Die neue Ärztin
Kapitel 1
Heute sollte die neue Ärztin ihren Dienst antreten, dann wäre das Team endlich komplett. Es hatte sich im Lauf der Zeit herausgestellt, dass sie im letzten Jahr so viele Einsätze geflogen waren, dass sie einen zweiten Heli in Betrieb nehmen konnten und ein drittes Team zusammenstellen mussten. Nun warteten sie mit Spannung auf die Ankunft ihrer neuen Kollegin, die das Team dann vervollständigen würde. Wie wird die Neue sein und würde sie in ihr Team passen? Das waren Fragen die sie sich stellten. Bei Neuzugängen waren sie grundsätzlich skeptisch. Sie hatten diesbezüglich schon einiges erlebt. Marc konnte ihre Skepsis durchaus verstehen. Er war nach dem Weggang von Ebelsieder und Dr. Lüdwitz Leiter der Basis geworden. Auch er wusste nicht mehr ausser ihrem Namen, dass sie Deutsch-Amerikanerin war, erst vor ein paar Wochen nach Europa gekommen war und das sie fachlich sehr qualifiziert sei. Marc hatte sie bislang nur einmal kurz am Telefon gesprochen, gesehen hatte er sie auch noch nicht. Er hatte aber den Eindruck, sie würde ganz gut zu ihnen passen. Na, sie würden ja sehen. Claudia Anderson, so hiess ihre neue Kollegin, sollte um zwölf Uhr ihren Dienst antreten.
Es war halb zwölf. Plötzlich ging die Alarmglocke los. "Oh nein, ausgerechnet jetzt", sagte Marc. "Medicopter 117 von Rettungsleitstelle", sagte der Funker. "Hier Medicopter 117", sagte Marc. "Was gibt es?" "Schwerer Verkehrsunfall auf der B8, Kilometer 35, mehrere Verletzte. Sie werden zur Unterstützung angefordert." "Verstanden wir übernehmen." Marc, Thomas und Peter schnappten sich ihre Rucksäcke und rannten zum Heli.
Nach ca. zehn Minuten Flugzeit kamen sie an der Unfallstelle an. Der Anblick, der sich ihnen bot, war alles andere als beruhigend. Mehrere Autos waren zusammen-gestossen, vermutlich auch, weil sie nicht mehr rechtzeitig hatten bremsen können. An der Unfallstelle hatte sich schon ein langer Stau gebildet. Marc sah bisher zwei Rettungswagen. Mehrere Personen kümmerten sich um die Verletzten, er schätzte es waren ca. zehn. Thomas landete den Heli auf der angrenzenden Wiese. Marc und Peter stiegen aus und rannten zur Unfallstelle. "Peter geh du da rüber, ich gehe zur anderen Seite", rief Marc.
Marc kniete neben einer schwer verletzten Frau nieder, die anscheinend aus dem Auto geschleudert wurde. Eine andere Frau, er nahm an, dass sie eine Unfallzeugin war, hatte bereits mit der Versorgung begonnen. "Hallo ich bin Dr.Harland. Kennen sie die Frau?" "Nein, ich bin nur Unfallzeugin gewesen und habe so gut es ging mit der Erstversorgung begonnen", antwortete die Frau. "Ich habe bereits einen Zugang gelegt und 2mg Valium verabreicht. Sie hat mehrere Knochenbrüche, schwebt aber nicht in Lebensgefahr. Ein Sanitäter kann sich um die Frau kümmern, dann kann ich ihnen bei den anderen Verletzten helfen." Marc fragte, "sind sie Ärztin?" "Ja, bin ich", gab sie zur Antwort. "Ok, ich kann jede helfende Hand gebrauchen." Sie trennten sich. Innert kürzester Zeit waren die Verletzten auf die diversen Rettungs-wagen verteilt. Ein schwer verletzter Patient wurde mit dem Heli ins Krankenhaus geflogen.
Nachdem sie geholfen hatte die Verletzten zu versorgen, machte sie sich endlich auf den Weg zur Hubschrauberbasis. Sie würde gleich an ihrem ersten Tag zu spät kommen, aber sie hoffte, dass ihre Kollegen Verständnis dafür hätten, weil sie im Prinzip nur ihre Pflicht tat.
Marc, Peter und Thomas hatten in der Zwischenzeit den Verletzten in die Klinik gebracht und waren gerade wieder auf der Basis gelandet. Mittlerweile war es fast ein Uhr. Marc schaute auf den Parkplatz, konnte aber noch kein neues Autos entdecken. Er hatte gehofft, die neue Ärztin jetzt endlich kennen zu lernen. Sie gingen rein und Marc fragte "ist die neue Ärztin schon gekommen?" "Nein", sagte Karin, "wir wundern uns auch schon. Du hattest sie doch für zwölf Uhr bestellt, oder?" "Ja, eigentlich schon. Ich kann mal versuchen sie anzurufen", sagte er. Marc hatte kaum den Hörer in der Hand, als er ein Auto hörte. "Ich glaube da kommt sie", meinte er. "Macht mir keine Schande und benehmt euch", ergänzte er grinsend. "Ja Papa", konnte sich Thomas nicht verkneifen.
Die Tür ging auf und Marc staunte nicht schlecht, als er die neue Kollegin herein-kommen sah. Der Frau erging es ähnlich und sie mussten beide lachen. Vor ihnen stand eine Frau, Mitte dreissig, 170cm gross, gut durchtrainiert und lange blonde Haare. Die anderen Kollegen schauten sich an und verstanden jetzt gar nichts mehr. Erst dann dämmerte es bei Peter und Thomas und sie erkannten die Ärztin ebenfalls. Nur Karin, Biggi und Enrico wunderten sich über das Verhalten. "Willkommen Frau Doktor, ich glaube wir hatten schon das Vergnügen", schmunzelte Marc. Und Thomas fragte, "sie sind doch die Ärztin die uns gerade geholfen die Verletzten zu versorgen?" "Richtig das bin ich. Ich bin froh, dass sie meine neuen Kollegen sind. Ich hatte schon Bedenken gleich an meinem ersten Tag zu spät zu kommen", sagte sie. "Ich möchte euch unsere neue Kollegin vorstellen", sagte Marc, "Claudia Anderson. Sie hat gerade ihre Feuerteufe bestanden und hat uns bei dem Unfall geholfen die Verletzten zu versorgen." "Nur hatte ich keine Ahnung, dass sie meine neuen Kollegen sind", lachte sie. "Na dann herzlich willkommen", sagte Karin. "Übrigens ich heisse Karin und bin auch Notärztin. Wir duzen uns hier alle, wenn es dir nichts ausmacht." Auch die anderen stellten sich jetzt der Reihe nach vor. "Das ist ok für mich", antwortete sie.
Nachdem die allgemeinen Begrüssungsformeln ausgetauscht wurden und sie ein wenig geplaudert hatten, wollte Marc Claudia mit ihren Aufgaben vertraut machen und ihr alles Wichtige zeigen. "Vielleicht könnte eine der Damen unserer neuen Kollegin zeigen, wo die Umkleideräume und die Duschen sind", fragte Marc? "Dann könnte sich Claudia umziehen." "Na klar, ich zeige dir alles", sagte Biggi und ging mit Claudia aus dem Aufenthaltsraum.
Nach fünf Minuten stand Claudia im Overall vor ihnen. "Schon umgezogen", sagte Marc erstaunt. "Das ging aber schnell". "Ich bin schnelle Kleiderwechsel gewohnt, sozusagen eine Berufskrankheit", schmunzelte sie. "Na dann lass uns mal gehen. Thomas und ich zeigen dir zuerst mal unser Baby, den Heli. So viel ich weiss, bist du noch nicht auf der BK117 geflogen, oder", fragte Marc? "Nein bin ich noch nicht, nur auf einigen amerikanischen Militärhubschraubern", antwortete sie. "Anschliessend gehen wir in mein Büro, dann kannst du mir ein bisschen mehr von dir erzählen, was du so alles gemacht hast und welche Erfahrungen du hast. Ich weiss nicht viel mehr über dich, als dass du Ärztin bist."
Sie gingen mit Claudia zum Hubschrauber. Auf dem Weg nach draussen fragte Thomas "du bist auf amerikanischen Militärhubschraubern geflogen?" "Ja, bin ich. Ich war bis etwa vor drei Monaten bei der US Airforce", erzählte sie. "Du bist richtig beim Miltär gewesen oder warst du nur als Zivilistin dort angestellt", fragte er weiter? "Nein, ich war Offizierin im medizinischen Dienst." "Wow nicht schlecht. Alle Achtung. Welchen Rang hattest du und warum hast du aufgehört", fragte Thomas? "Tut mir leid ich hoffe ich nerve dich nicht mit meinen Fragen." "Ich war Major. Du nervst nicht mit deinen Fragen, ihr wollt mich ja nur kennenlernen, das ist verständ-lich. Und warum ich aufgehört habe, ist eine lange Geschichte, über die ich nicht so gerne sprechen möchte. Sie ist sehr persönlich. Gebt mir ein bisschen Zeit." "Na klar", sagte Marc. "Wir wollen niemanden drängen. Thomas war übrigens auch mal in der Armee, als Kampfpilot, deshalb interessiert er sich einfach für solche Sachen" versuchte Marc Thomas’ Neugierde zu erklären. "Kann ich verstehen, wie mein Bruder, der ist auch Kampfpilot. Seid mir nicht böse, aber ich würde jetzt gerne etwas über das Baby hier erfahren", meinte Claudia. "Mit Vergnügen", sagte Thomas und fing mit seinen Erklärungen an. Marc erklärte ihr dann noch den hinteren Teil der Maschine mit der ganzen medizinischen Ausrüstung und welche Möglichkeiten sie zur Patientenversorgung hatten. Claudia staunte nicht schlecht. Der Hubschrauber war modern eingerichtet, mit allen erdenklichen Möglichkeiten. Sie hatte schon gehört, dass die Erstversorgung in Deutschland vorbildlich war im Gegensatz zu den USA, wo zwar die medizinische Versorgung an sich erstklassig ist, für den der es sich leisten konnte, aber die Gebietsabdeckung bei der Erstversorgung, bis auf die Grosstädte, nur ungenügend ist.
Nachdem die beiden ihr den Hubschrauber erklärt hatten, gingen sie wieder rein und sie setzte sich mit Marc in sein Büro, um andere Sachen zu besprechen.
"Ich freue mich richtig darauf hier zu arbeiten", sagte sie. "Das freut mich", sagte Marc. "Ich denke du wirst dich hier gut einleben und was viel wichtiger ist, ich denke du passt gut in unser Team." "Danke ", sagte sie etwas verlegen. "Aber vielleicht kannst du mir noch ein wenig mehr von dir erzählen. Studium, Facharztausbildung, wie gut bist du bei der Seilbergung, etc. Die Zentrale hat mir zwar eine Kopie deiner Bewerbung geschickt, aber das ist im Prinzip nur bedrucktes Papier und sagt letzt-endlich nicht viel über die Person aus", sagte Marc. "Erzähle doch einfach mal ein bisschen von dir."
"Wie heisst es so schön, Papier ist geduldig. Wo soll ich anfangen? Ich habe mit 18 Jahren in Los Angeles an der University of Southern California mein Medizinstudium begonnen. Mit 22 habe ich dann meinen MD, also den Doktor, in der Tasche gehabt." "Wow, du erstaunst mich immer mehr", warf Marc ein. "Dir ist das Studium wohl nur so zugeflogen." Sie wurde etwas rot vor Verlegenheit. "Naja, ich habe nicht gerade zu den Dümmsten gehört und das Studium fiel mir wirklich leicht. Tja, nach meinem Examen wollte ich eigentlich meine Facharztausbildung direkt anschliessen, aber das Militär interessierte sich für mich und fragte mich, ob ich in die Airforce eintreten wolle. Sie benötigten junge begabte Ärzte. Sie boten mir eine gut bezahlte Offiziers-laufbahn an, ich konnte meine Facharztausbildungen machen und hatte die Möglich-keit vielfältige Erfahrungen im In- und Ausland zu sammeln. Damals noch voller Tatendrang akzeptierte ich, zumal mein Bruder auch schon bei der Airforce war und ich ansonsten unabhängig war. In den folgenden drei Jahren, die meiste Zeit war ich am Militärkrankenhaus, habe ich dann meinen Facharzt in Unfallchirurgie und Not-fallmedizin gemacht." "Entschuldige, wenn ich noch mal unterbreche", sagte Marc, "Erfahrungen im Ausland. Warst du bei Kriegseinsätzen dabei?" Es entstand eine Pause. Marc merkte, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte und bereute schon seine Frage. Sie atmete tief durch, "ja, war ich. Aber…" "Es tut mir leid, ich wollte nicht so direkt fragen. Du musst nicht weiter erzählen, wenn du nicht willst", sagte er. "Es ist einer der Gründe warum ich aus der Airforce ausgetreten bin. Ich habe ange-fangen über mein Leben nachzudenken und wollte neu anfangen. Wenn die Zeit ge-kommen ist, fällt es mir bestimmt leichter darüber zu sprechen, aber im Moment ist alles noch zu frisch", antwortete sie.
Marc wirkte etwas nachdenklich und fragte sich, was sie wohl alles erlebt hatte. Egal sagte er sich, sie war sicherlich mehr als qualifiziert. Irgendwann, so hoffte er, würde sie über ihre Erlebnisse berichten. Wichtig war, dass er den Eindruck hatte, sie fühlte sich hier wohl und dass sie sich im Team gut zurechtfinden würde.
"Eine Frage habe ich noch", sagte Marc, "woher kannst du akzentfrei Deutsch sprechen, ich meine von Amerikanern ist man das im Normalfall nicht unbedingt ge-wohnt." Sie musste lachen. Gott sei Dank, sagte sich Marc. "Da muss ich dir Recht geben. Mein Vater war Deutscher, meine Mutter Amerikanerin. Ich habe so oft wie möglich versucht mit meinem Bruder und anderen Leuten Deutsch zu sprechen, ob-wohl ich im Prinzip immer nur in den USA gelebt habe. Ich besitze auch beide Staatsbürgerschaften", erzählte sie. "Kein Wunder", sagte er.
"Ich denke das ganze Team wirst du im Laufe der Zeit auch besser kennenlernen. Wir sind insgesamt neun Leute, also drei Teams und haben zwei Helis. Bei unserem Job muss sich jeder auf jeden verlassen können, aber da erzähle ich dir ja nichts Neues. Team A sind Thomas, Peter und ich. Team B sind Karin, Biggi und Enrico und Team C bist du, Jens und Ralf. Es kommt von Zeit zu Zeit vor, dass wir zwischen den Teams mal tauschen, wenn jemand Ferien hat oder sonst etwas Besonderes ansteht", erklärte er. Claudia nickte "das finde ich gut und ist auch sinnvoll".
"Im Moment haben wir nur einen Heli, der andere ist in Reparatur und zur General-überholung. Letztendlich ist das gar nicht so schlecht, denn dann musst du die erste Woche nicht ganz alleine klar kommen. Wenn es dir nichts ausmacht fliegst du entweder bei mir oder bei Karin mit. Dann bekommst du einen Einblick wie wir arbeiten und du findest dich schneller zurecht", erklärte er weiter. "Das ist für mich absolut in Ordnung. Ich muss mich eh erst mal an die hiesigen Gepflogenheiten ge-wöhnen", sagte sie. "Gibt es eine Liste von den Krankenhäusern die wir anfliegen, mit den jeweiligen Spezialgebieten?" "Ja, die habe ich dir hier zusammengestellt." Er gab ihr die Liste. "Das sind eine ganze Menge", sagte sie. "Ja, wir fliegen auch grenzüber-schreitend nach Österreich, genauso wie die Österreicher uns im Notfall aushelfen. Es kommt immer darauf an, wo unser Einsatzgebiet liegt. Danach entscheiden wir, wel-ches Krankenhaus wir anfliegen", sagte Marc. "Ist einleuchtend. Ich glaube ich werde in den nächsten Tagen mal ein intensives Kartenstudium betreiben müssen", meinte sie. "Kein Problem. Wir helfen dir gerne dabei. Du hast vielleicht die grosse Einsatz-karte an der Wand im Aufenthaltsraum gesehen. Dort ist auch jedes Krankenhaus markiert. Die Besatzung mit der du fliegst, kennt sich auch sehr gut aus, also alles kein Problem. Es ist nur eine Frage d
er Zeit, bis du das auch alles weisst", sagte Marc zuversichtlich.
In diesem Moment ging die Alarmglocke los. Marc sprang sofort auf, um sich seinen Rucksack mit der Ausrüstung zu holen. "Komm mit Claudia. Dein erster offizieller Einsatz", sagte er. "Hier ist der Rucksack mit deiner Ausrüstung. Du kannst ihn dir gleich im Heli näher anschauen." "Danke Marc. Na dann mal los". Sie, Marc, Peter und Thomas rannten zum Heli. Als sie in der Luft waren fragte Marc, "was liegt eigentlich an Thomas?" "Ein Gleitschirmflieger hat sein Sportgerät nicht ganz im Griff gehabt uns ist abgestürzt. Er hängt an einem Felsmassiv oberhalb von Berchtesgaden", antwortete Thomas. "Das klingt nicht gut", meinte Marc "Wie lange brauchen wir noch?" "Wir sind in drei Minuten da."
Kurze Zeit später sahen sie den Gleitschirm am Fels hängen. Der Pilot schien schwer verletzt zu sein. Die Zeit eilte, da der Schirm ungesichert war. Peter rutschte mit dem Sitz nach hinten, um sich für die Seilbergung vorzubereiten. Claudia sagte, "Marc ich würde gerne runter gehen." Marc überlegte einen Augenblick, "eigentlich ist das die Aufgabe des Sanitäters, aber Ausnahmen bestätigen die Regel. In Ordnung, mach dich bereit. Peter und ich sichern dich." Claudia legte sich schnell das Bergegeschirr an. Peter öffnete die Tür und liess Claudia an der Winde nach unten. "Marc, meinst du es war klug Claudia schon bei ihrem ersten Einsatz an die Winde zu lassen", fragte Peter? "Wir werden es gleich wissen, ob sie wirklich so gut ist, wie in ihren Unterlagen steht. Einfach wird es jedenfalls nicht", antwortete Marc.
In diesem Moment meldete sich Thomas übers Mikro, "Claudia du musst dich beeilen, die Fallwinde werden immer stärker. Sehe zu, dass du den Verletzten nach oben bekommst". "Ok, Thomas. Peter, ich bin noch zwei Meter entfernt. Lass mich langsam runter. Stop das reicht, ich bin da", sagte sie.
