da sind, ansonsten wird es anstrengend."
"Na, wenn sie genauso werden wie du, habe ich so meine Bedenken ....."
Dafür kassierte Mark einen Boxhieb von Gina. "Oh du bist doch ....."
"Dein dich liebender Mann ...." antwortete Mark und erstickte weitere Bemerkungen mit einem langen Kuss.
Auf der Wiese beendeten Siegfried, Jens, Sabrina und Oliver ihre Übungen.
"Lasst uns noch über die Steine im Bach laufen, das ist gut für das Gleichgewicht und kühlt die Füße ab", meinte Sabrina und stieg hinunter zum Bach.
Von Stein zu Stein sprangen sie langsam ein Stück den Bach hinauf. Sabrina behielt Oliver im Augen und reichte ihm ab und zu helfend die Hand.
"Das ist lustig!" rief Oliver begeistert.
"Ideen hast du manchmal", sagte Jens und zuckte mit den Schultern.
"Kennst du das nicht? Wir haben das schon als Kinder gemacht, es ist sehr effektiv. Das meinte ich, als ich sagte spielerisch lernen!"
"Trotzdem kriege ich langsam kalte Füße, ich gehe raus." Jens stieg die kleine Böschung hoch an das Ufer.
"Wir kommen auch gleich, es reicht für heute. Oliver?" Sabrina drehte sich zu ihm um und erblickte im Augenwinkel eine Kreuzotter die sich auf einem großen Stein im Wasser sonnte. Durch die Bewegung der sich nähernden Menschen fühlte sie sich bedroht und ging bereits in Angriffsstellung. Oliver war bereits in ihrer direkten Reichweite. Sabrina machte noch zwei vorsichtige Schritte in seine Richtung und sagte: "Oliver, komm bitte zu mir, ich helfe dir." Gleichzeitig rief sie: "Siggi! Ich brauche dich!" Sie reichte Oliver die Hand, griff ihn unter den Achseln und nahm ihn hoch.
Siegfried reagierte sofort. Als er Sabrina Oliver abnahm entdeckte er die Kreuzotter ebenfalls, die in diesem Moment durch die Bewegung aufgeschreckt vorschnellte und zubiss.
"Jens! Komm her! Schnell!" Rief er und setzte Oliver am Ufer ab.
Hinter sich hörte er nur einen leisen Fluch und einen Schlag ins Wasser. Er drehte sich um und war sofort bei Sabrina die bewusstlos im Bach lag.
Jens erreichte die Stelle am Ufer und erschrak.
"Oliver, lauf los und hole Mark!" sagte er entsetzt. "Siggi was ist passiert?"
"Da war eine Kreuzotter, sie hat zugebissen. Hilf mir sie ans Ufer zu bringen!" Siegfried hatte Sabrina inzwischen umgedreht und sie lag in seinen Armen. Blut rann von einer Wunde an der Stirn über die Schläfe. Gemeinsam schafften sie es sie an das Ufer zu tragen. Kurz darauf lag Sabrina im Gras. Jens nahm ihren Kopf auf seinen Schoß und drückte ein Taschentuch an ihre Schläfe. Siegfried fühlte nach ihrem Puls und betrachtete sich die Bisswunde am Bein, als auch schon Mark über die Wiese gerannt kam.
"Was ist passiert? Oliver ist ganz aufgelöst und hat geweint." Mark erfasste die Situation sofort und kniete sich neben Sabrina. Mit einem schnellen Griff kontrollierte er ihren Puls und untersuchte die Bisswunde am Bein genauer.
"Wir wollten gerade aus dem Bach an das Ufer als Sabrina eine Kreuzotter gesehen hat. Sie hat Oliver in Sicherheit gebracht, aber die Schlange hat sie angegriffen, obwohl sie langsame Bewegungen gemacht hat. Was dann genau passiert ist, habe ich nicht gesehen, weil ich ihr Oliver abgenommen und an das Ufer gesetzt habe. Ich vermute sie ist abgerutscht. Warum sie sich nicht abgestützt hat, weiß ich nicht, sonst ist sie nicht so unsicher. Sie hat normalerweise hervorragende Reflexe", erklärte Siegfried.
Sabrina kam langsam zu sich und bewegte sich. Jens hielt beruhigend ihren Kopf mit seinen Händen fest. Die letzten Worte von Siegfried verstand sie aber.
"Es waren zwei", murmelte sie.
"Was zwei?" fragte Jens irritiert, weil er nicht wusste wovon sie sprach.
"Zwei Kreuzottern! Ich bin mit dem Fuß abgerutscht und als ich mich mit der Hand abstützen wollte war da noch eine zweite."
"Hat die andere dich auch gebissen? Wo?" Fragte Mark alarmiert während er nach ihrer Stirnverletzung sah.
"Ich weiß nicht, es ging alles so schnell. Meine Hand brennt ...." Sabrina hob ihre rechte Hand die aufgeschürft und leicht blutig war.
Mark griff danach und konnte zwischen den Abschürfungen schwach zwei weitere kleine Bisswunden entdecken.
"Das sieht nicht gut aus. An der Hand bist du auch gebissen worden. Wie fühlst du dich?" fragte Mark und sah sich sorgenvoll ihre Pupillen an.
"Ich habe Kopfschmerzen und mir ist übel."
In diesem Moment kam Peter mit dem Notfallkoffer über die Wiese gehumpelt.
"Ich dachte du brauchst ihn vielleicht", sagte er.
"Super! Ich messe den Blutdruck. Zieh mir bitte ein Kreislaufmittel auf, Effortil verträgt sie und Novalgin für die Schmerzen", wies Mark ihn an.
"Sollten wir nicht abbinden?" Fragte Jens.
"Bei Kreuzotterbissen nicht. Nur in 50 % der Fälle wird beim Biss genügend Gift abgegeben um stärkere Reaktionen hervorzurufen und das würden wir stauen. Der Biss ist praktisch nicht tödlich. Wir müssen sie nur gut überwachen, ruhig stellen und kühlen", erklärte Mark während er Sabrinas Blutdruck überprüfte. "Peter, das Kreislaufmittel." Dieser reichte ihm erst den Abbinder dem Mark sofort anlegte, damit er anschließend die Spritzen verabreichen konnte.
"Sabrina? Das piekst gleich, aber dann fühlst du dich bald besser. Die Wunde an der Stirn werde ich klammern und danach bringen wir dich in die Hütte. Du solltest dich so wenig wie möglich bewegen."
"O.K." Sabrina nickte.
Mark säuberte die Wunde an ihrer Stirn und schloss den klaffenden Spalt mit den Klammerpflastern die Peter ihm reichte. Um sie abzulenken fragte er: "Sag mal, musstest du dich gleich zwei Mal beißen lassen und dir auch noch den Kopf anschlagen?"
"Wäre es dir lieber gewesen die Schlange hätte Oliver gebissen? Ich habe gehofft sie bleibt liegen. Wer von uns hat die besseren Chancen das einigermaßen zu überstehen? Dass da noch eine andere war und ich abrutsche, dass war nicht vorgesehen." Verteidigte sich Sabrina. "Hmm, Autsch!"
"Schon fertig. Jetzt müssen wir dich erst mal aus der Sonne und in ein Bett kriegen. Und dann hoffe ich, dass die Schlangen nicht genügend Gift beim Biss hinterlassen haben." Meinte Mark. "Vorsichtshalber werden wir die Basis verständigen, damit wir dich schnell in ein Krankenhaus bringen."
"Ich kann Sabrina zur Hütte tragen, ihr müsst mir nur beim Hochnehmen helfen", sagte Siegfried.
"Muss das sein? Behandelt mich doch gleich wie ein rohes Ei! Ich kann laufen!" Protestierte Sabrina.
"Wirst du nicht. Das ist genau das Falsche!" Mark hielt sie fest. "Jens laufe vor, im Schlafzimmer liegt mein Handy und rufe die Medicopter Basis, sie sollen sich beeilen."
Jens war froh etwas tun zu können und rannte über die Wiese zurück. Peter und Mark halfen Sabrina beim Aufstehen damit Siegfried sie tragen konnte.
Gina und Stella war es inzwischen gelungen Oliver zu beruhigen, nur was genau passiert war konnten sie nicht von ihm erfahren, da er die Schlange nicht bemerkt hatte.
"Ist ja gut mein Kleiner. Da kommt Jens, der kann uns bestimmt mehr sagen." Stella blickte über die Wiese in Richtung Bach und sah Jens den Hang hoch rennen. Den schluchzenden Oliver hielt sie fest mit den Armen umschlungen, aber er klammerte sich sowieso schon an sie.
"Jens, was ist passiert?" rief Gina als er in Rufweite war.
"Sabrina wurde von zwei Kreuzottern gebissen und ist gestürzt, als sie Oliver an das Ufer setzen wollte um ihn in Sicherheit zu bringen."
"Wie schlimm ist es?"
"Mark sagt ich soll die Basis anrufen damit sie in ein Krankenhaus kommt zur Überwachung. Kreuzotternbisse sind in der Regel nicht tödlich." Jens erreichte außer Atem die Veranda. "Sein Handy ist im Schlafzimmer?"
"Ja, auf dem Nachttisch!" Gina schüttelte ihren Kopf. "Nicht schon wieder Sabrina. Sie erwischt es aber dauernd."
Jens verschwand in der Hütte und war kurz darauf wieder da. "Mist, das Ding ist tot. Ich kriege keinen Empfang und was jetzt?" Ratlos betrachtete er erst das Telefon und anschließend die Frauen.
"Das Autotelefon in Sabrinas Wagen müsste doch funktionieren", sagte Stella.
"Katharina ist vor zwei Stunden mit dem Auto nach München gefahren und kommt erst morgen wieder."
Mark, Peter und Siegfried mit Sabrina auf dem Arm kamen an der Hütte an. Siegfried trug Sabrina durch die offene Tür in ihr Schlafzimmer und legte sie auf das Bett.
"Was ist los? Hast du sie erreicht? Sind sie unterwegs?" Fragte Mark sofort.
"Nein, wir haben keinen Empfang. Und Katharina ist mit Sabrinas Auto weggefahren, also haben wir auch kein Autotelefon", antwortete Jens.
"Dann haben wir ein Problem. Das Risiko sie hier zu behalten ist mir mit zwei Schlangenbissen und dem Verdacht auf Gehirnerschütterung eigentlich zu groß. Wir fahren sie mit meinem Auto in die Klinik. Peter holst du bitte den Wagen hinter dem Haus? Die Schlüssel liegen im Wohnzimmer."
"Bin schon unterwegs." Peter stürmte in das Wohnzimmer und anschließend hinter das Haus. Die Geräusche die dann zu hören waren, klangen nicht gut.
"Herrgott warum kommt der nicht?" Jens lief um die Ecke. "Peter was ist los?"
"Das Auto springt nicht an!"
"Das gibt es nicht, lass mich mal!"
Aber auch Jens konnte keinen Erfolg verzeichnen. Der Motor gab trotz wiederholter Versuche keinen Mucks von sich.
"Ich mache die Motorhaube auf, vielleicht können wir etwas entdecken", sagte Jens sauer und zog am Hebel. Die Haube sprang auf und mit einem Blick erkannten sie, was passiert war. Mehrere Kabel waren von einem Marder durchgebissen worden.
"Verdammte Scheiße! Und jetzt?" Jens war völlig verzweifelt und Tränen standen in seinen Augen. "Wir müssen uns etwas einfallen lassen!" Jens schmiss die Motorhaube zu und gemeinsam gingen sie zurück zu den anderen die inzwischen im Wohnzimmer waren.
"Was ist los, warum kommt ihr nicht endlich mit dem Auto?" Rief Mark, der sich die ganze Zeit um Sabrina gekümmert hatte, aufgebracht.
"Dein Auto springt nicht an. Ein Marder hat mehrere Kabel durchgebissen", berichtete Jens. "Was machen wir jetzt?"
"Ich glaube das nicht! Geht denn heute alles schief?" Mark schlug mit seiner Faust an die Wand. "Wir müssen einen anderen Weg finden. Der Fuß schwillt schon an und verfärbt sich. Ihre Temperatur steigt und sie schwitzt stark."
