Eine Überraschung nach der Anderen
Meine Geschichte knüpft dort an wo die Geschichte "Indigo" mit wenigen Sätzen und relativ kurz gefasst endet. Michael und Dirk sind aus Amerika zurück und glücklich vereint mit Karin. Jens hat in Sabrina eine außergewöhnliche Freundin gefunden, die sich nach einem schweren Absturz langsam erholt, und Anna hat jemanden kennen gelernt. Seit Michaels Rückkehr gibt es auf der Basis 3 Teams.
Thomas lebt noch und auch Ralf ist zurück gekehrt.
Team 1
Thoma Wächter (Pilot), Dr. Mark Harland (Arzt) und Peter Berger (Sani)
Team 2
Gina Harland (Pilotin), Dr. Karin Thaler (Ärztin) und Enrico Contini (Sani)
Team 3
Jens Köster (Pilot), Dr. Michael Lüdwitz (Arzt) und Ralf Staller (Sani)
Hauptpersonen: Jens und Anna Köster, Sabrina Wagner, Felix, Michael und Dirk Lüdwitz und Karin Thaler
Weitere Personen:
Norbert Berg, Biggi Wächter, Lisa, Laura und Florian Wächter, Stella und Oliver Berger, Hans und Maria.
Montagmorgen Sabrinas Wohnung
Es klingelte an der Tür und Jens ging öffnen.
"Hallo, guten Morgen Norbert", begrüßte er seinen Freund.
"Guten Morgen Jens. Na, hat unser Sorgenkind das Wochenende gut überstanden? Ich wollte gestern nicht mehr stören nachdem sie glücklich hier angekommen ist. Karin und Michael haben sicher regelmäßig nach ihr gesehen und Aufregungen hatte sie genug die letzten beiden Tage."
"Komm setz dich, ich habe frischen Kaffee gekocht. Sabrina schläft noch", sagte Jens und schenkte zwei Tassen ein. "Es geht ihr soweit gut, sie war am Samstag ziemlich erschöpft als sie ankam. Michael hat ihr gesagt, dass sie sehr leichtsinnig war in ihrem Zustand. Aber ich glaube, es war sehr wichtig für sie den Weg auf sich zu nehmen. Wenn sie es mir gesagt hätte, dann hätte ich sie begleitet."
"Ich kenne sie etwas länger als du, sie trägt vieles in sich das sie verdrängt und über das sie nicht redet. Sie sucht ihren Weg mit den Dingen klar zu kommen, vor allem wenn es sie selbst betrifft und das versucht sie dann alleine zu Bewältigen um niemanden damit zu Belasten. Das resultiert sicherlich daraus, dass sie sehr viel durchgemacht hat und einige schreckliche Erlebnisse hatte. Dinge die andere Betreffen oder die Ordnung stören, über die diskutieren wir und suchen gemeinsam Lösungen. Vielleicht gelingt es dir mit der Zeit dazu beizutragen damit sie sich etwas mehr öffnet."
"Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie sich öffnet und dann sind da wieder Mauern. Ich lasse ihr einfach die Zeit die sie braucht, mit Drängen werden wir nichts erreichen."
"Guten Morgen ihr Beiden. Na, Männergespräche?" Sabrina stand in der Tür. Mit den Krücken ging sie langsam zum Tisch.
Jens sprang sofort auf, gab ihr einen Kuss auf die Wange. "Guten Morgen Liebes". Er nahm ihr die Krücken ab und half ihr sich zu setzen.
"Wir haben uns unterhalten weil wir uns Sorgen um dich machen und du hast uns mal wieder reichlich Grund dafür gegeben", antwortete Norbert.
Jens hatte eine Tasse Kaffee für Sabrina eingeschenkt und reichte sie ihr.
"Danke", sagte Sabrina. "Ihr habt recht und ich bin euch nicht böse, aber es gibt einige wenige Dinge die ich ganz alleine erledigen muss, vor allem wenn es etwas aus meinem alten Leben betrifft. Mit der Nachricht die ich am Samstag gelesen habe ist eine Sache zu Ende gegangen die mich tief im Inneren nie ganz in Ruhe gelassen hat. Der Mann der für den Tod so vieler Menschen verantwortlich war hat nun seine gerechte Strafe gefunden und noch dazu durch eine seiner eigenen Waffen. Trotz hartnäckiger Bemühungen in all den Jahren haben wir ihn nie zu fassen bekommen. Ich hoffe, seine Organisation zerschlägt sich dadurch auch, damit würde wieder ein bisschen mehr Frieden auf der Welt einkehren. Dieses Ende auf der einen Seite gibt mir die Möglichkeit für einen richtigen Neuanfang und das ist das Gute daran."
"Man hört und sieht es dir an, dass dir ein Stein vom Herzen gefallen ist. Und wie soll es jetzt weiter gehen? Ich habe mit Christian gesprochen, du wirst vermutlich noch 3 bis 4 Wochen brauchen bis du wieder voll einsatzfähig bist. Nach Nepal kannst du diesmal nicht um dich schneller zu regenerieren dort ist tiefer Winter und kein Durchkommen. Generell ist eine weite Reise, nach Australien oder Amerika, momentan eine zu große Belastung und zu anstrengend, meint er."
"Darüber habe ich mir ebenfalls schon Gedanken gemacht. Es gibt in der Nähe noch einen `Kraftquell´ wie wir diese Orte nennen auf die du anspielst. In Berchtesgaden gibt es einen Salzheilstollen und ein Solebad. Dort sind die Kräfte zwar nicht ganz so stark aber es wird mir helfen schneller auf die Beine zu kommen. Nicht weit vom Stollen ist ein Bauernhof mit Ferienwohnungen, dort war ich schon ein paar mal, da möchte ich mich einquartieren. Die Einrichtungen könnte ich täglich nutzen und es ist eine schöne Ecke für ausgedehnte Spaziergänge."
"Das hört sich vernünftig an. Ich habe die nächsten drei Wochen Urlaub und werde dich begleiten und im Auge behalten. Außerdem ist es nicht weit weg und Karin und Michael sind in der Nähe und können regelmäßig nach dir sehen. Wir sollten es aber noch mit ihnen und Christian besprechen", sagte Jens.
"Unsere Leute sind alle von den Einsätzen und den Ausbildungsabschnitten zurück, somit sind wir derzeit voll besetzt. Ich werde dich auf dem Laufenden halten damit du dir nicht zu viele Gedanken machst. Den Dienst über die Feiertage haben wir bereits besprochen. Du kannst dich also richtig auskurieren und kommst erst wieder wenn alles ausgeheilt ist, das musst du uns versprechen, o.k. ?" Norbert nahm Sabrinas Hand und sah ihr in die Augen.
"Versprochen! Ihr habt mich ganz schön im Griff, aber ich sehe ein, dass es so besser ist", gab Sabrina nach.Zwei Tage später
"Guten Morgen. Hmmm, das duftet ja schon toll hier. Du verwöhnst mich ganz schön", Sabrina kam durch die Tür.
"Guten Morgen mein Kätzchen. Das mache ich gerne für dich und ich sehe wie gut es dir tut", begrüßte sie Jens. "Hast du schon gesehen, heute nacht ist der erste Schnee gefallen."
"Ja, da können wir nachher gleich einen Spaziergang zum Bergwerk machen, um 11 Uhr müssen wir dort sein. Der Aufenthalt dauert mit Ein- und Ausfahrt ca. 3 Stunden. Heute Nachmittag können wir dann entscheiden ob wir schwimmen gehen oder das herrliche Wetter ausnutzen."
"Nun mach mal langsam, du bist schon voller Tatendrang, muss ich dich gleich am ersten Tag bremsen?" fragte Jens.
"Ich freue mich doch nur, dass wir zusammen sind und Zeit für uns haben. Warst du schon mal hier? Es ist so eine schöne Ecke, ich möchte dir gern alles zeigen."
"Darfst du auch, aber langsam. Als ich heute Morgen beim Bäcker war konnte ich schon feststellen, dass du nicht zu viel versprochen hast. Gestern Abend war es ja bereits dunkel als wir angekommen sind. Und die Wohnung ist auch sehr gemütlich. Gibt es mehrere? Vielleicht wollen die anderen übers Wochenende oder die Feiertage kommen, wäre doch schön, oder?"
"Insgesamt gibt es 4 Wohnungen. Wir fragen Hans und Maria wie sie belegt sind", antwortete Sabrina mit einem Blick auf die Uhr. "Oh, ich sollte mich fertig machen, sonst kommen wir zu spät. Ich werde etwas länger brauchen mit meinen Krücken."
Sabrina versuchte der Frage von Jens bezüglich der Feiertage auszuweichen und hoffte, er hatte es nicht bemerkt.
Nach einem herrlichen Spaziergang im Schnee bis zum Bergwerk und dem anschließenden Aufenthalt im Heilstollen waren sie am frühen Nachmittag wieder auf dem Rückweg zum Bauernhof. Schweigend gingen sie den Weg entlang der sachte anstieg bis zum Hof. Jens beobachtete Sabrina. Der Aufenthalt im Stollen war eine interessante Erfahrung gewesen und, auf welche Weise auch immer, schien Sabrina Kraft daraus zu ziehen. Die Luft war sehr sauber, die absolute Stille war ungewohnt und trotz der lediglich 8 C Raumtemperatur ging von dem Stollen bei dem schwachen gelblich-orangefarbenen Licht eine seltsame Wärme und Energie aus. Er war überrascht wie viele Menschen diesen Ort aufsuchten um sich zu Erholen und zu Regenerieren.
Auf einer Bank vor dem Bauernhaus setzten sie sich und genossen bei strahlend blauem Himmel den herrlichen Ausblick in das Tal. Langsam senkte sich die Sonne und es wurde kühler. Mit Einsetzten der Dämmerung erstrahlten nach und nach die Lichter der Weihnachtsbeleuchtung im Ort und hüllten alles in einen glitzernden Mantel.
"Ich gehe rein und koche uns Kaffee und Tee zum Aufwärmen. Kommst du mit?"
fragte Jens.
"Lass mich noch ein wenig. Ich komme gleich nach, ich möchte die letzten Sonnenstrahlen noch ein wenig genießen, viel zu lange bin ich in Räumen eingesperrt gewesen", antwortete Sabrina mit einem etwas traurigen Unterton.
"Schaffst du es alleine oder soll ich dir helfen?"
"Es wird schon gehen, danke."
Sabrina blieb sitzen und hing ihren Gedanken nach. Am Sonntag war schon der 4.Advent und nächste Woche Weihnachten. Es gab eine Zeit da lag ihr sehr viel daran und sie liebte diese Tage ....... . Bislang war sie Jens immer ausgewichen wenn die Sprache auf die Feiertage kam, sie musste ihm erklären warum. Er und seine Freunde hatten eine andere Einstellung und sie wusste nicht wie sie in dieser Situation damit umgehen sollte. Es fiel ihr unendlich schwer und es schmerzte sehr ..... . Langsam stand sie auf und ging in ihre Wohnung.
"Toll, du hast den Kamin angemacht, ich liebe das Knistern von Holz und die Wärme die ein solches Feuer ausstrahlt", sagte Sabrina und setzte sich in den großen bequemen Sessel der direkt neben dem Kamin stand.
"Ich dachte das wird es uns so richtig gemütlich machen. Magst du lieber Kaffee oder Tee?"
"Wenn du Früchte- oder Kräutertee hast ist mir der jetzt lieber."
Jens kam und reichte ihr eine dampfende Tasse. Er schob einen Hocker an den Kamin damit sie ihren Fuß hochlegen konnte und setzte sich auf die Lehne des Sessels zu ihr.
"Ich habe Maria im Flur getroffen, am Wochenende sind noch zwei Wohnungen frei, über Weihnachten aber leider nichts mehr. Sie hat aber den Vorschlag gemacht wir könnten eine große Hütte ca. ½ Stunde den Berg rauf haben. Sie ist noch frei von Weihnachten bis Drei Könige und bietet Platz für 16 Leute. Es wäre doch schön wenn wir gemeinsam mit den anderen die Feiertage verbringen könnten, was meinst du?"
"Ach Jens, ich weiß nicht ...."
"Was ist los? Ich merke schon seit ein paar Tagen, dass du dem Thema ausweichst."
"Ich denke, ich bin dir eine Erklärung schuldig. Es fällt mir sehr schwer und ein wenig Angst habe ich auch davor ....." Sabina sah Jens an und in ihrem Auge stand eine Träne.
Zärtlich wischte Jens die Träne aus ihrem Augenwinkel. "Was ist so schlimm daran? Weihnachten ist doch eine wunderschöne Zeit. Oder hat das mit deiner Vergangenheit zu tun?"
"Ja ....." Sabrina zögerte. "Wo soll ich anfangen? Früher war Weihnachten für mich immer eine sehr schöne Zeit, in meiner Kindheit mit meinen Eltern und meinem Bruder. Das ganze hat sich dann langsam geändert als ich meinen Mann kennen gelernt habe. Da haben wir Weihnachten immer in der Großfamilie verbracht nach deren Regeln und Bräuchen. Eine Zeit lang fand ich das ganz in Ordnung bis unser Sohn auf die Welt kam. Immer musste Weihnachten so laufen wie meine Schwiegermutter es wollte und natürlich nur dort, wo sie zu Hause war. Der ganze Trubel und die Regeln wurden mir einfach zu viel. Was mich vor allem aufgeregt hat war der Kommerz und die Berge an Geschenken. Jeder versuchte den anderen zu übertreffen und der eigentliche Sinn von Weihnachten ist für mich dabei irgendwie verloren gegangen. Ich wollte Weihnachten mit meiner eigenen kleinen Familie in unserer Wohnung und in Ruhe verbringen. Jedes Jahr wenn ich versucht habe eine Änderung anzuregen gab es Diskussionen, Tränen und böse Worte. Um des lieben Frieden willens habe ich nachgegeben, obwohl es nicht meinen Vorstellungen entsprach. Dadurch war ich unzufrieden und konnte mich nie richtig auf Weihnachten freuen. Mit Silvester waren es die gleichen Diskussionen und Spielchen. Irgendwann habe ich angefangen die Feiertage richtig zu Hassen und dadurch konnte ich die Vorfreude in der Adventszeit auch nicht richtig genießen. Im Gegenteil, durch den aufgestauten Ärger ging es mir meistens nicht so gut und ich war immer froh, wenn die Feiertage vorbei waren. Nach dem Tod meines Mannes und meines Sohnes war ich 7 Jahre unterwegs. In den anderen Kulturkreisen gibt es Weihnachten in unserem Sinne nicht, sie haben andere Feste, das kam mir sehr gelegen, ich habe nichts vermisst. Die letzten drei Jahre habe ich zugunsten meiner Leute an diesen Tagen immer Dienst gemacht und das Ganze umgangen. Ich habe mir etwas gutes zu Essen gekocht, Musik gehört und dann stundenlang mit meinem Vater und Freunden rund um die Welt telefoniert. Es tut mir leid wenn ich deine Begeisterung nicht teile, aber in mancher Beziehung bin ich wohl ein ziemlich verkorkstes Wesen. Am Liebsten würde ich gerne davonlaufen und mich einfach alleine irgendwo verkriechen", Sabrina sah Jens traurig an.
Jens schluckte und es entstand eine Pause. "Du bist nicht verkorkst, du hast nur einige schlechte Erfahrungen gemacht. Es überrascht mich ein wenig, du bist immer so stark und scheust keine Gefahr, aber wenn es um dich selbst und Gefühlsdinge geht, dann versuchst du wegzulaufen. Da müssen wir wohl einiges wieder in Ordnung bringen. Ich mag diese Berge an Geschenken ebenfalls nicht und wir haben das immer gemütlich gehalten. Wir überlegen mal gemeinsam wen wir alles Fragen. So wie ich unsere Freunde kenne, können wir mit ihnen darüber reden und sie mögen das große Tamtam glaube ich auch nicht", Jens machte eine Pause und nahm sie fest in den Arm. "Ich mache dir einen Vorschlag, ich werde mich um alles kümmern und du lässt dich überraschen, o.k.? Und ich glaube, es wird schön werden."
Sabrina schmiegte sich an ihn. "Gut, ich überlasse alles dir. Ich möchte es auf jeden Fall versuchen und keinem die Feiertage verderben. Im Notfall ziehe ich mich einfach ein wenig zurück."