"Können sie mich hören", sprach Claudia den Verletzten an? Aber dieser regte sich nicht. Claudia untersuchte ihn schnell. "Marc, er hat sich einige Knochen durch den Aufprall an der Felswand gebrochen und hat eine Platzwunde an der Stirn aus der er stark blutet. Er ist nicht ansprechbar. Zieht mich gleich mit ihm hoch, hier kann ich eh nicht viel machen." "Ist gut Claudia", antwortete Marc. Sie band das zweite Berge-geschirr um den Verletzten und sicherte ihn. Dann schnitt sie die Leinen vom Schirm durch. "Peter du kannst mich jetzt hochziehen." "Mach ich, Claudia". Die Winde setzte sich in Bewegung. Der Wind bliess ihnen heftig um die Ohren. Über ihre Kopfhörer hörte sie wie Thomas fluchte, "diese scheiss Fallwinde, brechen uns irgendwann noch mal das Genick." "Thomas ich bin gleich oben, nur noch zwei Meter", sagte Claudia. Kaum das sie es ausgesprochen hatte, wurde der Heli heftig durchgeschüttelt. Thomas tat alles, um ihn so ruhig wie möglich zu halten. Claudia versuchte den Verletzten, in diesem Wind, so gut es ging von den Kufen fernzuhalten, was keine leichte Aufgabe war. Oben angekommen halfen ihnen Peter und Marc in den Heli. Sie legten den Verletzten sofort auf die Trage und die beiden begannen direkt mit der Versorgung. Claudia wollte Ihnen dabei nicht reinreden. Die beiden hatten das gut im Griff und der Patient war schnell stabilisiert. Thomas meldete sie in der Zwischenzeit im Klinikum Berchtesgaden an.
Erst jetzt drehte sich Marc nach Claudia um und sagte, "dass hast du super gemacht. Alle Achtung, das war Schwerstarbeit. Du bist da unten ganz schön durchgeschüttelt worden. Geht’s dir gut?" "Ja danke, mir geht’s gut", antwortete sie. Da meldete sich Thomas, "wir landen in zwei Minuten." "Danke Thomas", sagte Marc.
Nach der Landung brachten Claudia und Marc den Patienten in die Notaufnahme und übergaben ihn an die dortigen Ärzte.
Zwanzig Minuten später waren sie wieder zurück auf der Basis.
"Na wie war dein erster Einsatz", fragte Karin? "Haben dich die drei anständig be-handelt", schmunzelte sie? "Ja, es verlief alles glatt und die drei haben einiges auf dem Kasten", antwortete Claudia ehrlich. "Danke für das Kompliment, aber du warst auch nicht schlecht", meinte Peter.
Sie gingen rein. Marc meinte, "was hältst du davon, wenn ich dir noch den Rest der Basis zeige?" "Gute Idee", sagte Claudia. "Na, dann mal los", meinte Marc. Marc ging mit Claudia zuerst in den Hangar, um ihr Max vorzustellen, der inzwischen auch gekommen war. "Max, ich möchte dir Claudia, unsere neue Ärztin, vorstellen", sagte Marc. "Hallo Claudia und herzlich Willkommen. Ich hoffe es wird dir bei uns ge-fallen." "Danke, es gefällt mir sehr gut. Ich freue mich mit euch zusammenzu-arbeiten", antwortete sie. "Max ist die gute Seele der Basis", erklärte Marc. "Er ist für die Reparaturen am Heli zuständig und noch für einiges andere mehr. Wenn du irgendwelche Wünsche hast, Max kann dir meistens helfen. Manchmal ist er auch ein wenig pflegebedürftig", schmunzelte Marc. "Ich verstehe", meinte Claudia mit einem Grinsen.
Sie gingen wieder rein und Marc zeigte ihr noch die anderen Räumlichkeiten der Basis. Als letztes zeigte er ihr den Behandlungsraum. "Wir haben hier letztes Jahr, einen Behandlungsraum eingerichtet, für den Fall, dass sich mal jemand hierher verirrt und auch für sonstige Notfälle", erklärte Marc. "Braucht ihr den Raum regel-mässig", fragte Claudia? "Ja manchmal schon. Wir machen dort unsere eigenen halb-jährlichen Check-up’s, deinen machen wir dann übrigens irgendwann im Lauf der Woche. Und ab und zu versorgen wir hier auch den einen oder andern kleinen Notfall, insbesondere am Wochenende, wenn die Hausärzte keinen Dienst haben." Claudia nickte. "Du hast ja vorhin gemerkt, dass wir uns keine Schwächen erlauben dürfen. Ansonsten brauchen wir ihn hauptsächlich um kleinere Behandlungen durchzuführen, manchmal auch bei uns selbst. Leider geht es oft ziemlich hart zur Sache und das Team hat schon so manches einstecken müssen", erklärte Marc. "Ich hoffe das schreckt dich nicht ab?" "Nein, eigentlich nicht. Ich habe schon von der Zentrale gehört, dass es in der Vergangenheit manch harten Einsatz gegeben hat. Ich habe in dieser Hinsicht auch schon so einiges gesehen", sagte sie. Die stumme Frage in Marcs Gesicht, nachdem was sie gesehen hatte, liess sie unbeantwortet.
"Komm lass uns wieder in den Aufenthaltsraum gehen", sagte Marc. "Wir können uns dort mit den anderen noch zusammensetzen und uns ein bisschen unterhalten, insofern uns kein Einsatz dazwischen kommt. Du möchtest die anderen bestimmt auch gerne besser kennen lernen. Ich muss mich leider wieder um den nie enden wollenden Papierkrieg kümmern", meinte Marc mit einem Seufzer. "Ich beneide Dich nicht, aber sage mir bescheid, wenn ich dir irgendwie helfen kann", sagte Claudia. "Danke für das Angebot, aber du wirst noch früh genug damit konfrontiert werden. Das muss nicht gerade an deinem ersten Tag sein", meinte Marc.
Als Claudia und Marc wieder in den Aufenthaltsraum kamen, diskutierten Biggi und Thomas über Hubschrauber, Karin bestellte Medikamente und Peter und Enrico schauten die medizinischen Koffer und Rucksäcke auf Vollständigkeit durch.
"Hallo ihr zwei. Habt ihr den Rundgang beendet", fragte Karin? "Kommt, setzt euch zu uns." "Ich würde ja gerne", sagte Marc, "aber meine Berichte rufen. Ich möchte heute irgendwann noch mal fertig werden." "Jetzt hab dich nicht so. Wir bekommen nicht jeden Tag eine so fähige neue Kollegin", sagte Peter und dachte dabei an ihren ersten Einsatz. Claudia errötete leicht und meinte, "ich weiss gar nicht was ich sagen soll und das kommt nicht oft vor. Und so schlimm war es auch wieder nicht." "So unrecht hat Peter gar nicht", sagte Marc zu Claudia. "Wir haben schon das eine oder andere schwarze Schaf zwischen uns gehabt und das war dann gar nicht lustig." "Kann ich verstehen. Ich verspreche euch, ich werde mein bestes geben." "Marc jetzt gebe dir einen Ruck, setz dich zu uns und geniesse die momentane Ruhe. Du kannst sichern sein, dass sich das noch früh genug ändern wird. Und deine Berichte kannst du später auch noch machen", meinte Karin beharrlich. "Also gut Frau Doktor, ihr habt mich überredet. Wie wär’s Claudia, hast du Lust auf eine kleine Kennlernrunde", fragte Marc? "Es sind alle schon gespannt darauf, mehr über dich zu erfahren." "Klar hab ich Lust. Ich weiss auch ganz gerne mit wem ich zusammenarbeite", antwortete sie. "Leider sind Ralf und Jens, mit denen du ja hauptsächlich fliegen wirst, nicht da. Sie haben beide diese Woche noch Ferien. Aber du wirst sehen, die beiden sind klasse, so wie der Rest des Teams", erklärte Marc.
"Wenn du willst machen wir den Anfang", sagte Karin und fing an über sich und wie sie zu Medicopter gekommen war, zu erzählen. "Ich bin eigentlich durch Zufall vor ca. drei Jahren zu Medicopter gekommen. Meine Vorgängerin ist bei einem Einsatz schwer verletzt worden und ist gestorben. Dadurch hatte ich es am Anfang auch ziemlich schwer. Aber ich bin dann doch recht schnell mit dem Team zusammen-gewachsen zumal ich mit einem Arztkollegen, der mittlerweile nicht mehr bei uns ist, liiert war. Heute bin ich mit Thomas zusammen."
Als nächstes stellte sich Thomas vor. "Ich bin schon von Beginn an dabei. Die Basis wurde vor ca. sieben Jahren aufgemacht. Seitdem habe ich schon so einiges erlebt. Wie Karin schon gesagt hat, sind wir beide zusammen. Ich habe noch zwei Töchter im Alter von 13 und 15 Jahren aus der Ehe mit meiner verstorbenen Frau." "Das mit deiner Frau tut mir leid", sagte Claudia. "Das muss es nicht. Sie ist vor über drei Jahren gestorben. Ich bin inzwischen darüber hinweggekommen. Sie hat es gut da oben", sagte Thomas und schaute gen Himmel.
Dann kam Peter "tja ich bin auch schon seit sechs Jahren dabei. Angefangen habe ich hier, weil ich mir das Geld für mein Medizinstudium verdienen musste. Das wurde mir dann mit der Zeit zu stressig, nachts arbeiten und tagsüber studieren. Ich habe das Studium dann an den Nagel gehängt." "In welchen Semester warst du", fragte Claudia? "Im achten", antwortete Peter. "Schade dass du aufgehört hast. Hast du keine Lust das Studium wieder aufzunehmen?" "Im Prinzip schon, aber ich habe noch einen kleinen Sohn, um den ich mich noch kümmern muss. Meine Frau, übrigens die Schwester von Enrico", Peter zögerte etwas und schaute zu Enrico rüber, ob er es erzählen sollte, aber dieser nickte nur leicht, "ist vor ca. einem halben Jahr auf und davon. Sie hat mich mit unserem Sohn einfach sitzen lassen. Tja und jetzt kann ich das Studium erst mal vergessen. Ich ärgere mich, dass ich es damals nicht durchge-zogen habe, dann wäre ich jetzt wahrscheinlich fertig."
"Mein lieber Schwager, vielleicht passieren irgendwann noch mal Zeichen und Wunder", sagte Enrico und war an der Reihe sich vorzustellen. "Über mich gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Ich bin seit 1½ Jahren dabei und mit Biggi liiert. Also völlig unspektakulär." Für den letzten Satz erntete er von Biggi einen bösen Blick. Danach setzte er sein schönstes Grinsen auf, woraufhin alle anfangen mussten zu lachen.
"Dann bin ich wohl an der Reihe", sagte Biggi. "Ich bin wie Thomas schon von Anfang an dabei. Habe sämtliche Höhen und Tiefen des Teams mitgemacht. Ich kann nur sagen, dass ich froh bin mit diesem Team zu arbeiten. Hier ist wirklich jeder für jeden da.
"Ich bin zwar auch erst zwei Jahre dabei", sagte Marc, "aber ich kann dem eigentlich nur zustimmen. Ich habe selten ein so gut funktionierendes Team gesehen, was wirk-lich zusammen durch dick und dünn geht. Tja, ich bin hier dazugekommen wie die Jungfrau zum Kind. Es ging alles ziemlich schnell. Mein Vorgänger hat ganz plötzlich hier aufgehört zu arbeiten und mir kam", Marc zögerte, "eine örtliche wie berufliche Veränderung gerade recht."
Claudia fragte sich, was mit Marcs Vorgänger wohl los war, dass dieser so plötzlich aufhören musste. Karin ahnte Claudias Gedanken und beantwortete die unausge-sprochene Frage. "Michael, Marcs Vorgänger, hat bei einem Einsatz in ein Nest der Russenmafia gestochen und hat dabei zwei Gangster hochgehen lassen. Die Mafia war daraufhin hinter ihm her und wollte ihn umbringen. Auch wir wären alle in Ge-fahr gewesen. Das BKA hat ihn in ein Zeugenschutzprogramm des amerikanischen FBI´s gegeben." "Karin, der Arztkollege von dem du vorhin gesprochen hast, war das Michael", fragte Claudia? "Ja das war er." Claudia nickte.
Es entstand eine Pause. Claudia war beeindruckt über die Offenheit in diesem Team. Sie würde sich hier wohl fühlen, da war sie sicher. Dann brach sie das Schweigen.
"Ich muss sagen, ich bin wirklich beeindruckt, wie offen ihr über euch erzählt. Das hätte ich nicht erwartet, zumal wir uns ja erst heute kennen gelernt haben." "Naja, es ist alles nur irgendwie menschlich", warf Biggi ein. "Da hast du Recht Biggi und Offenheit ist für mich eins der wichtigsten Dinge. Aber erstaunlich ist, dass ihr alle irgendwie miteinander verbandelt zu sein scheint", schmunzelte Claudia. "Ausser mir. Ich scheine hier im Moment der seriöseste zu sein", warf Marc ein und schaute schmunzelnd in die Runde.
"Tja das trifft auf mich auch zu", sagte Claudia. "Ich glaube es ist an der Zeit mich vorzustellen. Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, komme ich aus den USA, bin aber Deutsch-Amerikanerin. Mein Vater war Deutscher, meine Mutter Ameri-kanerin. Ich habe in Los Angeles studiert und bin nach meinem Examen zur US Airforce gegangen, weil mein Bruder als Kampfpilot auch schon dort war. Damals war ich noch jung und abenteuerlustig. Ich habe dort nicht nur meine Facharzt-ausbildung gemacht, sondern auch viele militärische Sachen gelernt, der Nutzen sei mal dahingestellt. Dann wurde ich mit meiner Einheit in den Nahen Osten versetzt." Claudia zögerte und überlegte wie viel sie erzählen sollte. Wie weit sollte sie ihr Privatleben preisgeben. Auf der anderen Seite, haben die anderen auch viele private Dinge von sich erzählt. Lediglich bei Marc hatte sie den Eindruck, dass er noch nicht alles von sich gesagt hatte oder sagen wollte. Sie spürte das, sie hatte eine gute Menschenkenntnis. Marc bemerkte Claudias inneren Kampf, sie hatte vorhin bei ihrem Gespräch auch schon gezögert. "Claudia, du musst davon nicht erzählen, wenn du nicht willst", sagte er. Claudia bemerkte die fragenden Gesichter und holte tief Luft und fuhr fort. "Nein ist schon gut. Es ist zwar nicht leicht, aber vielleicht besser so. Naher Osten, ihr habt bestimmt Fernsehberichte gesehen. Ich war mitten drin, fast zwei Jahre lang. In der Zeit habe ich Verletzungen gesehen, die man sich kaum vor-stellen kann. Habe unter widrigsten Bedingungen operiert und bin mehrmals um mein Leben gerannt. Als ich dann vor ca. 1½ Jahren wieder in die USA kam, habe ich gedacht, ich mache mir eine schöne ruhige Zeit mit meiner Familie. Mein Mann hatte schon lange genug auf mich verzichten müssen. Aber die Ruhe hielt nicht lange vor. Die Ereignisse haben sich überschlagen und als ich dann vor fünf Monaten nach Afghanistan gehen sollte, habe ich kurzerhand den Dienst quittiert. Ich wollte das nicht noch mal durchmachen. Für mich war es Zeit ein neues Leben anzufangen und so bin ich hier gelandet." Die ganze Runde war mucksmäuschenstill, als Claudia geendet hatte.
"Wow, da hast du ja einiges gesehen", sagte Enrico und schluckte." "Allerdings und ich habe keinen Bedarf auf Wiederholung." "Und was ist mit deiner Familie", fragte Karin? "Ist die auch mit nach Deutschland gekommen? "Meine Familie ist mein Bruder. Er ist bei der Airforce geblieben." Claudia sagte das so, als würde sie keine weiteren Fragen zu diesem Thema dulden. "Tut mir leid, so hart wollte ich das nicht sagen, aber..." "Schon gut", sagte Karin. "Ich verstehe."
"Tut mir leid, aber ich muss jetzt wirklich an meine Berichte", sagte Marc plötzlich und stand auf. Der Rest schaute ihm verwundert nach. Nachdenklich, über das was er gerade gehört hatte, machte er sich auf den Weg in sein Büro. Auf seine Berichte konnte er sich aber nicht konzentrieren. Zuviel spukte ihm durch den Kopf. Auch er hatte das Gefühl, das Claudia noch nicht alles erzählen wollte. Naja, sie kannten sich ja erst seit heute, da konnte man nicht gleich erwarten, dass sie ihr ganzes Privatleben preisgab. Ihm ging es ja schliesslich genauso und warum er vor zwei Jahren neu an-fangen wollte, wissen auch nur seine engsten Freunde. Aber er musste sich einge-stehen, dass er Claudia mochte. Er konnte noch nicht wissen, dass Claudia sich eben-falls so ihre Gedanken über ihn machte und dass auch sie sich in ihn verguckt hatte...
Den Rest des Tages blieb es zum Erstaunen aller ruhig. Die Sirene ging nicht ein einziges Mal mehr los. Da in dieser Woche die Nachtschicht von Rosenheim über-nommen wurde, machten sie sich alle um 20Uhr auf den Heimweg.
Kapitel 2
Als Claudia an diesem Abend nach Hause kam, war sie irgendwie erschlagen von den ganzen Eindrücken an diesem, ihrem ersten Tag bei Medicopter. Sie hatte nicht mit dieser Offenheit gerechnet und war erstaunt wie gut sie in das Team aufgenommen wurde. Anfangs hatte sie Bedenken wie ihre Kollegen wohl auf ihre Vergangenheit reagieren würden. Aber ihre Befürchtungen waren überflüssig.
Sie machte es sich in ihrem kleinen Einzimmer-Appartment gemütlich, soweit das überhaupt möglich war. Sie hatte bis jetzt noch keine Zeit und Musse sich eine grössere Wohnung zu suchen und ausser ihrer Nachbarin in der Wohnung nebenan, kannte sie auch keinen. Deshalb war es höchste Zeit, dass sie sich unter Leute begab und sie war auch heilfroh, dass sie heute endlich mit der Arbeit beginnen konnte, sonst kam sie nur ins grübeln.
Sie schaltete den Fernseher ein und zappte lustlos durch die Kanäle. Überall sah man nur Berichterstattungen über den Krieg in Afghanistan oder Nachrichten über sonstige Katastrophen, die irgendwo in der Welt passierten. Nach ein paar Minuten schaltete sie den Fernseher wieder aus und beschloss ins Bett zu gehen, da sie am nächsten Morgen um sechs Uhr Dienst hatte.