"Darf ich auch etwas zur Diskussion beitragen? Mark verbreite nicht solche Panik, das sind ganz normale Reaktionen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich von einer Schlange gebissen werde. Die letzte war wirklich giftig und ich habe überlebt. Siggi hole bitte die Tasche und erkläre es ihm, in den Grundzügen weiß er Bescheid. Ich werde das schon durchstehen. Vor allem muss ich in den nächsten Stunden viel trinken." Erschöpft schloss sie die Augen.
"Herrgott Sabrina! Ich bin hier der Arzt, es geht dir nicht gut und ich treffe die Entscheidungen." Brauste Mark auf.
"Sabrina ist eine "Indigo" und sie wird damit fertig werden, sie hat schon ganz andere Sachen durchgestanden. Hier, gib ihr diese Ampulle, das wird ihr helfen. Sie muss jetzt viel trinken, das wird ihr helfen das Gift über die Niere auszuscheiden. Mit dieser Salbe legen wir einen leichten Salbenverband an und werden das Bein und den Arm kühlen." Erklärte Siegfried und befestigte zwei Plättchen an ihrer Stirn und eines in der Nähe des Herzens. "Über dieses Gerät kannst du ihren Blutdruck und Puls überwachen. Mit dieser Funktion hier kannst du ihre Hirnströme messen und sehen, wie schwer die Gehirnerschütterung ist." Während er sprach zeigte er Mark die Funktionen des kleinen Gerätes.
"Was ist das für ein Apparat?" Fragte Mark überrascht.
"Eine Spezialanfertigung für uns, die wir als Notfallausrüstung immer dabei haben. Wie du siehst ist es nur eine leichte Gehirnerschütterung."
"Trotzdem würde ich mich besser fühlen, wenn wir sie in ein Krankenhaus bringen, zwei Bisse sind zu viel. Außerdem ist es das rechte Bein das im letzten halben Jahr drei Mal verletzt war. Einer von uns muss zurück in das Tal laufen. Ich glaube auf halber Strecke war ein Bauernhof. Vielleicht kann man von dort telefonieren." Mark schüttelte energisch den Kopf.
"Mark, hast du zugehört? Es ist nicht nötig. Bitte höre auf damit, ich schaffe das auch so. Ich spüre das Gift nur im Bein, im Arm nicht. Das Risiko für denjenigen der geht ist viel zu groß, es zieht ein Gewitter auf." Genervt sah Sabrina ihn an.
"Nein! Einer von uns wird gehen, das ist unsere Entscheidung. Und wenn du dich nicht raus hälst, dann stelle ich dich ruhig." Mark funkelte Sabrina zornig an.
Sabrina wollte gerade tief Luft holen und antworten um weiter mit ihm zu diskutieren, als sie Siggis beruhigenden Händedruck spürte.
Von allen unbemerkt war Oliver aus der Hütte geschlichen und davon gerannt. Immer wieder hatte er in den Gesprächen der Erwachsenen seinen Namen gehört. Die verletzte Sabrina und das Blut erschreckten ihn und er bekam Angst. Angst, dass er verantwortlich dafür war und man mit ihm schimpfen würde. Mit Tränen überströmten Gesicht rannte er über die Wiese bis zum Wald und immer weiter.
Leise schluchzte er: "Ich habe nichts gemacht. Ich kann nichts dafür."
Ein ohrenbetäubender Donnerschlag brachte ihn zum Stehen. Wo war er? Langsam drehte er sich um die eigene Achse. Er stand mitten in einem Wald mit riesigen Bäumen und dichten Büschen. Es war düster und die langen Schatten erschreckten ihn. Wieder fing er an zu weinen. In seiner Verzweiflung begann er ganz laut zu schreien:
"Mami! Papi! Wo seid ihr! Hilfe!"
Aber niemand antwortete auf sein Rufen. Er musste zurück, aber woher war er gekommen? Ängstlich rufend ging er langsam in eine Richtung, in der Hoffnung, dass es der Rückweg war. Aber er entfernte sich nur noch weiter von der Hütte. Er stolperte, viel hin und blieb erschöpft und traurig im feuchten Moos zwischen den Wurzeln eines alten Baumes liegen. Das dichte Blätterdach schützte ihn kurze Zeit vor dem einsetzenden Regen. Mit dem Regen wurde es noch dunkler und kälter. Oliver begann zu frieren. Er zog die Arme und Beine eng an den Körper und drückte sich noch dichter an den Baum. Bei jedem Blitz und Donnerschlag fuhr er erschrocken zusammen.
"Wer macht sich auf den Weg ins Tal?" fragte Peter.
"Es ist absolut nicht nötig, davon bin ich überzeugt. Ihr schätzt die Lage viel zu ernst ein." Siegfried schüttelte mit dem Kopf.
"Ich bin hier der Arzt und treffe die medizinischen Entscheidungen und sage sie muss in ein Krankenhaus." Mark baute sich vor Siegfried auf.
"Wenn überhaupt jemand geht, dann sollte ich gehen. Es wird vermutlich zwei bis drei Stunden dauern zu Fuß und ich dürfte die beste Kondition haben. Außerdem wird sich das Wetter demnächst verschlechtern", antwortete Siegfried.
"Nein, ich gehe. Soweit ich euere Indigo-Fähigkeiten verstehe kannst du Sabrina am besten helfen, falls es Probleme gibt. Mark als Arzt sollte hier bleiben und Peter ist mit seiner Blase auch nicht gut zu Fuß. Es fällt mir schwer, aber es ist die beste Lösung", sagte Jens.
Abrupt schlug Sabrina ihre Augen auf. "Oliver! Wo ist er?" fragte sie erschrocken.
Keiner hatte in der letzten Zeit auf ihn geachtet, weil sich alle auf Sabrina und die widrigen Umstände konzentrierten. Nun sahen sie sich um und suchten ihn.
"Oliver? Wo versteckst du dich? Komm bitte her!" rief Stella besorgt.
Nach einer viertel Stunde intensiver Suche stand fest, er war nicht da.
Stella saß weinend auf einem Stuhl und Peter versuchte sie zu trösten.
"Wir werden ihn schon finden. Vermutlich ist er aufgrund der ganzen Aufregung davon gerannt. Das hat ihn wahrscheinlich alles sehr erschreckt."
Ein leuchtender Blitz und ein lauter Donnerschlag lies sie alle zusammenfahren. Innerhalb erschreckend kurzer Zeit hatte sich das Wetter verschlechtert und eine gewaltige Gewitterfront baute sich auf.
"Ihr müsst ihn suchen! Katharina hat gesagt, es kommen heftige Gewitter heute Abend, das wird gefährlich. Außerdem wird es dadurch stark abkühlen", sagte Sabrina voller Sorge.
"Wir müssen jetzt gut überlegen was wir tun." Mark versuchte trotz allem ruhig zu bleiben. "Jens, du läufst trotzdem los ins Tal. Nimm entsprechende Kleidung mit und zieh dich warm an. Versuche unter allen Umständen die Basis zu erreichen. Sie sollen sobald als möglich hier her kommen und ein Antiserum mitbringen. Der Arm ist noch nicht angeschwollen, das kann aber noch bis 3 Stunden nach dem Biss auftreten. Gina und Stella sind Schwanger und bleiben in der Hütte, der Rest von uns geht Oliver suchen. Und Sabrina, du bleibst auf alle Fälle im Bett liegen, versprich mir das." Mark sah Sabrina in die Augen und wartete bis sie zustimmend nickte. "Gut. Gina wird dir helfen das Bein und den Arm zu kühlen. Wir nehmen Regenkleidung mit, das Gewitter lässt sicher nicht mehr lange auf sich warten bis es los legt."
"Mark du kannst sagen was du willst, ich komme mit. Schließlich bin ich seine Mutter! Oliver hat doch so schreckliche Angst vor Gewittern", sagte Stella bestimmt und stand auf.
Jeder ging in sein Zimmer, zog sich entsprechende Kleidung an und suchte nach einer Taschenlampe.
"Siggi warte!" Sabrina hielt ihn fest. "Du kannst ihn finden. Hole dir sein Kuscheltier und konzentriere dich auf Oliver, dann wirst du den richtigen Weg zu ihm finden. Es ist seine einzige Chance."
"Das funktioniert?" Fragte Siegfried leicht zweifelnd.
"Du kannst das, ich weiß es. Deine Fähigkeiten sind in letzter Zeit sehr stark geworden, ich habe vertrauen in sie, glaube du auch daran. Nimm eine Rettungsdecke mit." Zuversichtlich sah Sabrina ihn an.
"O.K. ich versuche es. Versprich mir, dass du liegen bleibst."
Sabrina nickte und Siegfried verlies das Schlafzimmer. Unbemerkt von den anderen nahm er Olivers liebstes Kuscheltier, einen Stoffkater, und steckte ihn unter seine Jacke. Als alle auf der Veranda standen legten sie für jeden die Suchrichtung fest. In immer kürzeren Abständen erleuchteten die Blitze den Himmel und die krachenden Donnerschläge folgten in dichten Abständen.
"Viel Glück Jens und pass auf dich auf!" Sagte Peter und reichte ihm die Hand.
"Euch auch, ich hoffe ihr findet ihn bald! Wir sehen uns!" Jens nickte kurz und jeder ging in eine andere Richtung davon.
Jens rannte fast den Weg in Richtung Tal hinunter, angetrieben durch den Donner. Trotzdem fing es bereits eine halbe Stunde später an wie aus Kübeln zu gießen und er kam auf dem nassen und schlammigen Untergrund nur noch langsam voran. Ständig musste er darauf achten nicht auszurutschen und zu stürzen. Er spürte wie der Regen langsam durch die Ritzen seiner Kleidung drang. Die Feuchtigkeit und Kälte lies ihn frösteln. Aber die Sorge, vor allem um Sabrina, trieb ihn an. Er wusste um ihre Indigo-Fähigkeiten und schon oft hatte er gesehen wie schnell der Heilungsprozess bei ihr voran ging, aber Schlangenbisse und gleich zwei?? Die Zweifel die Mark angeregt hatte, nagten an ihm. Viele Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Warum musste sich ausgerechnet heute der Spruch bewahrheiten ´Ein Unglück kommt selten allein`. Eine Sache nach der anderen war schief gegangen, sie reihten sich wie eine Kette aneinander. Was würde noch kommen? Hatte endlich alles ein Ende? Oder würde es weiter gehen? Machte es überhaupt einen Sinn zu Fuß bei diesem Wetter in das Tal zu Laufen? Bei so starkem Regen und Gewitter konnte der Medicopter unter keinen Umständen starten. Bis sie mit dem Auto bei diesem Wetter ein Antiserum besorgt und hier hoch gefahren wären, würden viele Stunden vergehen, vermutlich bis zum morgigen Tag. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr zweifelte er an der Entscheidung. Sollte er zurück gehen und den anderen bei der Suche nach Oliver helfen? Vielleicht sollte er doch stärker auf Sabrinas Fähigkeiten vertrauen. Ganz langsam reifte in ihm der Entschluss umzudrehen und zur Hütte zurück zu kehren. Jens blieb stehen und ihm wurde klar, Siegfried und Sabrina hatten Recht. Sie würde es schaffen und er hätte bei ihr bleiben sollen. Er drehte um und machte sich auf den Rückweg.
Nicht weit entfernt, irgendwo vor sich, hörte er ein gewaltiges Rumoren. Das war kein Donner. Er konnte das Geräusch nicht zuordnen. Wenige Minuten später wusste er, was passiert war. Ein Erdrutsch! Massen an Erde, Steinen und Schlamm versperrten ihm den Rückweg. Verzweifelt warf er einen Blick in den Himmel, die Natur hatte ihm die Entscheidung abgenommen, er musste ins Tal. Wie lange würde es nun dauern, bis er wieder bei Sabrina war?
Sabrina und Gina blieben alleine in der Hütte zurück. Gina kam mit einer Schüssel kalten Wassers zurück in das Schlafzimmer.
"Danke Gina. Mach bitte von den Tropfen ins Wasser", sagte Sabrina und reichte ihr eine kleine Flasche. "Ist er immer so?"
"Wer? Wieso?" Gina sah Sabrina verwundert an. Sie legte frische, kühle Umschläge an und setzte sich zu ihr auf das Bett.