Jens legte Holz im Kamin nach. Das Feuer knisterte und strahlte eine angenehme Wärme und der Feuerschein hüllte den Raum in ein rotgelbes Licht. Er setzte sich wieder zu ihr und sie genossen die gegenseitige Nähe und die Atmosphäre.
Eigentlich hatte er sich entschlossen Sabrina am Weihnachtsabend einen Ring zu überreichen und sie zu fragen ob sie in heiraten wollte. Nun war er unsicher ob es vielleicht doch noch zu früh war. Sie war seit 10 Jahren auf Distanz gegangen was ihre eigenen Gefühle betraf und als sie wieder jemanden kennen lernte, hatte sie ihn kurz darauf verloren. Kannte er sie wirklich schon so gut und vor allem lange genug? Immer wieder erfuhr er neue Dinge, aber er liebte sie und wollte sie nicht mehr verlieren. Nach einiger Zeit war Sabrina eingeschlafen. Jens deckte sie zu und ging in den Nebenraum um zu telefonieren.
Ein angenehmer Duft aus der Küche weckte Sabrina einige Zeit später. Sie stand auf und folgte ihm.
"Hmmm, das riecht aber gut. Was kochst du den leckeres?" fragte sie.
"Es ist gleich fertig, lass dich überraschen, ich habe etwas Neues ausprobiert", antwortete Jens und gab ihr einen Kuss.
"Dann werde ich mal den Tisch decken."
"Brauchst du nicht, ist alles schon erledigt. Du kannst dich gleich setzen, es ist in ein paar Minuten soweit."
"Kannst du mich auch mal was machen lassen? Ich komme mir so richtig nutzlos vor wenn ich gar nichts mehr zu tun habe", meinte Sabrina säuerlich.
"Wenn du wieder fit bist darfst du dich wieder um alles kümmern und jetzt genieße es einfach und vor allem erhole dich, sonst werde ich sauer." Jens stand vor ihr und sah ihr streng in die Augen. "Fällt es dir so schwer einfach einmal los zu lassen? Musst du immer etwas zu tun haben?"
"Es ist seltsam für mich und ich bin es nicht gewöhnt nur rumzusitzen ...."
"Nachher können wir wieder zu zweit rumsitzen ....."
"Du bist unmöglich", schmunzelte Sabrina.
"Genau wie du, ich glaube das färbt ab. Und jetzt setzt dich, sonst brennt das Essen noch an."
Jens holte eine Gemüselasagne aus dem Ofen und stellte sie auf den gedeckten Tisch.
"Wenn es so gut schmeckt wie es aussieht solltest du dir überlegen ob du nicht deinen Beruf wechselst. Vielleicht wäre Koch eine gute Entscheidung. Obwohl, dann bin ich spätestens in einem Jahr kugelrund." Sabrina versuchte und schaute Jens begeistert an. "Das schmeckt klasse, wo hast du das gelernt?"
"Ich habe schon immer gerne gekocht, früher nur an den Wochenenden, nachdem Anna zu mir gezogen ist, habe ich das dann regelmäßig gemacht, da bekommt man schon ein wenig Übung", antwortete Jens. "Als du vorhin geschlafen hast habe ich mit unseren Freunden telefoniert. Anna kommt mit Felix schon am Freitagabend gleich nach der Schule. Norbert hat Felix über die Feiertage frei gegeben, die zwei können zu uns in die Wohnung. Karin und Michael kommen mit Dirk am Samstagnachmittag. Dirk hat am Vormittag noch Unterricht und hat dann Ferien. Sie können über das Wochenende in die andere Ferienwohnung. Mark und Gina kommen am 23. und bringen Enrico mit, dann können wir gemeinsam auf die Hütte fahren. Thomas, Biggi und die Kinder, sowie Peter, Stella und Oliver kommen nach den Feiertagen über Silvester, sie haben schon mit den Großeltern Vereinbarungen über die Tage getroffen."
"Na da kriegen wir ja ein volles Haus .... Und warum Norbert Felix frei gegeben hat, das kann ich mir schon denken. Da könnt ihr mich ja alle schön im Auge behalten."
"Hey, wir wollen doch alle nur das du dich erholst und ein bisschen Spaß hast. Du wirst sehen, das wird sehr schön werden, wir haben das schon gemacht. So haben wir recht ruhige Weihnachten und an Silvester ein wenig Trubel."
Nach dem Essen setzten sie sich wieder an den Kamin. Das Feuer knisterte und Sabrina dachte zurück an die Feuer die sie in der Wildnis angezündet hatten wenn sie draußen war. Sie erzählte von den Abenden und Nächten die sie in der Natur verbracht hatte und ihren Erlebnissen.
Der Donnerstag und Freitag vergingen schnell. Nach dem Aufenthalt im Stollen und Schwimmen im Solebad war Sabrina zwar erschöpft aber sie genoss es wenn sie sich bewegen konnte.
Im Kamin brannte wieder das Feuer und sie schlief in ihrem Lieblingssessel am Kamin. Jens sah vom Küchefenster aus das Auto mit Felix und Anna auf den Hof fahren. Er öffnete die Tür und ging ihnen entgegen.
"Hallo Papa, du siehst gut aus", begrüßte Anna ihren Vater.
"Na ihr zwei, hattet ihr Probleme mit dem Schnee und dem Verkehr?" fragte Jens.
"Hallo Jens. Nein, es lief erstaunlich gut. Norbert hat mir vorsorglich den Rover gegeben, damit können wir dann auch zur Hütte fahren, der ist ideal im Winter", begrüßte nun Felix seinen "Schwiegervater".
"Kommt rein, aber seid leise, Sabrina schläft noch. Habt ihr viel Gepäck?"
Gemeinsam trugen sie das Gepäck in die Wohnung. Anna und Felix zogen ihre dicken Winterjacken und Stiefel aus und sahen sich um.
"Wirklich hübsch hier und so gemütlich", sagte Anna.
"Wie geht es Sabrina?" wollte Felix wissen.
"Soweit ich das beurteilen kann ganz gut. Die Aufenthalte im Stollen tun ihr sehr gut. Sie schwimmt viel und versucht jeden Tag größere Strecken zu laufen. Meist ist sie danach erschöpft und schläft viel. Sie ist aber trotz allem so vernünftig und übertreibt es nicht. Ich muss sie nur selten bremsen."
"Das mache ich nur um den Diskussionen mit dir aus dem Weg zu gehen. Hallo ihr Beiden, ich freue mich, dass ihr schon da seid", sagte Sabrina und stand auf um sie in den Arm zu nehmen.
"Du brauchst dich gar nicht mehr hinsetzen, wir können gleich essen", meinte Jens.
Nach dem Essen und belanglosen Gesprächen setzten sie sich alle an den Kamin.
"Was meint ihr, wir sind Anna glaube ich noch ein paar Erklärungen schuldig", sagte Sabrina plötzlich und sah Jens und Felix an. "Da wir heute alleine sind ist es glaube ich der richtige Zeitpunkt. Vielleicht sollte ich den Anfang machen, schließlich bin ich die Ursache für alles."
"Du sprichst in Rätseln, aber ich würde schon gerne einiges erfahren, es war so viel in letzter Zeit was seltsam und geheimnisvoll war", antwortete Anna.
"Das Wenige, was dir dein Vater und Felix erzählt haben geschah auf meinen ausdrücklichen Wunsch hin und ist nicht die ganze Wahrheit gewesen. Ich leite eine Organisation hier in Deutschland die weltweit tätig ist und versucht den Menschen wie auch immer zu helfen. `People for People´ ist unabhängig von Wirtschaft und Politik und wir wollen nicht groß in Erscheinung treten. Wir helfen im Kleinen wie bei Michael und Karin, oder im Großen wie z.B. bei Umweltkatastrophen. Da wir unabhängig sind und oft gegen die bösen Machenschaften skrupelloser Menschen angehen versuchen wir im Verborgenen zu arbeiten um uns nicht unnötig Angriffen auszusetzen. Dass wir unsere Familien und Freunde nicht über alles informieren dient deren Schutz. Es fällt uns nicht immer leicht, aber es ist besser so für alle Beteiligten, weil unsere Arbeit nicht ganz ungefährlich ist. Ich hoffe, du verstehst das und bist uns nicht allzu böse, es ist uns nicht leicht gefallen darüber zu schweigen."
"Jetzt wird mir einiges klarer. Dann steckt deine Organisation auch hinter dem neuen Team auf der Medicopter-Basis und dem neuen Job für Papa", antwortete Anna.
"Ja. Es schien mir sinnvoll nachdem ich gesehen habe welches Arbeitsaufkommen dort war und wie belastet die vorhandenen Team waren. Also haben wir uns dafür eingesetzt, das ist eines der kleinen Dinge die wir tun können."
"Und mir hat Sabrina ebenfalls sehr geholfen," Felix sah Anna an und schluckte. "Wenn sie nicht gewesen wäre würde ich heute im Gefängnis sitzen." Er machte eine Pause und überlegte händeringend wie er weitermachen sollte.
Jens wollte etwas sagen aber Sabrina legte ihm ihre Hand auf den Arm, sah ihm in die Augen und schüttelte kaum merklich mit dem Kopf.
"Dass ich ein Computerfreak bin und viel Zeit an dem Gerät verbringe wisst ihr schon. Es hat mir viel Spaß gemacht und ich bin dadurch in `Hackerkreise´ geraten. Wir haben uns gegenseitig angestachelt und Blödsinn gemacht. Leider, oder Gott sei Dank, wurde ich erwischt. Sabrina hat von der Sache Wind bekommen und war damals bei der Verhandlung. Sie hat mit dem Richter und dem Staatsanwalt einen Deal gemacht und dadurch verhindert, dass ich ins Gefängnis musste. Da ich gerade mein Abitur gemacht hatte und nicht recht wusste wie es weiter gehen sollte hat sie mir geholfen einen Studienplatz in Informatik zu bekommen. ´People for People` finanzierte mir mein Studium da meine Mutter die Mittel nicht hatte. Als Gegenleistung habe ich in den Semesterferien geholfen das Computersystem auf der Basis auszubauen und abzusichern. Am Anfang wusste ich das alles nicht richtig zu Schätzen, erst nach einiger Zeit. Irgendwie habe ich das Leben trotzdem immer noch nicht richtig ernst genommen obwohl sie sich sehr viel Mühe mit mir gegeben haben. Bei der Hochzeit eines Freundes Anfang des Sommers haben wir wieder Unsinn gemacht, trotz aller Warnungen und Bitten. Alkohol, schnelle Autos und ein Wettrennen, das war für einen guten Freund und Kollegen von Sabrina leider das Todesurteil. Mal abgesehen davon, dass das furchtbar schlimm für mich war, Norbert hat mich danach so richtig Zusammengestaucht. Sabrina hat gar nicht viel gesagt, sie war nur sehr traurig, hat mich mitgenommen und mir gezeigt, was Wichtig ist und was in der Welt los ist. Das hat mich schockiert und zum Nachdenken gebracht. Ich habe mich ihrer Organisation angeschlossen, weil es die Sache Wert ist dafür zu arbeiten und zu kämpfen. Sie und ihre Leute haben meinem Leben einen neuen Sinn gegeben und ich bin sehr froh darüber."
Es entstand eine Pause. Sabrina stand auf um auf die Toilette zu gehen und sich eine Jacke zu holen.
"Manchmal wünsche ich mir sie könnte meine Mutter sein. Die Organisation ist inzwischen praktisch zu meiner Familie geworden und die Basis mein Zuhause. Durch die ganze Sache bin ich erst wirklich erwachsen geworden. Ich habe es ihr lange Zeit nicht leicht gemacht, das weiß ich heute. Manchmal überlege ich mir warum sie sich so viel Mühe mit mir gemacht hat. Eigentlich will sie, dass ich mein Studium abschließe und dann erst eine Entscheidung treffe. Sie möchte nicht, dass ich mich ihr oder der Organisation verpflichtet fühle, aber momentan will ich einfach etwas sinnvolles tun und nicht über Büchern sitzen, also habe ich erst mal eine Pause eingelegt", sagte Felix.
Sabrina kam zurück und hatte die letzten Worte noch mitbekommen.
"Weil ich es einfach besser finde eine abgeschlossene Ausbildung zu haben. Außerdem habe ich erkannt welches Potential in dir steckt und wollte nicht, dass es verkümmert und verschwendet wird. Irgendwann hast du vielleicht keine Lust mehr dein Leben aufs Spiel zu setzen und willst aussteigen, dann hast du etwas auf das du zurückgreifen kannst."
"Ist dir kalt?" fragte Jens als er die Jacke sah und nahm sie in den Arm.
"Ein wenig, vermutlich bin ich nur müde, es war doch anstrengend heute. Und wie fühlst du dich jetzt Felix?"
"Gut, ich bin froh, dass ich darüber reden konnte. Du hattest recht, es ist besser, wenn sie Bescheid wissen", antwortete Felix.
"Hast du eigentlich gehofft, dass Felix sich euch anschließt als du ihm geholfen hast?" fragte Anna.
"Nein, das geschah ohne Hintergedanken. Ich wollte einem jungen Menschen eine zweite Chance geben. In meiner Jugend wollte ich auch nicht auf meine Eltern hören und wir haben aus heutiger Sicht einigen Blödsinn gemacht, also kann ich das nachvollziehen, wir hatten nur viel Glück dabei. Er sollte uns ursprünglich nur beim Aufbau des Computersystems helfen. Normalerweise suche ich mir Mitarbeiter die etwas älter sind. Sie stehen im Leben, haben Erfahrungen gesammelt und nicht mehr so viel Unsinn im Kopf." Sabrina sah Felix grinsend an.
"Warum hast du mir nichts davon gesagt?" fragte Jens.
"Weil es seine Geschichte und seine Entscheidung ist. Es wäre nicht fair Felix gegenüber gewesen, wenn ich es dir erzählt hätte, es ist alleine seine Sache."
"Du erstaunst mich immer wieder mit den Dingen die du tust."
"Warum? Wir helfen überall in vielfältiger Weise wenn wir auf die Sachen aufmerksam werden. Von Katastrophen hört oder liest man weil sie viele betreffen, von den kleinen Dingen die sich praktisch im Verborgenen und in der Nachbarschaft abspielen bekommt man nur nichts mit. Jeder meiner Leute könnte dir seine Geschichte erzählen wie er zu uns gekommen ist. Für einige war es die zweite Chance und für andere eine neue Perspektive und Aufgabe. Einige habe ich angesprochen weil sie die entsprechenden Fähigkeiten hatten, anderen haben wir geholfen und sie haben sich uns dann angeschlossen. Wobei wir nie wollen, dass sich jemand verpflichtet fühlt wenn wir ihm geholfen haben, das machen wir immer deutlich. Wir sind eine Gemeinschaft und lernen voneinander weil jeder von den Fähigkeiten und dem Wissen der anderen profitieren kann, das hilft uns bei der Arbeit. In der Regel erfahren die Leute denen wir helfen nur unsere Vornamen, nachdem die Arbeit getan ist verschwinden wir möglichst unauffällig und hinterlassen keine Spuren damit man uns nicht verfolgen kann. Wir verlangen keinen Lohn für das was wir tun, die glücklichen Menschen reichen uns."
"Deshalb habe ich noch nichts von euch gehört oder gelesen, und deswegen auch diese Geheimnistuerei. Dafür benötigt ihr eine Menge Idealismus", sagte Anna erstaunt.
"Wir bemühen uns eigentlich darum einen nicht allzu großen Freundeskreis zu haben, einfach um Fragen die zwangsläufig auftauchen aus dem Weg zu gehen. Außerdem ist da noch etwas was du erfahren solltest. Es ist dir vielleicht aufgefallen, dass Wunden bei mir sehr schnell heilen und ich mich relativ schnell erhole. Das hängt damit zusammen das ich eine `Indigo´ bin. So nennen wir Menschen die außergewöhnliche Fähigkeiten besitzen. Diese Fähigkeiten liegen in vielen Menschen verborgen und können mit einem entsprechenden Training aktiviert werden. Sie sind sehr unterschiedlich in ihrer Art und Intensität. Ich habe sieben Jahre Ausbildung hinter mir und trainiere immer noch um sie weiter auszubauen da ich noch nicht am Ende bin. Mit meinen Fähigkeiten versuche ich zu helfen und meine Leute zu schützen. Umgekehrt lernen sie von mir und schützen mich, das ist das Besondere an unserer Gemeinschaft." Sabrina machte eine Pause und Jens konnte sehen, dass der Tag und das viele Reden sie sehr angestrengt hatten.