Als Marc an dem gleichen Abend nach Hause kam, wälzte auch er seine Gedanken. Irgendwie ging ihm Claudia nicht aus dem Kopf. Er war sich nicht ganz im Klaren darüber, wie er seine Gefühle ihr gegenüber einordnen sollte. Ist sie einfach nur eine Kollegin die er mochte oder empfand er wirklich etwas für sie. Tatsache ist jedenfalls, dass sie eine sehr attraktive Frau ist, die ihm ganz schön den Kopf verdreht hatte. Er konnte sich kaum vorstellen, dass sie im Krieg gekämpft hatte und nicht nur, wie die meisten anderen, diesen am Fernsehen verfolgt hat. Bei diesem Gedanken lief es ihm eiskalt den Rücken herunter. Er musste sich eingestehen, dass er sich wohl in sie ver-guckt hatte. Er war erstaunt über diese Tatsache. Aber irgendwie konnte er das Gefühl nicht loswerden, dass sie noch eine gedankliche Last mit sich rumschleppte, etwas über das sie noch nicht zu sprechen bereit war. Er glaubte, dass sie den eigentlichen Grund für ihren Fortgang aus den USA noch nicht genannt hatte. Ihm erging es nicht viel anders. Nur seine engsten Freunde kannten den Grund warum er die Brücken hinter sich abgebrochen hatte und zu Medicopter gegangen war. Richtig darüber ge-sprochen hatte er bislang nur mit Thomas und Karin, da sie ein ähnliches Schicksal wie er erlitten hatte. Sie konnten ihn am besten verstehen.
Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnte, dass auch Claudia ihn sehr gut ver-stehen würde. Es bestand ein Band zwischen Ihnen von denen noch keiner etwas ahnen konnte…
Als Claudia sich gegen zehn Uhr ins Bett legte, konnte sie nicht gleich einschlafen. Zu viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf, aber so sehr sie sich bemühte sie blieben immer wieder an Marc heften. Er war ihr von Anfang an sympathisch und sie hatte das Gefühl, dass sie etwas verband. Auch sie konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen wie Recht sie mit ihrer Vermutung hatte.
Um sechs Uhr am nächsten Morgen fanden sich Karin, Biggi, Enrico und Claudia auf der Basis ein. Kaum dass das B-Team sich umgezogen hatte, ging auch schon die Sirene los. Es reichte noch nicht einmal für einen Kaffee.
"Scheisse schon so früh", meckerte Biggi. "Das fängt ja gut an. Hoffentlich geht das heute nicht so weiter." Die vier rannten zum Heli. "Verschrei’s bitte nicht, Biggi", meinte Enrico sobald er sich den Helm aufgesetzt hatte.
"Medicopter 117 an Rettungsleitstelle", sprach Biggi ins Mikrofon. "Können sie mir bitte die Koordinaten nennen?" "Fliegen sie nach Rosenheim und landen sie nach Einweisung der Polizei. Die Polizei markiert den Landeplatz und bringt sie zum Unfallort." "Hier spricht Dr. Thaler. Können sie uns sagen was anliegt?" "Vermutlich Gasexplosion in einem Wohnquartier. Zurzeit gibt es mindestens fünf Verletzte. Mehrere Personen werden noch unter den Trümmern vermutet", antwortete die Leit-stelle. "Na der Tag fängt ja gut an", meinte Karin. "Wenn wir am Heli von der Polizei abgeholt werden, sollten wir vielleicht so viel wie möglich von der Ausrüstung und den Medikamenten mitnehmen", sagte Claudia. "Ich glaube du hast Recht. Lass uns die Sachen zusammensuchen", antwortete Karin. "Biggi ich glaube wir werden ein paar Mal hin und her fliegen müssen, zumindest die Schwerverletzten die nicht mit dem RTW transportiert werden können." "Das befürchte ich auch Karin. Und das alles vor dem Frühstück. Wahrscheinlich sind wir den ganzen Vormittag beschäftigt, je nachdem wie lange sie brauchen die Verschütteten frei zu graben", gab Biggi zurück.
Fünf Minuten später landete Biggi den Heli sanft auf dem Sportplatz, der an das Wohngebiet angrenzt. Aus der Luft konnten sie schon das Ausmass des Unglücks sehen. Karin, Claudia und Enrico sprangen raus und schnappten sich die Ausrüstüng. Biggi würde vorerst beim Heli bleiben und die Verbindung zur Leitstelle halten. Ein Streifenwagen fuhr mit den Dreien los. Das Bild das sich ihnen kurze Zeit später bot, war verheerend. Sie mussten die letzten Meter zu Fuss gehen, da mehrere Feuerwehr-wagen und diverse Rettungswagen die Strasse blockierten. Als sie dann vor dem Trümmerhaufen standen, der einmal ein Haus war, entfuhr Karin nur ein "oh Gott, das hat bestimmt keiner überlebt." Von dem Haus war nur mehr das Erdgeschoss stehen geblieben. Die darüber liegenden drei Stockwerke existierten nicht mehr. Rettungs-kräfte von der Feuerwehr trugen die Trümmer Stück für Stück ab.
Nachdem die Drei den ersten Schock überwunden hatten, wandt sich Claudia an den Einsatzleiter, "Wo befinden sich die Verletzten?" "Dort hinten auf der Wiese haben wir vorerst mal die Verletzten gelagert, um sie aus der Gefahrenzone zu haben. Der Notarzt wartet schon sehnsüchtig auf Ihre Hilfe". Das liessen sich die Drei nicht zwei-mal sagen und liefen auf die Wiese zu. "Ah, endlich kommt Verstärkung", sagte Dr. Hofmann erleichtert." Ausser dem Notarzt waren noch vier Sanitäter mit der Ver-sorgung der Verletzten beschäftigt. "Wie sieht’s aus Herr Kollege", erkundigte sich Karin einen ersten Überblick verschaffend? "Nicht gut", antwortete dieser. "Mittel- bis Schwerverletzte, Brandwunden 2. bis 3. Grades, Knochenbrüche, Quetschungen und zum Teil innere Verletzungen. Der Mann dort, sollte sofort in eine Spezialklinik ausgeflogen werden. Ihn hat es am schlimmsten erwischt." Karin ging zu dem Mann, der mit einer Spezialdecke abgedeckt war und von einem Sanitäter beatmet wurde. "Sie haben Recht. Wie steht es um die anderen Verletzten?" "Die Frau, um die ich mich gerade kümmere, sollte auch so schnell wie möglich ins Krankenhaus. Sie hat schwere innere Verletzungen, aber wir können sie mit dem RTW transportieren. Alle anderen sind im Moment verhältnismässig stabil, noch zumindest", berichtete der Arzt. "Ich kümmere mich um den Transport zum Heli", meinte Enrico.
Während Karin und Dr. Hofmann sich unterhielten kümmerte sich Claudia um die anderen Verletzten. "Karin, die anderen drei Patienten sind nicht in Lebensgefahr. Wie wollen wir uns aufteilen", fragte Claudia? "Ein Arzt sollte in jedem Fall hier bleiben". "Ok, wenn du nichts dagegen hast, dann fliege ich mit Enrico zusammen den Mann in die Spezialklinik nach München und Dr. Hofmann fährt mit dem RTW die Patientin in die Klinik nach Rosenheim", sagte Karin. "Enrico kannst du dich um die Anmeldungen kümmern und Biggi Bescheid geben, bitte?" "Geht in Ordnung", antwortete er. "Ok dann bleibe ich mit den beiden anderen Sanitätern hier", sagte Claudia. "Das sollten wir schaffen."
In diesem Moment kam der Einsatzleiter und sagte "wir haben ein weiteres Lebens-zeichen geortet. Es kommt anscheinend aus dem Untergeschoss. Wir versuchen uns derzeit zu der Stelle vorzuarbeiten. Es kann aber noch eine Weile dauern, bis wir näheres wissen. Bitte halten sie sich auf Abruf bereit." "Ist gut, ich werde hier bleiben und kümmere mich um die drei Verletzten hier, während meine Kollegen die beiden Schwerverletzten in die Klinik bringen", sagte Claudia dem Einsatzleiter. "Wissen sie, ob wir mit weiteren Rettungseinheiten rechnen können", fragte Claudia? "Wir sollten die anderen Verletzten auch so schnell wie möglich ins Krankenhaus bringen." "Nein tut mir leid, im Moment werden wir alleine klar kommen müssen. Auf der A8 hat es eine Massenkarambolage gegeben und viele Rettungskräfte sind dort", ant-wortete er. "Ich werde sie rufen, wenn ich sie brauche", mit diesen Worten ver-schwand er. Karin und der andere Arzt hatten in der Zwischenzeit die beiden Ver-letzten für den Abtransport vorbereitet. "Claudia, ich habe das eben mitbekommen. Wir sind so schnell wie möglich wieder da. Halt die Ohren steif", sagte Karin. Mit diesen Worten eilten sie zu den Rettungswagen.
In der nächsten halben Stunde passierte rein gar nichts. Claudia kümmerte sich mit den beiden verbliebenen Sanitätern, so gut es ging, um die Verletzten. Zum Glück blieben diese stabil. Die Feuerwehr konnte den Schutt des Hauses nur langsam ab-tragen, sodass es vermutlich noch eine ganze Weile dauern würde, bis sie eventuell weitere lebende Personen finden würden. Nach weiteren 15 Minuten kam einer der Rettungswagen mit Dr. Hofmann zurück und holte einen weiteren Verletzten zum Transport ins Krankenhaus ab. Nach einer weiteren halben Stunde waren auch Karin, Enrico und Biggi, die nicht länger alleine am Heli warten wollte, wieder da. Sie schickten die beiden Sanitäter, die bei Claudia geblieben waren mit dem vierten Ver-letzten los, so dass Dr. Hofmann, dann den vorerst letzten Transport übernehmen konnte, sobald er wieder da war. Karin und Claudia waren sich einig, den Patienten nicht zu fliegen, da sie nicht wussten wie schwer verletzt die Person sein würde, die sie zur Zeit aus den Trümmern befreiten und sie eventuell dann den Hubschrauber benötigten. Während sie angespannt warteten, verteilten ehrenamtliche Helfer an die Einsatzkräfte Kaffee, Tee und Brötchen, die auch dankend angenommen wurden. Der ganze Einsatz dauerte mittlerweile schon über zwei Stunden und zehrte bei allen an den Nerven. Enrico lief immer mal wieder zum Einsatzleiter, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Aber es gab nicht neues. Dr. Hofmann war in der Zwischen-zeit mit dem vorerst letzten Patienten unterwegs ins Krankenhaus nach Rosenheim. Er wollte erst mal dort bleiben, weil noch mit weiteren Einlieferungen von dem Unfall auf der A8 zu rechnen war. Er würde aber weiterhin zur Verfügung stehen, falls es notwendig werden sollte.
Biggi, Karin, Claudia und Enrico sassen auf der Wiese und warteten auf ihren Einsatz, der sich ziemlich in die Länge zog. Marc war inzwischen auch schon auf der Basis und erkundigte sich nach ihrer Lage, aber ausser warten konnten sie eh nichts tun. Biggi und Enrico standen auf und meinten "wir schlendern mal ein bisschen über die Wiese." "Ist gut ihr zwei", antwortete Karin. "Eigentlich hasse ich solche Einsätze wo man zum nichts tun verdammt ist", meinte Karin zu Claudia. "Da hast du Recht. Mir geht’s genauso", antwortete sie. "Wie lange bist du jetzt eigentlich schon in Deutschland", fragte Karin? "Ich bin jetzt seit ca. zwei Monaten hier. Ich hatte am Anfang einen ganz schönen Papierkrieg zu bewältigen, angefangen von der Abpro-bation, bis hin zur Suche nach einem Job und einer Wohnung. Aber ich hatte auch ein wenig Glück und alles ging relativ einfach, da ich den deutschen Pass besitze. Nur eine anständige Wohnung werde ich mir noch suchen müssen, da habe ich erst eine Notlösung gefunden. Naja, man kann nicht alles von Anfang an haben." "Da hast du ja ganz schön Stress gehabt", meinte Karin. "Allerdings, aber ich bin froh, dass ich jetzt endlich anfangen konnte zu arbeiten. Mir hat direkt etwas gefehlt. Eine Pause tut ja manchmal gut, aber drei Monate sind einfach zu viel." "Hast du nicht manchmal Heimweh nach Hause? Ich meine du hast einen ganz schönen Schritt gemacht, fast alle Brücken hinter dir abzubrechen", fragte Karin. Claudia zögerte etwas, "ja und nein. Klar werde ich die USA vermissen, meinen Bruder, meinen Freundeskreis. Aber ich war bis vor eineinhalb Jahren so oft unterwegs, dass das kaum noch eine Rolle spielt. Auf der anderen Seite freue ich mich auf die neue Herausforderung, auf neue Leute, ein anderes Land. Ich habe während meiner frühen Jugend mal zwei Monate in Deutschland gelebt, habe aber keine tollen Erinnerungen daran. Damals bin ich im wahrsten Sinne des Wortes geflohen", erzählte Claudia. "Du bist ganz schön mutig, weisst du das. Ich könnte das nicht, dazu bin ich viel zu bodenständig", warf Karin ein. Claudia schmunzelte, "genau das versuche ich im Moment wieder zu werden. Die letzten Jahre waren mir zu aufregend und ich glaube ich habe mittlerweile ein Alter erreicht, wo man ruhiger werden darf." Karin nickte und gab ihr damit zu verstehen, dass sie Recht hatte. Sie schauten zu den Rettungskräften rüber, aber da hat sich die Situation in den letzten 15 Minuten nicht wesentlich geändert. "Hoffentlich finden sie die verschüttete Person bald, sonst sehe ich schwarz", sagte Karin. Beide schwiegen für einen Moment. "Claudia du musst mir die Frage nicht beantworten, aber du hast gestern gesagt, als du aus dem Nahen Osten zurückgekommen bist, hast du dich auf deinen Mann gefreut, aber die Ereignisse hätten sich überschlagen und nun bist du alleine hier, warum? Ich finde so ein Schritt, wie du ihn gemacht hast, ist wesentlich leichter zu machen, wenn man zu zweit ist." Claudia dachte einen Augenblick über die Frage nach. Sie hatte versucht die letzten eineinhalb Jahre aus ihrem Gedächtnis zu streichen. Ihr war aber auch gleichzeitig bewusst, dass sie mit diesen Fragen früher oder später konfrontiert werden würde. Und irgendwann und mit irgendwem musste sie darüber sprechen. Aber jetzt und in dieser Situation, das erschien ihr doch nicht passend. Aber Karin konnte das ja nicht wissen. "Karin, sei mir bitte nicht böse, aber das ist eine sehr lange und traurige Geschichte. Ich bin im Moment noch nicht so weit, dass ich darüber sprechen könnte. Nicht das ich mich dir nicht anvertrauen möchte oder auch Marc oder den anderen. Ich denke mein Kopf muss erstmal die Vergangenheit aufarbeiten und dass dauert noch ein bisschen." "Ich bin dir nicht böse, woher auch. Ich kann dich gut verstehen, einschneidende Erlebnisse wollen ver-arbeitet werden, das geht nicht von heute auf morgen. Aber du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn du mit jemandem darüber sprechen möchtest." "Danke für dein Verständnis", sagte Claudia und nahm sich vor auf das Angebot zurückzukommen.
Kaum das sie den letzten Satz zu Ende geredet hatte, riefen die Feuerwehrleute nach einem Arzt. Karin, Claudia und Enrico eilten zu dem Haus, während Biggi davor wartete. "Passen sie auf, wenn sie auf den Schutt treten. Es ist sehr wackelig dort", rief ihnen der Einsatzleiter zu. Vorsichtig arbeiteten sie sich zu der Stelle vor, wo die Helfer die Person geborgen hatten. "Wir haben hier noch jemanden gefunden", rief ein anderer Helfer. "Ich glaube es ist ein Kind". Auf einmal brach Hektik aus und in Windeseile wurde Steine und Balken weggeräumt. Karin blieb bei dem ersten Opfer, während Claudia sich zu dem zweiten Opfer vorarbeitete.
Karin kniete am ersten Opfer nieder, eine junge Frau Mitte 20. Sie fühlte den Puls. "Sie lebt", rief sie erleichtert. "Enrico ich brauche den Stiffneck und dann die Trage. Hier kann ich sie nicht versorgen." "Ist gut Karin." "Claudia, wie sieht’s bei dir aus", fragte Karin? "Einen Augenblick noch. In einer Minute weiss ich mehr." Ein Jubel-schrei brach los, als die Helfer das Kind befreit hatten. Claudia fühlte den Puls, er war ganz schwach. "Karin das Kind lebt, aber es ist sehr schwach." Zu einem Helfer sagte sie, "helfen sie mir das Kind aus der Gefahrenzone zu bringen." Der Feuerwehrmann nahm das Kind und legte es, ein paar Meter entfernt, auf eine bereitstehende Trage. Claudia begann sofort mit der Versorgung. Karin hatte in der Zwischenzeit schon angefangen die Frau zu behandeln. Sie war zwar schwer verletzt, aber auf dem ersten Blick ausser Lebensgefahr. Ganz im Gegensatz zu dem Kind, ein etwa 3 Jahre altes Mädchen. Claudia legte zwei Zugänge und schloss das Kind an das EKG an. "Karin brauchst du Enrico noch? Der Kreislauf bricht zusammen ich muss sofort intubieren." "Geh Enrico", sagte Karin. "Biggi kann mir helfen". Enrico eilte sofort zu Claudia und packte das Kindernotfallset aus. Claudia intubierte das Kind sofort. Doch ein Blick auf das EKG verhiess nichts Gutes.
"Verdammt, sie sackt uns weg. Enrico geb mir 2mg Adrenalin und häng noch einen zweiten Beutel Ringer dran. Jag den Beutel im Schuss durch." Enrico arbeitete so schnell wie er konnte. Schliesslich ging es hier um das Leben eines Kindes und er hatte nicht vor diesen Kampf zu verlieren. Claudia ging es ähnlich. Niemand verlor gerne ein Kind, das das ganze Leben noch vor sich hatte. Doch nach ca. fünf Minuten machte es, dank des unermüdlichen Einsatzes der Beiden, den Anschein, als würden sie den Kampf gewinnen. "Ich glaube wir haben es geschafft Enrico", meinte Claudia. "Sieht so aus. Der Sinusrythmus ist regelmässig. Wir sollten sehen, dass wir so schnell wie möglich in die Klinik kommen", antwortete Enrico. Claudia wollte gerade fragen, welche Klinik die beste sei, als Karin meinte, "Enrico fliegt am besten ins Klinikum Rechts der Isar nach München". "Danke Karin. Biggi kannst du uns bitte anmelden", fragte Claudia? "Klar mach ich". Enrico half Claudia das Kind in den Hubschrauber zu tragen, dann holte er noch einen Teil der Ausrüstung und sie flogen ab. Biggi hatte die Freigabe erhalten und flog so schnell sie konnte in Richtung München.
Karin hatte ihre Patientin auch gut stabilisieren können. Sie wartete auf den Notarzt- wagen mit Dr. Hofmann, der auch nach kurzer Zeit eintraf. Sie fuhren die Patientin zusammen ins Klinikum nach Rosenheim, nach dem die Rettungskräfte ihr versichert hatten, dass mit keinen weiteren Überlebenden zu rechnen sei.
Nachdem Claudia und Enrico das Kind in der Klinik abgeliefert hatten, flogen sie so schnell wie möglich nach Rosenheim zurück, um Karin abzuholen. Um ca. 10:30h landeten sie wieder an der Basis.