"Mark. Ist es immer so schwierig mit ihm zu reden und ihn zu überzeugen?"
"Was meinst du wie oft wir am Anfang unserer Beziehung Streit hatten. Er ist ein ziemlicher Dickschädel, aber ich stehe ihm in nichts nach. Es hat eine Weile gedauert, bis wir eine gemeinsame Basis gefunden haben. Mit der Zeit habe ich ihn mir ein bisschen zurecht gestutzt. Warum fragst du?"
"Wegen unserer Diskussion vorhin. Es war nicht nötig, dass Jens ins Tal geht. Bei dem Wetter kann ein Helikopter sowieso nicht starten, das weißt du selbst. Und bis er mit dem Auto zurück ist wird es auch morgen früh. Es ist ein unnötiges Risiko. Die Bissstelle am Arm schwillt nicht an, also hat die Schlange kein Gift hinterlassen und das Bein beruhigt sich schon. Ich dachte Michael hat mir ihm gesprochen."
"Vermutlich hast du unter diesen Umständen recht. Aber diese Geschichte mit deinen Fähigkeiten, das ist so schwer zu verstehen. Er ist Arzt und sieht das aus einem anderen Blickwinkel."
Durch die Fenster fiel der Schein eines Blitzes und kurz darauf war der Donnerschlag zu hören. Gina zuckte leicht zusammen.
"Hoffentlich finden sie Oliver bald und kommen zurück. Wenn das anfängt zu regnen werden sie klitschnass. Kann ich dich kurz alleine lassen? Ich werde nach dem Feuer sehen, eine heiße Suppe und Tee ansetzen." Besorgt und voller Unruhe stand Gina auf.
"Geh nur. Ich bleibe liegen. Wenn du später zurück kommst bring mir bitte eine Flasche Wasser mit, ich muss noch viel trinken."
Mark, Peter, Stella und Siegfried liefen zur selben Zeit in vier verschiedene Richtungen. Ihre lauten Rufe hallten durch den Wald und über die Wiese, wurden aber immer wieder vom Donnergrollen übertönt. Starker Regen setzte ein und drang nach und nach durch alle Ritzen ihrer Kleidung, selbst die Regenjacken boten auf Dauer keinen Schutz.
Der erste der aufgab und sich auf den Rückweg machte war Mark da sein Weg vor einer Felswand zu Ende war. Auch auf dem Rückweg fand er keinen Hinweis auf Oliver. Und selbst wenn einer da gewesen war, der starke Regen hätte alle Spuren verwischt.
Peter erreichte eine Weggabelung und blieb stehen als seine Taschenlampe flackerte und ausfiel. "Mist, das hat mir gerade noch gefehlt. Musst du blödes Ding ausgerechnet jetzt den Geist aufgeben?" Laut fluchend warf er die Lampe auf den Boden. Ohne Taschenlampe konnte er die Suche aufgeben, es war jetzt schon kaum etwas zu erkennen. Die feuchten Kleider klebten inzwischen kalt an ihm. Er überlegte immer noch was er tun sollte, als er ein leises Rufen hörte. Peter folgte der Richtung aus der es kam und traf auf die verzweifelte Stella.
"Du hast ihn auch nicht gefunden?" fragte er.
"Nein!" schluchzte Stella. "Peter ich kann nicht mehr!"
"Lass uns zurück zur Hütte gehen. Vielleicht haben Mark oder Siegfried ihn gefunden, oder er hat den Weg zurück alleine geschafft. Bestimmt sitzt er am Kamin und lacht über die blöden Erwachsenen die im Regen herum laufen und ihn suchen." Versuchte Peter Stella und sich selbst aufzumuntern. Er legte einen Arm um ihre Schulter und sie liefen den Weg zurück. Stella zitterte vor Nässe und Kälte. Sie stolperte immer wieder und Peter spürte, dass sie am Ende ihrer Kräfte war. Hoffentlich schadete diese Anstrengung und Aufregung ihrer Schwangerschaft nicht.
Fast gleichzeitig mit Mark erreichten sie die Hütte. Peter erkannte ihn von Weitem an der Statur.
"Mark, hast du ihn gefunden?" Rief er hoffnungsvoll.
"Nein, leider nicht. Aber Siegfried ist noch nicht zurück. Ich hoffe sehr, er findet Oliver." Mit einem schnellen Blick erfasste er den schlechten Zustand von Stella. "Peter, sie muss dringend ins Warme und in ein Bett."
Mark öffnete die Tür. Von drinnen strömte ihnen warme Luft entgegen.
Gina stand in der Küche und sah sie erwartungsvoll an. Aber Mark schüttelte nur stumm mit dem Kopf. Zum Glück lagen auf dem Tisch bereits Handtücher und Decken. Sie frottierten Stella ab, zogen ihr die nassen Kleider aus und wickelten sie in Decken. Gina stellte für jeden eine Tasse dampfenden Tee bereit. Als Stella in einem Sessel am Kamin saß trockneten sich Mark und Peter ab und zogen sich frische Kleider an.
"Stella gehört ins Bett und sollte schlafen. Ich mache mir Sorgen um das Baby. Sie hat die kritische Zeit noch nicht hinter sich, Mark." Sagte Peter.
"Meinst du sie lässt sich etwas zur Beruhigung geben, solange Oliver nicht gefunden ist?" Mark sah Peter fragend an.
"Unter einem Vorwand vielleicht. Mark ich will gar nicht daran denken, wenn wir beide Kinder verlieren verkrafte ich das nicht und Stella erst recht nicht." Verzweifelt lehnte sich Peter an die Wand und kämpfte mit den Tränen.
"Nun verliere den Mut nicht. Siegfried ist noch unterwegs, bestimmt findet er Oliver. Ich glaube, er wird nicht aufgeben, so wie ich ihn einschätze. Versuchen wir es mit Stella, hilfst du mir?"
Mark öffnete den Notfallkoffer und suchte ein für die Schwangerschaft harmloses Beruhigungsmittel. Peter ging inzwischen zu seiner Frau und setzte sich auf die Lehne des Sessels. Zärtlich strich er ihr über die Wange.
"Hast du dich ein wenig aufgewärmt?"
"Ja. Der heiße Tee und die warme Suppe die Gina vorbereitet hat haben mir gut getan." Stella lehnte sich an Peter.
Mark kam mit dem Blutdruckmesser und einer Spritze in der Hand ebenfalls zurück.
Stella runzelte die Stirn. "Mark, was hast du vor?"
"Du siehst nicht besonders gut aus, ich möchte nur deinen Blutdruck kontrollieren", sagte er und tat dies. "Stella, der ist gewaltig im Keller. Im Hinblick auf deine Schwangerschaft möchte ich dir vorsichtshalber ein Kreislaufmittel spritzen, einverstanden?"
"Stella, bitte!" Peter sah seine Frau bittend an.
Stella nickte zustimmend und Mark verabreichte ihr die Spritze. Kurz darauf war sie eingeschlafen und sie legten sie gemeinsam in ihr Bett. Mark tastete vorsichtig ihren Bauch ab.
"Es scheint alles in Ordnung zu sein, Peter."
"Danke Mark", antwortete dieser mit ein wenig Erleichterung. "Ich glaube, ich werde noch einmal los gehen und nach Oliver suchen. Hier finde ich doch keine Ruhe. Der Tee hat aufgewärmt und ich bin wieder trocken. Oliver hält das da draußen nicht die ganze Nacht durch, durch den Regen ist es kalt geworden."
Während er redete ging Peter mit Mark zurück in das Wohnzimmer.
"Ich sehe nach Sabrina und komme mit." Mark drückte die angelehnte Schlafzimmertür auf und blickte auf ein leeres Bett. "Wo ist sie?" rief er erschrocken und drehte sich um.
"Hier bin ich!" Sabrina lehnte am Türrahmen des Badezimmers.
"Du hast mir versprochen, dass du liegen bleibst!" Entsetzt sah Mark sie an.
"Ich habe in den letzten beiden Stunden drei Liter Wasser getrunken, ich musste einfach mal auf die Toilette. Außerdem habe ich mich übergeben. Dafür fühle ich mich jetzt besser."
"Du sollst dich so wenig wie möglich bewegen." Mit einem tadelnden Blick ging Mark auf sie zu.
"Und was hätte ich tun sollen? Du warst nicht da. Soll ich einen Eimer benutzen oder willst du mir jetzt einen Katheter legen? Anstatt mit mir herum zu streiten könntest du mir helfen wieder ins Bett zu kommen."
Mark holte tief Luft, entschied dann aber nicht weiter mit ihr zu argumentieren.
Als Sabrina wieder im Bett lag untersuchte er ihren Arm, der zum Glück bislang nicht angeschwollen war und ihr Bein. Die Schwellung war nicht weiter fortgeschritten, im Gegenteil er gewann den Eindruck, dass sie ganz leicht zurück gegangen war. Der Salbenverband und die kühlenden Umschläge schienen Wirkung zu zeigen.
"Die Schwellung ist nicht schlimmer geworden und scheint eher abzuklingen. Der Biss am Arm zeigt keine Reaktion. Endgültig sagen kann ich das aber erst in zwei bis drei Stunden. Du scheinst recht zu behalten." Mark kontrollierte noch ihre Werte über das kleine Gerät. "Was mir noch große Sorgen macht ist Oliver. Es ist nass und kalt da draußen, er ist fortgelaufen wie er war und hat keine wärmende Kleidung an. Peter und ich werden noch einmal los gehen."
"Bleibt hier. Siggi wird ihn finden."
"Woher willst du das wissen?"
"Ich glaube fest daran. Er will es und er kann es schaffen. Wartet noch ein wenig. Wenn wir uns stark auf eine bestimmte Person konzentrieren können wir den Weg zu ihr finden."
"Hängt das mit eueren Fähigkeiten zusammen?"
"Ja. Versuche einfach darauf zu vertrauen."
"Das ist schwer zu verstehen, wenn ich es sehen könnte vielleicht."
"Warum müssen die Menschen immer alles sehen um es zu verstehen? Hast du bei mir nicht schon genug gesehen?"
"Doch, aber ....."
"Was aber?"
"Es war einfach so viel heute."
"Warte noch ein wenig, wenn Siggi in einer halben Stunde nicht zurück ist könnt ihr immer noch los gehen."
Peter steckte den Kopf durch die Tür. "Mark ich will los, kommst du mit?"
"Wir sollten uns längere Zeit aufwärmen bevor wir los gehen. Warte noch!"
"Tut mir leid, ich habe keine Ruhe. Oliver kann da draußen unmöglich lange durchhalten", sagte er und zog den Reißverschluss seiner Jacke zu.
In diesem Moment klopfte es an der Eingangstür. Gina die in der Nähe stand öffnete sofort. Ein vollkommen durchnässter Siegfried stolperte durch die Tür. In den Armen trug er Oliver den er in seine Jacke und eine Rettungsdecke gehüllt hatte. Mark und Peter waren sofort bei ihnen um ihm den Jungen abzunehmen. Gina reichte Siegfried Handtücher.
"Hallo Papa, es tut mir Leid." Flüsterte Oliver leise und blinzelte sie an.
"Es ist in Ordnung, du bist in Sicherheit. Alles wird gut", beruhigend sprach Peter auf Oliver ein während sie ihn abtrockneten, die nassen Kleider auszogen und ihn in warme Decken einpackten. Mark untersuchte ihn vorsichtig und Gina brachte eine warme Tasse Tee den sie ihm vorsichtig einflössten.
"Er ist nicht verletzt Peter. Etwas unterkühlt und vermutlich wird er eine gehörige Erkältung davon tragen, aber nichts, was wir nicht in den Griff bekommen." Beruhigend klopfte Mark Peter auf die Schulter.
Kurz darauf war Oliver in Peters Armen eingeschlafen und er legte ihn ins das große Bett in dem bereits Stella schlief. Er nahm sie beide in den Arm und bis Mark aus dem Zimmer ging war auch er erschöpft eingeschlafen.
"Wenigstens das ist gut gegangen", sagte Mark und lehnte seinen Kopf an die Schulter von Gina. "Du hast viel gemacht heute Abend und solltest dich auch ausruhen. Ich brauche nicht noch zusätzlich Komplikationen mit einer hoch Schwangeren, für heute ist mein Maß an Aufregungen voll."