"Du siehst sehr müde aus und bist erschöpft, ich glaube es reicht für heute."
"Ja, du hast recht, ich lege mich am Besten ins Bett", antwortete Sabrina und lehnte sich an ihn. "Bleib du hier, Anna hat bestimmt noch Fragen." Sie stand auf, gab ihm einen Kuss auf die Wange und ging in ihr Schlafzimmer.
"Das hört sich irgendwie fantastisch an, ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Warum habt ihr mich nicht früher eingeweiht?"
"Es ist alles nicht so einfach. Sabrina und ich mussten erst zueinander finden und ich habe einige Zeit benötigt um das Ganze richtig zu verstehen. Sie hat mir das nach und nach sehr vorsichtig erklärt, weil sie aufgrund ihrer Vergangenheit und ihrer Arbeit heute große Angst hatte sich wieder zu sehr an einen Menschen zu binden. Wenn sie von ihren Indigo-Fähigkeiten spricht fällt ihr das besonders schwer weil sie befürchtet, dass sie dann nicht mehr normal behandelt wird. Du hast heute sehr viel über Sabrina, Felix und die Organisation erfahren, behalte es für dich und denke darüber nach, vergiss aber nicht, dass zu viel Wissen über diese Dinge gefährlich werden kann. Ich habe seid ich sie kenne sehr viel erfahren und entschieden, dass ich damit leben kann und will. Du musst mit Felix darüber reden und dann entscheiden ob du es auch kannst. Die Risiken sind nicht gering und die Umstände sind nicht immer leicht, aber das Ziel ist richtig und gut. Anna mein Kind ich liebe dich und ich möchte dir die Sorgen die ich oft um Sabrina habe gerne ersparen, denn du wirst sie mit Felix haben, aber es ist euere bzw. deine Entscheidung. Du sollst nur wissen, du kannst jederzeit zu mir kommen wenn du Hilfe brauchst. So, ich werde mich ebenfalls hinlegen. Gute Nacht ihr Beiden." Jens stand auf, strich Anna nochmals liebevoll über die Haare und ging.
Anna sah ihm nach und schaute dann Felix in die Augen.
"Warum müssen manche Dinge nur so kompliziert sein. Ich habe heute eine ganze Menge erfahren, darüber muss ich wirklich erst nachdenken. Können wir morgen darüber reden?"
"Klar, lass dir Zeit, wir haben alle unsere Zeit dafür benötigt. Und ich glaube, ich habe selbst sehr lange gebraucht. Heute, wo ich alles verstanden und begriffen habe, stehe ich voll hinter der Sache und bin glücklich mit unserer Aufgabe. Ganz egal wie du dich entscheidest, ich werde es akzeptieren."
Jens hatte gerade Wasser für Kaffee und Tee aufgesetzt als er vor dem Haus ein Auto hörte. Durch das Fenster konnte er das Auto von Michael erkennen und ging hinaus um sie zu begrüßen.
"Hallo, so früh hatte ich gar nicht mit euch gerechnet."
"Bei Dirk ist die letzte Stunde ausgefallen und wir sind direkt nach der Schule losgefahren. Dadurch hatten wir Glück mit dem Verkehr, die Staus gingen erst los als wir bereits wieder von der Autobahn runter waren."
"Kommt erst mal rein. Ich zeige euch die Wohnung und wenn ihr ausgeladen habt können wir gleich Kaffee trinken."
"Wie geht es Sabrina?" fragte Karin.
"Von Tag zu Tag besser, sie erholt sich gut. Wir waren heute morgen wieder Schwimmen und im Stollen. Danach schläft sie immer. Wir können uns dann unterhalten."
Kurz darauf saßen sie gemeinsam in der gemütlichen Essecke.
"Felix und Anna sind noch unterwegs. Wir haben Anna gestern eingeweiht, die Beiden haben einiges zu Besprechen", sagte Jens.
"Wie hat sie es aufgenommen?" Karin sah ihn fragend an.
"Naja, es war schon eine ganze Menge, vor allem weil es ja nicht nur um Sabrina ging sondern auch um Felix. Ich denke mal sie hat schon geahnt, dass da einiges im Hintergrund ist, aber sie hat es recht gut aufgenommen. Für Sabrina war es nicht leicht, zumal Felix sich sehr engagiert und viel mit auf Einsätze geht. Sie weiß welche Sorgen ich mir mache und nun wird sie Anna ebenfalls haben, wenn sie zusammen bleiben wollen. Wir werden darüber wohl noch einige Gespräche führen müssen."
"Nun mach dir mal nicht zu viele Gedanken, sie ist alt genug um ihre Entscheidung zu treffen. Ich weiß, sie ist deine Tochter und du willst das Beste für sie. Aber Eltern müssen ab einem gewissen Zeitpunkt loslassen und darauf vertrauen, dass ihre Kinder den richtigen Weg wählen. Wichtig ist, dass wir immer für sie da sind wenn sie unseren Rat brauchen", sagte Michael und legte Jens eine Hand auf die Schulter. "Nun sag mir wie es Sabrina geht."
"Soweit ich das beurteilen kann, von Tag zu Tag besser. Die Aufenthalte im Stollen geben ihr Kraft, obwohl ich mir nicht erklären kann wie. Die Strecken die sie jeden Tag läuft und schwimmt werden immer weiter und es scheint ihr immer leichter zu fallen. Wenn sie sich bewegen kann und draußen ist fühlt sie sich am wohlsten. Körperlich geht es ihr also gut, aber ich habe den Eindruck, dass irgendetwas sie innerlich sehr belastet. Obwohl wir über das Thema Weihnachten gesprochen haben, was sie sehr bedrückt hat, und Anna eingeweiht wurde, ist da immer noch irgend etwas. Das ist mir besonders aufgefallen nachdem sie die Post heute morgen gelesen hatte die Felix mitgebracht hat. Anstatt erleichtert zu sein zieht sie sich noch mehr zurück, ich weiß nicht was ich noch machen soll. Es ist, als ob wir uns entfernen anstatt zueinander zu kommen, dabei verbringen wir die ganze Zeit zusammen und reden über unendlich viele Dinge. Ich bin inzwischen unsicher geworden ob ich sie an Weihnachten wirklich fragen soll ......." Jens hatte seinen Kopf in die Hände gestützt und sah ein wenig verzweifelt aus.
"Vielleicht sollte ich mal mit ihr reden, so von Frau zu Frau. Du darfst nicht vergessen, sie leitet eine Organisation und trägt viel Verantwortung, ich vermute fast, irgendetwas mit ihre Arbeit steckt dahinter", sagte Karin.
"Danke Karin, ihr Frauen habt für solche Dinge doch ein anderes Gefühl. Willst du sie wecken? Sie wollte vor dem Abendessen noch einen Spaziergang machen."
"Gerne, lass mich mal machen", meinte Karin und stand auf. Sie klopfte an die Schlafzimmertür und trat langsam ein. "Sabrina ?"
Verschlafen regte sich Sabrina uns blinzelte sie an. "Oh, hallo Karin, schön das ihr schon da seid. Hattet ihr eine gute Fahrt?"
"Ja, hatten wir. Wir haben schon einen Kaffee mit Jens getrunken. Dirk hatte früher Schule aus und so konnten wir eher starten. Du siehst gut erholt aus, wie fühlst du dich? Lass mich gleich mal nach deinem Bein sehen", sagte Karin und setzte sich zu ihr ans Bett.
"Ich fühle mich sehr gut, die Bewegung jeden Tag durch Laufen und Schwimmen genieße ich richtig. Die Aufenthalte im Stollen und viel frische Luft tragen ihren Teil dazu bei. Rumsitzen liegt mir einfach nicht, ich fühle mich dann so eingeengt. Felix hat mir meinen Bogen mitgebracht, da möchte ich wieder anfangen zu trainieren, ich liebe diesen Sport. Und, bist du zufrieden?" Sabrina sah sie fragend an da Karin in der Zwischenzeit ihr Bein untersucht hatte.
"Ja, bin ich. Ich denke mal du kannst anfangen nur mit einer Krücke zu gehen und das Bein nach und nach noch mehr belasten. Steh mal auf und mach ein paar Schritte."
Sabrina stand auf und ging durch das Zimmer.
"Michael wird sich das sicher auch noch ansehen wollen, aber es entwickelt sich hervorragend und wie immer sehr schnell. Du bist einfach ein medizinisches Phänomen."
"Für uns ist das normal, hör auf mich als Sensation hinzustellen. Es gibt andere Indigo bei denen geht es noch schneller. Hast du Lust auf einen Spaziergang? Wenn die Dämmerung einsetzt und im Tal die Lichter langsam angehen ist es besonders schön."
"Gerne, ich war schon lange nicht mehr an der frischen Luft und der Schnee draußen ist herrlich", antwortete Karin, drehte sich um und ging um sich anzuziehen. "Wir gehen noch spazieren, kommt jemand mit?" fragte sie in das Esszimmer hinein.
"Wir haben es uns am Kamin gerade gemütlich gemacht und heben uns das für morgen auf", antwortete Michael aus der anderen Ecke.
Kurz darauf gingen Sabrina und Karin langsam einen herrlichen Höhenweg.
"Danke, dass du mitgekommen bist. Ich halte es kaum noch aus in den Räumen, es zieht mich immer wieder nach draußen", seufzte Sabrina.
"Was ist los, das hört sich fast nach Flucht an."
"Nein, ist es nicht ganz. Ich war nur in den 7 Jahren meiner Ausbildung sehr viel in der freien Natur und fühle mich jetzt eingesperrt wenn ich zu lange in geschlossenen engen Räumen bin. Durch die eingeschränkte Bewegungsfreiheit und das lange Liegen im Krankenhaus habe ich wieder einen enormen Drang nach draußen."
"Das ist doch nicht alles, oder? Willst du mit mir darüber reden?"
"Ich habe das schon mit Jens versucht. Das Zusammensein mit ihm genieße ich sehr und es tut mir gut, aber es kommt auch vieles wieder hoch was ich versucht habe zu Verdrängen. Bestimmt hat er Andeutungen gemacht welche Probleme ich mit Weihnachten und Silvester habe."
"Andeutungen, ja. Du wirst sehen, wir werden das schön gemütlich machen, ohne viel Aufwand. Die Hütte ist sicher ein schöner Rahmen dafür. Es wird wenig Geschenke geben, dafür einige Überraschungen."
"Was für Überraschungen? Warst du beim Frauenarzt? Hatte ich recht?" fragte Sabrina.
"Ja, ich bin schwanger. Der Arzt war ganz überrascht, dass ich so früh gekommen bin und eine Vermutung hatte, ich bin erst Anfang der 5. Woche. Michael und Dirk sollen es aber erst am Heiligen Abend erfahren. Und so geheimnisvoll wie die in letzter Zeit getan haben, vermute ich eine Überraschung ihrerseits, zumal mein einer Ring kurzzeitig verschwunden war."
"Du meinst ein Heiratsantrag?"
"Vielleicht, oder hoffentlich. Dirk wünscht sich das ja schon einige Zeit."
"Klasse, dann werdet ihr eine große glückliche Familie. Ich vermute so etwas ebenfalls von Jens."
"Das wäre doch toll und würde mich riesig für dich freuen. Was ist los, was machst du für ein Gesicht?"
"Ich habe Angst davor mich wieder fest zu binden. Es wird in den nächsten Jahren sehr viel auf mich zukommen. Wenn unsere `Alten Weisen´ sterben werde ich noch mehr Aufgaben und Verantwortung übernehmen. Die Welt da draußen ist voller Unruhe, wir haben enorme Aufgaben vor uns. Es wird sich viel verändern, ich werde daran wachsen und mich verändern. Was ist, wenn er das nicht verkraftet und nicht mit mir tragen kann? Ich weiß nicht ob ich das noch einmal durchstehen kann einen Menschen zu verlieren den ich so liebe, vielleicht ist es besser wir lassen es erst gar nicht so weit kommen......" Sabrina brach ab und eine Träne rann ihr über die Wange.
"Mein Gott Sabrina, du musst mit ihm darüber reden, sonst bekommst du keine Klarheit. Wenn du dich zurückziehst und ihn ausgrenzt tut das euch Beiden weh.
Er liebt dich und will dich nicht verlieren, das weiß ich. Warum sonst ist er, ohne zu überlegen, nach Baikonur geflogen und dann tagelang an deinem Bett gesessen? Er hat sogar seinen Job riskiert um bei dir zu sein. Am liebsten würde er sich deiner Organisation anschließen um ständig bei dir sein zu können. Wenn du unterwegs bist ist er immer ganz krank vor Sorgen." Karin hatte Sabrina fest in den Arm genommen und sah ihr in die Augen. "Ihr liebt euch Beide so sehr, ihr gehört einfach zusammen. Vor lauter Angst dem anderen weh zu tun traut ihr euch anscheinend nicht miteinander darüber zu reden. Tut das bald, sonst verderbt ihr euch die gemeinsame Zeit."
"Danke Karin, das muss ich. Ich bin froh, dass ich in dir eine so gute Freundin gefunden habe und wir darüber reden konnten."
Schweigend setzten sie sich auf eine Bank und blickten in das Tal. Langsam setzte die Dämmerung ein, die Lichter gingen an und es wurde kälter.
"Ich glaube, wir sollten und auf den Rückweg machen. Jens macht sich jeden Tag viel Arbeit und verwöhnt mich mit seinen Kochkünsten", sagte Sabrina.
Nach dem Abendessen saßen sie gemütlich um den Kamin und erzählten Geschichten, nur Sabrina war recht schweigsam und blickte versunken in das Feuer. Gegen Mitternacht verabschiedeten sich alle. Jens und Sabrina blieben allein am Feuer sitzen.
"Was ist los mit dir? Du bist heute so schweigsam und fast ein bisschen traurig", fragte Jens.
"Ich muss bald eine Entscheidung treffen von der ich gehofft hatte es würde noch einige Zeit dauern bis es soweit ist. In der Post heute morgen war ein langer Brief und ein Päckchen von unseren ´Weisen Alten´. Sie schicken mir einen Ring und einen Anhänger mit der Bitte das Erbe anzutreten. Der Rat besteht aus sieben ´Weisen Alten´ und bildet praktisch unsere höchste Führungsebene. Wenn einer von ihnen spürt, dass er bald stirbt, wählen sie einen Nachfolger der das Erbe antreten soll. Ich wusste, das würde irgendwann einmal auf mich zukommen, aber nicht so früh. Es gibt die Möglichkeit abzulehnen, dann muss ein neuer Kandidat gewählt werden. Da der Zeitpunkt früher als erwartet liegt gibt es allerdings kaum Kandidaten. Je länger ich mit meiner Entscheidung zögere und je länger es dauert einen Nachfolger zu finden, desto länger dauert das Leiden und Sterben des betroffenen ´Alten´."
"Deshalb warst du so bedrückt und hast dich zurückgezogen? Welche Konsequenzen hat eine Entscheidung für dein Leben?"
"Ja, ich spüre schon seid Tagen, dass es Grandpa Don, wie wir ihn nennen, nicht sehr gut geht und dass er sich verabschieden möchte. Er hat mich trotz seines hohen Alters von über 90 Jahren ausgebildet und mir sehr viel Wissen und Erfahrung mitgegeben. Wenn er stirbt und ich sein Erbe annehme wir ein Teil seiner Kräfte auf mich übergehen. Meine Aufgaben und Tätigkeiten werden sich ausdehnen und ich werde manche Dinge noch viel stärker wahrnehmen weil meine Sensibilität zunehmen wird. Es würde sich einiges für mich ändern und dadurch auch für dich. Ich weiß nicht ob ich dir das alles Zumuten kann, genaugenommen weißt du noch so wenig von mir und uns. Die Entscheidung ist nicht einfach, sie betrifft uns Beide und ich kann sie nicht alleine treffen. Warum nur konnte das nicht noch einige Jahre warten ......" seufzte Sabrina.
"Ich weiß doch schon so viel von dir ..... und an deine Fähigkeiten habe ich mich bereits gewöhnt. Viel schlimmer kann es nicht mehr kommen ......" sagte Jens und nahm sie zärtlich in den Arm.