Ziemlich müde und erschöpft liessen sie sich im Aufenthaltsraum in die Sessel fallen. Marc kam aus dem Büro rüber und meinte, "na ihr seid ja voll durchgestartet heute Morgen." "Das kannst du laut sagen", antwortete Karin. "Ich brauche jetzt erstmal einen starken Kaffee und dann schreibe ich den Bericht." "Karin ich helfe dir, dann kannst du mir gleich zeigen wie das funktioniert", schlug Claudia vor. "Gerne, aber lass uns zuerst einen Kaffee trinken", meinte Karin. "Gute Idee". Enrico sagte "ich werde aber zuerst die verbrauchten Medikamente und Materialien auffüllen. Nicht dass uns der nächste Einsatz ins Haus steht und wir dann ohne dastehen". "Du hast Recht. Komm lass uns das schnell alle gemeinsam machen", antwortete Karin.
Marc verschwand wieder im Büro, um seine Berichte weiter zuschreiben und Abrech-nungen zu machen. Die anderen machten sich ebenfalls an die Arbeit und hatten in kürzester Zeit die verbrauchten Materialien in den Rucksäcken ersetzt.
Nachdem sich alle eine kleine Ruhepause gegönnt hatten, machten sich Claudia und Karin an den Bericht des letzten Einsatzes.
Nach einer ganzen Weile kam Marc murrend aus dem Büro, "ich komme mir vor wie ein Buchhalter. Rechnungen kontrollieren und das Budget im Auge behalten. Mit Arzt sein hat das nichts mehr zu tun." "Marc dann beschwere dich doch endlich mal bei der Zentrale, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Die sollen uns endlich eine Sekretärin genehmigen", sagte Karin. "Du machst dich noch ganz kaputt mit dieser Doppelbelastung." "Ich habe vorhin zum x-ten Mal angerufen. Sie sagen immer nur, dass sie meine Anfrage bearbeiten würden, mehr nicht", antwortete Marc. "Dann zwing sie dazu, indem du den Kram einfach mal ein paar Wochen liegen lässt. Viel-leicht werden sie ja dann wach und es passiert mal endlich was", schlug Enrico vor. "Vielleicht sollte ich das wirklich mal tun", meinte Marc.
"Ach im Übrigen, bevor ich es vergesse, wir müssen bis Ende des Monats unsere medizinischen Check-up’s abgeliefert haben und zwar alle", sagte Marc! "Was schon wieder. Ist das nicht erst kürzlich gewesen", fragte Enrico? "Nein du irrst dich, der letzte war vor ziemlich genau einem Jahr", antwortete Karin. "Ich werde für uns alle in den nächsten Tagen Termine machen", meinte Marc.
Der Rest des Vormittags blieb Gott sei Dank ruhig. Marc verzog sich wieder ins Büro, um den noch verbliebenen Schreibkram zu erledigen. Alle anderen setzten sich nach draussen in die schon recht warme Frühlingssonne. Ca. um halb eins erschienen Thomas und Peter zum Dienst und sahen die anderen draussen in der Sonne sitzen.
"Habt ihr nichts zu tun, dass ihr hier so faul rum sitzt", fragte Thomas schmunzelnd? "Du wirst es nicht glauben, aber wir waren heute schon fleissig", antwortete Biggi. "Oh alle Achtung. Dann gehen wir uns mal umziehen, nicht dass ihr noch Über-stunden machen müsst", grinste Peter.
Um kurz vor eins meinte Karin dann, "ihr habt sicher nichts dagegen, wenn ich mich schon mal auf die Socken mache. Ich habe heute Nachmittag noch was vor." "So, so, na dann geh ruhig. Wir sehen uns dann morgen", sagte Marc der gerade zu den anderen gestossen war. Und zu Claudia meinte er, "willst du nicht auch Feierabend für heute machen und das schöne Wetter geniessen?" "Nein danke. Ich habe nichts vor heute. Ich dachte mir, ich studiere lieber noch ein bisschen unser Einsatzgebiet und mache mich mit den Abläufen vertraut", antwortete sie. "Wie du willst. Du musst das aber nicht in deiner Freizeit tun", sagte Marc. "Das ist schon in Ordnung. Zu Hause wartet eh nur eine kleine, leere Wohnung auf mich und meine Freizeitbe-schäftigungen halten sich zurzeit auch noch in Grenzen. Jetzt habe ich noch Zeit und etwas Ruhe, also warum sollte ich es nicht jetzt machen", antwortete Claudia.
"Was hast du eigentlich für Hobbies", fragte Marc? "Du sitzt bestimmt nicht deine ganze Freizeit zu Hause rum". Sie lachte, "nein ganz bestimmt nicht. Ich reite für mein Leben gerne. Ich habe ein eigenes Pferd, dass ich im Moment etwas vermisse. Aber Gott sei Dank nicht mehr lange. Nächste Woche kommt es mit Luftfracht, dann kann ich es in München am Flughafen abholen." "Das ist ja interessant. Warum hast du dein Pferd nicht schon eher geholt?" "Ich musste zuerst noch einen geeigneten Stall für mein Pferd suchen, bevor ich es holen konnte. Aber jetzt habe ich etwas ge-funden." "Das leuchtet ein. Ich freue mich für dich. Du reitest bestimmt gut." "Naja, ich bin teilweise auf einer Farm in Colorado aufgewachsen und schon als Kind auf Pferden gesessen. Bist du schon mal geritten", fragte sie Marc?" "Ja Motorräder, aber keine Pferde", lachte er. "Aber auf der anderen Seite habe ich da auch nur PS unter meinem Hintern, halt eben 150PS und nicht nur ein PS." Claudia musste ebenfalls über diesen Vergleich lachen. "Was hältst du davon mich irgendwann mal zu be-gleiten? Ich zeige dir den Unterschied und wenn du willst, bringe ich dir das Reiten bei." "Ich denke ich werde zu gegebener Zeit auf dein Angebot zurückkommen.
Claudia sass am Nachmittag im Aufenthaltsraum und studierte die Karte und die Liste der Krankenhäuser die Marc ihr am Vortag gegeben hatte. Marc, Peter und Thomas waren unterwegs bei einem Einsatz. Nur Max war noch da. Er bastelte seit einer Ewigkeit an dem Generator für die Klimaanlage rum. Plötzlich kam ein riesiges Getöse aus dem Hangar. Es hörte sich an, als ob der ganze Generator in seine Einzel-teile zerfallen war und Max fluchte was das Zeug hielt. Claudia fuhr erschrocken auf und ging in den Hangar, um nach dem Rechten zu sehen.
Max stand mit schmerzverzerrtem Gesicht da und stiess sämtliche Flüche aus, die ihm so spontan einfielen. Claudia war zuerst nicht klar, ob sein Blick und das Fluchen auf den Generator zurückzuführen waren oder weil er sich, wie sie jetzt gerade sah, am Arm verletzte. "Max, was machst du denn für Sachen?" "Ach ich weiss auch nicht. Ist wohl heute nicht mein Tag." "Komm zeig mal deinen Arm", sagte Claudia. "Ach das ist nur ein Kratzer. Nicht der Rede wert", wehrte Max ab. "Nichts da, das blutet ganz schön. Ich möchte mir das gerne näher anschauen", beharrte Claudia. Max verzog das Gesicht, streckte ihr dann aber doch den Arm entgegen. "Es sieht schlimmer aus als es ist. Ich muss die Wunde aber trotzdem reinigen und mit ein paar Stichen nähen", sagte sie nach ein paar Sekunden. "Muss das sein", fragte Max? "Du musst wissen, mit Nadeln stehe ich etwas auf Kriegsfuss." "Du willst dir doch wohl keine Infektion holen, oder?" "Nein nicht unbedingt. Aber ich komme nur mit, wenn du mit Betäu-bung nähst." "Max, ich will für meine Patienten nur das Beste. Und jetzt komm, bevor wir hier noch Wurzeln schlagen."
Claudia ging mit Max in den Behandlungsraum und suchte nach den Instrumenten die sie benötigen würde. Max rutsche etwas unruhig auf dem Stuhl hin und her. Dann reinigte sie zuerst die Wunde und betäubte die Stelle am Arm bevor sie anfing zu nähen. Sie piekste Max und fragte "spürst du noch was?" "Nein gar nichts." "Ok dann mal los. In ein paar Minuten bist du wie neu." "Mach nur, ich vertraue dir voll und ganz." "Ich höre den Hubschrauber, die anderen kommen gerade vom Einsatz zurück", meinte Claudia beiläufig. "Hoffentlich stolpern sie nicht über das Chaos im Hangar. Ich muss zu meinem Bedauern sagen, dass es da aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen", sagte Max etwas verlegen. "Mach dich nicht verrückt, es haben alle Augen im Kopf." Kaum das Claudia das gesagt hatte, hörte man Thomas fluchen, weil er sich irgendwo seinen Fuss angestossen hatte. In der nächsten Sekunde brüllte Thomas, "Max was ist das hier für ein Chaos? Verdammt noch mal, wo steckst du?" Die beiden mussten sich beherrschen, um nicht laut loszulachen. Als dann alle in den Aufenthaltsraum kamen, konnten sich die beiden nicht mehr zurückhalten und fingen laut an zu lachen. "Halt still Max, sonst steche ich dich an der falschen Stelle." Jetzt streckten Marc, Thomas und Peter ihre Köpfe zur Tür herein und realisierten erst auf den zweiten Blick, was Claudia und Max dort machten. "Was macht ihr denn hier", fragte Thomas? Marc fing sich sofort und stand schon neben dem Behand-lungstisch, während er die anderen weg schickte. "Was ist passiert Claudia?" "Max hatte eine kleine Auseinandersetzung mit dem Generator. Nichts schlimmes, nur ein paar Stiche", antwortete sie. "Kann ich dir noch was helfen", fragte Marc? "Nein danke, ich bin gleich fertig. Ah, das heisst, kannst du mir sagen, wo ich den Tetanus-Impfstoff finde?" "Ich bereite dir die Spritze gerade vor." Jetzt wurde auch Max hellhörig, "wie Tetanusimpfung? Habe ich da gerade richtig gehört." "Ja hast du. Wenn ich mir das da so ansehe, war das nicht einfach nur eine Schramme", meinte Marc. Max verzog wieder das Gesicht in Erwartung einer weiteren Spritze. "So ich bin fertig. Jetzt noch ein schöner Verband und du bist wie neu Max." "Gute Arbeit. Meine Nähte werden nicht so schön gleichmässig. Das war nie meine Stärke" sagte Marc. Als Claudia fertig war, stand Max auf "danke Claudia" und drückte ihr zum Dank einen Kuss auf die Wange, dann wollte er sich möglichst schnell aus dem Staub machen. "Gern geschehen Max, aber haben wir nicht was vergessen?" "Haben wir", fragte er? "Max", sagte Marc mit einem Unterton. "Grrr, das werdet ihr mir büssen. Gibt man Euch Ärzten den kleinen Finger, nehmen sie gleich den ganzen Arm." Claudia und Marc mussten grinsen. "Ok, dann foltert mich mal weiter. Wohin?" "In den Allerwertesten", sagte Marc. "Auch das noch. Jetzt muss ich auch noch vor einer Dame die Hose runterlassen." "Marc, ich glaube das ist jetzt deine Aufgabe", meinte Claudia und wollte aus dem Zimmer gehen. "Fürchte ich auch. Also los Max, Hose runter." "Aber bitte zart, ich habe einen empfindlichen Po." "Ich weiss nicht, ob das geht. Ich bin mehr für das Grobe zuständig", meinte Marc mit vollem Ernst und Max merkte nicht, dass Marc und Claudia ihn auf den Arm nahmen. Als sich Max dann mit entblösstem Po an der Liege abstützte und den beiden den Rücken zudrehte, gab Marc die Spritze an Claudia weiter, die ihm diese dann verpasste. "Autsch, das war aber nicht gerade zart, Marc", sagte Max, der glaubte er würde das machen. "Ok du kannst dich wieder anziehen", meinte Claudia. Max drehte sich um, "wie du" und schaute in lachende Gesichter, denn auch Peter und Thomas hatten das Spiel in der Zwischenzeit mitbekommen und standen in der Tür. "Ihr seid eine richtige Saubande, wisst ihr das" und dann musste auch er mitlachen.
Max war natürlich auch am nächsten Tag noch Gesprächsthema, denn auch Karin und Biggi wurden in die Vorgänge eingeweiht. Alle behandelten ihn daraufhin mit Samt-handschuhen, denn man musste Max ja bei Laune halten, was ihm nicht unangenehm war.
Claudia lebte sich bei Medicopter gut ein und fühlte sich rundum wohl. Sie freute sich schon darauf, dass sie am kommenden Montag endlich Jens und Ralf kennen lernen würde, mit denen sie ein Team bildete.
Ansonsten verlief der Rest der Woche ungewöhnlich ruhig. Ausser ein oder zwei Einsätzen am Tag hatten die beiden Teams nicht viel zu tun. Alle unkten schon, dass das bestimmt die Ruhe vor dem Sturm sei. Wenn sie wüssten wie recht sie damit hatten….
Kapitel 3
Es war Montagmorgen sechs Uhr. Claudia war vor ein paar Minuten auf der Basis eingetroffen und hatte schon Kaffee gekocht und Brötchen zum Frühstück mitge-bracht. In diesem Moment fuhr ein weiteres Auto vor. Das mussten Ralf und Jens sein. Sie freute sich die beiden endlich kennen zu lernen. Kurz darauf ging die Tür auf und die beiden kamen gähnend zur Tür herein.
"Oh mein Gott bin ich müde", stöhnte Ralf. "Frühdienst am ersten Tag nach zwei Wochen Ferien ist die Hölle". "Stimmt", pflichtete ihm Jens bei. "Hoffentlich wird der Tag heute nicht zu anstrengend". "Guten Morgen", sagte Claudia, die von den beiden noch gar nicht bemerkt wurde. "Ihr müsst Ralf und Jens sein." Die beiden schauten sich entgeistert an. " Ich bin Claudia Anderson eure neue Kollegin." Sie streckte den beiden die Hand entgegen. Erst jetzt fiel es den beiden wie Schuppen von den Augen. "Oh Mann stimmt ja", sagte Jens. "Marc hat uns ja vor dem Urlaub noch gesagt, dass wir Verstärkung für unser Team bekommen. Entschuldigung Claudia, wir wollten nicht unhöflich erscheinen, aber wir müssen nach den Ferien erstmal wieder ein bisschen in Schwung kommen. Ich bin Jens unser Pilot und das ist unser Sanitäter Ralf", der sich mittlerweile auch wieder gefangen hatte. "Hallo Claudia, willkommen im Team", sagte Ralf. "Hallo und auf gute Zusammenarbeit. Ich habe übrigens was zum Frühstück mitgebracht und Kaffee ist auch schon gekocht." "Mensch Du bist ja klasse. An den Service könnte man sich direkt gewöhnen." Sie mussten lachen und setzten sich dann an den gedeckten Frühstückstisch.
"Wann hast Du angefangen zu arbeiten", fragte Ralf und biss dann herzhaft ein ein Marmeladenbrötchen? "Am letzten Montag. Ich bin in der vergangenen Woche immer abwechselnd mal mit Karin, mal mit Marc mitgeflogen. Es war für mich sehr interessant und vieles auch neu", erzählte Claudia. "Na dann hast Du ja schon einiges mitbekommen", meinte Jens "und wenn dir was unklar sein sollte, kannst du jederzeit fragen." "Danke ich werde gerne darauf zurückkommen". "Marc sagte, dass du aus den USA kommst. Was hat dich hierher zu uns verschlagen", frage Ralf? "Ich meine, es ist doch sicherlich einiges ganz anders." "Oh ja, das ist es. Aber es war auch unter anderem die Herausforderung auf etwas ganz neues. Mein Vater war Deutscher. Ich habe als Kind schon mal kurze Zeit in Deutschland gelebt, aber das war was ganz anderes. Der Schritt nach Deutschland zu gehen und der USA den Rücken zu kehren, ist mir nicht leicht gefallen, aber ich hoffe ich habe das richtige getan", erzählte Claudia. "Da bin ich ganz sicher", meinte Jens. "Nette Kollegen sind bei uns immer willkommen."
Sie sassen noch eine Weile beim Frühstücken und unterhielten sich über Gott und die Welt als plötzlich der Alarm losging. Ralf war in einem Satz am Mikro, bestätigte die Meldung, während Jens schon zum Heli sprintete, um die Maschinen anzuwerfen. Claudia und Ralf schnappten sich ihre Rucksäcke und rannten hinter Jens her.
Beim Abheben fragte Jens "wohin geht’s Ralf"? "Wir sollen einen Patiententransport vom Bezirkskrankenhaus Schwarzach in die Unikinderklinik nach Salzburg über-nehmen." "Na dann mal mit Höchstgeschwindigkeit nach Schwarzach", sagte Jens "Ralf, hat dir die Leitstelle näheres über den Patienten mitgeteilt", fragte Claudia? "Nur soviel, dass es sich um ein 5-jähriges Kind handelt, was heute Morgen bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt wurde und zur Erstversorgung nach Schwarzach ge-bracht wurde. Wir sollen es zur weiteren Behandlung nach Salzburg fliegen." "Ok danke Ralf".
Ein paar Minuten später landeten Sie am Krankenhaus in Schwarzach. Claudia und Ralf rannten zur Notaufnahme, wo sie schon von dem behandelten Arzt erwartet wurden. "Guten Morgen Frau Kollegin, ich bin Dr. Schneider." "Dr. Anderson", stellte sich Claudia vor. "Ich bin froh dass sie da sind und will keine Zeit verlieren und ihnen den kleinen Patienten so schnell wie möglich übergeben." Er wies ihnen den Weg in einen Behandlungsraum, wo ein Junge auf dem Behandlungstisch lag, blass, den Kopf bandagiert und an zahlreiche Geräte angeschlossen. "Das ist Simon Weiler, 5 Jahre, hatte mit seinen Eltern heute in den frühen Morgenstunden auf dem Weg in den Urlaub einen Autounfall. Seine Eltern haben den Unfall leider nicht überlebt." Claudia und Ralf schauten sich an und mussten erstmal tief durchatmen als sie das hörten. "Er wurde aus dem Auto geschleudert und hat ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, diverse Knochenbrüche und einen Pneumothorax davongetragen. Wir haben eine Drainage gelegt und die Knochenbrüche für’s erste versorgt. Das Schädel-Hirn-Trauma bereitet uns aber Sorgen. Wir haben ein CT gemacht. Er hat zwei Blutgerinnsel im Hirn die dringend entfernt werden müssen. Hier im Krankenhaus haben wir aber weder die Ausrüstung noch die Kompetenz für eine solche Operation bei Kindern." "Welche Medikamente haben sie gegeben", fragte Claudia?