"Ich kann dich beruhigen, uns geht es gut. Aber müde bin ich und werde mich hinlegen. Was machst du?" fragte Gina.
"Nach Sabrina sehen. Es hat sich bislang nicht so schlimm entwickelt wie ich befürchtet habe, aber ich denke, ich werde über Nacht in ihrer Nähe bleiben."
Siegfried hatte sich, nachdem Peter und Mark sich um Oliver kümmerten, ebenfalls abgetrocknet und umgezogen. Mit einer Tasse Tee ging er zu Sabrina in das Schlafzimmer und setzte sich zu ihr ans Bett.
"Du hast ihn gefunden! Ich wusste du schaffst es!" Zufrieden sah sie ihn an.
"Es war gar nicht so schwer, mit dem Kuscheltier und der Konzentration auf ihn. Es war, als ob ich einem unsichtbaren Faden folgen würde. Ich war nur überrascht, wie weit der kleine Kerl gelaufen ist. Viel länger hätte er vermutlich nicht durchgehalten, er trug nur leichte Kleidung. Meine Jacke und die Rettungsdecke haben ihn warm gehalten. Wie geht es dir?"
"Die Schwellung am Bein geht langsam zurück. Ich habe Unmengen Wasser getrunken um das Gift auszuschwemmen. Hilfst du mir bitte zur Toilette? Mark muss das nicht unbedingt sehen, ich habe vorhin schon wieder mit ihm diskutiert."
"Klar, helfe ich dir", sagte Siegfried und half ihr beim Aufstehen.
Kurz darauf lag Sabrina wieder im Bett.
"Er versteht es nicht, oder?" Fragte Siegfried.
"Es ist nicht einfach für einen Außenstehenden. Wie lange hast du gebraucht? Und dabei hast du dieselben Fähigkeiten."
"Du hast recht, ich habe auch Zeit gebraucht es zu verstehen."
"Warum hast du dich eigentlich bereit erklärt ins Tal zu gehen?"
"Ich wollte die Diskussion beenden und dir Ruhe verschaffen. Ich habe gemerkt, dass es keinen Sinn macht, er war nicht zu überzeugen. Es ist spät geworden, du solltest versuchen zu Schlafen, das ist gut für den Heilungsprozess. Soll ich dir helfen?" Siegfried strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn.
"Nein, ist nicht nötig. Du hast selbst genug Kraft gebraucht für die Suche und um Oliver in seinem geschwächten Zustand zu helfen. Ich schaffe das schon."
"Gut. Ich bleibe trotzdem heute Nacht bei dir, falls du durch das Fieber Albträume bekommst, Schwesterchen." Siegfried zog sich einen Sessel zum Bett und machte es sich mit Kissen bequem.
"Danke, Bruderherz." Antwortete Sabrina schmunzelnd und schloss die Augen.
Siegfried wechselte gerade die kühlenden Umschläge als Mark das Schlafzimmer betrat.
"Wie geht es ihr? Schläft sie?" Fragte er besorgt.
"Die Schwellung am Bein geht zurück und am Arm hat sich praktisch keine gebildet. Sie schläft seit kurzem und hat leichtes Fieber, aber das ist in ihrem Zustand normal und wichtig für sie. Ich werde bei ihr bleiben falls es steigen sollte und sie Albträume bekommt."
"Du scheinst Sabrina sehr gut zu kennen und medizinische Erfahrung zu haben. Wie lange arbeitest du schon für die Organisation?" Mark setzte sich auf die Bettkante.
"Ich habe eine Ausbildung zum Sanitäter gemacht, wie alle Mitarbeiter von Sabrina. Kennen gelernt habe ich sie auf einer Hilfsmission des DRK in Rußland vor etwas mehr als 3 ½ Jahren." Siegfried blickte ihn nachdenklich an.
"Da steckt bestimmt eine Geschichte dahinter. Würdest du sie mir erzählen? Vielleicht kann ich Sabrina dadurch besser kennen lernen und verstehen."
"Ja, vielleicht hilft dir das. Jeder von uns hat seine Geschichte wie er zur Organisation gestoßen ist. In der letzten Oktoberwoche 2000 wurde ein Konvoi mit medizinischen Hifsgütern und Medikamenten zusammengestellt der Anfang November in ein Kriesengebiet im tiefsten Rußland starten sollte. Es war ein stark umkäpftes Gebiet zwischen Usbekistan und Afghanistan das schwer zugänglich war und mit Flugzeugen nicht zu erreichen. Drei Ärzte, zehn Schwestern und Sanitäter sollten dort ein Feldlazarett aufbauen. Zum Schutz sollte meine Einheit den Konvoi begleiten, da nicht auszuschließen war, dass es zu Übergriffen durch die Rebellen kam. Sabrina und Igor waren als Übersetzer und Ortskundige dabei und sollten den Konvoi leiten. Das hat im Großen und Ganzen sehr gut funktioniert. Wir waren nur durch den bevorstehenden Winter im Zeitdruck. Deshalb hat einer der Ärzte, Dr. Eisner, immer wieder zur Eile angetrieben. Sabrina hat sich deshalb mit ihm immer mal wieder in den Haaren gehabt, weil er ihre Vorsichtsmaßnahmen und Anweisungen immer wieder außer acht lies. Dadruch wären wir fast in ein Mienenfeld gefahren, wenn Sabrina und Igor uns nicht rechtzeitig gewarnt hätten. Das Entschärfen und teilweise Umfahren hat uns enorm viel Zeit gekostet. Ich glaube, ohne die Beiden wären wir da nicht ohne Verluste durchgekommen. Einmal hat sie mit einer blitzschnellen Reaktion in letzter Sekunde verhindert, dass ich auf eine Miene getreten bin. Das hat mich sehr beeindruckt. Einige Tage später haben wir einen kleinen Flusslauf, der durch Regenfälle im Gebirge enorm angeschwollen war, erreicht. Die Holzbrücke die über den Fluss führte war teilweise zerstört. Wir standen ratlos und enttäuscht davor. Sabrina und Igor untersuchten die Brücke genauer, mußten aber feststellen, dass wir sie zwar notdürftig reparieren konnten, aber unsere Fahrzeuge zu schwer waren. Wir beschlossen ein Nachtlager aufzubauen und den nächsten Tag abzuwarten in der Hoffnung, dass das Wasser zurück ging, da der Fluss an dieser Stelle eigentlich relativ flach und normalerweise bei Niedrigwasser zu durchfahren war. Sabrina und Igor waren am Fluss und studierten die Karten um eventuell eine schnellere Lösung zu finden. Dr. Eisner wollte aber nicht warten und wies den Fahrer seines Lastwagens an über die notdürftig reparierte Brücke zu fahren. Dieser zögerte erst und fuhr dann aber doch los, weil er ihn massiv unter Druck setzte. Sie schafften es tatsächlich die Brücke bis zur Hälfte zu überqueren, als sie einbrach. Die Strömung riss den Laster sofort mit sich. Sabrina und Igor reagierten unheimlich schnell. Mit Hilfe eines Seiles erreichte sie den Laster unter großer Anstrengung und musste sich entscheiden wem sie zuerst half, weil sie eingeklemmt waren. Es gelang ihr die Tür zu öffnen. Sie band Dr. Eisner das Seil um und wir zogen ihn ans rettende Ufer. Bis wir ihr das Seil wieder zuwerfen wollten, war das Fahrzeug so weit abgetrieben, dass wir sie nicht mehr erreichen konnten. So gut es die Landschaft zulies sind wir zu fünft dem Flusslauf gefolgt. Ein gutes Stück weiter unten fanden wir Sabrina vollkommen erschöpft, durchgefroren, mit zahlreichen schweren Prellungen und Schürfwunden am Ufer. In ihren Armen hielt sie den Fahrer Klaus, einen meiner Männer. Er hatte bei einen Zusammenprall mit einem Felsen im Fluss schwere Kopfverletzungen davon getragen und war gestorben. Den Lastwagen und den Sanitäter der noch darin gesessen hatte, haben wir nicht mehr gefunden. Bis wir Sabrina zum Lager zurück gebracht hatten, fieberte sie bereits. In der Nacht stieg das Fieber und eine Lungenentzüngung stellte sich ein. Sie war zu lange im eiskalten Wasser gewesen. Das Problem war, dass in dem verloren gegangenen Lastwagen die ganzen Medikamente waren. Igor konnte ihr zwar teilweise helfen, aber sie war nicht transportfähig. Zum Glück viel der Wasserspiegel in den nächsten beiden Tagen soweit, dass wir den Fluss durchqueren konnten. Ein paar Kilometer weiter war ein Dorf in dem wir freundlich aufgenommen wurden. Weil Dr. Eisner wieder druck machte und weiter wollte blieb Norbert mit Sabrina dort zurück. Igor und ich begleiteten den Konvoi bis zum Ziel ohne weitere Zwischenfälle. Nachdem das Feldlazarett aufgebaut und alles geregelt war, wollte Igor zurück. Dr. Eisner meinte wozu, das kann sie ohne Antibiotika sowieso nicht überlebt haben, unsere Aufgabe hier ist wichtiger hier sind mehr Menschen die unsere Hilfe benötigen. Igor blickte ihn nur traurig an und sagte: Meine Aufgabe war sie hier her zu bringen, mehr nicht. Sie hat ihnen das Leben gerettet, meinen sie nicht, dass das reicht um ihres zu retten? Sabrina ist eine gute Freundin und ich werde zu ihr zurück kehren, außerdem weiß ich, dass sie überlebt. Sie hat so viel für ihre Aufgabe getan, deshalb sollten wir sie jetzt nicht im Stich lassen, es gibt Menschen die jede Mühe wert sind, sie gehören für mich nicht dazu. Igor blickte ihm direkt in die Augen, aber er drehte sich ohne ein Wort um. Er hat sich nicht einmal bedankt oder den Verlust von zwei Menschen bedauert, sein Ziel war nur der Aufbau des Feldlazarettes. Ich kann dir nicht mehr genau sagen was der Auslöser war, vermutlich die Umstände und was wir zusammen erlebt haben, dass ich das Kommando abgegeben und Igor zurück begleitet habe. Als wir in dem Dorf ankamen befand sich Sabrina wie durch ein Wunder auf dem Weg der Besserung. Mit Igors Unterstützung und Kräutertees die von den Einheimischen gekocht wurden und einer Schwitzhütte war sie nach einer Woche soweit auf den Beinen, dass wir uns auf den Rückweg machen konnten. In dieser Zeit haben wir viel erzählt, ich habe von ´People for People` erfahren und gesehen was ihre Indigo Fähigkeiten bewirken können. Ich habe damals beschlossen mich ihnen anzuschließen, musste aber in der nächsten Zeit noch viel Lernen, vorallem ihrem Urteilsvermögen und ihren Instikten zu vertrauen. Bereut habe ich es nie. Wir waren uns von Anfang an seltsam vertraut und vor kurzem haben wir herausgefunden, dass wir praktisch Geschwister sind."
"Du vertraust ihr und ihren Fähigkeiten vollkommen?"
"Ja. In den letzten Jahren haben wir viele Einsätze zusammen durchgestanden und ich habe gelernt, dass ich ihrer Einschätzung in jeder Hinsicht vertrauen kann. Das hat uns schon oft das Leben gerettet."
"Ihr beide seid Geschwister? Davon hat sie nie etwas erwähnt."
"Wir haben das selbst erst vor nicht allzulanger Zeit festgestellt. Unsere Mütter waren Zwillingsschwestern die getrennt voneinander in Frankfurt und Hamburg aufgewachsen sind. Unser gemeinsamer Vater hat beide Frauen geliebt. Sie wurden gleichzeitig schwanger und wir sind am gleichen Tag geboren worden. Daher auch die seltsame Vertrautheit die wir empfunden haben."
"Das ist wirklich ein seltsamer Zufall. Ihr wusstet nichts voneinander?"
"Nein. Unsere Mütter wurden gleich nach der Geburt getrennt und zur Adoption freigegeben. Es deutete nichts darauf hin. Erst ein Zufall hat uns auf die Spur gebracht. Wir konnten es zuerst selbst nicht glauben und haben unser genetisches Material überprüft. Es ist fast, als ob wir selbst Zwillinge wären."