"Hey nimm das mal nicht so leicht, das war erst der Anfang ..... da wird noch eine ganze Menge auf dich zukommen. Immer vorausgesetzt du lässt dich nicht abschrecken und wir bleiben zusammen. Ich brauche dich und möchte dich nicht verlieren und weil ich glaube, dass ich es mit dir zusammen schaffen kann."
"Meine Entscheidung für dich und euere Sache ist schon vor einiger Zeit gefallen und ich werde sie nicht mehr ändern, selbst wenn ich meinen Job dafür aufgeben muss. Ich will an deiner Seite bleiben, von euch lernen und mit euch für das Gute kämpfen, da brauche ich gar nicht mehr lange überlegen."
"Ich danke dir und ich liebe dich. Jean-Pierre hatte recht, wir sind füreinander bestimmt und in einer schwierigen Entscheidung werde ich das erkennen. Gibst du mir bitte mal die kleine Schachtel dort?"
"Gern, was ist da drinnen?"
"Es sind zwei Schmuckstücke. Ein Kreuz aus Diamanten welches für uns das Kreuz des Südens darstellt und als Symbol für Reinheit und die Leitlinien steht.
Und ein Ring mit Steinen besetzt, ein Rubin für die Liebe zu den Menschen, ein Saphir für den Glauben an unsere Sache und ein Smaragd für die Hoffnung auf das Gute." Jens reichte ihr die Schachtel und sie öffnete das Kästchen.
"Sie sind wunderschön. Zieh sie doch mal an."
"Wenn ich sie anziehe dann trete ich das Erbe an. Die ´Alten` können das spüren und wissen dann gleich Bescheid", antwortete Sabrina nachdenklich und betrachtete die Schmuckstücke erfurchtsvoll.
Jens nahm den Ring mit der einen Hand aus dem Kästchen und mit der anderen Hand nahm er ihre rechte Hand.
"Ich werde immer an deiner Seite sein und dich unterstützen, ganz egal was passiert. Dein Herz hängt an dieser Aufgabe und sie dient einer guten Sache." Mit diesen Worten steckte er ihr den Ring an den Finger. Im ersten Moment hatte er das Gefühl er sei etwas zu weit und dann passte er plötzlich doch.
"Der Ring steht dir sehr gut, er wirkt schlicht und ist trotzdem edel. Ich lege dir noch die Kette um", sagte Jens und schloss die Halskette hinter ihrem Nacken und gab ihr einen Kuss. "Du siehst wunderschön aus damit. Ich liebe dich."
Sabrina sah auf den Ring und legte ihre Hand an das Kreuz.
"Es ist ein unbeschreibliches Gefühl diese Schmuckstücke zu tragen. Sie sind uralt und werden seid Jahrhunderten immer wieder weiter gegeben. Ich möchte dir danken, du hast mir die Entscheidung leichter gemacht." Sabrina nahm Jens in den Arm und sie küssten sich lang und innig. Jens konnte spüren das sie erleichtert und glücklich war und für ihn stand der weitere Weg nun auch fest. Eng umschlungen gingen sie ins Schlafzimmer.
Der nächste Tag sah zwei strahlend glückliche und zufriedene Menschen. Allen fiel die Veränderung am Frühstückstisch sofort auf.
Anna griff nach Sabrinas Hand.
"Du trägst einen wunderschönen Ring, was ist passiert? Habe ich etwas verpasst Papa?" fragte sie mit strengem Blick in seine Richtung.
"Nein, nicht was du denkst. Sabrina hat nur innerhalb ihrer Organisation das Erbe bzw. die Nachfolge einer Führungspersönlichkeit angetreten. Deshalb trägt sie jetzt diesen Schmuck. Ich finde er steht ihr sehr gut." Beide hofften diese einfache Erklärung würde alle zufrieden stellen. Lediglich Felix zwinkerte Sabrina wissend zu.
"Was wollen wir heute machen? Hat jemand Lust auf etwas bestimmtes?" fragte Sabrina.
"Ich würde gerne mit dir in den Stollen gehen. Was Jens erzählt hat muss es eine interessante Erfahrung sein. Nachdem es heute Nacht geschneit hat und inzwischen wieder strahlend blauer Himmel ist, könnte ich mir für heute Nachmittag eine Pferde-Schlittenfahrt schön vorstellen", antwortete Karin.
"Wenn ihr in den Heilstollen geht, werde ich mir mal das Salzbergwerk genauer ansehen, die Holzrutschen sollen toll sein. Für die Schlittenfahrt könnte ich mich danach auch begeistern", sagte Dirk.
"Da sind wir ja schon fast überstimmt, aber es hört sich gut an. Wobei mich der Heilstollen ebenfalls interessiert", meinte Michael.
"Und wir Beide schließen uns glaube ich Dirk an, oder was meinst du?" sagte Anna und schaute Felix an.
"Einverstanden, bei so viel Frauenpower will ich nicht widersprechen", brummte Felix und kassierte dafür einen Knuff in die Seite von Anna.
Alle mussten lachen.
"Haben wir vorher noch Zeit damit ich mir dein Bein mal ansehen kann?" fragte Michael an Sabrina gerichtet.
"Klar, dann aber gleich, in 20 Minuten sollten wir aufbrechen. Im Laufschritt kann ich die Strecke noch nicht zurücklegen." Sabrina stand auf und ging ins Schlafzimmer gefolgt von Michael.
Nach einer eingehenden Untersuchung sagte Michael: "Karin hat Recht, du bist wirklich ein Phänomen, obwohl du das nicht hören willst. Noch eine Woche mit einer Krücke und dann kannst du ganz darauf verzichten."
"Was würdet ihr machen wenn ihr mehr so Patienten wie mich hättet? An eueren Fähigkeiten zweifeln? Dabei ist es doch eine ganz natürliche Sache. Wer hat eigentlich festgelegt was wie lange braucht um zu heilen?"
"Naja, das sind Erfahrungswerte aus der Praxis die du eben außer Kraft setzt."
"Bei den Menschen mit unseren Fähigkeiten ist das ganz normal. Sieh mal wenn sich jemand in der Wildnis verletzt kann er nicht wochenlang liegen bleiben bis etwas ausgeheilt ist. Erstens ist es gefährlich wenn du dich nicht bewegen kannst und zweitens wie willst du dir Nahrung besorgen. Also muss folglich die Heilung beschleunigt werden um zu überleben und somit ist es natürlich."
"Bei dir hört sich das immer so einfach an, für uns ist das fremd."
"Wenn wir mehr Zeit miteinander verbringen wirst du ein anderes Verständnis dafür bekommen. Aber am Schnellsten lernt man das eigentlich wenn man da draußen lebt in der Natur und Wildnis und versucht mit ihr eins zu werden. Sie ist der Ursprung aller Dinge."
"Es ist immer wieder faszinierend für mich dir zuzuhören."
Sabrina sah auf die Uhr und meinte; "Wir müssen langsam los, sonst wird es eng. In den nächsten Tagen werden wir noch reichlich Gelegenheit haben uns zu unterhalten und ich kann dir Einblick geben in unsere Welt und Sichtweise."
Sie zogen sich an und machten sich auf den Weg zum Salzbergwerk. Vor dem Eingang trennten sie sich. Felix, Anna und Dirk machten die Führung durch das Salzbergwerk mit, die anderen fuhren in den Heilstollen ein. Nach 3 Stunden trafen sie sich wieder.
"Na, habt ihr viel erfahren über den Salzbergbau?" fragte Michael seinen Sohn.
"Es war echt interessant und die zwei Rutschen sind super, hat viel Spaß gemacht", antwortete Dirk. "Das Ganze hat aber hungrig gemacht, wann gibt es was zu essen?"
"Wir können gleich eine Kleinigkeit essen wenn wir zurück auf dem Hof sind. Kochen macht etwas Arbeit und ist für Abends vorgesehen. Wenn die Jugend sich beeilt könnt ihr ja alles vorbereiten wir kommen dann nach."
"Gute Idee, wir machen ein kleine Wettrennen, was haltet ihr davon?" fragte Felix an Anna und Dirk gerichtet.
"Na dann mal los!" stachelte Anna die anderen an und sie rannten los.
"Das war wirklich eine angenehme Atmosphäre in dem Stollen, der Ort hat eine seltsame Ausstrahlung. Ich kann es nicht erklären aber der Aufenthalt hat irgendwie sehr gut getan. Es überrascht mich wie viele Menschen von diesen Ort wissen und ihn aufsuchen", sagte Michael.
"Die saubere Luft, es lassen sich keine Allergene oder Schadstoffe nachweisen, ist vor allem für Allergiker und Asthmatiker sehr gut. Außerdem ist sie leicht salzhaltig und somit ähnlich der Seeluft. Die absolute Ruhe die hier unten herrscht trägt dazu bei sich zu erholen, der Geist nimmt eine Auszeit und ist nicht den ständigen Geräuschen ausgesetzt die uns hier draußen umgeben. Wir sind von einem Geräuschpegel umgeben den wir bewusst schon gar nicht mehr registrieren der uns aber belastet. Im ersten Moment erscheint manchen die Ruhe dann fast unerträglich, sie trägt aber zur Erholung bei, wenn man sie annimmt," antwortete Sabrina.
"Du hast recht, am Anfang habe ich es wirklich als unangenehm empfunden absolut nichts zu hören, dann hat es gut getan."
"Wir Indigo kennen einige solcher Orte und suchen sie regelmäßig auf weil wir daraus Kraft schöpfen. In anderen Kulturkreisen gelten sie teilweise als ´Heilige Orte´, daran kannst du sehen das man deren Bedeutung schon sehr lange kennt.
Genauso gibt es Menschen mit unseren Fähigkeiten schon seit Jahrhunderten."
Sie hatten den Hof inzwischen erreicht.
"Ich bleibe noch ein wenig hier draußen sitzen und komme dann nach", sagte Sabrina.
Karin setzte sich zu ihr. "Du bist heute viel entspannter als gestern."
"Ja, eine schwere Last ist mir vom Herzen gefallen. Jens und ich haben uns gestern Abend noch lange unterhalten. Ich bin mir jetzt sicher das wir zusammen gehören und er immer zu mir stehen wird, er hat die letzten Zweifel beiseite gewischt. Unsere Zukunft wird nicht einfach werden, aber er ist bereit alles anzunehmen was auf uns zukommt und wird mich unterstützen."
"Du glaubst gar nicht wie froh ich bin das zu hören."
"Wie hast du eigentlich den Aufenthalt im Stollen empfunden?"
"Es war unheimlich wohltuend. Mir war heute morgen etwas übel, ich konnte nichts sagen weil ich es mir ja aufheben will, kaum waren wir im Stollen ist diese Übelkeit verflogen. Diese Ruhe und Stille war sehr angenehm, ich möchte auf jeden Fall noch mal da hin und das genießen."
"Bis zum Heiligen Abend hast du noch einige Tage Gelegenheit dazu. Lass uns rein gehen, ich glaube unsere Jugend und die Männer haben alles gerichtet."
Die Tage bis Weihnachten vergingen wie im Flug. Pferdeschlittenfahrt, Schneeballschlachten, Schlitten- und Skifahren und ausgedehnte Spaziergänge boten eine Menge Abwechslung und Erholung. Die Abende verbrachten sie gemütlich am Kamin und erzählten. Sabrina war froh darüber, dass sich die Dinge geklärt hatten und sie über alles reden konnten. Es gab zwar einige Sachen in die Michael, Karin und Dirk nicht eingeweiht waren aber die große Heimlichtuerei, die sehr belastend war, war ihnen gegenüber nicht nötig.
Am Nachmittag des 23. Dezember kamen Mark und Gina die Enrico mitbrachten, sie wurden von Karin, Sabrina, Jens und Michael erwartet.
"Hallo, habt ihr gut hergefunden?" fragte Michael.
"Ja, mit deiner Beschreibung war das wirklich einfach", antwortete Mark.
"Wir fahren am Besten gleich zur Hütte, die anderen sind heute morgen schon vorgefahren um richtig einzuheizen. Inzwischen dürfte es gut warm sein und Kaffee und Tee haben sie mit Sicherheit bereits gekocht", sagte Michael und sie stiegen ins Auto. Eine halbe Stunde später hielten sie vor der Hütte.
"Mensch ist das herrlich hier, ich freue mich richtig auf die nächsten Tage", meinte Gina als sie ausstieg und man konnte ihr die Begeisterung anhören. "Lass uns das Gepäck reinbringen, ich möchte Kaffee trinken und dann spazieren gehen", sagte sie an Mark gerichtet.
In diesem Moment ging die Tür auf und sie wurden freudig begrüßt. Schnell war das ganze Gepäck ausgeladen. Sabrina hielt sich bewusst zurück und benutzte wieder beide Krücken. Sie nahm Michael auf die Seite und sagte: "Michael was soll ich machen? Kannst du mir bitte helfen? Mark wird sich bestimmt wundern über die guten Fortschritte die ich mache, ich möchte nicht noch mehr Leute einweihen."
"Du hast recht. Vielleicht wäre es ganz gut wenn du dich bei Aktivitäten etwas zurück hältst und etwas mehr die Ruhe suchst, selbst wenn es dir schwer fällt. Ich werde es ihm auf eine einfache Art erklären, aber du muss mich mit deinem Verhalten unterstützen."
"Einverstanden, obwohl es mir nicht leicht fällt. Es ist nur zu riskant noch mehr Leute einzuweihen."
"Wird schon klappen, vertrau mir", versuchte Michael sie zu beruhigen.
Gemeinsam gingen sie in die Hütte.
"Hans und Maria haben wirklich nicht zu viel versprochen, es ist richtig urig hier und gemütlich. Es sieht von außen zwar nicht so groß aus und ist innen trotzdem sehr geräumig. Wie sind die Zimmer?" sagte Sabrina und setzte sich auf eine Sessellehne während sie sich umsah.
"Drei Doppelzimmer sind hier unten, die restlichen 5 Zimmer sind unter dem Dach. Alle sehr gemütlich mit Holz und hübsch dekoriert. Wir haben uns schon oben einquartiert. Du bleibst sicher lieber unten, die Treppe ist etwas steil", antwortete Anna.
"Oh Gott, ich hoffe das hört bald auf ..... !" stöhnte Sabrina.
"Warum, was ist denn los?" fragte Jens grinsend und leicht entsetzt.
"Müsst ihr mich alle ständig bemuttern? Normalerweise sollte ich euch einfach davon laufen, das ist bald nicht mehr zum Aushalten. Ich glaube fast ihr genießt das und macht das absichtlich, ihr gönnt mir überhaupt nichts mehr ....." brummte Sabrina mit einem Schmunzeln.
"Hey, hört euch das an, unsere Patientin wird aufmüpfig" grinste Jens und gab ihr einen Kuss.
Gespielt böse fauchte Sabrina ihn an "Chrrrrr......." und flüsterte ihm ins Ohr "Es ist kaum zum Aushalten drei Ärzte und ein Sani die mich ständig im Auge behalten. Das zahle ich dir irgendwie noch heim."
"Ich freue mich schon darauf", flüsterte Jens zurück und knabberte an ihrem Ohr.
"Hier wird nicht rumgeknutscht, der Kaffee ist fertig", rief Felix plötzlich um die Situation aufzulockern. Er ahnte wie Sabrina sich fühlte zumal sie sich jetzt wieder ein wenig zurücknehmen musste um ihr Geheimnis zu wahren.
Nach dem Kaffee suchte sich jeder ein Zimmer aus und anschließend gingen sie alle raus in den Schnee. Sie unternahmen einen ausgedehnten Spaziergang den Sabrina allerdings vorzeitig abbrach. Jens und Karin begleiteten sie um das Abendessen vorzubereiten.
"Es fällt dir schwer einen Rückschritt zu machen das merke ich. Michael hat mir gesagt du möchtest Mark, Gina und Enrico nicht einweihen", sagte Karin.
"Glaub mir, es ist besser so. Es würde nur unnötige Fragen aufwerfen. Das Problem ist, dass die meisten es erst richtig verstehen wenn sie es sehen. Du und Dirk, ihr habt mir vertraut, weil ihr es gespürt und dadurch verstanden habt. Michael musste ich es zeigen damit er es begreift. Ralf hat es auch irgendwie gespürt und selbst wenn er es noch nicht genau verstanden hatte so hat er es durch die Erlebnisse in Baikonur begriffen. Thomas z.B. will es nicht verstehen obwohl er es erlebt hat und lehnt es ab weil es ihm fremd ist. Bei Mark, Gina und Enrico bin ich mir nicht ganz sicher. Ich habe im Moment nicht die Kraft es ihnen allen verständlich zu machen. Es hat sich in den letzten Tagen viel für mich verändert und ich muss nicht nur den Heilungsprozess bewältigen. Symbolisch dafür steht der Schmuck den ich trage. Sobald ich meine neuen Aufgaben übernommen habe werde ich euch das auch erklären."