"Ich habe ihnen hier alles aufgeschrieben. Die Röntgen- und CT- Aufnahmen sind in diesem Umschlag. Salzburg ist schon informiert und wartet auf sie." "Na dann wollen wir keine Zeit verlieren." In diesem Moment kam Jens mit der Trage herein. "Danke Jens", sagte Claudia. "Wir müssen uns beeilen. Kannst Du bitte schon den Heli starten." "Mach ich". Er rannte zurück, während die anderen das Kind umlagerten und ebenfalls zum Heli gingen. Dr. Schneider wünschte ihnen zum Abschied viel Glück. Dann starteten sie und flogen mit Höchstgeschwindigkeit nach Salzburg.
Ein verletztes Kind zu versorgen, stellte für die gesamte Crew immer eine besondere psychische Herausforderung dar und alle gaben deshalb mehr als ihr bestes. Ralf fand als erster die Sprache wieder und berichtete Jens kurz von dem Schicksal des Jungen. "Der arme Junge. Hoffentlich schafft wenigstens er es", meinte Jens. "Aber was wird dann später aus ihm?" "Ich hoffe er hat wenigstens noch ein paar Verwandte, die sich um ihn kümmern können und mit ihm zusammen den Verlust verarbeiten werden", sagte Claudia. "Die Verletzungen sind schwer, aber ich denke er wird es schaffen."
"Wenigstens etwas. Ich denke, er wird es noch schwer genug haben", meinte Ralf. "Allerdings. Das wird keine leichte Aufgabe, für alle", ergänzte Claudia.
Claudia und Ralf überwachten ständig den Zustand des Jungen, der sich im Verlauf des Fluges nicht veränderte. Sie landeten in Salzburg auf dem Dach der Uniklinik, wo sie schon von einem Ärzteteam erwartet wurden, die den Jungen sofort in den schon vorbereiteten OP brachten.
Nachdenklich machte sich das C-Team auf den Rückweg zur Basis. Eigentlich sollte man sich nicht so viele Gedanken über Patienten und deren Schicksal machen. Auf Dauer macht man sich kaputt. Das wird einem immer wieder in den psychologischen Kursen vorgepredigt. Nur bei Kindern funktioniert das nicht so einfach, man macht sich automatisch Gedanken. Sie haben ihr ganzes Leben noch vor sich. Um 08:30h landeten sie wieder an der Basis.
Als sie in den Aufenthaltsraum kamen, begrüssten sie Max und Marc. "Ah da seid ihr ja. Ihr kommt gerade richtig, ich habe frischen Kaffee gekocht", sagte Max. "Wollt ihr auch eine Tasse"? "Max du bist super. Ich glaube die können wir jetzt gut ge-brauchen", meinte Jens. "Und wie kommt ihr miteinander klar? Habt ihr euch schon ein wenig kennen gelernt", fragte Marc? "Ja alles bestens. Scheint wir hätten mal wieder Glück gehabt", antwortete Ralf und zwinkerte Claudia zu. "Na dann ist ja alles in bester Ordnung", meinte Marc und wandte sich an Claudia. "Du musst wissen, dass wir teilweise neue Mitarbeiter oder Aushilfen bekommen haben, mit denen man nicht zusammenarbeiten bzw. auf die man sich nicht verlassen konnte. Und das ist nun mal das wichtigste bei unserem Job." "Stimmt", meinte Claudia.
"Ach übrigens, bevor ich es vergesse", sagte Marc. "Ich habe den Plan für den jähr-lichen Check-up ans Schwarze Brett gehängt. In spätestens zwei Wochen will die Zentrale wissen, ob alle diensttauglich sind." "Ist es mal wieder soweit", meinte Ralf. "Sei froh, dass du nicht den Piloten Check-up machen musst, der ist viel schlimmer", meinte Jens und tätschelte Ralfs Schulter. "Ok, nachdem das geklärt ist, mache ich mich jetzt an den nie enden wollenden Papierkram". Marc stand auf und stapfte ins Büro.
Claudia schrieb den Einsatzbericht, während Jens Max half den Heli zu betanken und den Generator zu reparieren. Ralf blätterte die Tageszeitung durch und unterhielt sich nebenbei mit Claudia. Im Hintergrund lief das Radio. Mal ausgenommen von dem einen Einsatzes heute morgen, war der Montagvormittag ungewöhnlich ruhig.
"Es ist ja schon 11Uhr", meinte Ralf. "Mal hören was in der Welt so alles passiert ist und drehte das Radio lauter, um die Nachrichten zu hören." "Bestimmt nur Mord und Totschlag", sagte Claudia. "Die Presse stürzt sich doch immer auf‘s Negative." "Ja stimmt leider."
Am Anfang der Sendung wurde eine Meldung über einen Banküberfall ganz in ihrer Nähe gebracht. Die Täter seien flüchtig und wären bewaffnet, berichtete der Sprecher.
"Wo soll das noch enden? Wenn jeder eine Bank überfallen würde, wenn er Geld braucht", sagte Ralf und schüttelte den Kopf. "Ich weiss es auch nicht."
Um 12Uhr kamen Thomas und Peter zum Dienst, die zusammen mit Marc den Hauptdienst am Nachmittag übernehmen würden. Das C-Team wird für den Nach-mittag in Bereitschaft bleiben und dann ggf. mit dem zweiten Heli fliegen.
Zum Mittagessen sassen sie dann alle gemeinsam im Aufenthaltsraum. Was sie nicht wussten, dass sich zur gleichen Zeit die im Radio erwähnten Bankräuber in der Nähe der Basis versteckten und über einen Fluchtplan nachdachten. Die Bankräuber hatten ihren Fluchtwagen zurücklassen müssen und waren zu Fuss weiter geflohen. Die Berghütte die sie eigentlich als Unterschlupf vorgesehen hatten, war zu Fuss kaum zu erreichen. Als die Bankräuber dann die Medicopter-Basis entdeckten, nahm ihr Plan langsam wieder Formen an.
"Nick lass uns die Heli-Basis überfallen. Mit unseren Waffen haben wir ein leichtes Spiel." "Ja schon Andy, aber ich weiss nicht…" "Mensch wir sind zu dritt. Willst du jetzt, wo wir so weit gekommen sind, kneifen", unterbrach ihn Steve. "Nein sicher nicht. Wir haben es bis hierhin geschafft, den Rest schaffen wir auch noch. Aber es wird niemand erschossen. Ist das klar?" "Ja, ja. Wir fesseln alle, schnappen uns den Piloten, vielleicht noch eine Geisel und hauen ab", sagte Andy. "Und was machen wir mit denen später", fragte Nick? "Mitwisser können wir keine gebrauchen." "Wir nehmen sie mit und wenn wir den Unterschlupf wechseln, lassen wir sie einfach da eingesperrt. Bis die jemand findet, sind wir längst über alle Berge", meinte Steve. "Ok dann lasst uns so vorgehen. Los jetzt, ich will hier keine Wurzeln schlagen", meinte Andy.
Die Bankräuber schlichen sich an die Basis heran und suchten dabei so oft als mög-lich Deckung. Als sie am Gebäude angelangt waren, schlich sich Steve von einem Fenster zum anderen, um die Lage zu peilen und herauszufinden, mit wie vielen Personen sie zu rechnen hatten. Als er durch das Fenster des Aufenthaltsraumes sah, sassen alle beim Mittagessen. Er ging zurück zu den anderen und berichtete was er gesehen hatte. Daraufhin zogen sie alle wieder ihre Strumpfmasken über und pirschten sich an den Eingang heran. Nick öffnete langsam die Tür und spähte durch den Spalt in den Vorraum. Die Luft war rein. Sie hörten wie sich die alle rege unter-hielten und schlichen sich dann der Reihe nach rein und verharrten am Eingang zum Aufenthaltsraum. Das Überraschungsmoment würde auf ihrer Seite sein. Steve gab ein paar letzte Zeichen und trat dann mit den anderen beiden entschlossen in den Aufenthaltsraum.
"Hände hoch und zwar ein bisschen plötzlich", rief Steve. Ralf liess vor Schreck die Gabel fallen. Er schaute direkt auf den Eingang. Die anderen drehten sich jetzt auch um und sahen direkt in die maskierten Gesichter.
"Was soll das? Wer sind sie, fragte Thomas?" "Halt die Klappe. Ich stelle hier die Fragen", sagte Steve. "Das sind bestimmt die Bankräuber, die heute morgen die Bank in Schwarzach überfallen haben", meinte Ralf mutig. "Du hast doch gehört, dass ihr das Maul halten sollt", schaltete sich Andy ein, "oder soll ich nachhelfen." "Nein, nein schon gut", sagte Ralf.
"Also wer von Euch kann den Vogel da draussen fliegen?" Die beiden Teams sahen sich an und Thomas und Jens antworteten gleichzeitig, "ich". "Einer von euch beiden reicht mir", sagte Steve und fuchtelte wild mit der Pistole vor Thomas‘ Gesicht rum. "Und du", Andy deutete auf Claudia, kommst mit, damit keiner von euch auf dumme Gedanken kommt." Andy zerrte Claudia vom Stuhl, so dass dieser umfiel. Jetzt schaltete sich auch Marc ein. "Hey lassen sie sie in Ruhe und nehmen sie mich …" Claudia wollte ihm noch ein Zeichen geben, nichts zu sagen, aber es war zu spät. Den Rest des Satzes konnte Marc nicht mehr zu Ende sprechen. Ihm wurde schwarz vor Augen, denn Nick der sich bislang im Hintergrund gehalten hatte, schlug Marc mit seiner Pistole heftig auf den Kopf, so dass dieser zusammenbrach und mit dem Kopf hart auf dem Boden aufschlug. Marc blieb bewusstlos liegen, Blut floss aus einer Platzwunde an der Stirn. "Verdammt, musste das sein", rief Claudia. "Lassen sie mich ihn untersuchen." "Sie bewegen sich keinen Zentimeter von der Stelle. Habe ich mich klar ausgedrückt", sagte Andy.
In Claudias Kopf arbeitete es. Sie hatte in ihrer militärischen Ausbildung solche Situationen durchgespielt. Sie wusste auch dass Thomas mal beim Militär war und deshalb, bei dem was sie vorhatte, am besten reagieren würde. Claudia versuchte sich zu entspannen und auf den richtigen Moment zu warten. Sie wollte ihre Kollegen nicht gefährden. Aber sie musste sich beeilen, denn Marc schien schwerer verletzt zu sein und brauchte dringend Hilfe. Ihre Kollegen verhielten sich ruhig. "Steh auf", herrschte Steve Thomas an. "Die anderen legen die Hände auf den Rücken." Steve gab Nick einen Wink die Hände der anderen zu fesseln. Dazu legte Nick seine Pistole zur Seite und kramte das Klebeband hervor. Claudia und Thomas wurden immer noch direkt bedroht, aber eine günstigere Situation würde es vermutlich nicht mehr geben.
Völlig unvorhersehbar rammte Claudia Andy den Ellebogen in die Magengrube, so dass diesem die Luft weg blieb. Sie griff Andy, wirbelte ihn mit einem Judowurf zu Boden und entwaffnete ihn. Steve von dieser Aktion völlig überrascht, hatte eine Sekunde zu spät reagiert, denn Thomas tat es Claudia gleich. Eine Sekunde später hatte auch Thomas Steve entwaffnet. Bevor Nick auch nur reagieren konnte, hatte Ralf diesen mit einem Kinnhaken ausgeschaltet. Die ganze Situation dauerte keine fünf Sekunden. Jens und Peter sassen noch wie angewurzelt auf ihren Stühlen. "Mensch wo habt ihr denn das gelernt", fragte Jens? "Beim Militär", antwortete Thomas. "Das war ganze Arbeit Claudia."
Keiner hatte mitbekommen, dass Marc inzwischen wieder zu sich gekommen war und die letzten Sekunden unbeweglich auf die sich ihm bietenden Situation starrte. Marc bewegte sich und versuchte sich aufzusetzen. Ihm war schwindelig und er stöhnte vor Schmerzen. Die anderen hörten das. Claudia gab die Pistole die sie noch immer in der Hand hielt Jens und kniete sich neben Marc auf den Boden. "Wie geht´s Dir", fragte Claudia? "Mein Kopf und der Nacken tun höllisch weh." "Kein Wunder du hast auch ordentlich was abgekriegt. Bleib ruhig liegen. Ich gebe dir gleich was gegen die Schmerzen." "Das war saubere Arbeit", bemerkte Marc. "Pssst nicht so viel sprechen, spar deine Kräfte. Peter hol mir bitte die Notfalltasche und bring den Stiffneck mit." Peter kam kurz darauf mit den Sachen wieder und sie legten Marc zusammen den Stiffneck an, obwohl dieser sich beschwerte, dass das nicht nötig sei. "Du bist ruhig", schritt Peter ein. "Was nötig ist entscheiden wir. Bei deinem Sturz ist es nicht aus-geschlossen, dass du dir ein Schleudertrauma zugezogen oder dir einen Wirbel ange-knackst hast." Claudia fragte Marc "tut dir ausser dem Kopf und dem Nacken sonst noch etwas weh?" "Nein, schein noch alles dran zu sein." "Bewege mal die Beine und Arme". Marc tat wie ihm geheissen. "Gut." Claudia leuchtete ihm mit einem Lämp-chen in die Augen. "Die Pupillen reagieren normal. Ok Peter, helfe mir Marc vorsich-tig auf die Beine zu stellen und dann rüber in den Behandlungsraum." "Oh Mann ist mir schwindelig", sagte Marc. Er war leichenblass und hing wie ein nasser Sack zwischen den beiden. Sie führten ihn langsam in den Behandlungsraum und setzten ihn auf die Behandlungsliege. Die beiden zogen ihm das Oberteil des Overalls aus, damit Peter leichter den Blutdruck messen konnte. Marc liess alles über sich ergehen. Er hatte keine Kraft zu widersprechen. "Marcs Blutdruck ist im Keller", sagte Peter. "Ok, Zugang und 2ml Aspisol", wies Claudia Peter an. "Mir ist schlecht und in meinem Kopf dreht sich alles." Claudia hielt ihm eine Nierenschale hin und Marc erbrach sich. Nachdem der Brechreiz vorüber war, halfen sie Marc sich auf die Liege zu legen. "Oh Mann so dreckig ging’s mir lange nicht mehr." "Die Medikamente wirken gleich", meinte Claudia. "Das sieht mir schwer nach einer Gehirnerschütte-rung aus. Ich glaube ein paar Tage Bettruhe sind dir gewiss." "Aber ich lege mich nicht ins Krankenhaus", versuchte Marc einzuwenden, sah aber schnell ein, dass er mit seinem Einwand wohl nicht sehr viel Erfolg haben würde. "Das werden wir noch sehen. Ich schaue mir jetzt erstmal die Platzwunde an der Stirn an. So wie die aussieht muss das genäht werden", meinte Claudia.
In diesem Moment kam Ralf zur Tür herein. "Wie geht’s Marc?" "Nicht so gut", antwortete Peter. "Aber er hat einen harten Schädel. Das wird schon wieder" "Ich wollte Euch nur sagen, die drei Gangster haben wir mit ihrem eigenen Klebeband zu Päckchen verschnürt. Die sind ganz schön kleinlaut geworden. Die Polizei müsste auch jeden Moment da sein." "Super Ralf. Kannst du bitte noch eine Trage aus einem der Helis holen. Wir müssen Marc ins Krankenhaus fliegen. Ich möchte auf alle Fälle
ein CT von seinem Kopf und eine Röntgenaufnahme von seiner HWS machen lassen." "Ist gut. Ich kümmere mich darum."
Claudia machte sich daran die Platzwunde zu säubern, was Marc ziemlich Schmerzen bereitete. "Bin gleich fertig Marc. Ich weiss es ist unangenehm." "Unangenehm ist untertrieben", antwortete er mit zusammengebissenen Zähnen. "Peter kannst du mir bitte 5ml Procain aufziehen." "Hier Claudia", sagte Peter und gab ihr das Lokalanäs-thetikum. "Ich bereite dir das Besteck vor." "Danke Peter. Marc ich spritze dir jetzt Procain um die Wundränder und dann nähe ich." "Wie gross ist die Platzwunde", fragte er? "Etwa fünf Zentimeter lang. Zu gross, um nicht zu nähen." "Kein Wunder habe ich so einen Brummschädel." "Vergesse die riesige Beule am Hinterkopf nicht, die kommt vom Sturz. Du bist voll mit dem Kopf auf den Boden aufgeschlagen", ergänzte Peter. "Aua, das habe ich gar nicht mehr mitbekommen", meinte Marc. "Da war mir wahrscheinlich schon schwarz vor Augen." "Kann gut sein."
In den nächsten Minuten nähte Claudia die Platzwunde. Ralf hatte in der Zwischen-zeit im Klinikum Schwarzach angerufen und sie angemeldet. Jetzt kam er gerade mit der Trage rein und legte sie auf den Boden. Claudia war auch gerade fertig geworden und Peter klebte noch ein grosses Pflaster auf die Naht. "Jetzt bist du fast wie neu", sagte er. Marc antwortete gar nicht, denn er war durch die verabreichten Medikamen-te schläfrig geworden und hatte fast nichts mitbekommen. Erst als Claudia ihn ansprach, wurde er etwas munterer. "Marc wir legen dich jetzt auf die Trage und fliegen dich nach Schwarzach zum CT und Röntgen." "Ist gut", sagte er schläfrig. "Tut was ihr nicht lassen könnt." Sie hatten mehr Widerstand erwartet, aber umso besser. Zu dritt lagerten sie Marc um und trugen ihn zum Heli. Thomas würde sie fliegen. Aber in diesem Moment tauchte die Polizei mit einem Grossaufgebot auf. Einer der Beamten trat auf sie zu und Thomas erklärte kurz die Situation, dass sie ihren Notarzt in Krankenhaus fliegen müssten, da dieser bei dem Überfall verletzt wurde und sie später ihre Aussage machen würden. Die Polizisten zeigten Verständnis und darauf hin startete Thomas den Heli.
Ein paar Minuten später landeten sie in Schwarzach. Dr. Schneider, den Claudia heute Morgen schon kennen lernte, wartete bereits auf sie. "Ah Dr. Anderson, wir haben schon alles vorbereitet", sagte er. Dann wandte er sich an Marc, "Dr. Harland, sie machen vielleicht Sachen." "Sagen sie das nicht mir. Ich bin unschuldig", antwortete Marc schwach. "Na dann wollen wir mal schauen, ob in ihrem Kopf noch alles richtig tickt", sagte Dr. Schneider. "Frau Kollegin, sie können gerne bei der Untersuchung dabei sein." "Danke ich komme gerne mit, wenn Marc nichts dagegen hat." "Das ist in Ordnung", sagte Marc. Thomas und Peter blieben im Wartezimmer zurück. Marc wurde in den Röntgenbereich gebracht, wo zwei Krankenpfleger ihn auszogen und ihn in ein Krankenhauslaibchen steckten. Marc hasste diese Laibchen und auch Krankenhäuser, vor allem wenn er der Patient war. Aber er war derzeit zu schwach und zu müde um sich zu wehren. Er hatte sich jedenfalls vorgenommen keine Sekunde länger als unbedingt nötig in der Klinik zu bleiben. Die Pfleger brachten ihn dann in den CT-Raum und legten ihn auf die Liege die dann elektronisch in die Röhre geschoben wurde.