"Bist du deshalb so besorgt um sie? Was meintest du vorhin mit den Albträumen?"
"Es gab einen Zwischenfall bei dem sie in Gefangenschaft geriet. Sie wurde über 10 Wochen in einer Art Krankenhaus festgehalten. Die Ärzte dort haben Experimente mit ihr gemacht und sie gefoltert und gequält, weil sie hinter das Geheimnis ihrer Fähigkeit kommen wollten. Unsere Gruppe war damals noch nicht lange Zusammen und wir haben Hinweise falsch gedeutet. Bis wir endlich reagiert haben, war es fast zu spät. Als wir sie endlich befreien konnten, war sie mehr tot als lebendig. Ohne Igor und ihre Fähigkeiten hätte sie wahrscheinlich nicht überlebt. Ihr Lebensgefährte hat die Zeit dort nicht überlebt. Wir hätten ihr mit Sicherheit einiges erspart und er würde noch leben, wenn wir die Zeichen richtig gedeutet und rechtzeitig reagiert hätten. Sie hat nur Bruchstückhaft erzählt was dort vorgefallen ist, die Erinnerung daran ist sehr schmerzhaft. Wenn bei Heilungsprozessen ihr Fieber über eine gewisse Grenze ansteigt, dann kommen diese Ereignisse in Form von heftigen Albträumen wieder zurück. Deshalb bleibt einer von uns immer in ihrer Nähe, sie spürt im Unterbewußtsein eine vertraute Person, das hilft ihr. Im Ernstfall können wir sie mit unserer Ansprache und Berührung beruhigen." Erklärte Siegfried und strich über Sabrinas Stirn um ihre Temperatur zu prüfen.
"Michael hat mir bereits mehrfach Andeutungen gemacht, aber so viel wie heute habe ich noch nie gehört. Sie hat viel schlechte Erfahrungen gemacht, das erklärt einiges."
"Meine Geschichte kennt er, soweit ich weiß, auch noch nicht. Sie spricht verständlicherweise nicht gerne über diese Erlebnisse. Aber er hat Sabrina und uns schon auf Einsätzen erlebt. Vielleicht sieht er sie deshalb mit anderen Augen."
"Du hast mir auf jeden Fall geholfen sie besser zu verstehen. Ich möchte noch mehr erfahren und lernen von euch."
"Das freut mich. Man kann solche Dinge nur nicht am ersten Tag erzählen und vor allen ausbreiten, das braucht Zeit und man muss die Menschen erst besser kennen lernen."
"Das stimmt. Trotzdem sollten wir nun auch sehen, dass wir ein wenig Schlaf finden, es waren viele Aufregungen heute. Stört es dich, wenn ich mich neben sie auf das Bett lege?" Frage Mark gähnend.
"Nein, mach nur, dort ist es bequemer."
Viele Kilometer entfernt auf der Medicopter Basis ahnten die Kollegen nichts von den Ereignissen und Verwicklungen ihrer Freunde.
Michael öffnete die Tür seines Büros und betrat den Aufenthaltsraum.
"Thomas, wenn du willst kannst du Biggi anrufen, dass sie dich abholt. Wir können heute früher Schluss machen, die Zentrale hat mich eben verständigt.
Spätestens in einer halben Stunde dürfte sich die Wetterlage dermaßen
verschlechtert haben, dass wir nicht mehr fliegen können. Der Wetterdienst hat eine Unwetterwarnung heraus gegeben. Die Front ist so groß, sie wird voraussichtlich die ganze Nacht benötigen um durchzuziehen", erklärte er.
"Na da wird sich Sonja auch freuen und wenn ich früher komme sehe ich meine Tochter noch bevor sie ins Bett geht. Sollen wir die halbe Stunde noch warten, oder kann ich mich gleich verabschieden?" Fragte Ralf voller Vorfreude.
"Ein kleines bisschen solltet ihr noch warten. Spätestens in einer viertel Stunde machen wir Schluss", antwortete Michael.
"Das schlechte Wetter hat auch eine gute Seite. Dann haben wir heute Abend endlich Zeit um die Einladungen für unsere Hochzeit fertig zu machen, so langsam müssen wir sie abschicken." Karin die über Einsatzberichten saß stand auf und umarmte ihn.
"Müssen wir? Du schaffst das doch sehr gut ohne mich, oder nicht? Ich möchte mir noch ein paar Bewerbungen ansehen, demnächst brauchen wir Ersatz für dich." Michael strich liebevoll über Karins Bauch.
"Ich würde das aber viel lieber mit dir zusammen machen. Und wenn wir uns nicht endlich auf einen Termin festlegen, dann bin ich dick und rund und das Kleid passt mir nicht mehr." Beleidigt sah Karin ihn an.
"Du bist immer die Schönste für mich, ganz egal wie dick du bist." Lächelte Michael liebevoll und küsste sie.
"Ha, du sagst es selbst, ich werde dick." Triumphierend und entsetzt schrie Karin leicht auf.
"Aber das hat doch einen guten Grund mein Goldstückchen. Ich wollte dir damit nur sagen, dass ich dich immer lieben werde." Michael versuchte die Zornwelle von Karin zu bremsen und nahm sie in die Arme. Karin kuschelte sich an ihn.
"Aber mein Traumkleid passt bald nicht mehr und das wäre furchtbar schade." Flüsterte sie leise.
Die Verbindungstür zum Hangar öffnete sich und Biggi kam hereingestürmt.
"Hallo Leute! Habt ihr die dicken Wolken gesehen? Das Gewitter kommt dermaßen schnell, da kann man fast zusehen. Wenigstens bringt es Thomas einen frühen Feierabend! Bist du fertig?" Rief sie laut.
"Nur noch umziehen, bin gleich fertig!" Thomas nahm sie in die Arme und wirbelte sie fröhlich durch die Luft.
"Biggi, ich habe eine Frage. Wird dir das in letzter Zeit nicht zuviel mit dem vollen Dienst seit Gina wegen ihrer Schwangerschaft nicht mehr fliegt?"
"Michael, du weißt doch wie gerne ich fliege. Und wenn wir mit drei Teams arbeiten und ich mich mit Thomas abwechseln kann klappt das sehr gut. Die Mädchen helfen uns sehr viel mit Florian, er ist ja schon 8 Monate alt und pflegeleicht. Es ergeben sich immer wieder Freischichten, also kurz gesagt ich habe kein Problem damit. Warum fragst du?" Überrascht sah Biggi ihn an.
"Ich muss mir Gedanken machen, wie es weiter gehen wird. Gina fällt mir mit ziemlicher Sicherheit komplett für längere Zeit aus. Mit Zwillingen kann sie nicht so schnell wieder in den Flugdienst einsteigen. Karin wird auch nicht mehr allzu lange ihren Dienst versehen können. Bislang habe ich keine Bewerbung eines Arztes oder Ärztin die zu uns passen würde. Mark und ich können auf Dauer keine drei Schichten abdecken, zumal wir demnächst Frauen mit Kindern haben. Und eigentlich Zeit für sie haben wollen und sollen." Michael seufzte schwer und machte ein sehr nachdenkliches Gesicht.
"Über Biggi und mich musst du dir keine Gedanken machen. Wir haben uns sehr gut arrangiert. Können wir Michael?" Antwortete Thomas flapsig und sah Michael an, dieser nickte nur.
"Dann las uns gehen, sonst werden wir noch nass. Tschüß bis morgen!" Rief Biggi fröhlich und zog Thomas hinter sich her.
"Ich starte ebenfalls. Arbeitet nicht mehr so lange!" Ralf rannte durch die offene Tür hinterher.
"Jetzt haben wir Ruhe, dann geht es schneller. Du machst dir eine Menge Gedanken, oder? Brauchst du noch lange?" Fragte Karin und strich mit ihrer Hand über seine Stirn die tiefe Sorgenfalten zeigte und durch sein Haar.
"Es ist nicht so einfach als Basisleiter. Ich muss an alles denken. Es ist nicht damit getan die drei Schichten zu besetzen. Was ist, wenn jemand bei einem Einsatz verletzt oder krank wird? Theoretisch könnten wir wieder mit zwei Schichten arbeiten. Aber ehrlich gesagt kennen wir alle den Stress und die Belastung. Ich habe von Dirk schon nicht viel mitbekommen in den ersten Jahren. Diesmal möchte ich für mein Kind mehr da sein. In einer Stunde bin ich fertig, wollen wir zum Italiener essen gehen? Wir könnten in Ruhe über die Hochzeit reden und haben Zuhause keine Arbeit mehr. Ich rufe Dirk an damit er sich selbst etwas warm macht, in der Kühltruhe findet er bestimmt eine Kleinigkeit. Sag mal, für welche Traumhochzeit hast du dich denn entschieden?"
"Heute morgen habe ich die Zusage aus Passau bekommen, die Donauprinzessin ist am 2. Wochenende im Juni noch nicht ausgebucht. Das sind zwar nur mehr 5 Wochen, aber es liegt vor den Ferien und vom Zeitplan langt es uns. Unsere Gäste können alle auf dem Schiff übernachten, somit ist die Unterbringung gleich geregelt. Das Menü müssen wir noch austüfteln. Wir werden gemütlich die Donau hinunter schippern, unterwegs gibt es eine romantische Trauung und den Abschluss bildet eine Kutschfahrt durch das abendliche Wien. Wie findest du den Vorschlag?" Karin blickte ihn mit glücklich glänzenden Augen an.
"Das hört sich wunderschön an und wird bestimmt eine tolle Feier. Das ist unser Jahrestag, oder?"
"Ja, vor einem Jahr bist du aus Amerika zurück gekommen. Es hat sich durch Zufall ergeben, ich denke das bringt uns Glück." Strahlend sah Karin ihn an. Michael umarmte sie fest und küsste sie lange und innig. "Ich freue mich auf den Italiener. Wie viel Einsatzberichte hast du noch?"
"Vier. Die schaffe ich in einer Stunde ohne Probleme. Lass uns anfangen, vielleicht sind wir schneller fertig", sagte Karin voller Vorfreude. Sie setzte sich wieder über ihre Berichte und Michael verschwand im Büro, die Tür lies er aber offen stehen. Mit einem gewaltigen Donnerschlag kündigte sich das Gewitter an und kurz darauf prasselte der Regen auf das Blechdach des Hangars. Draußen war es stockdunkel geworden, obwohl es erst kurz vor 18 Uhr war. Michael versuchte sich auf die Bewerbungen und Bestellungen zu konzentrieren, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen. Immer wieder schweiften seine Gedanken ab. Die Verantwortung für die Basis, ihre Zukunft und Sabrina .... Er stand auf und ging zum Fenster. Sein Blick glitt hoch zu den Bergen die durch die Wolken nicht zu sehen waren. Warum dachte er ausgerechnet jetzt an Sabrina? Wie würde es weiter gehen? Welche Entscheidung würde sie fällen? Es hing einiges davon ab. Irritiert und unruhig lief er durch das Büro in den Aufenthaltsraum. Karin blickte von ihren Unterlagen auf, aber er registrierte sie nicht. Sie beobachtet ihn einige Zeit wie er getrieben von Unruhe hin und her lief.
Karin stand auf und stellte sich vor ihn. Michael stoppte seinen nervösen Spaziergang vor dem Fenster und Karin folgte ihn um ihn die Schultern zu massieren.
"Michael, was ist los? Irgendetwas beunruhigt dich. Außerdem bist du total verspannt." Mit geübten sanften Griffen massierte sie ihm die Nackenmuskeln und die Schultern.
"Ich weiß nicht, es ist so ein komisches Gefühl. Ich musste an Sabrina denken. Von ihrer Entscheidung hängt einiges für unser aller Zukunft ab", antwortete er.
"Lass die Arbeit liegen, sie läuft uns nicht davon. Vielleicht kommst du auf andere Gedanken, wenn wir essen gehen." Besorgt blickte Karin ihm ins Gesicht.
"Sei mir nicht böse. Ich habe einfach das Gefühl ich sollte hier bleiben, so als ob etwas passiert ist und ich hier gebraucht werde." Michael fröstelte und er zog sich eine Jacke über.