Damit setzt Sabrina einen Schluss unter dieses Gespräch und Karin verstand, dass es keinen Wert hatte weiter zu fragen. Inzwischen hatten sie die Hütte wieder erreicht.
"Wie ich euch kenne lasst ihr mich nicht in der Küche helfen, oder?" fragte Sabrina.
"Nein", kam es einstimmig von Karin und Jens.
"Gut, dann werde ich die Post durchsehen die Felix heute morgen noch geholt hat", antwortete Sabrina und verzog sich mit der Mappe an den Kamin.
Nachdenklich und mit Trauer las sie die Post. Auf ihrer Stirn bildeten sich tiefe Sorgenfalten. Sie schloss die Mappe und die Augen um das Gelesene und die Bilder zu verarbeiten. Darüber hörte sie nicht, dass die anderen zurück kamen und es durch die Unterhaltungen lauter wurde. Michael bemerkte ihren traurigen Ausdruck sowie die Postmappe und setzte sich zu ihr. Vorsichtig berührte er sie an der Wange.
"Hast du Schmerzen oder gibt es Probleme?"
Sabrina öffnete sofort die Augen. "Schmerzen nein. Probleme, jaein, eher Sorgen. Die Sattelitenbilder zeigen eine Wetterlage über den Philippinen die nichts Gutes verheißt. Da braut sich ein gewaltiges Unwetter zusammen mit Sturm und Regen, das bedeutet Überschwemmungen. Da die Menschen die Wälder für Feuerholz extrem abholzen und inzwischen an Orten ihre Behausungen bauen die bei starkem Regen überflutet werden, wird es vermutlich viele Tote und viel Leid geben. Wir können es nicht verhindern, nur versuchen bald dort zu sein. Norbert macht bereits zwei Flugzeuge mit Hilfsgütern fertig damit wir schnell reagieren können. Durch die Feiertage ist es allerdings schwierig unsere Leute bei der Industrie zu erreichen um an die nötigen Materialien zu kommen. Es müsste nicht so schlimm werden wenn die Bevölkerung sich an alte Regeln halten würde, aber die Warnungen werden einfach in den Wind geschlagen. Es macht mich immer traurig wenn die Natur ihren Lauf nimmt und so immenser Schaden entsteht, aber zu einem großen Teil tragen die Menschen selbst dazu bei, wenn es sich dann so furchtbar auswirkt."
"Nimm es dir nicht so sehr zu Herzen, du kannst es weder verhindern noch ändern", sagte Michael.
"Ich kann nicht anders, die Ausmaße könnten verringert werden, wenn sie sich an die einfachen Regeln halten würden ...." Sabrina machte eine Pause und sah sich um ob ihnen jemand zuhören konnte. "Außerdem kann ich es spüren wenn es so geballt auftritt und das tut im Innern sehr weh, es passiert so viel schlimmes überall auf der Welt ....." fügte sie flüsternd hinzu und sah ihm in die Augen.
Michael nahm ihre Hand und drückte sie. "Das wusste ich nicht, kannst du dich nicht abgrenzen?"
"Nicht ganz, dazu habe ich im Moment nicht genügend Kraft ...." antwortete Sabrina und schüttelte leicht den Kopf weil Mark und Gina zum Sofa kamen.
"Na schon wieder Arbeit, du kannst es auch nicht lassen", sagte Mark.
"Nein, nicht ganz, meine Leute und meine Arbeit sind mir wichtig. Sie machen ihre Sache gut und halten mich auf dem Laufenden, sonst müsste ich so viel nacharbeiten. Ich falle nun doch schon lange aus. Es gibt mir die Sicherheit das alles Gut läuft und dadurch ein wenig mehr Ruhe. Wie würde es dir denn gehen wenn du der Vorgesetzte einer Einsatztruppe wärst? Du trägst doch auch die Verantwortung wenn ihr Einsätze habt und es um Menschenleben und Entscheidungen geht. Ähnlich ist es bei mir, ich habe 15 Leute die für mich arbeiten und für die ich somit verantwortlich bin", antwortete Sabrina.
"Wird dir das nicht manchmal zuviel, als Frau?" fragte Mark.
"Tsss, das ist doch wieder typisch Mann, warum traut ihr uns Frauen eigentlich nichts zu? Nur weil ihr das sogenannte ´starke Geschlecht` seid? Ich habe sieben Jahre Ausbildung hinter mir und mehr als einmal bewiesen, dass wir Frauen das Gleiche leisten können wie ihr. Und das war nicht immer leicht, weil ich ständig gegen euere Vorurteile kämpfen musste. Außerdem habe ich mich langsam eingearbeitet", antwortete Sabrina.
"Leg dich nicht mit ihr an Mark, du ziehst den Kürzeren, ich spreche da aus Erfahrung. Sie sieht zwar nicht so aus, aber mich hat sie sowohl mit Worten als auch tatkräftig überzeugt", sagte Felix der sich zu ihnen gesetzt hatte.
"Danke für die Unterstützung ´Kücken`. Pass auf, dass ich dich nicht raus schmeiße, dafür reicht es allemal", flachste Sabrina zurück.
"Ich glaube, ich muss dich mal wieder bremsen, meine Süße. Wir können dann essen", kam nun Jens aus der Küche.
"Ich hasse es nur untätig rumzusitzen, das weißt du ganz genau ........ Demnächst muss ich mich irgendwie abreagieren sonst drehe ich noch durch."
"Dann gehen wir morgen Bogenschießen, das wolltest du mir doch beibringen, einverstanden?" fragte Felix.
"Hört sich gut an, machen wir", antwortete Sabrina versöhnlich.
"Du kannst nicht Bogenschießen ....." widersprach Mark.
"Warum nicht? Dafür brauche ich meine Arme und nicht die Beine! Nenn mir einen triftigen Grund und ich lasse es", funkelte Sabrina ihn an.
"Ich ..... , du kannst .... Ist sie immer so schwierig Jens?" stotterte Mark.
"Findest du das schwierig? Das ist noch harmlos, da habe ich schon andere Kämpfe mit ihr ausgefochten", lachte Jens der das Wortgefecht verfolgte.
Gina grinste: "Du hattest recht, die meisten Männer haben ein Problem mit starken Frauen. Das habe ich ebenfalls durch gemacht, aber nicht so drastisch."
"Sie sind es eben seid Jahrhunderten gewöhnt, dass wir uns fügen und meinen ständig sie müssen uns Beschützen. Es ist nicht so einfach ihnen das abzugewöhnen", schmunzelte Sabrina.
"Na das kann ja heiter werden, jetzt haben wir schon zwei weibliche Kämpfernaturen, hoffentlich ist das nicht ansteckend", sagte Enrico.
"Ist es leider, mich hat Sabrina bereits mit diesem Virus infiziert", meinte Anna und knuffte Enrico heftig.
"Oh Gott Michael, was habe ich da nur angerichtet ...." stöhnte Mark.
"Garnichts Schlimmes, sie lockt die Leute nur gerne aus der Reserve, und es ist ihr mal wieder gelungen", lachte Michael, worauf er einen kleinen Boxhieb von Sabrina erntete den er aber gekonnt abfing.
"Gönn mir doch ein bisschen Spaß, ich habe mit 3 Ärzten am Hals nicht allzu viel zu Lachen. Kannst du mir bitte helfen Jens?" Sabrina streckte ihm die Hand hin.
Jens nahm ihre Hand und half ihr beim Aufstehen: "So liebe ich dich am Meisten, meine kleine Wildkatze", flüsterte er ihr ins Ohr als er ihr einen Kuss auf die Wange gab.
Nach dem gemeinsamen Abendessen saßen sie bis spät in die Nacht am Kamin erzählten und lachten.
Über Nacht hatte es wieder geschneit und der nächste Morgen war trüb und wolkenverhangen. Gegen Mittag kam die Sonne raus und Sabrina konnte mit Felix Bogenschießen üben während der Rest eine Schneeballschlacht machte. Nach einiger Zeit brachen sie den Schießunterricht ab. Sabrina setzte sich auf die Bank vor der Hütte und Felix gesellte sich zu den anderen. Mit geschlossenen Augen genoss Sabrina die wärmenden Sonnenstrahlen.
"Na, so nachdenklich?" fragte plötzlich eine Stimme, es war Michael.
"Wenn ich euch so beobachte, dich und Jens, mit eueren Kindern muss ich an meinen Sohn denken. Er wäre inzwischen fast 16 Jahre alt ...... Aber das Schicksal hatte einen anderen Weg für mich vorgesehen."
"Warum hast du dir keinen neuen Partner gesucht oder noch ein Kind bekommen?"
"Es war damals eine Risikogeburt und die Ärzte haben mir dringend abgeraten nochmals schwanger zu werden. Außerdem hatte ich in den sieben Jahren meiner Ausbildung in der Wildnis nicht das Bedürfnis danach. Und heute in meinem Alter, nein ich möchte nicht noch einmal von Vorne anfangen. Ich freue mich mit wenn in meinem Bekanntenkreis oder bei meinen Leuten Nachwuchs kommt, das reicht mir. Es würde mit meiner Arbeit nicht funktionieren. Mit Felix habe ich schon fast ein Ersatzkind erhalten."
"So alt bist du doch noch gar nicht. Ich schätze mal du bist maximal 40 Jahre."
"Danke für das Kompliment. Ich werde im Januar 46 Jahre alt, auch wenn ich mich noch nicht so alt fühle. Meine Arbeit hält mich fit. Frauen reden nun mal nicht gerne über ihr Alter."
"Jetzt bin ich aber überrascht. Wie geht es deinem Bein?"
"Gut, ich bräuchte die Krücken fast gar nicht mehr, am liebsten würde ich sie in die Ecke schmeißen. Das Theaterspielen ist ein wenig anstrengend, aber es muss sein. Hat Mark Fragen gestellt? Beobachten tut er mich auf jeden Fall, das spüre ich."
"Er hat kurz nach deinen Fortschritten gefragt und ich konnte ihn zufrieden stellen, denke ich. Du musst dich nur an die Spielregeln halten, in eine paar Wochen hast du es geschafft. Normalerweise seht ihr euch ja kaum. Hilft dir das Bogenschießen ein wenig dabei deine Energien abzubauen?"
"Ja, es gibt mir die Möglichkeit etwas zu tun und meinen Körper zu trainieren.
Für mich stellt es eine wunderbare Kombination aus Kraft, körperlicher Anstrengung, Ruhe und Konzentration dar."
"Ich habe dich vorhin beobachtet du triffst sehr gut ohne die genaue Entfernung zu wissen. Du hast viel Geduld mit Felix gezeigt. Der Sport sieht interessant aus, vielleicht versuche ich das auch einmal."
"Wenn du willst bringe ich es dir gerne bei. Für mich ist es immer ein schöner Ausgleich wenn ich einen anstrengenden Tag habe. Wenn ich Schießen gehe muss ich absolut abschalten, nur ein freier Geist kann sich auf das Ziel konzentrieren. Ich habe vor 25 Jahren damit angefangen und es hat mir immer viel Spaß gemacht, Praxis bringen dann Turniere und Meisterschaften."
Michael schüttelte den Kopf und sah sie an.
"Was ist?" fragte Sabrina.
"Jetzt kenne ich dich schon ein halbes Jahr und wir haben uns oft unterhalten, aber du überraschst mich immer wieder."
"Ja, das Studium der Frauen ist schwer. Selbst Jens ist immer wieder verblüfft, aber es wäre doch langweilig wenn ihr alles von uns wüsstet", antwortete Sabrina geheimnisvoll.
Die anderen kamen durch den Schnee auf die Hütte zugestapft. Teilweise durchnässt von der Schneeballschlacht und nach über 2 Stunden langsam etwas durchgefroren.
"Mensch war das Klasse und hat irre Spaß gemacht, jetzt müssen wir uns aber aufwärmen", sagte Enrico.
Sie gingen lachend und scherzend in die Hütte. Nur Sabrina blieb noch sitzen und Jens fiel erschöpft neben ihr auf die Bank.
"Du genießt mal wieder die Sonne und die Luft?"
"Ja, ich fühle mich draußen einfach wohler. Geschlossene Räume und viele Menschen engen mich immer ein wenig ein. Vor allem wenn ich mich nicht so bewegen kann wie ich will."
"Du bemühst dich sehr nicht zu zeigen wie gut es dir eigentlich geht. Ich bin sehr froh, dass wir hier oben sind und bin glücklich mit dir zusammen zu sein. Wir haben eine Menge Spaß mit den anderen, das tut allen gut."
Jens legte seinen Arm um Sabrina.
Von drinnen klopfte es an die Scheibe und Anna gab ihnen Zeichen sie sollten rein kommen. Der Tisch war weihnachtlich gedeckt und sie genossen einen wunderbaren Weihnachtskaffee. Gemeinsam bereiteten sie anschließend das Weihnachtsessen vor.
"Sagt mal könnt ihr überhaupt noch arbeiten bei dem Gedränge in der Küche?" sagte Sabrina die vom Kamin aus das Gewusel betrachtete. "Ich könnte hier ein wenig Gesellschaft vertragen, wer meldet sich freiwillig und bringt mir noch einen Tee mit?"
"Ich komme, mir wird es hier langsam wirklich zu eng", rief Dirk fröhlich und verschwand mit einer Tasse Tee aus der Küche.
"Danke, das freut mich. Na wie gefällt es dir hier? Ein wenig einsam so als einziger Jugendlicher?" fragte Sabrina.
"Es ist herrlich hier oben und es ist schön ein paar Tage gemeinsam ohne Arbeitsstress mit Karin und Papa zu verbringen. Meistens hat einer von ihnen Dienst und wir haben relativ wenig Zeit gemeinsam. Ich will mich nicht beklagen, es ist toll, dass wir zusammen sind. Außerdem finde ich es schön Zeit mit dir und Jens verbringen zu können. Die Gespräche mit euch sind immer sehr angenehm."
"Aber du vermisst jemanden, oder?"
"Woher weißt du das? Weder Papa noch Karin wissen davon."
"Weibliche Intuition und ich kann es spüren, aber wenn ich richtig vermute dauert es nicht mehr lange bis ihr euch wieder seht."
"Ja, ich mag sie sehr. Es ist noch nicht so lange und ich glaube ich habe mich verliebt."
"Weiß sie es? Habt ihr darüber gesprochen und erwidert sie deine Gefühle?"
"Es ist Laura. Nein, wir haben noch nicht darüber gesprochen. Wir sehen uns regelmäßig in der Schule und verstehen uns sehr gut. Es ist so ein kribbeln, wenn wir uns in die Augen sehen ...... Ich habe ein wenig Angst, vielleicht liege ich falsch. Sie kommt nach den Feiertagen ja auch hier hoch, ich wollte abwarten und dann vielleicht mit ihr darüber reden."
"Das freut mich wirklich für dich. Trau dich, ich glaube nicht, dass du enttäuscht wirst. Ich sehe schon, da bringt Weihnachten dieses Jahr einige tolle Überraschungen", sagte Sabrina und nahm seine Hand.
"Wieso bringt Weihnachten einige Überraschungen? Sollte ich da etwas wissen?" Karin kam von der Toilette und setzte sich auf das Sofa.
"Ist dir nicht gut?" fragte Sabrina da Karin etwas blass war.
"Irgendwie habe ich einen Geruch eben nicht vertragen, geht aber schon wieder", antwortete Karin.
Sabrina wollte den wahren Grund nicht vertiefen und lenkte ab indem sie sagte: "Das kenne ich, als meine Colitis im aktiven Stadium war konnte ich z.B. nicht an einer Metzgerei vorbei, mir wurde von dem Fleischgeruch übel. Heute geht es mir mit Parfüm manchmal so, einige Düfte kann ich nicht ausstehen."
Sie erntete einen dankbaren Blick von Karin. "In Anbetracht der Enge in der Küche habe ich jetzt beschlossen mich mal verwöhnen zu lassen. Kochen ist ja doch meist unsere Aufgabe."