Dr. Schneider und Claudia schauten sich die Bilder des CT’s am Computer im Vor-raum an. "Ihre Vermutung mit der schweren Gehirnerschütterung kann ich bestätigen Dr. Anderson. Und sehen sie hier, ein kleines Hämatom. Dadurch ist auch der Hirn-druck leicht erhöht, aber nicht kritisch." "Gott sei Dank. Ich habe schon mit einer schlimmeren Diagnose gerechnet, bei dem Schlag den er abbekommen hat. Wenn die Röntgenaufnahmen von Kopf und HWS jetzt auch noch gut aussehen, bin ich doch um einiges erleichtert", meinte Claudia. Dr. Schneider gab den Pflegern die Anweisung Marc aus der Röhre zu holen und für die Röntgenaufnahme umzulagern. Nachdem auch das erledigt war, schauten sie sich gemeinsam die Röntgenbilder an. Sie konnten keine weiteren Auffälligkeiten entdecken. Marc hatte mehr als Glück gehabt. Er musste in den nächsten Tagen zwar mit einem ziemlichen Brummschädel und strenger Bettruhe leben, aber das würde er schon verkraften.
"Na dann werden wir unserem Patienten mal die Diagnose überbringen", meinte Dr. Schneider. "Dr. Harland wird aber bestimmt nicht glücklich darüber sein bis Ende der Woche zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben zu müssen." "Und wir haben erst Montag", ergänzte Claudia.
Marc war in der Zwischenzeit von den Pflegern in ein Krankenhausbett gelegt worden. Das passte ihm gar nicht, denn ihm wurde langsam klar, dass er zumindest eine Nacht in der Klinik wird bleiben müssen. Er hatte wahnsinnige Kopfschmerzen. Die Wirkung des Schmerzmittels liess langsam nach und er war hundemüde. Dann kamen endlich Claudia und Dr. Schneider. "Na hab ich noch alle Tassen im Schrank", versuchte Marc zu scherzen? "Also Marc", begann Claudia "willst du zuerst die gute oder die schlechte Nachricht hören?" "Die gute", meinte Marc. "Ok, also mit dem Kopf und der HWS ist soweit alles in Ordnung", sagte Dr. Schneider. "Sie haben eine schwere Gehirnerschütterung erlitten und ein kleines Hämatom am Hinterkopf, weshalb der Hirndruck auch leicht erhöht ist. Aber nichts was uns übermässig Sorgen bereitet. Wir werden das diese Woche im Auge behalten." "War das auch schon die schlechte Nachricht", fragte Marc? "Ja", sagte Claudia. "Du bekommst strenge Bettruhe verordnet und musst bis Ende der Woche im Krankenhaus bleiben." "Das ist doch nicht euer Ernst. Ich möchte nach Hause und verspreche Euch, mich dort ins Bett zu legen. Ich bin kein guter Patient", motzte Marc. "Mir geht’s schon wieder viel besser", versuchte er sich rauszureden und setzte sich im Bett auf, was er mit einem Schwindelanfall bezahlte. "Eben und genau deswegen bleibst du hier. Dir scheint es doch noch nicht so gut zu gehen. Ich glaube die Frage, ob du nach Hause darfst, hast du dir gerade selbst beantwortet", meinte Claudia. "Und ausserdem hast du zu Hause niemanden der sich um dich kümmern kann." Marc resignierte. "Ok, ok, ihr habt mich überzeugt. Ich kann euch ja doch nicht umstimmen." "Nein. Ausserdem freuen sich die Krankenschwestern schon auf sie", sagte Dr. Schneider mit einem Schmunzeln und gab den beiden Pflegern ein Zeichen. "Bringen sie Dr. Harland bitte auf sein Zimmer."
"Marc ich muss jetzt auch gehen. Ich übernehme heute Nachmittag deinen Dienst und werde die anderen informieren." "Danke noch mal und tut mir leid, dass du jetzt wegen mir eine Doppelschicht fahren musst." "Ach, ist nicht der Rede wert. Übrigens, hat jemand den Schlüssel von deiner Wohnung? Du brauchst sicher noch ein paar Sachen, Kleider, Zahnbürste, etc." "Du kannst Thomas oder Karin bitten mir eine Tasche zu packen und vorbei zu bringen. Sie wohnen im gleichen Haus wie ich." "Mach ich. Ruh dich jetzt aus und werde vor allem erstmal wieder gesund. Mach’s gut." Sie gab Marc noch einen schnellen Kuss auf die Wange und ging. Marc schaute ihr verdutzt nach. Er war überrascht und gleichzeitig angetan. Hoffentlich lief er nicht rot an.
Im Aufenthaltsraum traf sie dann Thomas und Peter und erzählte ihnen wie es Marc ging und dass er die Woche im Krankenhaus bleiben muss. "Wie ich Marc kenne, wird er sich riesig darüber gefreut haben", meinte Thomas ironisch. "Oh da kannst du sicher sein", erwiderte Peter. "Claudia, können wir noch kurz zu ihm gehen", fragte Thomas? "Nein besser nicht. Er hat einen ziemlichen Brummschädel und ist sehr müde. Wir lassen ihn jetzt besser schlafen. Vielleicht heute Abend. Thomas, er hat darum gebeten, dass du oder Karin ihm ein paar Sachen zusammenpackt und sie ihm vorbeibringt." "Kein Problem. Ich rufe Karin an, wenn wir wieder auf der Basis sind."
Eine Viertelstunde später landeten sie wieder auf der Basis. Die Kripo war immer noch da. Die drei Bankräuber waren allerdings in der Zwischenzeit zur weiteren Vernehmung auf das Polizeirevier gebracht worden. Die Polizeibeamten hatten die Aussagen ihrer Kollegen bereits aufgenommen und warteten nur noch auf ihre Rück-kehr, um sie nach dem Zustand von Dr. Harland zu befragen.
Nachdem auch das erledigt war und die Beamten wegfuhren, informierte Thomas Karin und bat sie ein paar Sachen für Marc zusammen zu packen.
"Puh, was für ein Nachmittag", meinte Jens. "Wenigstens ist Marc nichts schlim-meres passiert. Aber wie du den einen Verbrecher ausgeschaltet hast Claudia, war echt klasse." "Das war reine Glücksache. Das hätte auch anders ausgehen können. Ich habe aus einem Reflex heraus gehandelt und habe mir gesagt, eine bessere Chance bekommen wir wahrscheinlich nicht." "Na das sah mir aber ziemlich professionell aus."
Eine Stunde später kam Karin auf der Basis vorbei. "Mensch bin ich froh, dass euch nichts weiter passiert ist", sagte sie erleichtert und fiel Thomas um den Hals. "Mit Ausnahme von Marc geht’s uns allen gut. Er wird wegen seinem Brummschädel wohl die Woche im Krankenhaus bleiben müssen", meinte Thomas. "Anfangs hat er sich noch ganz schön dagegen gesträubt, hat dann aber schnell eingesehen, dass es keinen Wert hat sich zu widersetzen", ergänzte Claudia. "Man muss nur das Positive sehen", meinte Karin. "Jetzt kommt er vielleicht endlich mal ein bisschen zur Ruhe. Er hat in letzter Zeit soviel Stress gehabt, dass ich mir schon Sorgen gemacht habe, wie lange er das wohl noch durchsteht." "Du hast Recht. Ist vielleicht nicht das Schlechteste was ihm passieren konnte", kommentierte Peter das Ganze. "Ich muss sowieso die Zentrale über das informieren, was hier heute passiert ist", meinte Karin. "Vielleicht habe ich mehr Glück als Marc und kann jetzt endlich eine Sekretärin durchsetzen die uns bei dem ganzen Papierkram hilft, jetzt wo er im Krankenhaus liegt." "Versuch dein Glück, aber setz nicht zuviel Hoffnung auf die Schreibtischtäter", meinte Thomas noch. "Ich weiss, aber ich lass nichts unversucht." Dann verschwand sie im Büro, um zu telefonieren.
Alle, ausser Karin, sassen im Aufenthaltsraum und diskutierten über das Geschehene.
Froh, dass bis jetzt keine weiteren Einsätze kamen. Karin sass immer noch im Büro und telefonierte schon seit einer Ewigkeit mit der Zentrale. Obwohl Karin eigentlich keine energische Ader hatte, hörte man doch von Zeit zu Zeit ein paar lautere Töne von Ihr. Sie versuchte wohl mit Nachdruck der Zentrale klar zu machen, dass sie unbedingt eine Sekretärin brauchten.
Nach einer halben Stunde gesellte sie sich zu den anderen, die sie mit neugierigen Blicken anschauten. "Ich habe meine Argumente vorgebracht. Mal sehen was daraus wird. Sie haben gesagt, dass sie sich was einfallen lassen wollen", resümierte Karin. "Deren Wort in Gottes Ohr", meinte Jens. "Amen", ergänzte Peter.
"Sagt mal", fragte Thomas, "hat eigentlich schon irgendjemand Biggi und Enrico Bescheid gegeben?". "Ich habe sie vorhin kurz auf dem Handy angerufen. Sie waren noch unterwegs und kommen dann später zur Nachtschicht", antwortete Karin.
"Apropos Nachtschicht. Ich sollte jetzt zu Marc ins Krankenhaus fahren und ihm die Sachen bringen, wenn ich wieder rechtzeitig zurück sein will." "Sag ihm bitte einen Gruss und gute Besserung von uns", meinte Jens noch bevor Karin zur Tür raus war.
"Mach ich", erwiderte Karin.
Zwanzig Minuten später klopfte sie an die Tür von Marcs Zimmer im Krankenhaus Schwarzach. Von drinnen kam keine Antwort, also öffnete sie leise die Tür. Marc lag im Bett und schlief tief und fest. Er sah sehr blass aus und Karin machte sich ernsthaft Sorgen um ihn. Durch zwei Infusionsflaschen bekam er Flüssigkeit und Medikamente zugeführt. Karin packte leise die Sachen die sie für ihn mitgebracht hatte aus der Tasche. Anschliessend setzte sie sich noch einen Augenblick an sein Bett. Er muss wirklich sehr erschöpft sein, kein Wunder, dachte Karin. Sie blieb noch ein paar Minuten so sitzen und verliess dann leise das Zimmer.
Keine Stunde nachdem sie losgefahren war, kam sie wieder zur Basis zurück. "Du bist ja schon wieder da", meinte Thomas und gab ihr einen Kuss. "Haben sie dich rausgeschmissen?" "Nicht direkt. Aber Marc hat tief und fest geschlafen als ich gekommen bin. Ich habe dann nur schnell die Tasche ausgepackt und bin dann auch gleich wieder gegangen, um ihn nicht zu stören. Er hat den Schlaf dringend nötig. Marc sieht sehr blass aus. Ich mache mir Sorgen um ihn", erzählte Karin. "Der ganze Stress und die vielen Überstunden machen sich jetzt sicherlich auch noch bemerkbar", meinte Peter. "Richtig. Wenn’s nach mir geht, möchte ich ihn frühestens in zwei oder drei Wochen hier wieder sehen. Aber dann muss ich ihn vermutlich ans Bett fesseln", fügte Karin noch dazu.
Gegen 18Uhr trafen dann Biggi und Enrico zur Nachtschicht ein. "Geht’s Euch allen gut", fragte Biggi besorgt? "Wie geht’s Marc?" Die Fragen sprudelten nur so aus ihr raus. "Mach dir keine Sorgen", antwortete Ralf. "Uns geht’s gut und Marc hat einen harten Schädel, der wird schon wieder." "Na Gott sei Dank."
"Max hat übrigens Schwein gehabt, dass er noch vor dem Mittagessen nach Rosen-heim musste, um den dortigen Heli zu reparieren", meinte Thomas so beiläufig. "Er hat von dem ganzen hier auch nichts mitbekommen." "Morgen wird er dann wieder kommen und sagen `Euch kann man auch nicht alleine lassen`", meinte Enrico. Alle mussten über diese Bemerkung lachen, aber es war mehr ein angespanntes Lachen.
"Übrigens es ist eigentlich noch gut, dass ich euch gerade alle hier zusammen habe", sagte Karin. "Marc hat doch heute Vormittag noch den Plan für die medizinischen Check-up’s ans schwarze Brett gehängt. Da die Zentrale ja möchte, dass wir die Untersuchungen bis in zwei Wochen abgeschlossen haben müssen, bleiben die Termine wie gehabt und ich werde die Check-up’s vornehmen." "Naja hilft ja doch nichts. Je eher desto besser", meinte Peter. "Tut mir leid euch enttäuschen zu müssen, aber mir bleibt auch keine Wahl", meinte Karin. "Das heisst alle bis auf Biggi, Jens und Thomas sind morgen früh bitte nüchtern zum Blut abnehmen da. Die anderen Termine bleiben wie auf dem Plan vermerkt." "Was ein Glück haben wir das schon hinter uns", meinte Thomas und grinste dabei Jens und Biggi an. Peter und Ralf zogen lange Gesichter.
Bis auf das B-Team, das Nachtschicht hatte, machten sich um 18:30h alle nach einem anstrengenden und ereignisreichen Tag auf den Weg nach Hause. Sie hatten nicht einmal mehr Lust ein Bier trinken zu gehen, wie sie es so oft nach Schichtende machten…
Kapitel 4
Es war kurz vor sechs Uhr morgens. Bis auf einen Einsatz am Abend hatte das B-Team eine ruhige Nacht. Sie konnten durchschlafen und wurden erst durch Jens und Ralf geweckt die zusammen mit Claudia die Frühschicht hatten.
"Guten Morgen ihr Schlafmützen", sagte Jens als er in den Aufenthaltsraum kam. "Guten Morgen", sagte auch Claudia als sie kurz nach Jens und Ralf zur Tür herein kam. "Was seid ihr eigentlich so laut", beschwerte sich Enrico. "Es war so ruhig bis ihr gekommen seid." "Wie war die Nacht", fragte Ralf? "Ruhig", meldete sich jetzt auch Karin zu Wort. "Ausser gestern Abend hatten wir keinen Einsatz." "Na dann gehen wir uns mal umziehen, bevor der Alarm noch losgeht", meinte Jens. "Und wenn ich jetzt eh schon wach bin, kann ich auch gleich duschen gehen", meinte Karin. "Und anschliessend ein paar Kollegen ärgern", ergänzte sie noch schmunzelnd.
Eine halbe Stunde später sassen Karin, Ralf, Enrico und Claudia im Behandlungs-raum. "Ok, wer will als erstes", fragte Karin in die Runde? "Ich, dann hab ich das wenigstens hinter mir", sagten Enrico und Ralf gleichzeitig. "Ok, einigt euch oder Claudia übernimmt einen von euch beiden" Karin schaute Claudia an "kein Problem, wen soll ich pieksen?" Claudia und Karin nahmen sich die Kanülen und Röhrchen. "Mich", sagte Ralf. Enrico setzte sich zu Karin und sie zapften den beiden Blut für den Check-up ab. Wie sie nicht anders erwartet hatte sträubten sich die Herren der Schöpfung wieder am meisten. Enrico quiekte fast wie ein Schweinchen als Karin die Nadel einstach. Karin und Claudia schauten sich amüsiert an. "Sagt mal, wie viel Lebensaft wollt ihr uns denn noch klauen", fragte Ralf? "Drei Röhrchen. So schon fertig. War doch gar nicht so schlimm, oder", sagte Claudia. "Ich bin auch soweit", meinte Karin. "Ihr könnt euch schon mal um das Frühstück kümmern, wenn ihr wollt. Ich komme mit Claudia in ein paar Minuten nach." "Liebend gerne", antwortete Ralf. "Bevor du noch auf mehr dumme Gedanken kommst." Karin und Claudia schüttelten amüsiert den Kopf als die beiden den Raum verliessen. "Claudia du darfst die beiden bloss nicht zu ernst nehmen. Sie benehmen sich manchmal wie Kinder", sagte Karin schmunzelnd während sie weitere Kanülen und Röhrchen bereitlegte. "Aber Männer jammern in der Beziehung doch immer ein bisschen und versuchen auf die Tränen-drüse zu drücken", antwortete Claudia. "Nach aussen hart, aber wenn sie eine Spritze sehen, fallen sie fast in Ohnmacht." "Stimmt. Aber lass uns weitermachen. Ich habe langsam Hunger." Karin nahm Claudia Blut ab und meinte "du hast gute Venen, die trifft man wenigstens sofort." "Bin auch heilfroh drum", meinte Claudia. "Willst du dich gleich einer Herausforderung stellen und es bei mir versuchen? Ich habe ziemlich schlechte Venen. Bei mir wirst du vermutlich nicht gleich beim ersten Mal treffen", meinte Karin. "Eine Garantie kann ich dir nicht geben, aber ich werde mein bestes versuchen." Claudia brauchte schliesslich zwei Versuche, bis sie bei Karin eine Vene getroffen hatte. "Tut mir leid, aber deine Venen rollen immer weg. Ich hoffe es hat nicht zu wehgetan", sagte Claudia. "Nein ist schon gut. Ich bin hart im nehmen. Marc ist auch schon daran verzweifelt." "Dann ist gut, oder auch nicht, aber ich habe dann immer so ein schlechtes Gewissen." "Mach dir keine Gedanken. Komm lass uns früh-stücken gehen. Nicht dass dir noch ein Alarm dazwischenkommt."
Karin und Claudia setzten sich zu den anderen, die in der Zwischenzeit das Frühstück vorbereitet hatten. In diesem Moment kam Peter zur Tür herein.
"Guten Morgen", sagte er. "Ich glaube mich hat da so ein kleiner Quälgeist zum Blut abnehmen herbestellt", versuchte er es auf die witzige Art. "Morgen Peter", antwor-teten alle. "Warte nur bis sie dich in die Fänge bekommt", meinte Enrico und erntete dafür einen strafenden Blick von Karin. "Hör nicht auf ihn", meinte Karin. "Komm mit, dann bringen wir es gleich hinter uns und du kannst dann mit uns frühstücken." "Gute Idee." Karin ging mit Peter in den Behandlungsraum. Ein paar Minuten später kamen sie wieder zurück und setzten sich zu den anderen. Ausnahmsweise ging mal kein Alarm los, wie so oft, wenn man sich gerade zum Essen an den Tisch gesetzt hat.
Nach dem Frühstück gingen Biggi, Enrico und Peter, der heute sowieso frei hatte, nach Hause. Karin verpackte noch die Blutproben, um diese ans Labor zu schicken. Bis zum Ende der Woche sollten die Ergebnisse da sein. Nächste Woche standen dann bei allen die Hauptuntersuchungen an.