"Dann bleiben wir hier. Das Auto erreichen wir momentan sowieso nicht, ohne tropfnass zu werden. Wir können uns Pizza und Salat bestellen. Fühlst du dich nicht gut?" Karin stand vor ihm. Mit der Hand fuhr sie über seine Stirn um zu prüfen ob er Temperatur hatte. "Setz dich auf das Sofa", sagte sie bestimmt.
Schweigend saßen sie einige Zeit auf dem Sofa und schmiegten sich aneinander.
Auch Karin beschlich ein seltsames Gefühl das sie nicht beschreiben konnte.
Das Klingeln des Telefons war so laut und schrill, dass sie beide zu tiefst erschrocken vom Sofa hoch schossen. Michael war sofort am Apparat.
"Medicopter Basis, Dr. Lüdwitz, guten Abend." Meldete er sich. "Jens? Was ist passiert? Wo bist du? Wir fahren gleich los und holen dich ab! Bleib wo du bist." Er legte auf.
"Karin komm, wir müssen los."
"Jens war das? Was ist passiert?"
"Er hat gesagt, es ist dringend und wir sollen ihn abholen. Was alles passiert ist, erzählt er uns später. Er klang ziemlich fertig."
"Warte noch, wir nehmen heißen Tee und Decken mit. Ich glaube, wir werden sie brauchen. Wenn er hier unten ist, muss etwas passiert sein und das bei dem Sauwetter."
Durch den starken Regen und die Dunkelheit erreichten sie erst eine knappe Stunde später die abgelegene Stelle mit der Telefonzelle die Jens Michael genannt hatte. Ein vollkommen erschöpfter, durchnässter und mit Schlamm verdreckter Jens saß auf dem Boden der Telefonzelle. Zum Glück war das Auto durch die Fahrt warm. Nachdem sie Jens einen Teil der nassen Kleider ausgezogen und ihn in Decken eingewickelt hatten, saß er auf dem Rücksitz und trank gierig den heißen Tee. Seine Hände zitterten noch immer vor Kälte und Anstrengung. Karin saß neben ihm und schenkte Tee nach.
"Geht es wieder?" Fragte sie voller Sorge.
"Danke, dass ihr gekommen seid, ich weiß nicht was ich ohne euch gemacht hätte. Michael, wo ist die nächste Klinik die ein Antiserum für Kreuzottern vorrätig haben könnte? Kannst du da bitte vorbei fahren? Mark hat gesagt, wir sollen es mitbringen." Mühsam brachte Jens die Sätze hervor.
"Schwarzach müsste das vorrätig haben. Ich fahre in die Richtung. Jens, was ist passiert und wer ist verletzt?" Fragte Michael mit einem Blick in den Rückspiegel.
"Es waren so viele unglückliche Umstände,..... Sabrina wurde gebissen, ... Oliver verschwunden, .... Handy und Auto kaputt ....., ein Erdrutsch, Weg versperrt, .... später... " murmelte Jens. Durch die Wärme im Auto und den heißen Tee wurde er zunehmend müde. Er lehnte sich an Karin und schlief auf ihrem Schoß ein.
"Michael er ist vollkommen erschöpft und durchgefroren. Wir sollten das Serum in der Klinik holen. Es muss eine Menge vorgefallen sein. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, ist der Weg zur Hütte durch einen Erdrutsch versperrt. Fliegen können wir vermutlich erst morgen früh, sobald das Gewitter sich verzogen hat. Wenn er ein wenig Schlaf und Ruhe bekommt geht es ihm hoffentlich bald besser." Karins Hand ruhte auf seiner Wange, so konnte sie den Puls und die Temperatur fühlen.
Michaels Blick wanderte immer wieder in den Rückspiegel während er durch die Regenwand in Richtung Schwarzach fuhr.
"Wie geht es ihm Karin?" Fragte er nach einiger Zeit.
"Sein Puls hat sich stabilisiert und die Temperatur steigt wieder. So wie er durchnässt war, wird er vermutlich eine gehörige Erkältung bekommen."
"Wir sind gleich bei der Klinik in Schwarzach, dann hole ich das Serum. Sollen wir ihn vorsorglich über Nacht dort lassen?"
"Ich denke, das ist nicht erforderlich. Wir fahren anschließend auf die Basis. Er kann sich ausschlafen und morgen früh können wir starten, sobald es hell wird. Biggi und Enrico sind in der Regel einige Zeit vor Dienstbeginn da. Bleibt nur zu hoffen, dass sich das schlechte Wetter bis dahin verzieht."
Aufgrund der späten Stunde dauerte es einige Zeit bis Michael in der Klinik das Serum ausgehändigt bekam. Erst kurz vor Mitternacht erreichten sie wieder die Basis.
Zwei der ersten Anschaffungen die Michael als Basisleiter veranlasst hatte waren ein Schlafsofa im Aufenthaltsraum und ein Doppelstockbett im Saniraum für die Nachtschicht. Diese Dinge hatten ihnen schon manche Nacht bequemer gemacht. Behutsam weckten Karin und Michael Jens als sie die Basis erreichten.
Zwei Stunden Schlaf und eine heiße Dusche sorgten dafür, dass Jens sich einigermaßen von den Strapazen des Abstiegs erholte. Er berichtete ihnen was am Nachmittag alles passiert war, wie sich die Ereignisse überschlagen und nacheinander unglücklich verkettet hatten.
"Michael ich habe einen Fehler gemacht. Ich hätte bei Sabrina bleiben sollen, das ist mir unterwegs klar geworden. Sie kennt ihre Fähigkeiten und weiß was sie verkraftet. Warum habe ich mich nur von Mark so verrückt machen lassen?" Schloss er seinen Bericht ab.
"Vielleicht war es die Verkettung der vielen Umstände und weil es zwei Schlangenbisse waren. Wir sollten alle versuchen zu schlafen. Sobald es morgen früh hell wird und es das Wetter zu lässt, starten wir mit dem Antiserum. Du kannst dich im Saniraum ins Bett legen, wir schlafen hier. Geht es, oder sollen wir dir helfen?" Michael bemerkte, dass Jens noch wackelig auf den Beinen war.
"Danke, es geht schon. Ich bin nur zu schnell aufgestanden." Jens hielt sich an der Lehne fest und ging dann in den Saniraum. Vorsichtshalber folgte Michael ihm und blieb bei ihm bis er sich hingelegt hatte.
Karin und Michael klappten sich das Schlafsofa auf und legten sich ebenfalls hin.
"Ich habe den Wecker gestellt, damit wir möglichst früh los können. Meinst du Sabrina steckt das so ohne weiteres einfach weg?" Karin runzelte die Stirn.
"Du hast doch selbst einige Male erlebt wie schnell bei ihr die Heilungsprozesse funktionieren. Durch meine Gespräche mit Christian kann mich fast nichts mehr überraschen. Mark und Siegfried sind bei ihr. Im Moment können wir nichts mehr tun. Lass uns schlafen, morgen wissen wir mehr." Michael nahm Karin in den Arm und kurz darauf waren sie eingeschlafen.
Das leise Geräusch eines sich nähernden Hubschraubers lies Sabrina aufblicken.
Ein Lächeln überzog ihr Gesicht. Jens hatte es geschafft und kam zurück. Etwas Abseits der Hütte setzte der Medicopter auf einer ebenen Fläche zur Landung an. Sofort stiegen drei Personen aus und rannten das kurze Stück über die Wiese. Der Pilot stellte die Motoren ab und folgte kurz darauf.
"Sabrina! Gott sei Dank! Was machst du hier draußen?" Jens erreichte sie als Erster. Dicht gefolgt von Michael und Karin.
"Nachdem ich die Nacht mit zwei Männern in einem Bett verbracht habe ist es mir zu eng geworden. Außerdem habe ich frische Luft gebraucht, nach einem Gewitter riecht es besonders gut. Und gegen meinen Hunger und Durst musste ich etwas unternehmen. So früh habe ich noch nicht mit euch gerechnet." Strahlend blickte sie die Ankömmlinge an. Sie saß in warme Decken eingehüllt auf einem Liegestuhl. Neben ihr stand eine Kanne heißer Tee und ein Teller Obst. "Kaffee habe ich bereits gekocht, falls ihr eine Tasse wollt. Nur holen müsst ihr sie euch selbst, ich bin noch nicht so gut zu Fuß."
Jens setzte sich sofort zu ihr und nahm sie erleichtert in den Arm. Die Sorgen und Anspannung vielen von ihm ab, da er sah, dass es ihr gut ging.
Kopfschüttelnd sagte Michael: "Du bist ein Phänomen! Versetzt alle in Aufregung und bist die Ruhe selbst!"
"Ich habe niemanden in Aufregung versetzt. Mark hat den Wirbel veranstaltet, es war vollkommen unnötig, das habe ich ihm mehrfach gesagt und Siggi auch."
"Kann ich mir deine Bisswunden ansehen? Wo sind die anderen eigentlich? Habt ihr Oliver gefunden?" Fragte Michael.
"Natürlich kannst du sie dir ansehen." Sabrina zeigte ihm ihren Arm und schlug die Decke zurück, damit er sich das Bein ansehen konnte. "Siggi hat Oliver gefunden. Peter, Stella und Oliver schlafen in einem Bett. Mark und Siggi liegen in unserem, weil sie mich nicht alleine lassen wollten und Gina schläft auch noch selig in ihrem Bett." Erklärte Sabrina unterdessen.
"Das lasse ich mir gefallen. Eine Menge Aufregung um eine Patientin, die in aller Seelenruhe auf der Veranda liegt." Biggi stand plötzlich bei ihnen. "Ich hoffe, dass ich dafür wenigstens einen Kaffee bekomme."
"Sicher, ist schon fertig." Karin stand mit einem Tablett und vier dampfenden Tassen Kaffee in der Tür.
"Michael, wie sieht es aus?" Fragte Jens der Michael aufmerksam beobachtete.
"Es sieht erstaunlich gut aus, das Antiserum brauchen wir nicht. Dein Gefühl war richtig Jens, du hättest hier bleiben können."
"Warum vertraut ihr mir und meinen Fähigkeiten nicht? Das Risiko für dich beim Abstieg in der Dunkelheit bei dem Regen war viel größer, ich habe mir Sorgen gemacht. Hast du Michael oder Karin deinen Knöchel gezeigt?" Sabrina hielt das Gesicht von Jens in ihren Händen und sah ihm tief in die Augen.
"Welchen Knöchel?" Michael reagierte sofort.
"Ich bin unterwegs einmal abgerutscht und gestürzt, konnte aber weiter laufen. Er tut fast nicht mehr weh. Sabrina woher .....? Bei dir wundert mich bald gar nichts mehr!" Sagte Jens während er seinen Schuh auszog.
Der linke Knöchel war an der Außenseite bläulich verfärbt und leicht angeschwollen. Michael tastete ihn ab und bewegte ihn vorsichtig.
"Du hast Glück gehabt, nur verstaucht. Die Wanderschuhe haben das Schlimmste verhindert. Warum hast du nichts gesagt?" Fragte Michel stirnrunzelnd und verwundert.
"Durch die Aufregung und Anstrengung habe ich ihn praktisch nicht mehr gespürt. Erst Sabrina hat mich wieder daran erinnert."
"Jetzt setzt euch hin und erholt euch von den Aufregungen, oder wollt ihr gleich wieder zurück und eueren Dienst antreten? Fehlt Enrico nicht?" Suchend blickte sich Sabrina um.
"Biggi war früh da heute morgen und wir wollten nicht auf ihn warten. Wir haben ihm eine Nachricht hinterlassen und uns in der Zentrale abgemeldet."
"Ich bin nur froh, dass alles Gut ausgegangen ist!" Seufzte Karin und setzte sich in den Schaukelstuhl.
"Hier Jens, mach dir die Salbe auf den Knöchel, dann heilt es schneller", sagte Sabrina und reichte ihm eine Tube.
"Das hilft?" Skeptisch betrachtete er die Tube und sah er sie von der Seite an.
"Ja. Man könnte gerade meinen ich wollte dich vergiften! Was mir hilft wird dir wohl auch helfen", entrüstet fuhr Sabrina hoch.