"Aha, die nächste Frau die aufbegehrt...." grinste Sabrina. "Dirk würde es dir etwas ausmachen noch Holz für das Feuer zu holen?"
"Klar kein Problem, mache ich gleich. Danke!" sagte er augenzwinkernd zu Sabrina.
"Der hört dir ja fast aufs Wort, habt ihr etwa ein Geheimnis?" fragte Karin.
"Ein Kleines, lass dich überraschen. Es wird vermutlich etliche Überraschungen geben, die Meisten heute Abend. Du bist nicht allein."
"Womit? Ich verstehe nur Bahnhof."
"Lass dich einfach überraschen, ich habe da so einige Ahnungen."
Sabrina lächelte geheimnisvoll. In diesem Moment kam Dirk mit dem Holz zurück.
"Ich dachte eigentlich den Weihnachtsmann gibt es nicht!" rief er als er die Tür öffnete.
"Warum, was ist los?" fragte Michael.
"Im Holzschuppen steht ein Weihnachtsbaum und eine Kiste mit Baumschmuck sowie ein Ständer. Kannst du mir beim Reintragen helfen Papa?"
Alle sahen sich verblüfft an, da keiner wusste wo der Baum herkam.
"Warte, ich helfe dir, ich fühle mich hier sowieso fehl am Platz", sagte Enrico.
Beide gingen in den Schuppen und holten den Baum und die Utensilien.
Karin sah Sabrina an die nur mit den Schultern zuckte und sagte: "Ich habe keine Ahnung, ich war es nicht." (Was natürlich nicht stimmte)
Karin, Enrico und Dirk stellten den Baum auf und begannen ihn zu schmücken.
Die Unterhaltungen drehten sich um die Herkunft des Baumes, aber keiner konnte erklären wie er da hingekommen war. Sabrina schloss die Augen und ihre Gedanken schweiften ab, sie döste ein.
Eine Stunde später stand eine herrlich geschmückter, etwa 2 Meter hoher Baum im Zimmer und erstrahlte in weihnachtlichem Glanz.
Stolz standen die drei vor ihrem Werk.
"Er ist wirklich wunderschön geworden, ich hatte noch nie einen so tollen Baum", sagte Karin begeistert. "Das wird ein wunderbarer Rahmen für unseren Weihnachtsabend. Wie weit seid ihr mit dem Essen?"
"Wir müssen nur noch den Tisch decken, dann können wir demnächst loslegen", antwortete Gina. "Ich freue mich schon darauf."
Jens kam aus der Küche und ging zu Sabrina. Er sah dass sie eingeschlafen war. Mit der Hand strich er ihr zärtlich über die Wange. "Sabrina, aufwachen, wir sind fertig und können essen."
Sie schlug die Augen auf und sah ihn etwas verwirrt an. "Jens? Ist was?"
"Alles in Ordnung, du warst eingeschlafen. Mach langsam. Wo warst du?"
"Weit weg. Es war schön ......." Sabrina griff nach seiner Hand und hielt sie fest, sie wollte seine Nähe und seine Wärme spüren. Sie sahen sich tief in die Augen und die Zeit verlor ihre Bedeutung.
"Kommt ihr Beide endlich, wir warten nur noch auf euch", riss Anna sie plötzlich aus ihrer Zweisamkeit.
"Klar, wir sind gleich da", antwortete Jens und half Sabrina beim Aufstehen.
"Das sieht aber toll aus, da habt ihr euch ganz schön Arbeit gemacht." Sabrina stand überrascht im Zimmer und sah auf den Tisch und den herrlichen Baum.
Sie genossen ein vorzügliches Abendessen mit mehreren Gängen und trafen sich, nachdem alle satt und der Tisch abgeräumt war, am Kamin um es sich gemütlich zu machen. Unter dem Weihnachtsbaum hatten sich nach und nach einige kleine Geschenke eingefunden die jeder zwischendurch mitgebracht hatte. Im Hintergrund liefen leise amerikanische Weihnachtslieder und das Feuer knisterte. Nun saßen sie alle erwartungsvoll da, irgendwie drucksten alle herum und keiner wollte den Anfang machen.
"Auf was wartet ihr eigentlich? Dass der Weihnachtsmann anklopft?" fragte Sabrina provozierend. "Tut euch keinen Zwang an, das ist ja kaum zum Aushalten."
Felix schmiss ein Kissen nach ihr und lachte: "Du bist manchmal unmöglich."
Michael und Jens sahen sich an und standen auf. Jeder kam mit einem kleinen Päckchen zurück.
Michael reichte es Karin die in fragend ansah und das Päckchen auspackte. Als sie die kleine Schachtel öffnete funkelte sie ein Ring an und Michael fragte: "Liebe Karin möchtest du meine Frau werden, mich heiraten und für Dirk eine Mutter werden?"
"Ja, Michael ich will, aber du musst uns schon beide nehmen," antwortete Karin und reicht ihm einen Umschlag.
"Was heißt euch beide?" fragte Michael während er den Umschlag öffnete und auf das Bild sah "Sag bloß du bist schwanger?" In diesem Moment erkannte er das Ultraschallbild. "Himmel, ich werde noch mal Vater!" Stürmisch nahm er Karin in den Arm.
"Ich bin in der 5. Woche und wenn alles gut verläuft kommt unser Kind im September zur Welt."
"Wisst ihr, dass das für mich das schönste Weihnachtsgeschenk ist?" sagte Dirk und umarmte seine Eltern.
"Ich habe auch eine Kleinigkeit für dich," sagte Jens und reichte Sabrina sein Päckchen.
Als sie die kleine Schachtel öffnete funkelte sie ein schlichter Ring an.
Jens holte tief Luft "Willst du mich heiraten?"
"Ja, sehr gerne. Du kriegst mich sogar ganz alleine," antwortete sie ohne zögern.
Jens nahm sie in den Arm, küsste sie und flüsterte ihr verblüfft ins Ohr: "So schnell und ohne wenn und aber, das hatte ich nicht erwartet. Ich liebe dich."
"Hoffentlich weißt du, auf was du dich einlässt mit mir", flüsterte sie zurück.
"Ich denke schon, sonst hätte ich dich nicht gefragt!"
"Ich glaube, dann habe ich noch eine freudige Überraschung," sagte Gina und überreichte Mark ebenfalls einen Umschlag.
Karin hatte sofort begriffen um was es ging und deutete Michael an in Marks Richtung zu gehen.
"Noch eine Überraschung, sag nur du bist auch schwanger," rief Mark stand auf und riss den Umschlag auf. Gebannt starrte er auf das Ultraschallbild und sagte leise: "Mein Gott, es sind Zwillinge!" Dann kippte er um. Michael war bereits hinter ihm und fing ihn auf. Nach ein paar leichten Schlägen auf die Wangen war er schnell wieder bei Bewusstsein und stand langsam auf.
"Danke Michael, so etwas hatte ich fast befürchtet," meinte Gina.
Mark nahm Gina in den Arm und drückte sie fest. "Wann ist es soweit?"
"Ich bin in der 12. Woche und habe die kritische Zeit fast hinter mir. Bei einem guten Verlauf kommen die zwei im Juli zur Welt."
"Herzlichen Glückwunsch, da bekommen wir nächstes Jahr ja einigen Nachwuchs und müssen uns an neue Kollegen gewöhnen," seufzte Enrico. "Gibt es heute denn keine normalen Geschenke?"
"Doch", kam es einheitlich aus aller Munde.
Etliche Bücher, CD´s und Schmuckstücke fanden glückliche neue Besitzer.
Nachdem sich die Aufregung etwas gelegt hatte hielt Felix plötzlich noch ein verdächtig kleines Kästchen in der Hand. Er nahm Anna an die Hand und ging mit ihr zu Jens und Sabrina.
"Jens, ich möchte hiermit offiziell um die Hand deiner Tochter anhalten und mich heute mit ihr verloben, wenn du damit einverstanden bist." Er sah ihn erwartungsvoll an und nahm den Ring aus der Schachtel.
"Das fällt mir nicht leicht, wenn du mir versprichst gut auf sie aufzupassen und ihr möglichst wenig Sorgen bereitest, ..... Ja."
"Liebe Anna, möchtest du dich mit mir verloben?" fragte Felix Anna mit leuchtenden Augen.
Wenn Anna mit allem gerechnet hatte, aber damit nicht. Sie zögerte und stotterte: "Ich ..... Felix ..... Ja, ich will!" Felix nahm ihre Hand und steckte ihr den Ring an den Finger. Glücklich lagen sie sich dann in den Armen.
Jetzt kehrte etwas Ruhe ein und jeder verzog sich so gut es ging in eine Ecke und leise Unterhaltungen begannen.
"Das war wirklich eine tolle Bescherung heute, einige Eröffnungen haben mich sehr überrascht," meinte Jens. "Vielen Dank für die tolle Uhr."
"Es ist eine ganz besondere Uhr. Siehst du den leuchtenden roten Punkt auf der Weltkarte? Solange ich lebe wird er leuchten und auf der Weltkarte wirst du immer sehen wo ich in etwa bin. Es ist eine Spezialanfertigung die ich für dich habe machen lassen von einem unserer Spezialisten. Frag mich nicht wie es funktioniert, ich weiß es nicht, aber es funktioniert." Sabrina und Jens saßen eng beieinander und unterhielten sich leise. Plötzlich verkrampfte sie sich und stöhnte leicht. Jens erschrak: "Was ist, hast du Schmerzen?"
"Ich, .... Nein. Lass uns nach draußen gehen, ich brauche frische Luft."
Sie zogen sich an und gingen nach draußen. Es war eine sternklare Nacht.
Im schwachen Schein der Sterne und dem Licht aus der Hütte konnte Jens sehen, dass ihr Tränen über die Wangen rannen. Er nahm sie in die Arme und wartete, er hatte das Gefühl er müsste ihr etwas Zeit lassen. Nach einer Weile löste sie sich von ihm.
"Danke, ....... dass du da warst und nicht gefragt hast. Grandpa Don ist vorhin gestorben."
"Du hast das gespürt?"
"Ja, wenn wir Indigo einen gewissen Grad der Stärke erreicht haben und uns gut kennen stehen wir miteinander in Verbindung. Nachdem ich sein Erbe angetreten habe sowieso. Er wird eine große Lücke hinterlassen in unserer Gemeinschaft."
"Das tut mir sehr leid."
"Braucht es nicht, er wurde fast 100 Jahre alt und hatte ein erfülltes Leben. Als er gestorben ist war seine Familie bei ihm und viele Freunde. Für uns ist der Tod nichts endgültiges sondern nur eine Stufe in unserem Dasein. Meine Aufgabe ist es jetzt seine Arbeit fort zu setzten und ich hoffe du kannst mich dabei unterstützen."
"Auf jeden Fall, ich bin immer für dich da."
Sie setzten sich eng umschlungen auf die Bank und starrten in den klaren Sternenhimmel.
Es war schon weit nach Mitternacht als sie zurück in die Hütte gingen. Bis auf Anna und Felix waren schon alle ins Bett gegangen. Als Michael die Tür hörte kam er noch einmal kurz aus ihrem Schlafzimmer.
"Alles in Ordnung Sabrina? Ihr ward lange draußen, ich habe mir Sorgen gemacht," sagte er.
"Sie hat nur ein wenig frische Luft gebraucht und wir wollten die Stille draußen genießen," antwortete Jens an ihrer Stelle und Michael verschwand beruhigt wieder.
"Wirklich? Du hattest so einen seltsamen Gesichtsausdruck," fragte Felix und stand auf.
"Ich musste raus, Grandpa Don ist gestorben. Wenn ich hier drinnen geweint hätte wären nur unnötige Fragen aufgetaucht."
Wortlos nahm Felix sie in den Arm.
Jens ging zu Anna, bedeutete ihr keine Fragen zu stellen und ging mit ihr in die Küche.
"Na mein großes Mädchen bist du glücklich?"
"Ja, sehr. Ich freue mich für dich, dass Sabrina ja gesagt hat. Und über den Antrag von Felix natürlich sehr, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Wir haben uns lange unterhalten, wir werden uns Zeit lassen und beide erst unsere Ausbildung abschließen bevor wir zusammenziehen und heiraten. Das ist glaube ich auch in euerem Sinn."
"Es überrascht mich wie vernünftig ihr beide seid. Felix scheint einen guten Einfluss auf dich zu haben."
"Danke Papa. Ich möchte vielleicht noch ein wenig das Familienleben mit dir und Sabrina genießen bevor ich mir eine eigene Familie aufbaue."
"Es geschehen noch Zeichen und Wunder, aber ich kann sehen, dass du glücklich bist", sagte Jens uns gab ihr einen liebevollen Kuss.
Sabrina und Felix kamen nun ebenfalls in die Küche.
"Ich bin müde, gehen wir ins Bett?" fragte Sabrina.
"Es ist spät geworden, ich begleite dich", antwortete Jens.
An den nächsten beiden Tagen viel sehr viel Schnee und sie konnten nur kurze Spaziergänge unternehmen da es noch dazu sehr kalt geworden war. Trotz allem vergingen die Tage sehr schnell mit Spielen, Lesen, interessanten Gesprächen und viel Spaß. Die gemütlichste Zeit verbrachten sie jeden Morgen am Frühstückstisch und Abends am Kamin.
"Sieh dir mal an wie viel Schnee heute Nacht gefallen ist, ich glaube wir brauchen mindestens eine Stunde bis wir unsere Autos freigeschaufelt haben. Thomas und Peter werden kaum mit ihren Autos hier hoch kommen ohne Schneeketten. Wir sollten Hans anrufen ob er mit dem Pflug zu uns fahren kann, sonst kommen wir wahrscheinlich selbst nicht weg hier. Mit dem Geländewagen müsste es gut gehen und mit Schneeketten", sagte Jens mit einem sorgenvollen Blick nach draußen.
"Ich habe Schneeketten im Kofferraum", meinte Michael.
"Ich ebenfalls", kam es von Mark. "Thomas und Peter haben soweit ich weiß keine. Wir können sie anrufen und einen Treffpunkt vereinbaren. Zum Einkaufen müssen wir sowieso ins Dorf fahren. Am Besten fahren wir alle drei, sonst wird es vermutlich verdammt eng. Ich werde gleich mal telefonieren ob sie schon unterwegs sind."
Jens, Felix, Michael und Dirk zogen sich ihre dicken Wintersachen an und gingen nach draußen.
"Das ist doch mal wieder die typische Arbeitsverteilung. Die Männer gehen raus und wir Frauen bleiben mit der Arbeit im Haus", sagte Sabrina achselzuckend und flunkerte Mark an. Dieser merkte allerdings nichts, da er gerade mit Peter telefonierte.
"Du hast recht, wenn wir uns mit dem Geschirr und dem Einkaufszettel beeilen können wir sie überraschen und vielleicht einseifen", grinste Gina.
"Hey, ich glaube ich höre was", sagte Sabrina und ging zum Fenster. "Das ist Hans mit dem Schneepflug, er muss Gedanken lesen können. Gott sei Dank so früh, dann können wir in Ruhe einkaufen gehen bevor die anderen kommen."
Sie beeilten sich in der Küche fertig zu werden und es gelang ihnen tatsächlich ihre Männer zu überraschen und sich mit ihnen eine Schneeballschlacht zu liefern.
Eine Stunde später fuhren Jens, Michael und Mark sowie Karin und Dirk hinunter ins Dorf. Sabrina ging mit Felix wieder zum Bogenschießen, Gina ruhte sich aus weil ihr am Morgen doch ein wenig übel war und Anna las ein Buch.
Es wurde später Nachmittag bis sie die Autos zurückkommen hörten.
Laura, Lisa und Oliver stürzten sich sofort in den Schnee und lieferten sich eine Schneeballschlacht mit Anna, Felix und Dirk.
"Für heute reicht es mir aber mit der Fahrerei", stöhnte Thomas als er aus dem Auto stieg. "Erst der Stau auf der Autobahn und dann dieser endlose Weg hier rauf, die nächsten paar Tage will ich kein Auto mehr sehen."
"Da könntest du sogar Glück haben, es ist jede Menge Schnee in den nächsten Tage angesagt", antwortete Mark.
"Können wir gleich reingehen? Ich muss Florian wickeln und will ihn in Ruhe stillen", fragte Biggi.