Sie verabschiedete sich jetzt ebenfalls und ging nach Hause. Durch Marcs Ausfall hat Karin den Dienstplan etwas ändern müssen, so dass Claudia, Jens und Ralf den ganzen Tag Dienst hatten. Sie würde mit Biggi und Enrico wieder die Nachtschicht übernehmen.
Auf dem Weg nach Hause, dachte sie darüber nach wie sie den Dienst für den Rest der Woche organisieren sollte. Claudia hatte darum gebeten am Mittwochnachmittag frei zu haben, da sie ihr Pferd am Flughafen in München holen musste. Es wurde mit einer Frachtmaschine nach Deutschland geflogen. Der Termin konnte nicht so einfach verschoben werden. Claudia hatte ihr erzählt, dass es auch so schon ein riesiger Papierkrieg war. Das konnte sich Karin gut vorstellen, mit den ganzen Veterinär-medizinschen Papieren und so. Naja, sie würden sich schon organisieren können.
Für Jens, Ralf und Claudia wurde es ein ruhiger Tag. Sie genossen auf der Wiese vorm Hangar den Sonnenschein, spielen Karten und unterhielten sich über dies und das. Jens half Max in der Werkstatt. Ganze zwei Einsätze hatten sie im Lauf des Tages zu fliegen. Niemand war unglücklich darüber.
Bevor Karin um 18:00h wieder zum Dienst musste, fuhr sie am Nachmittag bei Marc im Krankenhaus vorbei.
Sie klopfte an die Zimmertür. Eine ältere Krankenschwester öffnete die Tür, in der Hand einen leeren Infusionsbeutel. "Sie können zu ihm rein, aber bleiben sie nicht zu lange. Er braucht Ruhe", sagte sie und wandte sich ab. Karin schüttelte nur den Kopf über diese patzige Bemerkung und ging zu Marc ans Bett, um ihn zu begrüssen.
"Hallo Marc." "Hallo Karin. Schön dich zu sehen." "Wie geht’s dir? Du siehst immer noch ziemlich blass aus.", sagte Karin. "Nicht so gut. Mein Kreislauf spielt verrückt, ich habe einen ganz schönen Brummschädel und seit heute morgen habe ich noch leichtes Fieber. Ich fühle mich richtig schwach und ausgelaugt", antwortete Marc. "Dein Körper scheint dir gerade die Quittung für den Stress und die Überstunden der letzten Monate zu geben", meinte Karin. "Es hat mich eh gewundert, wie lange es dauert bis du mal zusammenklappst." "Ja, ja. Ich gebe dir ja Recht. Als Arzt sollte ich es besser wissen. Jetzt hat halt eben eins zum anderen geführt. Zeit zum Ausruhen habe ich hier jedenfalls genug."
"Übrigens noch danke für die Sachen die du mir gestern vorbei gebracht hast. Peter war heute Vormittag schon kurz da und hat es mir erzählt. Ich muss so fest geschlafen haben, dass ich dich nicht bemerkt habe", sagte Marc. "Du hast tief und fest geschla-fen und ich wollte dich nicht wecken, deshalb bin ich auch gleich wieder gegangen." "Wie kommt ihr ohne mich zurecht? Wie machst du das jetzt mit den Check-up’s", fragte Marc? "Marc kannst du nicht einmal aufhören an den Job zu denken", motzte Karin. "Ist ja gut Karin. Ich wollte ja nur…fragen", sagte er kleinlaut. "Wir kommen ganz gut zurecht. Nicht das wir dich nicht bräuchten, aber es ist halt eben so, wie wenn jemand in den Ferien ist. Wir haben uns gut organisiert. Claudia macht mit mir zusammen die Check-up’s. Ich bin froh, dass sie da ist. Sie hat wirklich was drauf und wir verstehen uns sehr gut", sagte Karin. "Ja sie ist sehr kompetent", pflichtete Marc ihr bei. "Und nicht mehr", fragte Karin mit einem Schmunzeln? Sie hatte schon be-merkt, dass Marc ihr ab und zu länger als nötig nachsah. Marc bemerkte ihr grinsen. "Naja und sie ist sehr nett. Ich mag sie." "Aha, da kommen wir der Sache schon näher." "Du musst jetzt gar nicht so grinsen", meinte Marc und verzog das Gesicht. "Nein im Ernst Karin. Ich mag sie wirklich und nicht nur weil sie ihren Job gut macht…." "Hab ich mir’s doch gedacht. Ich habe dich die letzten Tagen beobachtet oder besser gesagt es war auch so ziemlich offensichtlich, dass du ihr schöne Augen machst." "Ehrlich? Ist mir gar nicht aufgefallen", meinte Marc und setzte eine Unschuldsmiene auf. "War es so offensichtlich?" "Ja", bestätigte Karin. "Aber mach dir nichts draus. Ich würde mich für dich freuen, wenn du wieder den Mut für eine feste Beziehung fändest." "Tja, das wünsche ich mir auch. Aber der Verlust sitzt einfach zu tief und schliesslich gehören immer noch zwei dazu", meinte Marc. "Aber irgendwann musst du auch mal wieder anfangen an die Zukunft denken." "Du hast Recht Karin. Ich sollte einen Strich unter die Vergangenheit ziehen." Marc wurde nachdenklich.
"Aber weisst du, manchmal ist es schon komisch. Irgendwie habe ich das Gefühl, da ist etwas, was Claudia und mich verbindet. Ich weiss nur noch nicht was." "Keine Ahnung was du meinst", sagte Karin. "Du hast sie doch bestimmt auch mal auf ihre Familie angesprochen und gefragt warum sie alleine nach Deutschland gekommen ist." "Ja. Worauf willst du hinaus?" "Claudia hat ziemlich ausweichend geantwortet und gesagt, dass sie noch nicht darüber sprechen wolle." "Stimmt Marc, jetzt wo du’s sagst." "Ich habe jedenfalls den Eindruck, als wenn sie etwas schlimmes erlebt hat, was sie erst noch verarbeiten muss und vielleicht ist sie deshalb aus den USA ’geflüchtet’, um aus ihrer gewohnten Umgebung raus zu kommen." "Du könntest Recht haben. Das würde einiges erklären", meinte Karin. "Ich denke sie wird von sich aus kommen, wenn sie darüber sprechen möchte."
Nach diesem Wortwechsel kehrte Stille ein. Karin schaute besorgt auf Marc. Sie hatte den Eindruck als wäre er in den letzten Minuten noch blasser geworden. Er hatte die Augen geschlossen und massierte sich die Schläfen, in der Hoffnung den Schmerz ein wenig vertreiben zu können. "Geht’s dir schlechter", fragte Karin besorgt? Marc stöhnte "ich habe das Gefühl mein Kopf platzt gleich. Die Kopfschmerzen sind kaum auszuhalten. Kannst du die Schwester bitten mir noch ein Schmerzmittel zu geben." Karin legte ihre Hand auf Marcs Stirn um die Temperatur zu fühlen. "Weisst du wie hoch heute morgen deine Temperatur war", fragte Karin? "Ich glaube 37,8 Grad. Warum fragst du?" "Marc du glühst. Du hast mindestens 39 Grad Fieber. Das gefällt mir gar nicht." Sie schaute noch in Marcs Augen und was sie da sah, gefiel ihr erst recht nicht. Die Pupillen waren ungleich weit. Karin reagierte sofort und drückte auf den Alarmknopf. Dann stellte sie das Kopfteil von Marcs Bett hoch. "Was ist los, Karin", fragte Marc mit Panik in der Stimme? "Mir wird auf einmal so schwindlig." "Bleib ruhig liegen Marc. Nichts was wir nicht lösen könnten." Sie griff nach der Sauerstoffmaske die über dem Bett hing und setzte sie Marc auf Mund und Nase. "Versuche ruhig und gleichmässig zu atmen." Marc beruhigte sich etwas. Er wusste er war in guten Händen.
In diesem Moment stürmte Dr. Schneider mit einer Krankenschwester zur Tür herein. "Dr. Thaler was ist mit Dr. Harland?" "Herr Kollege sie müssen sofort ein CT veran-lassen. Ich tippe auf ein epidurales Hämatom, das sofort trepaniert werden muss." Karin schilderte die Symptome. "Schwester veranlassen sie das bitte und lassen sie den OP vorbereiten", wies Dr. Schneider an. "Karin, was ist passiert", fragte Marc, dessen Bewusstsein sich schon leicht eintrübte. "Marc wir machen noch mal ein CT und dann wirst du wahrscheinlich operiert", erklärte Karin. "Operieren, warum?" Marcs Stimme war panisch. "Ganz ruhig, entspanne dich", versuchte Karin ihn zu beruhigen. "Dr. Thaler kommen sie mit", fragte Dr. Schneider? "Ich glaube es ist besser so." "Sicher." Gemeinsam schoben sie das Bett auf den Flur. Die Schwester von gerade eben lief auf sie zu, um ihnen zu helfen und berichtete "Dr. Schneider, das CT ist bereit und der OP wird vorbereitet." "Sehr gut." "Das Problem ist, das beide Dienst habenden Anästhesisten bereits in längeren OP’s sind. Ich habe jetzt Dr. Mayer angepiept. Er braucht aber mindestens eine Stunde bis er hier ist." "Mist, so lange können wir vermutlich nicht warten. Dr. Thaler, sind sie nicht auch Anästhesistin", fragte Dr. Schneider? "Ja bin ich." "Würden sie dann mit mir operieren?" "Natürlich. Schwester, wären sie so freundlich auf der Medicopter Basis anzurufen und auszu-richten, dass ich hier aufgehalten wurde", sagte Karin. "Sagen sie aber bitte noch nichts von der OP." "Mache ich Dr. Thaler."
Marcs CT bestätigte Karins Vermutung. Er musste sofort operiert werden, zumal er auch immer grössere Bewusstseinseintrübungen hatte. Er bekam gar nicht richtig mit, wie er auf die OP vorbereitet wurde. Erst als sich Karin im OP über ihn beugte, er-fasste er die Situation. "Karin was passiert mit mir und warum trägst du dieses grüne Hemd und die Haube?" "Ganz ruhig Marc. Weisst du wo du bist?" "Im Krankenhaus, im OP", antwortete er. "Richtig. Du hast ein epidurales Hämatom, das wir jetzt trepanieren werden. Ich bin für deine OP als Anästhesistin eingesprungen." "Dann bin ich ja in guten Händen. Wie macht ihr es?" "Minimal invasiv. Das Hämatom liegt günstig. Dr. Schneider bohrt ein kleines Loch in deinen Schädel und saugt das Hämatom ab." "Lasst mir noch ein paar Haare auf dem Kopf, nicht dass ich nachher mit einer Glatze rumlaufen muss. Das steht mir nicht." Karin musste schmunzeln. "Ich glaube die Medikamente wirken langsam. Wird Zeit dass ich dich ins Land der Träume schicke." "Karin, ich habe eine scheiss Angst." Sie legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte, "keine Sorge, ich passe gut auf dich auf." Dann spritze sie ihm das Narkosemittel. Marcs Augen fielen langsam zu.
Dr. Schneider brauchte ca. 1 Stunde für die Operation, die problemlos verlief. Karin begleitete Marc anschliessend auf die Intensivstation. Nach einer weiteren halben Stunde fingen Marcs Augenlider an zu flattern und er wachte langsam aus der Nar-kose auf. Dr. Schneider und Karin standen gespannt neben seinem Bett.
"Marc, kannst du mich hören", fragte Karin? Er schlug die Augen auf. "Karin schön das du da bist", sagte er schwach. "Die Operation verlief problemlos. Wir haben das Hämatom entfernen können. Deine Werte sind schon fast alle wieder normal." "Das ist gut", sagte er und schlief wieder erschöpft ein.
"Das ist ja noch mal gut gegangen. Er scheint keine bleibenden Schäden davonge-tragen zu haben", meinte Karin zu Dr. Schneider. "Vielen Dank für ihre Hilfe. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft." "Keine Ursache." Karin schaute auf ihre Uhr, "ich muss jetzt dringend auf die Basis. Ich habe Nachtschicht und meine Kollegen werden sich sicherlich auch schon fragen, was los ist. Hier kann ich im Moment eh nichts mehr tun und Dr. Harland wird sicherlich bis morgen früh durchschlafen." "Natürlich. Wir melden uns bei ihnen falls etwas sein sollte. Ich wünsche ihnen eine ruhige Nacht", antwortete Dr. Schneider.
20 Minuten später traf Karin auf der Basis ein. Wie sie vermutet hatte, waren noch alle Kollegen da und warteten auf Nachrichten von Marc. Der Anruf aus dem Krankenhaus hatte alle ziemlich beunruhigt.
"Karin da bist du ja endlich", sagte Jens. "Was ist mit Marc? Die Krankenschwester wollte am Telefon nichts sagen." "Jetzt beruhigt euch erstmal." Karin setzte sich zu den anderen und fing an zu erzählen. "Bei Marc ist heute am späten Nachmittag eine schwere Krise aufgetreten, was eine sofortige Operation zur Folge hatte." "Was er ist operiert worden", fragte Thomas entsetzt? "Ja. Sein Allgemeinzustand hatte sich heute im Lauf des Tages zunehmend verschlechtert. Er hat hohes Fieber bekommen, die Kopfschmerzen wurden unerträglich, die Pupillen waren ungleich weit und sein Bewusstsein trübte mehr und mehr ein. Er war praktisch kaum mehr ansprechbar." "Das klingt nach einem epiduralem Hämatom", warf Claudia ein. "Richtig. Deshalb haben wir sofort ein weiteres CT veranlasst und nachdem sich unsere Vermutung bestätigt hatte, hat Dr. Schneider sofort trepaniert." "Und was heisst das bitte auf deutsch", fragte Thomas? "Bei der Trepanation wird ein kleines Loch in den Schädelknochen gebohrt, um das Blut und die sich dort ansammelnde Flüssigkeit abzusaugen und dadurch den Hirndruck zu senken", erklärte Claudia. " Ihr habt was? Ein Loch in Marcs Kopf gebohrt?" "Thomas das klingt schlimmer als es ist", beruhigte ihn Karin. "Es ist nur ein kleines Loch, gerade so gross, um einen kleinen Schlauch einzuführen. Marc geht es schon wieder viel besser. Seine Werte haben sich fast alle wieder normalisiert. Er liegt momentan auf der Intensivstation und schläft jetzt." "Ach Marc hat einen harten Schädel. Den haut nichts so schnell um", meinte Peter. "Wäre aber fast schief gegangen", mahnte Karin. "Dann wird Marc wohl nicht zum Wochenende hin aus dem Krankenhaus kommen", meinte Jens. "Nein sicher nicht. Ich denke er wird mindestens 10 Tage im Krankenhaus bleiben müssen und danach wird er auch nicht gleich wieder arbeiten können", antwortete Karin. "Er wird mindestens 4 Wochen ausfallen, wahrscheinlich sogar mehr." "Das er so lange im Krankenhaus bleiben muss, wird ihm gar nicht passen. Ich höre ihn jetzt schon meckern", meinte Thomas. "Tja da wird er wohl durchmüssen", sagte Claudia. "Mit solchen Verletzungen ist nicht zu spassen. Die sind unberechenbar und wenn sie nicht richtig ausheilen, können sie wieder auftreten und dann ist vielleicht kein Arzt oder Krankenhaus in der Nähe."
"Karin können wir Marc morgen besuchen", fragte Jens? "Nein besser nicht. So lange
er auf der Intensiv liegt sowieso nicht. Ihr werdet eh nichts voneinander haben. Er ist sehr erschöpft und wird in den nächsten Tagen die meiste Zeit schlafen. Dr. Schneider meldet sich bei mir, wenn sich etwas verändert."
Bis auf das B-Team, das Nachtschicht hatte, gingen alle nach Hause. Sie hofften auf eine ruhige Nacht und wurden belohnt. Sie wurden erst am nächsten Morgen von Claudia, Jens und Ralf geweckt, als diese zum Tagdienst erschienen.
Karin und Claudia besprachen noch kurz den Dienstplan für den Rest der Woche, da sie ja wechselweise da sein mussten, dann ging auch sie nach Hause. Karin arbeitete ja schon wieder am Nachmittag, damit Claudia ihr Pferd holen konnte. Claudia arbeitete dann die beiden darauf folgenden Nächte, Karin übernahm jeweils die Tagdienste bis Freitag.
Das C-Team musste am Vormittag drei Einsätze fliegen, hauptsächlich zu Verkehrs-unfällen. Der Vormittag verging wie im Flug und Claudia fieberte schon dem Nach-mittag entgegen, wenn sie an den Flughafen fahren konnte, um nach drei langen Monaten endlich ihr Pferd in Empfang nehmen zu können. Karin kam dann auch pünktlich um 13Uhr und Claudia konnte direkt losfahren, schliesslich wollte sie bis 19Uhr wieder zum Nachdienst an der Basis sein.
Es lief dann am Nachmittag für alle wie geschmiert. Claudia fuhr mit dem Auto und einem Pferdeanhänger zum Frachtterminal des Münchener Flughafens. Sie erledigte den Papierkram und holte ihr Pferd ab. Die Wiedersehensfreude war riesig. Dann fuhr sie mit ihrem Pferd wieder zurück nach Traunstein und brachte es in den Stall. Sie hatte noch eine Stunde Zeit, bevor sie zum Dienst musste. Ihre Stute sollte sich erstmal an die neue Umgebung gewöhnen und von den Strapazen der Reise erholen.
Claudia legte frisches Heu in die Box und gab ihr reichlich Hafer zu fressen und natürlich auch ein paar extra Mohrrüben. Dann musste sie sich auf den Weg machen, damit sie Karin rechtzeitig ablösen konnte.
Auch Karin, Jens und Ralf hatten einen relativ ruhigen Nachmittag. Sie mussten nur zu zwei Einsätzen fliegen. Karin hatte auch nichts von Marc aus dem Krankenhaus gehört, d.h. er liegt weiterhin mit unverändertem Zustand auf der Intensivstation, was nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen ist, sondern oft auch nur eine Vorsichts-massnahme.
Nachdem alle anderen weg waren, machten es sich Thomas, Peter und Claudia auf der Basis gemütlich. Claudia erzählte noch vom Nachmittag und wie sie ihr Pferd holte.