Jens hielt sie fest und gab ihr einen Kuss. "Dir geht es wirklich besser, schon wieder angriffslustig. Ich habe übrigens Katharina angerufen und sie verständigt, dass sie mit dem Auto nicht hier hoch fahren kann. Heute Nacht ging ein Erdrutsch ins Tal. Außer, es gibt noch einen anderen Weg."
"Wenigstens einer denkt langsam mit. Katharina wird einen Weg zurück finden, notfalls fliegt sie."
"Karin, du hast nicht zu viel versprochen, es ist herrlich hier oben. Kein Wunder, dass du nach dem Urlaub Sehnsucht hattest und Mark und Gina beneidet hast", sagte Biggi mit einem Rundblick über das Tal.
"Michael, ich dachte du hast mit Mark geredet und ihr habt eine Lehre aus dem Vorfall in Afrika gezogen." Fragend blickte Sabrina ihn an.
"Mehr oder weniger, es ist schwierig darüber zu sprechen. Warum?"
"So können wir nicht zusammen arbeiten. Ihr müsst mir und meinen Fähigkeiten vertrauen und meine Entscheidungen nicht ständig in Frage stellen. Ich weiß, wo meine Grenzen sind und was ich mir zutrauen kann. Auch wenn ihr Ärzte seid erwarte ich, dass ihr das respektiert. Diskussionen verbrauchen Zeit und Energie, die für andere Dinge benötigt werden. Das kann im Ernstfall tödlich sein und geht einfach nicht. Wenn es schon bei solchen Vorfällen im privaten nicht funktioniert, wie soll es dann bei einem gefährlichen Einsatz klappen?"
"Jens hat so eine Andeutung gemacht. Mark hat dich bzw. euch nicht so kennen gelernt wie ich und weiß nicht wie du arbeitest. Ihr habt uns aus Amerika geholt und die Russenmafia dingfest gemacht. Außerdem waren wir zusammen in Südamerika um Dirk zu befreien und sehen uns häufig, weil wir in einem Haus wohnen. Gelegentlich verarzten wir dich, ganz zu Schweigen von deiner Bruchlandung in Russland. Besonders Jens und ich haben viele Berührungspunkte mit dir und deinen Leuten gehabt. Wir sehen die Dinge langsam anders, aber es braucht Zeit. Und du musst zugeben, ihr seid ungewöhnlich." Während Michael sprach setzte er sich zu ihr.
"Kompliment Michael, du verteidigst ihn sehr gut. Und hast mir wieder deutlich gemacht, dass ich nicht normal bin." Sabrina grinste und schloss resigniert die Augen. Sie spürte eine Präsenz und plötzlich sagte sie: "Mark wie lange willst du eigentlich noch hinter der Tür stehen und zuhören?"
Total überrascht von der direkten Ansprache trat Mark vor. Durch die Stimmen war er kurz zuvor wach geworden und aufgestanden. Zuerst erschrak er, weil Sabrina nicht im Bett lag. Aber als er die Stimmen von Michael und Karin hörte schlich er leise zur Tür. Er hatte fast die ganze Unterhaltung verfolgt und jetzt ein schlechtes Gewissen.
"Entschuldigung, es war nicht meine Absicht. Ihr seid früh unterwegs. Danke, dass ihr euch beeilt habt. Ich .....", stotterte Mark.
"Wie wäre es erst mal mit einem Guten Morgen?" Fragte Biggi frech. "Brauchst du einen Kaffee?"
"Ich glaube, das wäre nicht schlecht", antwortete Mark verlegen.
"Nimmst du Milch und Zucker?" Biggi betrat die Hütte. Mark nickte und kurz darauf brachte sie ihm eine Tasse Kaffee.
"Es tut mir Leid Sabrina, ich glaube ich muss mich wirklich erst daran gewöhnen.
Ich kenne niemanden der das so verkraftet hätte wie du, das ist ungewöhnlich. Ich habe nur getan was ich für richtig hielt und dadurch vermutlich überreagiert, vor allem nachdem so viel schief gegangen ist." Resigniert und geknickt setzte Mark sich auf einen Stuhl.
"Männern fällt es eben schwer auf Frauen zu hören, das liegt in ihrer Natur. Wir müssen sie ganz vorsichtig umerziehen, das geht uns allen so", grinste Karin.
Überrascht sah Michael auf: "Was soll das heißen?"
"Karin hat recht, es ist immer das gleiche mit euch Männern." Wurde sie von Biggi unterstützt.
"Ich glaube, unsere Frauen proben den Aufstand! Wir müssen uns wehren, sonst werden wir unter den Pantoffel gestellt!" Lachte Jens und alle stimmten ein.
"Guten Morgen, was macht ihr denn für einen Lärm am frühen Morgen?" Gina stand in der Tür und warf einen schnellen Blick über die Veranda. "Hallo miteinander! Großes Aufgebot?" Fragte sie überrascht.
"Wir wollten nur nachsehen, ob ihr das Gewitter gut überstanden habt und einen Kaffee trinken." Biggi grinste breit.
Michael warf einen Blick auf die Uhr. "Nachdem hier soweit alles in Ordnung ist, sollten wir langsam unseren Dienst antreten. Meine Damen, los geht’s!"
"Moment Michael, wenn wir schon einige hier zusammen haben. Ihr solltet euch das Wochenende vom 12./13. Juni frei halten, wir möchten euch zu unserer Hochzeit einladen. Eine schriftliche Einladung mit genaueren Angaben folgt noch", sagte Karin freudestrahlend.
"Habt ihr endlich einen Termin gefunden? Karin das freut mich riesig für euch beide." Gina umarmte Karin freudig.
"Willst du eine meiner Brautjungvern werden?"
"Gerne, wenn ich noch laufen kann und es uns gut geht." Gina strich über ihren Bauch. "Glaubst du ich werde in einem Kleid noch gut aussehen? Sicher etwas Besonderes, oder?" Fragte sie mit einem Augenzwinkern.
"Lass dich überraschen!" Antwortete Karin geheimnisvoll und drehte sich zu Biggi um. "Biggi, du als meine älteste Freundin, möchtest du meine Trauzeugin werden?"
"Wirklich?! Natürlich! Es gibt nicht, was ich lieber machen würde." Total überrascht und freudestrahlend sprang Biggi auf und fiel Karin um den Hals.
"Biggi, bitte laß mich am Leben! Ich werde noch gebraucht!" Wehrte Karin den Ansturm ab. Dann griff sie nach Sabrinas Hand. "Würdest du ebenfalls meine Brautjungver werden? Es ist ein großer Wunsch von mir, schließlich hast du mir Michael zurück gebracht."
Sabrina blickte sie einige Zeit stumm an bevor sie antwortete: "Das habe ich gerne gemacht und jedesmal, wenn ich euch beide sehe, weiß ich, dass es richtig war das Risiko einzugehen. Ich versuche es mir einzurichten und hoffe, dass wir keinen Einsatz haben. Für meine Freundin mache ich das sehr gerne."
Karin klatschte in ihre Hände: "Wunderbar, dann habe ich alle die mir wichtig waren. Erholt euch noch gut, wir sehen uns am Wochenende!"
Die drei verabschiedeten sich und flogen kurz darauf wieder davon.
Scherzhaft fragte Jens: "Welche Wanderung hast du für heute geplant?"
"Bis zum Bach und zurück. Ansonsten habe ich mir überlegt, ein Tag Pause würde uns allen gut tun. Wie wäre es mit Faulenzen?" Sabrina blinzelte ihn an.
"Ich glaube, ich höre nicht richtig!" Entrüstet stand Mark auf.
Jens, Sabrina und Gina fingen schallend an zu lachen, so entsetzt war sein Gesichtsausdruck.
"Das muss ansteckend sein!" Kopfschüttelnd ging Mark in die Hütte, gefolgt von einer grinsenden Gina.
Nach und nach wurden alle wach und sie richteten einen großen Frühstückstisch.
Durch die Aufregungen am Vortag waren sie ausgehungert und hatten jetzt einen gesunden Appetit. Nach dem Essen verteilten sie sich auf die Wiese, die Veranda und in die Zimmer um zu lesen oder zu erzählen.
Jens und Sabrina lagen auf zwei Liegestühlen nebeneinander.
"Es tut mir leid, dass ich dich alleine gelassen habe", sagte er nach einer Weile.
"Du hast getan was du für richtig gehalten hast."
Jens stand auf und setzte sich zu Sabrina auf die Liege. Während er redete beobachtete er ihre Gesichtszüge und strich ihr zärtlich über die Wange.
"Nicht ganz, ich habe mich verrückt machen lassen. Nach über einem Jahr und den Dingen die wir gemeinsam durchgestanden haben, hätte ich es besser wissen müssen. Ich bin dir in den Rücken gefallen, anstatt dich zu unterstützen, dass ist mir unterwegs klar geworden. Kannst du mir verzeihen."
"Da gibt es nichts zu verzeihen. Die Sorge hat dich getrieben. Lerne daraus für die Zukunft und fange an meinen Fähigkeiten zu vertrauen."
"Was ich nur nicht verstehe, warum wollte Siggi gehen?"
"Er hat gemerkt, dass die Diskussion nichts bringt und mich nur aufregt. Dadurch wollte er mir Ruhe verschaffen."
"Euch soll einer verstehen!" Grinste Jens und zuckte mit den Schultern.
Ihre Gesichter näherten sich und sie verschmolzen zu einem innigen Kuss. Eng aneinander geschmiegt blieben sie lange schweigend sitzen.
Gegen Mittag hörten sie einen Hubschrauber der kurz darauf landete und nachdem zwei Personen ausgestiegen waren sofort wieder startete.
Sabrina legte die Hand vor die Augen und blinzelte in die Sonne.
"Habe ich es nicht gesagt? Notfalls fliegt sie!"
"Sie ist nicht alleine. Wer ist bei ihr?" Fragte Jens überrascht.
"Samantha, eine gute Freundin aus Amerika. Siegfried wird sich freuen, die zwei mögen sich sehr. Wo ist er eigentlich?"
"Im Schuppen, er wollte Holz hacken." Beantwortete Jens ihre Frage.
"Hallo Sabrina. Alles in Ordnung?" Begrüßte Katharina sie.
"Inzwischen ja. Wir hatten gestern einige Aufregungen, aber das erzähle ich dir später", antwortete Sabrina und stand auf. "Samantha, es ist schön dich zu sehen. Hast du ein paar Tage Zeit mitgebracht?"
"Ja. Ich habe zwei Wochen Urlaub, es ist dringend nötig. Das haben mir meine Leute verordnet." Sie umarmten sich. "Wo ist Siggi?"
"Im Schuppen hinter dem Haus. Die Überraschung wird dir gelingen." Sabrina zwinkerte ihr zu.
Samantha stellte ihre Tasche ab und ging um das Haus zum Schuppen. Leise öffnete sie die Tür und legte Siegfried von hinten die Hände über die Augen.
"Sabrina lass den Blödsinn!" Rief er erschrocken.
"Nein, werde ich nicht!"
"Samantha? Ich .....", langsam drehte er sich um. Seine Hände gingen zu ihrem Gesicht und umschlossen es zärtlich. "Ich habe dich so vermisst, du hast mir gefehlt." Sein Blick senkte sich in ihre Augen und sie kamen sich immer näher, bis er sie küsste. Samanthas Arme umschlangen ihn und sie erwiderte seinen Kuss voller Leidenschaf.
"Weißt du, ich habe noch keine Gelegenheit gehabt es dir zu sagen. Ich liebe dich", sagte Siegfried glücklich und hob sie in die Luft. "Kannst du ein paar Tage bleiben?"
"Ich liebe dich auch und ich habe zwei Wochen Urlaub die ich mit dir verbringen werde." Glücklich verliebt sah sie ihn an.
"Die Überraschung ist dir wirklich gelungen. Sabrina hat nichts gesagt."
"Das hat sich kurzfristig ergeben. Ich habe erst gestern eine Nachricht an euch abgeschickt und bin heute morgen angekommen."
Bis zum Wochenende genossen sie ihre Tage auf der Hütte und erzählten viel. Vor allem Mark versuchte mehr über Sabrina, ihre Fähigkeiten und ihre Organisation zu erfahren um sich besser auf sie einzustellen. Da er diesmal ihren Heilungsprozess und ihre Fortschritte direkt sehen konnte, verstand er sie langsam besser.