"Klar, komm rein. Soll ich irgendetwas an Gepäck mitnehmen?" fragte Karin.
"Ja, die Wickeltasche und das Kinderbett, damit es langsam warm wird."
"Unsere Männer und Kinder werden sich sicher noch ein wenig die Füße vertreten bevor sie ausladen, da haben wir noch etwas Ruhe."
Gina und Sabrina begrüßten die Neuankömmlinge in der warmen Blockhütte.
"Wir sollten gleich Kaffee und Tee kochen, die haben bestimmt Hunger und Durst, wenn sie reinkommen", meinte Gina.
Eine halbe Stunde später war das Gepäck und die Vorräte ausgeladen und alle mit großem Hallo in der Stube gelandet. Um den großen Esstisch wurde es zwar ein wenig eng, aber trotzdem richtig gemütlich.
Die Tage bis Silvester vergingen wie im Flug und vor allem die Kinder hatten jede Menge Spaß im Schnee. Es war viel Leben im Haus, immerhin waren sie zusammen 18 Personen. Durch die gemeinsame Zeit wuchsen alle noch enger zusammen und die Freundschaften wurden vertieft.
Manchmal zog sich Sabrina zurück, wenn ihr alles zu viel wurde. Meistens begleiteten sie Jens, Dirk und Laura und so viel es nicht auf, dass sie die Ruhe suchte. Dirk und Laura hatten die Gelegenheit sich ungestört zu unterhalten und kamen sich näher. Sabrina hatte Jens in das kleine Geheimnis der jungen Liebe eingeweiht und sie konnten ihnen so ein wenig Deckung geben. Gegen Ende eines längern Spazierganges am Silvesterabend schlossen die Beiden dann zu Jens und Sabrina auf.
"Wir wollten uns ganz herzlich bei euch für die Unterstützung und euer Stillschweigen bedanken. Wir werden unsere Liebe zueinander nicht mehr allzu lange geheim halten können und bald unsere Eltern informieren. Du bist klasse Sabrina", sagte Dirk und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
"Nun übertreib nicht und werdet glücklich miteinander", sagte sie.
Florian und Oliver waren die Einzigen die am Silvesterabend früh im Bett waren. Oliver versuchte zwar wach zu bleiben, schlief aber in den Armen seiner Mutter ein und wurde ins Bett getragen.
"Unser Junge wird immer schwerer, lange kann ich den nicht mehr rumtragen", brummte Peter als er aus dem Schlafzimmer zurück kam.
"Mensch Peter du bist nur noch am jammern, so langsam solltest du mit Krafttraining anfangen, sonst brichst du uns noch zusammen", feixte Thomas.
"Hey, lasst die Kabbelei, ich will einen ruhigen Abend haben. Trubel haben wir wirklich genug den Tag über", ging Mark dazwischen.
"Da wird sich unser werdender Papa aber daran gewöhnen müssen. Du bekommst den Trubel gleich im Doppelpack, vielleicht solltest du schon mal üben", grinste Thomas zurück.
"Was meinst du, soll ich dafür sorgen, dass du als Kollegen Rene bekommst? Den hast du doch so gerne."
"Ich glaube, da muss sich eher Enrico Gedanken machen, der muss sich gleich an zwei neue Kollegen gewöhnen", sagte Karin. "Irgendwie tust du mir jetzt schon ein bisschen leid."
"Ach, die sind bestimmt noch netter als meine bisherigen Kollegen und ich werde euch überhaupt nicht vermissen", grinste Enrico.
"Das kann ja wohl nicht wahr sein." Karin und Gina fielen gleichzeitig über Enrico her und kitzelten ihn.
"Hilfe, ..... Warum hilft mir denn keiner!" schrie Enrico.
"Strafe muss sein!" sagten Karin und Gina gleichzeitig.
Mark und Michael eilten ihm dann doch zu Hilfe und zogen die beiden Frauen von ihm weg.
"Danke", kam es kleinlaut von Enrico. "Ich sage nie wieder etwas. Obwohl ich es schon gemein finde, dass sie mich praktisch gleichzeitig im Stich lassen."
"Och du armer Kerl, vielleicht solltest du auch schwanger werden, dann hast du das Problem nicht mehr", flunkerte Gina.
Alle lachten herzlich und die Kabbelei war beendet.
"Wisst ihr eigentlich wie spät es ist? Wollen wir draußen anstoßen? Es ist bestimmt ein schöner Blick ins Tal mit Feuerwerk. Ein paar Fackeln zur Beleuchtung haben wir besorgt", unterbrach Anna die Unterhaltung.
"Mensch schon viertel vor zwölf, wir sollten uns anzeihen", stimmte Thomas zu.
Karin und Anna gingen in die Küche um ein Tablett mit Sektgläsern zu richten.
Für Lisa, Laura und Dirk gab es Sekt-Orange. Währenddessen zogen sich alle an, gingen nach draußen und zündeten die Fackeln an.
"Wir tragen die Tabletts raus, dann könnt ihr euch anziehen", sagte Michael.
Lisa, Laura und Dirk machten sich den Spaß die letzen Sekunden im Jahr auszuzählen.
"Zehn, Neun, Acht, Sieben, Sechs, Fünf, Vier, Drei, Zwei, Eins, Null ...."
Im Tal startete das Feuerwerk und sie wünschten sich gegenseitig ein `Gutes Neues Jahr´, stießen mit den Gläsern an und küssten sich. Sogar Laura und Dirk gaben sich einen richtigen langen Kuss, was in dem Trubel aber unbemerkt blieb.
"Ich wünsche dir alles Gute, vor allem Gesundheit und ein bisschen weniger Stress meine kleine Wildkatze", sagte Jens zu Sabrina.
"Dir auch alles Gute, dass deine Wünsche in Erfüllung gehen und du nicht so viele Sorgen mit mir hast", antwortete Sabrina. Jens erstickte alles weitere mit einem innigen Kuss.
Nach und nach gingen alle zurück in die Hütte.
"Bist du glücklich? Waren die Tage nicht schön, trotz deiner Befürchtungen?" fragte Jens.
"Ich bin glücklich und es ist immer noch schön. Langsam gewöhne ich mich wieder an ein anderes Leben, das ist nicht ganz einfach", antwortete Sabrina und drückte sich an ihn.
"Lass uns rein gehen, ich glaube, ich sollte mich hinlegen."
"Probleme?"
"Ich weiß nicht, ich habe leichte Kopfschmerzen und mein Bein schmerzt ein wenig. Irgend etwas ist nicht in Ordnung, als ob das Wetter sich ändert."
"Ein Gutes Neues Jahr alle miteinander", sagte Jens als er in die Küche kam.
"Guten Morgen du Langschläfer, ist wohl spät geworden, oder soll ich sagen früh?" begrüßte ihn Thomas.
"Wir hatten eine unruhige Nacht", antwortete Jens. "Grins nicht so, nicht was du schon wieder denkst. Der Sturm gegen morgen war nicht zu überhören. Hast du mal auf das Thermometer gesehen? Wir haben einen Temperaturanstieg von über 15 C. Sabrina hat ziemliche Kopfschmerzen dadurch und konnte nicht schlafen. Heute morgen hat sie dann Tabletten genommen, nachdem die gewirkt haben konnte sie endlich eingeschlafen."
"Leichte Kopfschmerzen habe ich auch und der Wind war wirklich nicht zu überhören. Der Wetterbericht hat für heute Tagestemperaturen bis + 10 C gemeldet und Regen. Damit haben wir eine Änderung von über 20 C und das innerhalb von 24 Stunden, ist schon heftig." Karin sah die anderen an. "Ihr werdet vermutlich Probleme mit dem Verkehr bekommen."
"Du hast Recht, wir sollten uns bald auf den Weg machen. Schade das wir nicht noch ein paar Tage bei euch bleiben können, es ist herrlich hier oben", sagte Gina.
"Wir sollten um die paar Tage Urlaub froh sein die wir hatten. Ich wollte zwar im Februar mit dir in den Winterurlaub fahren, aber so wie es aussieht werde ich mir den Urlaub aufheben bis unser Nachwuchs kommt, damit ich den so richtig genießen kann", antwortete Mark.
"Oh, das können wir doch trotzdem machen. Noch mal einen Urlaub in Zweisamkeit verbringen, das werden wir danach so schnell nicht mehr haben", meinte Gina und gab Mark einen Kuss.
"Bei den Wetteraussichten sollten wir wirklich bald starten. Oliver wird immer quengelig bei längeren Autofahrten. Bringt ihr uns zu den Autos?" fragte Stella.
"Du hast Recht Stella, mit dem Baby im Stau finde ich auch nicht gerade toll. Ich gehe gleich packen", sagte Biggi.
Eine Stunde später verabschiedeten sie sich und fuhren Richtung Bauernhof.
Regen hatte eingesetzt und sie kamen nur langsam voran.
"Richtig ungemütlich geworden, hoffentlich hält die Wetterlage nicht an", sagte Michael als sie am Bauernhof ankamen und das Gepäck umluden.
Peter und Thomas starteten sofort.
"Kommt ihr noch kurz mit rein Mark? Dann gebe ich dir das Buch und die Unterlagen über die wir gesprochen haben. Außerdem könnt ihr euch noch ein wenig aufwärmen bevor ihr startet", sagte Michael.
"Ich komme gleich nach, ich will Maria nur kurz fragen wie lange wir noch in der Wohnung bleiben können."
Kurz darauf trafen sie sich in der Ferienwohnung von Michael.
"Michael ich beneide euch fast ein bisschen um eueren Urlaub, 3 Wochen sind herrlich", sagte Gina.
"Seid ich aus Amerika zurück bin hatte ich keinen Urlaub und dort war unser letzter Urlaub im Sommer vergangenes Jahr, die Amerikaner haben nicht so viel Urlaub wie wir. Ich bin froh, dass wir das genehmigt bekommen haben."
"Wenn ich das höre hast du es dir redlich verdient. Genießt die Zeit."
Ein ohrenbetäubendes anhaltendes Donnern riss sie aus ihrem Gespräch.
"Um Gottes willen, was war das denn?" rief Jens und rannte in den Flur.
Dort traf er Hans der schon seine Jacke angezogen hatte.
"Was war das denn?" fragte er nochmals.
"Hörte sich nach einem heftigen Lawinenabgang am Südhang an. Wir hatten seit Weihnachten sehr viel Schnee. Durch den Regen und den Wetterumschwung ist der Schnee zu schwer geworden und jetzt abgerutscht. Ich hoffe die Hütte ist nicht verschüttet", antwortete Hans. "Ich muss noch telefonieren."
"Michael, hast du das gehört? Wir müssen sofort los!" entsetzt sah Jens seinen Freund an. Sabrina, Karin, Anna, Dirk und Felix waren auf der Hütte geblieben.
"Wartet, ich komme mit. Gina du solltest besser hier bleiben. Die Handyverbindung von der Hütte war nicht allzu gut, hier bist du unsere Basis und Verbindung zu den anderen. Sobald wir wissen was passiert ist geben wir dir Bescheid und falls nötig kannst du dann mit Thomas und Peter Verbindung aufnehmen. Außerdem könnte die Anstrengung und Aufregung zu viel für dich sein. Einverstanden?" Mark hatte Gina in den Arm genommen.
"Ungern, aber du hast Recht. Kann ich in einer euerer Wohnungen bleiben?" fragte Gina an Michael und Jens gerichtet.
"Klar", antwortete Michael und sie gingen zu den Autos..
"Wir fahren mit dem Geländewagen, der kommt fast überall durch", sagte Jens.
"Warte, wir holen nur noch die Koffer aus dem Auto und ein paar Decken", sagte Mark.
"Ich hoffe, es ist ihnen nichts passiert, gebt mir bitte bald Nachricht", voller Sorge stand Gina in der Tür.
In diesem Moment kam Hans wieder in den Flur. "Es war der Südhang, eine gewaltige Lawine ist abgegangen. Ein Hubschrauber und Rettungstrupps sind schon unterwegs. Der Skihang ist auch betroffen."
Jens saß schon am Steuer und Mark, Michael und Enrico stiegen in sein Auto.
Quälend langsam kamen sie voran auf dem Weg zurück. Keiner sagte ein Wort, sie hofften nur, dass die Hütte nicht betroffen war.
Plötzlich kamen sie nicht mehr weiter, ein Schneeberg versperrte ihnen den Fahrtweg und sie stiegen aus.
"Oh Gott, weit und breit nichts zu sehen. Ich habe keine Ahnung in welcher Richtung wir suchen sollen", stöhnte Jens. Suchend blickte er sich um und versuchte einen Anhaltspunkt zu finden.
Da hörten sie einen Wagen hinter sich, es war Hans.
"Ich habe Stangen mitgebracht. Es gibt mehrere Suchtrupps, ihr könnt mir helfen, einige Leute kommen noch zur Unterstützung damit wir eine größere Fläche abdecken können. Die Umgebung sieht total verändert aus, die Hütte müsste etwa in dieser Richtung sein", sagte er.
Hans strahlte eine enorme Ruhe aus und gab klare Anweisungen. Dadurch erhielten vor allem Jens und Michael die sich große Sorgen um ihre Familien machten, eine gewisse Sicherheit. Sie verteilen sich über den Hang und arbeiteten sich langsam mit den Stangen durch den Schnee. Zwischendurch kam Maria mit heißem Tee und Kaffee und sie konnten sich aufwärmen. Maria informierte bei ihrer Rückkehr Gina über die Lage. Als die Nacht hereinbrach mussten sie die Suchaktion abbrechen.
Jens und Michael mussten schweren Herzens einsehen, dass die Suche im dunkeln nicht fortgesetzt werden konnte.
"Die Hütte ist sehr stabil, darin werden sie auf jeden Fall noch einige Zeit aushalten", versuchte Hans die Beiden zu beruhigen.
Da Jens und Michael total erschöpft und fertig waren, fuhr Mark mit dem Auto zurück.
Gina kam ihnen schon in der Tür entgegen: "Und habt ihr sie gefunden?"
"Nein, noch nicht, wir mussten wegen der Dunkelheit abbrechen. Wir gehen morgen früh gleich wieder los sobald es hell wird. Hans ist der Meinung die Hütte ist so stabil, da dürfte nichts passiert sein", antwortete Mark und umarmte Gina.
"Kommt rein und wärmt euch auf, ihr müsst ordentlich durchgefroren sein. Ich habe etwas zu Essen gemacht", meinte Gina.
Michael und Jens fielen auf das Sofa, keiner sagte ein Wort.
"Danke Gina, ich habe Hunger. Michael und Jens ihr solltet auch etwas essen, selbst wenn es schwer fällt", sagte Enrico.
"Ich glaube ich kriege keinen Bissen runter", kam es kleinlaut von Jens.
"Hey, es ist keinem geholfen wenn ihr Beide schlapp macht, morgen früh geht die Suche weiter und ich bin sicher wir finden sie. Gina hast du die Basis erreicht?"
"Ja, Thomas und Peter kommen morgen sobald es hell wird mit dem Heli. Ralf ist im Urlaub und nicht erreichbar."
"Gut, dann haben wir Verstärkung und gleich ein Transportmittel falls jemand verletzt ist", Mark war zumindest ein wenig erleichtert.
Der nächste Morgen sah müde Gesichter. Jens und Michael hatten aus Sorge kaum geschlafen und waren bereits sehr früh auf den Beinen, die Unruhe trieb sie an. Noch im Dunkeln fuhren sie zu ihrer Suchstelle. Sobald die Dämmerung einsetzte starteten Thomas und Peter und sie waren bald am Einsatzort.
Gegen Mittag konnten sie noch immer keinen Erfolg verzeichnen. Jens stand am Wagen und hielt eine heiße Tasse Kaffee in der Hand.
"Du siehst bescheiden aus", sagte Michael als er zu ihm kam.
"Auch nicht viel besser als du", meinte Jens der sich suchend umblickte.
"Was ist los, du bist irgendwie nervös und unruhig. Suchst du etwas?"
"Ich weiß nicht, irgendwie habe ich das Gefühl wir suchen an der falschen Stelle oder haben etwas übersehen."
"Habt ihr keine Lust mehr?" fragte Thomas der den Hang herunter kam. Plötzlich hielt er inne "Moment mal, seid leise, habt ihr das gehört?"
"Was denn?" fragte Michael genervt.
"Da hat jemand gerufen!"
Alle lauschten. Nichts war zu hören.
"War wohl der Wind!" sagte Michael.
"Doch da war etwas, ich habe es auch gehört!" antwortete Jens. "Ich glaube es kam von dort drüben, ....... unterhalb!" Er stellte seine Tasse ab und rannte in die Richtung aus der er glaubte etwas gehört zu haben.
Plötzlich konnte er zwei Personen im Schnee erkennen und rannte noch schneller, fast rollte er den Hang hinunter. Es waren Sabrina und Anna.
"Hierher, hier sind sie", rief er ganz laut. Sekunden später hatte er Anna erreicht. "Gott sei Dank Anna", sagte er und nahm sie in den Arm. "Was ist mit Sabrina?" Diese lag total erschöpft im Schnee, ihre Hände waren blutig.
"Sie hat die ganze Nacht gegraben, Dirk und ich haben uns abgewechselt und den Schnee weggeschafft."
Jens war sofort bei ihr und legte ihren Kopf auf seinen Schoß, als er ihren Puls fühlte schlug sie die Augen auf.
Jetzt waren Michael und Thomas da. Die anderen hatten den Ruf gehört und kamen ebenfalls den Berg herunter.
"Michael, ihr müsst schnell rein und die anderen raus holen, ich weiß nicht wie lange die Balken noch halten. Dirk geht es gut, Karin soweit auch, aber Felix ist am Rücken verletzt, ich habe getan was ich konnte", sagte Sabrina schwach.
"Wie geht es dir?" fragte Michael besorgt und fühlte nach ihrem Puls.
"Total fertig, ich kann und will nicht mehr, aber o.k."
"Mark ist gleich da, Enrico und Peter auch", versuchte er zu beruhigen.
"Macht, dass ihr sie raus holt und ins Krankenhaus bringt", erschöpft schloss sie die Augen.
"Bleib bei ihr. Mark, Enrico und Peter sollen uns gleich folgen", sagte Michael.
Er stieg mit Thomas in den Tunnel. Unten angekommen musste er sich erst an das schwache Licht gewöhnen.
"Papa hier sind wir", rief Dirk aus einer Ecke, er saß bei Karin und Felix die dick eingepackt schliefen.
"Dirk, Gott sei Dank. Was ist passiert? Geht es dir gut?" begrüßte er seinen Sohn, umarmte ihn und ging sofort zu Karin. Thomas kniete sich neben Felix.
"Als die Lawine runter kam waren Felix und Anna oben. Felix hat sich schützend über Anna geworfen und wurde von einem Balken am Rücken verletzt. Sie waren eingeklemmt und wir hatten Mühe die sie oben raus zu bekommen und hier runter. Durch die Anstrengung und Aufregung hätte Karin beinahe ihr Kind verloren. Sabrina hat Beiden dann geholfen und ihren Zustand stabilisiert, obwohl es sie viel Kraft gekostet hat. Nachdem sie sich etwas erholt hatte und wir festgestellt haben, dass es bereits Nacht ist, haben wir angefangen zu graben. Sabrina hat vorne gegraben damit sie durch das hoch und runter ihr Bein nicht so sehr belastet. Irgendwann hat sie mit bloßen Händen gegraben, weil wir kein Werkzeug mehr hatten. Anna und ich haben abwechselnd den Schnee weg geschafft", berichtete Dirk.
Michael untersuchte unterdessen Karin und ging anschließend zu Felix.
"Ihr habt sie den Umständen entsprechend wirklich gut versorgt. Wir müssen sie so schnell wir möglich in ein Krankenhaus bringen. Thomas hol bitte schnell eine Trage und die Notfallkoffer."
"Notfallkoffer habe ich schon dabei", hörte er die Stimme von Mark der eben mit Peter und Enrico durch den Tunnel kam und seine letzten Worte mitbekommen hatte. "Wie sieht es aus?"
Schnell hatte Michael Mark informiert und gemeinsam führten sie mit der Unterstützung von Peter und Enrico die Erstversorgung durch. Wobei sich Michael um Karin kümmerte und Mark um Felix. Da kam auch schon Thomas mit der Trage zurück auf die sie Felix vorsichtig legten.
"Bringt ihr Felix in den Heli? Karin ist zu sich gekommen, ich denke wir können sie ohne Trage durch den Tunnel raus bringen", sagte Michael.
Vorsichtig bugsierten Peter, Enrico und Mark die Trage mit Felix durch den Tunnel nach oben.
"Enrico bleib du hier und kümmere dich um Sabrina", sagte Mark als sie draußen waren.
Derweil in der Hütte.
"Dirk, Sabrina geht es nicht sehr gut, sie hat sich total verausgabt. Kommt man noch in ihr Zimmer, dort hat sie sicher ihre Medikamente", fragte Michael.
"Nein, habe ich schon versucht, Karin hatte mich schon darum gebeten, unmöglich", antwortete Dirk.
"Dann muss es so gehen, eine Spezial-Ampulle habe ich noch für sie. Dirk geh nach draußen, Thomas kann mir mit Karin helfen. Wird es gehen, Karin?" fragte er und strich ihr über die Wange.
Karin sah ihn an und nickte. Kurz darauf waren sie alle durch den Tunnel.
"Thomas hilf Karin bitte zum Heli und starte schon mal, ich komme gleich", wies Michael ihn an und ging zu Jens und Sabrina.
"O.K. mache ich", antwortete Thomas und führte sie den Hang hoch.
Die Helfer hatten die Geretteten inzwischen alle in warme Decken gehüllt.
"Sabrina, wie fühlt du dich?" fragte Michael und fühlte nach ihrem Puls.
"Ein warmes Bett und Schlaf, dann wird das schon wieder", murmelte sie schwach.
Anna hatte Jens während der Wartezeit ihre Geschichte der letzten beiden Tage erzählt. Jetzt blickte er Michael voller Sorge an.
"Sie ist erschöpft und schwach, aber sie schafft das. Ich fliege mit Felix und Karin ins Krankenhaus. Mark und Enrico sollen bei euch bleiben. Bringt sie in die Wohnung auf dem Bauernhof. Dirk und Anna sind ebenfalls erschöpft und durchgefroren. Mark gebe ich Anweisungen für Sabrina und einer ihrer Ampullen mit. Sobald im Krankenhaus alles geklärt ist mit Felix und Karin komme ich zu euch zurück. Enrico versuche ihr am linken Arm einen Zugang zu legen, dort wird es vermutlich leichter gehen. Wundert euch über nichts und stellt keine Fragen Jens und ich erklären euch alles später."
Jens, Anna, Dirk und Enrico sahen ihn an und nickten.
"Was ist mit Felix?" fragte Anna.
"Soweit ich das beurteilen kann sieht es gut aus und er wird keine bleibende Schädigung davon tragen, genaueres kann ich aber erst im Krankenhaus feststellen. Ich beeile mich und komme bald wieder", antwortete Michael und drückte Annas Hand und fuhr Dirk durch das Haar.
Er stieg den Hang hinauf zum Heli. Kurz darauf hörten sie die Maschine starten und Mark kam zurück.
Enrico hatte Sabrina inzwischen die blutigen Hände verbunden und einen Zugang gelegt.
"Sabrina, hörst du mich?" fragte Mark. Sie nickte schwach. "Enrico?"
"Der Blutdruck ist ziemlich niedrig bei 60 zu 85. Puls schwach aber gleichmäßig. Einen Zugang habe ich schon gelegt."
"Ich gebe dir jetzt etwas für den Kreislauf und eine deiner Ampullen. Michael hat mich ganz kurz informiert."
Während er dies sagte verabreichte er ihr die Medikamente und fühlte nach ihrem Puls.
"Wir sollten sehen, dass wir ins Warme kommen. Haben wir noch eine Trage?
Sabrina ist zu schwach zum Laufen, noch dazu mit ihrem Bein ...."
"Wir haben in der Ausrüstung eine Trage, ich hole sie euch", antwortete Hans der sie bereits reichlich mit Decken versorgt hatte.
Kurz darauf saßen sie im Auto. Enrico fuhr, Anna saß neben ihm. Auf dem Rücksitz waren Jens der Sabrina im Arm hielt und Mark der sich um sie kümmerte. Sie hatte das Bewusstsein verloren und er hatte ihr zur weiteren Stabilisierung eine Ringerlösung angehängt. Vorsichtig öffnete er den Anhänger ihrer Kette in der für Notfälle alle Informationen notiert waren über ihre Unverträglichkeiten und las den Zettel durch. Dirk wurde von Hans mit genommen. In relativ kurzer Zeit erreichten sie den Bauernhof.
Anna und Dirk nahmen sofort eine heiße Dusche und schlüpften in warme Kleidung. Am Kamin im Wohnzimmer trafen sie sich wieder und Gina versorgte sie mit heißem Tee.
In der Zwischenzeit hatten Jens, Enrico und Mark Sabrina ins Schlafzimmer getragen, ausgezogen, abfrottiert und in warme Decken eingewickelt.
"Jens du solltest ebenfalls heiß duschen. Für Sabrina können wir im Moment nicht mehr tun. Nachdem was mir Michael kurz gesagt hat und ich gelesen habe müssen wir jetzt abwarten. Sie ist einigermaßen stabil. Wenn es nach mir ginge würde ich sie in ein Krankenhaus bringen, aber Michael hat gesagt es ist besser so. Erklärungen würdet ihr beide mir geben, ich sollte nur etwas Geduld haben und euch Vertrauen. Das alles ist mir zwar ein Rätsel und ich kann es nicht verstehen, aber Michael war sehr eindringlich. Nun geh, und wärm dich auf, Enrico und ich werden abwechselnd bei ihr bleiben."
"O.K. ich denke das sind wir euch dann schuldig", sagte Jens und verlies das Schlafzimmer.
Mark nickte Enrico zu und dieser ging ebenfalls.
Etwas später kamen Jens und Enrico zurück jeder mit einer Tasse heißem Tee in der Hand.
"Nun geh du, wir bleiben bei ihr. Wenn du zurück kommst versuche ich dir einiges zu erklären", sagte Jens und setzte sich auf das Bett. Mit er Hand strich er ihr über das Gesicht und sein Kopf fiel auf ihre Brust. Er war müde, aber froh, dass die Sache halbwegs glimpflich ausgegangen war. Nun hoffte er für Anna auf gute Nachrichten bezüglich Felix und für Michael wegen Karin und dem Baby.
Als er Mark zurückkommen hörte schreckte er hoch und sah ihn lange an, er überlegte wie er ihm die Geschichte erklären sollte.
"Warum Michael euch gebeten hat keine Fragen zu stellen hängt damit zusammen, dass Sabrina eine schreckliche Erfahrung in einem Krankenhaus mit Ärzten gemacht hat. Die vielen Vernarbungen an ihren Armen sind euch sicher nicht entgangen. ........" fing er dann an und erzählte ihnen die Geschichte von dem Einsatz mit der Gefangenschaft, Folter und den Experimenten.
"Die Narben sind mir aufgefallen. Mein Gott Jens, wie lange ist das her?" fragte Mark mit einem entsetzten Gesicht.
"Nicht ganz zwei Jahre."
"Nun wird mir einiges klarer, vor allem ihr teilweise distanziertes Verhalten und die gelegentlichen Bemerkungen. Sie bringt eine enorme Kraft auf um das alles durchzustehen und auszuhalten, dafür muss man sie bewundern", sagte er anerkennend. "Wir sollten uns alle ausruhen, die letzten beiden Tage waren für uns sehr anstrengend. Ich bleibe bei ihr."
Anna und Jens legten sich neben Sabrina ins Bett und schliefen schnell ein. Dirk lies sich nicht vom Sofa bewegen, legte sich aber auf Marks bitten dort hin. Enrico kuschelte sich in einen Sessel und Gina gesellte sich zu Mark. Es kehrte Ruhe ein, selbst Mark und Gina dösten leicht ein. Trotzdem kontrollierte er immer wieder Sabrinas Werte und musste nach einiger Zeit feststellen, dass sie unruhiger wurde und zu fiebern begann, so wir Michael es bereits angedeutet hatte.
Gina sah sein besorgtes Gesicht. "Was ist los?"
"Ihre Temperatur steigt relativ schnell an. Michael hat gesagt ich solle nichts unternehmen, ich hoffe er kommt bald, es beunruhigt mich ziemlich stark." Er stand auf um noch eine Ringerlösung zu holen.
Das Geräusch von Autoreifen riss ihn aus seinen Gedanken. Kurz darauf stand Michael im Zimmer. Während er seine Jacke auszog fragte er sofort: "Mark wie geht es ihr?"
"Den Umständen entsprechend, ihre Temperatur steigt seid kurzem relativ schnell, das macht mir Sorgen. An Medikamenten konnte ich ihr nicht viel geben", antwortete er.
"Gib ihr diese zwei Ampullen, das wird sie weiter stabilisieren", sagte Michael und reichte ihm eine Ampullen zum Aufziehen, die andere zog er selbst auf und gab sie ihm sofort.
Durch die Unterhaltung wurden Jens und Anna wach und setzten sich auf.
"Wie geht es Karin und Felix?" fragten sie fast gleichzeitig.
Michael setzte sich auf das Bett zu Sabrina und fühlte nach ihrer Temperatur und dem Puls. Durch die Berührung wurde sie wach, als ob sie gespürt hätte das er es war, und versuchte sich aufzusetzen.
"Michael ......"
"Schsch......, ganz ruhig, bleib liegen", befahl er ihr und drückte sie in das Kissen.
"Wir haben Felix und Karin nach München gebracht zu Christian in die Klinik. Karin und dem Baby geht es gut, sie wird es nicht verlieren. Sie behalten sie nur noch heute Nacht zur Beobachtung da. Die Untersuchung von Felix war sehr positiv, er wird keine Schäden zurück behalten. Die Quetschung baut sich schon ab und er wird vorsorglich einige Zeit ein Korsett tragen müssen weil ein Wirbel angeknackst ist, kann aber das Krankenhaus bald wieder verlassen. Du hast beiden mit deiner Kraft sehr geholfen und sie vor Schlimmerem bewahrt. Bei euerer Grabung hast du deine letzten Reserven verbraucht, das wirft dich in deinem Heilungsprozess um Wochen zurück. Du bist über deine Grenzen hinaus gegangen, das hätte dich das Leben kosten können. Warum tust du das?" kopfschüttelnd sah er sie an und drückte ihre Hand.
"Wenn ich dadurch geholfen und Leben gerettet habe, ist es das Wert. Dafür sind wir da, das ist unsere Aufgabe. Jetzt, wo ich weiß, dass es ihnen gut geht kann ich schlafen", antwortete Sabrina und schloss ihre Augen.
"Nun bin ich dir wieder etwas schuldig."
"Nein, bist du nicht, dass weißt du."
"Christian lässt dir ausrichten, dass Jean-Pierre unterwegs ist."
"Das ist gut", kam es noch über ihre Lippen und sie war wieder eingeschlafen.
Mark sah Michael fragend an: "Was sollte das jetzt bedeuten? Bekomme ich nun von dir noch ein paar Erklärungen?"
Michael und Jens sahen sich an, dieser nickte und sagte: "Versuch es ihm zu erklären, ich bin bei ihr. Ich glaube, sie wäre unter diesen Umständen damit einverstanden."
Anna war erleichtert auf das Bett gesunken und wieder eingeschlafen.
"Gut, gehen wir ins Wohnzimmer und ich versuche dir zu erklären welches Geheimnis es um Sabrina gibt", sagte Michael und zog Mark, Gina und Enrico mit ins Wohnzimmer.
An diesem Abend erfuhren sie die eigentliche Geschichte um Michaels Rückkehr, über Sabrinas Organisation ´People for People´, ihre Indigo-Fähigkeiten, warum sie ihnen die ganze Zeit einiges verschwiegen hatten und warum das Stillschweigen so wichtig war für alle. Natürlich tauchten Fragen auf die Michael so gut er konnte beantwortete. Dies rückte Sabrina für sie nochmals in ein anderes Licht und die Aufregungen hatten vorläufig ein Ende gefunden.
Am nächsten Tag fuhr Michael mit Anna ins Krankenhaus. Anna konnte Felix besuchen und Christian teilte ihnen mit, dass er zum Wochenende nach Hause konnte. Auf ihrem Rückweg konnten sie bereits Karin mitnehmen und sie verbrachten noch erholsame Tage im Schnee.
Copyright Dezember 2004-12-22
Regina Schubert