Mit der Unterstützung von Sabrinas Organisation wurden die Erdmassen, die der Erdrutsch ins Tal befördert hatte und die den Zufahrtsweg versperrten bis zum Wochenende beseitigt. Ein Hubschrauber brachte die Ersatzteile für die Reparatur von Marks Auto. Felix und Anna holten Sabrina und Jens am Samstag mit dem Auto ab. Nur Siegfried und Samantha blieben auf der Hütte um ihren Urlaub zu genießen.
Für Karin und Michael vergingen die nächsten Wochen rasend schnell mit Einladungen und Hochzeitsvorbereitungen. Als sie hörten, dass Samantha da ist überbrachten sie ihr eine Einladung zur Hochzeit, weil sie ein Jahr zuvor mit dafür gesorgt hatte, dass Michael und Dirk aus Amerika zurück kommen konnten. Ihre Anwesenheit konnte sie aber nicht mit Sicherheit zusagen.
Michael wurde am Donnerstagabend vor der Hochzeit von Thomas, Jens, Ralf, Max, Mark und den anderen zum Junggesellenabschied abgeholt. Sie verbrachten eine anstrengende und turbulente Nacht die für Michael erst am nächsten Morgen gegen 6 Uhr im Bett endete.
Die Frauen feierten mit Karin einen gemütlichen Abschied, ohne Alkohol und großen Trubel. Sie erzählten und lachten viel und spekulierten über Kindernamen und weitere Hochzeitstermine.
Am Freitagmittag weckte Karin ihren verkaterten Michael mit einer kalten Dusche. Schließlich mussten sie um 15 Uhr auf dem Standesamt sein wo sie im engsten Freundeskreis standesamtlich getraut wurden.
Am Morgen des 12. Juni trafen nach und nach die Hochzeitsgäste im Hafen von Passau ein und betraten die Donauprinzessin. Natürlich waren alle aufgeregt, vor allem Karin, die bis zuletzt nur hoffte, dass ihr Kleid noch passen würde. Ihre Schwangerschaft machte sich inzwischen doch in Form eines dicker werdenden Bauches mehr und mehr bemerkbar. Nachdem alle an Bord waren legte das Schiff gegen 10 Uhr ab. Das Wetter meinte es gut mit ihnen und sie genossen die herrliche Aussicht auf die schöne Landschaft. Um 13 Uhr servierte man den Hochzeitsgästen Kaffee, Kuchen sowie einen Snack und Erfrischungsgetränke um die Wartezeit zu überbrücken. Michael gesellte sich zu ihren Gästen um sich abzulenken und die Zeit bis zur Trauung zu verkürzen.
"Schick siehst du aus Papa in deinem Anzug", meinte Dirk anerkennend.
"Dir steht der Anzug aber auch nicht schlecht mein Sohn. Freust du dich?"
"Es war mein größter Wunsch, dass ihr Beide heiratet."
"Thomas?" Michael sah sich suchend um und entdeckte ihn. "Hast du die Ringe?"
"Na klar Michael, nur nicht nervös werden", antwortete Thomas beruhigend. "Als dein Trauzeuge bin ich in der Nähe und habe alles bei mir. Willst du sie sehen?"
"Schon in Ordnung. Ich wollte nur sicher gehen."
"Unser Herr Doktor ist tatsächlich aufgeregt", grinste Thomas.
"Ist das ein Wunder? Schließlich heirate ich heute!" Womit Michael die Lacher auf seiner Seite hatte.
Biggi, Gina und Sabrina blieben mit Karin in ihrer Kabine um ihr beim Ankleiden zu helfen. Der Bräutigam sollte seine Braut erst bei der Trauung zu Gesicht bekommen. Sie selbst zogen sich als Brautjungvern drei ähnliche aprikotfarbene Kleider an. Karins Brautkleid war ein weißer Traum aus Seide und Spitze. Eine Friseuse machte ihr mit ihren langen Haaren eine wunderschöne Hochfrisur in die Perlen und rote kleine Rosen eingearbeitet wurden.
Biggi wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. "Du siehst einfach phantastisch aus in dem Kleid und mit dieser Frisur! Michael wird nur Augen für dich haben. Ich wette er kriegt sonst nichts mit. Das erinnert mich wieder an meine eigene Hochzeit. Bist du glücklich?"
"Ich kann dir nicht sagen wie. Ich hatte schon fast die Hoffnung verloren und dann ging vor einem Jahr alles Schlag auf Schlag. Und heute heiraten wir! Ich kann es noch gar nicht glauben!" Karin drehte sich langsam um und betrachtete sich im Spiegel. "Ein Kompliment an euch drei, ihr habt euch sehr schöne Kleider ausgesucht. Ich finde es eine tolle Idee, dass Biggi als meine Trauzeugin und meine Brautjungvern ähnlich Kleider tragen. Ihr drei passt sehr gut zusammen."
"Ich habe mich riesig gefreut, als du mich gefragt hast ob ich deine Trauzeugin sein will. Die Kleidersuche war allerdings nicht einfach durch Ginas Schwangerschaft und dadurch, dass Sabrina Kleider überhaupt nicht mag und sich ein wenig gesträubt hat." Erklärte Biggi mit einem Grinsen.
"Ich weiß, deshalb freut es mich umso mehr. Wie spät ist es? Ich kann es kaum erwarten."
"Kurz vor 15 Uhr. Wir sollten langsam los", antwortete Gina.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum großen Saal in dem sie bereits erwartet wurden. Die Musik setzte ein und ein leises, bewunderndes ´Ah` war zu hören als Karin in ihrem Traum von Hochzeitskleid den Raum betrat.
Michael war sprachlos und hatte nur Augen für Karin.
"Du siehst aus wie eine Prinzessin!" flüsterte er.
Karin lächelte ihn überglücklich an. "Der Anzug steht dir hervorragend."
Beide blickten sich unverwandt an und bekamen von der Rede des Kapitäns fast nichts mit. Biggi und Thomas, ihre Trauzeugen, mussten sie beide durch einen leichten Knuff in die Realität zurück holen. Dadurch reagierten sie rechtzeitig bei den wichtigen Sätzen zur Trauformel. Thomas reichte Michael die Ringe.
"Wollen sie Karin Thaler den hier anwesenden Michael Lüdwitz zu ihrem Mann nehmen und ihn lieben und ehren bis das der Tod euch scheidet, dann antworten sie mit Ja."
"Ja, ich will." Mit einem strahlenden Lächeln sah Karin ihn an.
"Wollen sie Michael Lüdwitz die hier anwesende Karin Thaler zu ihrer angetrauten Ehefrau nehmen, sie lieben und ehren bis das der Tod euch scheidet, dann antworten sie mit Ja."
"Ja, ich will."
"Bitte stecken sie sich nun die Ringe an die diesen Bund besiegeln."
Karin und Michael steckten sich gegenseitig die Ringe an.
"Kraft meines Amtes erkläre ich sie hiermit zu Mann und Frau. Sie dürfen die Braut jetzt küssen."
Was sich die Beiden natürlich nicht zweimal sagen ließen.
"Gott ist das schön", schluchzte Gina. Mark nahm sie fürsoglich in den Arm und reichte ihr ein Taschentuch.
Anschließend wurde gratuliert und fleißig Hände geschüttelt.
"Das ist wirklich ein wunderschöner Abschluss für einen Einsatz", murmelte Sabrina die mit Jens draußen, etwas abseits, an der Reling stand und das Treiben beobachtete.
"Hättest du das vor einem Jahr gedacht?" Fragend sah Jens sie an.
"Dass sie heiraten schon. Karin hat sich wirklich einen tollen Rahmen und eine schöne Zeremonie ausgesucht."
Sabrina schloss die Augen und genoss den Fahrtwind. Jetzt wo sie nicht unter Menschen waren zog sie ihre Schuhe aus. Da sie selten Pumps trug taten ihr die Füße weh. Jens fuhr ihr mit der Hand durch das Haar.
"Habe ich dir schon gesagt, dass du in diesem Kleid wunderschön aussiehst? Du solltest öfter Kleider tragen, das steht dir."
"Eigentlich fühle ich mich darin unwohl, ganz abgesehen von den Schuhen, die bringen mich um. Ich kann nicht verstehen, wie Frauen so etwas freiwillig machen können. Es ist unbequem. Wenn ich es Karin nicht versprochen hätte ...." Sabrina bückte sich und rieb sich ihre Füße.
"Und wann traut ihr euch endlich?"
Erschrocken fuhren die beiden herum. Karin und Michael standen hinter ihnen.
"Mal sehen. Meine Wildkatze hat zwar ja gesagt, aber sie ziert und sträubt sich noch ein wenig", antwortete Jens liebevoll.
"Das braucht ein bisschen Zeit. Ich mag den Trubel nicht und ich weiß noch nicht wo. Katzen lassen sich nun mal nicht an die Leine legen." Sabrinas Augen funkelten schelmisch.
"Das Essen ist fertig. Kommt ihr auch?" Fragte Karin und mit einem Blick auf Sabrinas nackte Füße: "Hast du Probleme?"
"Hast du eine Ahnung was ich heute für euere Hochzeit auf mich nehme? Ich glaube ich werde drei Tage nicht richtig laufen können." Antwortete Sabrina lachend und verdrehte die Augen.
"Wir können dich ja wieder pflegen", schmunzelte Michael.
"Danke für das Angebot, ich denke Jens reicht dafür."
Sabrina schlüpfte in ihre Schuhe und unter Gelächter gingen sie zurück zur Hochzeitgesellschaft.
Der Schiffskoch servierte ein grandioses 5-Gänge-Menü und auch Sabrinas vegetarische Lebensweise wurde berücksichtigt.
Gegen Abend erreichten sie Wien. Als das Schiff anlegte fuhren bereits die geschmückten Pferdekutschen vor. In der Abenddämmerung genossen sie eine wunderschöne Rundfahrt durch Wien. Den Abschluss bildete ein gemütliches Beisammensein bei Kerzenschein mit Champagner und Kanapees auf dem Vorderdeck des Schiffes. Weit nach Mitternacht gingen sie nach und nach in ihre Betten.
"Karin es war eine traumhafte Hochzeit! Schöner hätte der Tag nicht sein können." Michael stand mit Karin vor dem großen Spiegel und hielt sie von hinten eng umschlungen fest.
"Schließlich habe ich nur einmal in meinem Leben vor zu heiraten und dann sollte es schon etwas Besonderes sein." Genüsslich lehnte sich Karin an ihn.
"Das ist dir gelungen. Ich werde dich nie mehr loslassen, das verspreche ich dir."
"Weißt du, worauf ich mich jetzt am meisten freue?" Fragte Karin.
"Lass mich raten. Auf unser Baby?" Michael strich über ihren Bauch.
"Auch, aber zuerst auf unsere Flitterwochen. Es war eine tolle Idee von Sabrina uns vier Wochen Ferien in der Blockhütte in den Bergen zu schenken. Wir müssen nicht weit weg fahren und es ist der Ort an dem wir uns vor einem Jahr wieder gesehen haben. Einen schöneren Platz kann ich mir nicht vorstellen. Um eine Vertretung für uns beide hat sie auch noch gekümmert. Ich werde diese Zeit in vollen Zügen genießen."
"Du hast Recht, ich wüßte nicht wo ich sonst hin gewollt hätte. Um Dirk brauchen wir uns auch keine Gedanken machen, Sabrina und Norberts Frau Nora werden ihn im Auge behalten und bekochen. Ich bin müde, laß uns ins Bett gehen. Soll ich dir beim Ausziehen helfen?"
"Mach mir nur die Knöpfe auf, den Rest schaffe ich noch alleine. Danke mein Schatz." Anwortete Karin liebevoll.
Nach und nach wurden in allen Zimmern die Lichter gelöscht und überall kehrte Ruhe ein. Das Schiff legte ab und fuhr durch die sternklare Nacht die Donau hinauf, zurück nach Passau, wo sie am nächsten Morgen wieder ankamen.
Eine Geschichte, die ein Jahr zuvor turbulent begann, hatte ihr glückliches Ende gefunden.
Ende
Copyright
R. Schubert Juli 2005