Und irgendwie kamen sie von einem Thema zum anderen und landeten schliesslich bei Peters abgebrochenem Medizinstudium. "Peter, das mit deinem Medizinstudium geht mir irgendwie nicht aus dem Kopf", sagte Claudia. "So wie ich dich letzte Woche verstanden habe, bereust du es ja selbst es an den Nagel gehängt zu haben. Meinst du nicht, es fände sich eine Lösung das Studium wieder aufzunehmen? Das ist meines Erachtens Talentverschwendung." "Claudia ich würde sofort wieder weiter-machen, wenn es ging, aber da gibt es leider ein paar Hindernisse. Ich lebe alleine, habe einen Sohn der gerade laufen lernt und dann muss ich finanziell ja auch irgend-wie über die Runden kommen". "Wie viel Semester bräuchtest du denn noch bis du fertig wärst?" "Wenn alles gut geht 3-4 Semester. Ich bin mittlerweile ja auch schon wieder ein bisschen raus gekommen." "Aber so Unrecht hat Claudia gar nicht", schaltete sich Thomas jetzt ein. "Es war ja immer dein grosser Traum, das Medizin-studium." "Ja sicher Thomas, aber du weisst was passiert ist." "Ja ich kann mich noch gut daran erinnern. Aber irgendwie sagt mir mein Gefühl das wir das als Team diesmal schaffen könnten, dich da durchzuhauen." "Was meint ihr genau", fragte jetzt Claudia? "Claudia du solltest noch eins wissen. Mir ist damals die Doppelbelastung zuviel geworden. Ich habe Aufputschmittel genommen und war tablettensüchtig. Dann unterlief mir bei einem Einsatz ein grober Fehler und ich habe nur unserem Team zu verdanken, dass ich mit einem blauen Auge davongekommen bin. Ich war dann vier Wochen in einer Entzugklinik und habe einsehen müssen, dass sich der Job und das Studium nicht unter einen Hut bringen lassen." "Verstehe. Aber wenn wir dir alle helfen würden, so dass du dich voll auf das Studium konzentrieren könntest." "Das ist ja gut gemeint, aber ich weiss nicht, ob das noch mal gut geht." "Warum eigentlich nicht Peter", sagte Thomas. "Schau mal, meine zwei Mädels passen doch eh schon hin und wieder auf Oliver auf und falls nicht kann das einer von uns über-nehmen. Du ziehst zu uns ins grosse Haus, da hat es noch reichlich Platz, mehr als wir je brauchen werden. Da hätte es sogar noch für eine Person mehr Platz." Claudia verstand den Wink. "Ja aber das sind doch die besten Voraussetzungen", meinte Claudia. "Du müsstest aus finanziellen Gründen dann nicht mehr soviel arbeiten, vielleicht einfach nur in Ausnahmefällen für jemanden von uns einspringen und Marc, Karin und ich könnten dir beim Lernen helfen." "Das klingt ja alles zu schön um wahr zu sein. Aber ich möchte das Team nicht zu sehr strapazieren, nur damit ich meinen Wunsch in die Tat umsetzen kann. Ich wüsste gar nicht wie ich das dann wieder gut-machen sollte." "In dem du das Examen bestehst. Und Peter, also wie ich das Team jetzt kennen gelernt habe, gehen wir doch gemeinsam durch dick und dünn, warum nicht auch dabei. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass dich alle dabei unterstützen werden", sagte Claudia. "Denk einfach mal darüber nach. Ich werde mal mit Karin sprechen was sie davon hält", sagte Thomas zum Abschluss. "Wenn ihr meint." Und Thomas und Claudia nickten zur Bestätigung.
"Kommt lasst uns schlafen gehen, wer weiss wann der nächste Einsatz kommt. Wir haben lange genug gequasselt", sagte Thomas und legte sich zum Schlafen auf eine Couch.
Sie hatten zwei Einsätze in der Nacht. Kaum dass sie von dem einen zurückkamen und gerade wieder im ersten Schlaf lagen, kam der zweite. Sie sahen deshalb auch etwas übernächtigt aus, als Karin, Biggi und Enrico am Donnerstagmorgen zum Dienst erschienen.
"Ihr seht ja ganz schön müde aus", meinte Enrico. "Wir haben auch nicht all zuviel geschlafen", antwortete Peter. "Ich werde mich mal auf den Weg nach Hause machen und in die Falle hauen." "Mach’s gut bis heute Abend", sagte Thomas "und denk über das nach was wir gestern Abend besprochen haben." "Mach ich."
"Über was soll er nachdenken", fragte Karin? "Ob er das Medizinstudium nicht doch noch beenden soll", antwortete Thomas. "Was habt ihr drei ausgeheckt? Ich meine die Idee ist grundsätzlich ja nicht schlecht und ich würde mich für Peter freuen, aber du weisst wie das letztes Mal ausgegangen ist." "Ja weiss ich und deshalb wollte ich auch mit dir darüber sprechen und Peter muss ja schliesslich auch wollen." Dann erzählten Thomas und Claudia den anderen von ihrer Idee. Sie waren alle sofort begeistert davon und wollten in jedem Fall das ihre dazu beitragen und ihn nach allen Kräften unterstützen, falls sich Peter dafür entscheiden sollte. Sie vermuteten dass Jens, Ralf und Marc mit Sicherheit auch so dachten, denn niemand wollte dass sich das von damals wiederholte.
Gerade als auch Claudia und Thomas gehen wollten, klingelte das Telefon. Karin nahm ab. Es war Dr. Schneider aus dem Krankenhaus. Sie sprach ein paar Minuten mit ihm und legte dann auf. Die anderen warteten gespannt auf Neuigkeiten von Marc. "Und was ist mit Marc", fragte Thomas? "Keine Sorge. Es geht ihm gut." Sie alle atmeten erleichtert auf. "Dr. Schneider hat mir nur sagen wollen, dass sie Marc heute auf die Normalstation verlegen und dass er nach uns gefragt hat", erzählte Karin. "Dann wird er sich über Besuch heute Nachmittag sicherlich freuen", meinte Thomas. "Mit Sicherheit. Aber übertreibt es nicht, er wird noch viel Ruhe brauchen. Und da er eh noch eine Weile im Krankenhaus bleiben muss, haben wir noch mehr Gelegenheiten ihn zu besuchen", antwortete Karin.
Karin, Biggi und Enrico hatten an diesem Vormittag einen Einsatz nach dem anderen. Kaum dass sie an der Basis waren, ging der Alarm schon wieder los. Sie kamen kaum zum Verschnaufen. Der Nachmittag verlief Gott sei Dank etwas ruhiger, sodass sie zwischendurch wenigstens mal zum Essen kamen.
Nach dem Claudia den Vormittag verschlafen hatte, machte sie sich auf den Weg zu ihrem Pferd, um nach langer Zeit einen ersten Ausritt zu machen. Sie freute sich richtig darauf. Gerne wäre sie auch mit Thomas und Peter am Nachmittag zu Marc gefahren. Sie dachte sich aber, dass Marc aus dem Krankenhaus sicher nicht weg-laufen wird. Ausserdem hatte sie Bedenken, dass es Marc zu viel werden könnte, wenn die ganze Meute auf einmal kommen würde. Sie hatte sich vorgenommen Marc am Freitagnachmittag zu besuchen.
Während Claudia ihren Ausritt genoss, betraten Thomas und Peter Marcs Zimmer im Krankenhaus. Marc lag im Bett und döste vor sich hin. Als er den Besuch hörte, öffnete er die Augen und grinste seine beiden Besucher an. "Hallo altes Haus. Wie geht’s dir", begrüsste Thomas Marc und klopfte ihm auf die Schulter. "Hallo Marc", sagte Peter und sie schlugen die Hand ein. "Hey schön das ihr gekommen seid", antwortete Marc. "Mir geht’s schon wieder viel besser. Bäume werde ich in nächster Zeit zwar noch keine ausreissen können, aber es geht immerhin wieder langsam berg-auf." "Na Gott sei Dank. Du hast uns nämlich einen gehörigen Schrecken eingejagt", meinte Peter. "Als Karin vor zwei Tagen aus dem Krankenhaus kam und von der Operation berichtete, haben wir schon mit dem schlimmsten gerechnet." "Glaub ja nicht dass es mir anders ging. Im Verlauf des Tages ging es mir von Stunde zu Stunde schlechter. Und als mich Karin an dem Nachmittag besucht hat, kam dann, während sie hier sass, die Krise. Wenn sie nicht so schnell reagiert hätte, möchte ich lieber nicht wissen was dann passiert wäre. Karin hat dann was von CT und Operation erzählt. Ich habe anfangs gar nicht richtig mitbekommen, was um mich rum passiert, mein Gehirn war wahrscheinlich schon zu vernebelt. Erst als ich auf dem OP-Tisch lag und Karin sich über mich beugte, wurde mir langsam bewusst, was los war", erzählte Marc.
"Allein schon der Gedanke, mir würde jemand in meinem Gehirn rumwühlen, ich darf gar nicht daran denken", meinte Thomas. "Ich hab’s ja überstanden und es ist noch mal gut gegangen, auch wenn meine Schönheit etwas darunter gelitten hat", meinte Marc grinsend. "Hör dir das an. Da ist der Kerl doch gerade dem Tod von der Schippe gesprungen und ist dann schon wieder so eingebildet", tat Thomas empört und grinste. "Du hast wohl ein paar Haare lassen müssen", sagte Peter. "Ja, ist aber nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Die wachsen wieder. Sie brauchten für das Loch nur eine kleine Stelle am Hinterkopf zu rasieren, dort wo ich die grosse Beule vom Sturz habe." "Na das tut deiner Schönheit sicherlich keinen Abbruch", sagte Thomas. "Nein wohl kaum", antwortete Marc.
"Jedenfalls hast du in den nächsten Wochen genügend Zeit dich zu erholen und aus-zuruhen", meinte Peter. "Kein Stress, keine Einsätze." "Wahrscheinlich habe ich mehr Ruhe als mir lieb ist. Wobei ich jetzt schon die Hektik auf der Basis vermisse. Ich mag einfach keine Krankenhäuser, zumindest dann nicht, wenn ich der Patient bin. Aber da werde ich wohl in den nächsten Wochen durchmüssen." "Was meinst du, wie lange wirst du im Krankenhaus bleiben müssen", fragte Thomas? "Wenn alles gut geht und keine Komplikationen mehr auftreten, schätze ich bis Ende nächster Woche oder so. Aber ich bin schliesslich im Moment nur Patient und werde sowieso nicht nach meiner Meinung gefragt", meinte Marc.
"Was gibt es sonst neues zu berichten", fragte Marc? "Ich bin irgendwie nicht mehr auf dem Laufenden. Die letzten drei Tage muss ich wohl ziemlich verschlafen haben."
"Naja, ich weiss nicht, ob jetzt der richtige Zeitpunkt dafür ist", fing Peter an rumzu-drucksen und bekam von Thomas einen Stupser fortzufahren. "Für was soll jetzt nicht der richtige Zeitpunkt sein", fragte Marc argwöhnisch? "Ich habe jedenfalls genug Zeit zuzuhören." "Naja ich möchte dich nicht zu sehr belasten, jetzt wo’s dir gerade erst wieder besser geht." "Peter, jetzt komm schon. So schlimm kann’s ja wohl nicht sein." "Also gut. Ich überlege mir mein Medizinstudium wieder aufzunehmen. Claudia und Thomas haben mich veranlasst mal wieder darüber nachzudenken", platzte es aus Peter heraus. "Du weisst wie gerne ich weiterstudieren würde und du kennst auch die Geschichte warum ich das Studium damals an den Nagel gehängt habe." "Ja ich weiss was passiert ist und damals war es vermutlich die klügste Entscheidung", antwortete Marc. "Aber heute muss ich sagen, ist es die beste Idee die ich seit langem gehört habe. Also meine Unterstützung hast du." "Danke Marc. Auf eure Hilfe bin ich nämlich angewiesen. Ich möchte nicht dass mir das gleiche noch mal zum Verhängnis wird." "Was sagen denn die anderen dazu", fragte Marc? "Karin, Biggi und Enrico sind von der Idee begeistert, mit Jens und Ralf habe ich noch nicht sprechen können", antwortete Peter. "Ach die ziehen mit Sicherheit auch mit", meinte Thomas. "Und du bist dir ganz sicher, dass du ab Herbst für zwei Jahre wieder ein Leben als Student fristen willst und dann erstmal als Assistenzarzt elend lange Tag- und Nachtdienste schieben musst", fragte Marc? "Tja es kommt zwar jetzt alles ein bisschen plötzlich. Aber ja ich bin mir ganz sicher. Wenn ich es jetzt nicht mache, ist der Zug vermutlich ganz abgefahren. Es dürfte allerdings nicht ganz einfach sein, an einen Studienplatz heranzukommen" "Das ist wahr. Aber da finden wir auch eine Lösung", antwortete Marc.
"Wie habt ihr euch das eigentlich organisatorisch vorgestellt? Und sagt mir jetzt nicht ihr hättet darüber nicht auch schon gesprochen", meinte Marc. "Naja, wir haben uns gedacht, Peter sollte am besten aufhören zu arbeiten, vielleicht nur noch ab und zu einen Dienst schieben, wenn Not am Mann ist. Und weil er ja dann kein Einkommen mehr hat, könnte er zu uns ins grosse Haus ziehen. Es hat mehr als genug Platz", resümierte Thomas. "Meine Mädels passen auf Oliver auf und du, Claudia und Karin könnten bei Bedarf mit Peter lernen." "Das habt ihr euch ja fein ausgedacht", sagte Marc lächelnd. "Aber es sollte doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir aus dir Peter keinen guten Arzt machen würden."
Man merkte es Peter sichtlich an, dass ihm das ganze irgendwie unangenehm war. Er war überrascht als Claudia und Thomas gestern Abend auf das Thema zu sprechen kamen. Für ihn war der Fall eigentlich schon lange erledigt. Aber bei soviel Unter-stützung konnte er es sich nicht leisten seine besten Freunde zu enttäuschen.
"Tja ich weiss nicht was ich sagen soll", sagte Peter verlegen. "Am besten gar nichts. Bestehe einfach dein Examen", meinten Thomas und Marc gleichzeitig. "Wenn das so ist, dann werde ich mich nächste Woche mal um einen Studienplatz kümmern und meine Bücher hervorkramen. Ich habe ja schliesslich einiges nachzuholen", sagte Peter entschlossen.
"Das waren ja schon mal ein Knaller. Habt ihr sonst noch was in petto", fragte Marc?
"Nein, alles beim alten. Du kannst dir beruhigt deine Auszeit nehmen um richtig gesund zu werden", antwortete Thomas. "Keine Sorge, dafür werden die netten Schwestern hier schon sorgen", sagte Marc ironisch. "Die haben es nämlich auf Ärzte die Patienten sind abgesehen. Sie können dann endlich mal ihre volle Macht aus-spielen und machen mit einem was sie wollen." "So schlimm? Ich habe hier jedenfalls ein paar ganz hübsche Schwestern rumlaufen sehen", meinte Thomas schmunzelnd. "Mir kommt’s jedenfalls so vor. Aber die hübschen bekomme ich gar nicht zu Ge-sicht. Zu mir kommen immer nur die alten Schachteln", sagte Marc.
Und wie wenn das das Stichwort gewesen wäre, rauschte eine dieser älteren Kranken-schwestern ins Zimmer. "Meine Herren, ich muss sie jetzt bitten zu gehen. Der Patient braucht Ruhe", sagte sie bestimmend. "Schon! Wir sind ja gerade erst eine halbe Stunde hier", gab Thomas zurück. "Aber ich muss mit meinen Kollegen noch etwas besprechen", versuchte Mark das unvermeidliche hinauszuzögern. "Was sie müssen Dr. Harland geht mich nichts an. Ich weiss nur was sie brauchen und das ist Ruhe. Und solange sie auf meiner Station liegen, tun sie das was ich für richtig halte. Habe ich mich klar ausgedrückt." Uups, das hat gesessen. Und genauso schnell wie die Schwester reingerauscht war, war sie auch wieder verschwunden, mit Sicherheit das Zimmer genau beobachtend, dass die beiden auch wirklich gingen.
"Ich glaube wir gehen dann besser mal. Morgen ist ja auch noch ein Tag", sagte Peter. "Lasst mich nur allein mit diesem Drachen. Aber was habe ich euch gesagt. Die freu-en sich richtig, dass sie einen Arzt zwischen ihre Finger bekommen, den sie quälen können und der sich nicht richtig wehren kann", beklagte sich Marc. "Ich beneide dich nicht, aber ganz Unrecht hat sie nicht. Du siehst ziemlich müde und angestrengt aus", fuhr Peter fort. "Lässt du jetzt etwa schon den Arzt raushängen, obwohl du noch keiner bist", meinte Marc empört? "Nein, das würde ich mir nie erlauben", grinste Peter ironisch. "Ok, ok ihr habt ja Recht. Ich bin wirklich müde und könnte ein Nickerchen vertragen. Es fällt mir nur schwer, wenn ich nicht selbst das Ruder in der Hand halte." "Kein Problem. Ruh dich aus", sagte Thomas. Die beiden verabschie-deten sich und gingen.
Kaum das sie gegangen waren, schlief Marc tief und fest. Auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte, war er dankbar für die zwangsweise verordnete Ruhepause.
Kapitel 5
Am Abend trafen sich dann alle zusammen auf der Basis. Auch Jens und Ralf waren gekommen, obwohl sie keinen Dienst hatten. Thomas und Peter berichteten von ihrem Besuch bei Marc und dabei erfuhren dann auch Jens und Ralf von Peters Plänen das Medizinstudium wieder aufzunehmen. Alle beglückwünschten Peter zu seinem Entschluss.
Bevor Karin, Biggi und Enrico in den wohlverdienten Feierabend gingen, bat Karin Claudia, am Morgen etwas länger zu bleiben, damit sie noch bei Marc im Kranken-haus vorbeizuschauen konnte.
Die Nachschicht begann für Claudia, Peter und Thomas so, wie die Tagschicht aufge-hört hatte, hektisch. Ein Einsatz jagte den nächsten und die drei kamen dann endlich um ein Uhr nachts zu ihrem wohlverdienten Schlaf. Thomas und Peter waren erleich-tert, dass Jens und Ralf am Morgen zur Ablösung kamen. Claudia musste noch eine Weile warten bis Karin kam, aber die Jungs waren so nett und liessen sie schlafen.
Karin betrat um acht Uhr Marcs Zimmer. "Hallo Karin. Schon so früh? Du hast Glück gerade ist die Visite vorbei". "Guten Morgen Marc. Ja ich weiss. Ich habe gerade auf dem Gang noch Dr. Schneider getroffen und kurz mit ihm gesprochen. Ich wollte vor meinem Dienst noch kurz bei dir reinschauen und habe Claudia gebeten heute Morgen etwas länger zu bleiben. Du siehst schon viel besser aus und hast auch wieder ein bis-schen mehr Farbe im Gesicht." "Mir geht’s auch schon viel besser, auch wenn ich noch das Gefühl habe, den halben Tag verschlafen zu können", antwortete Marc. "Ich muss dich sicherlich nicht erst darauf hinweisen, dass du in nächster Zeit viel Ruhe brauchst und jegliche Anstrengung vermeiden musst", sagte Karin "Du hast mehr als Glück gehabt, dass das so glimpflich ausgegangen ist und du keine neurologischen Schäden davongetragen hast." "Ja ich weiss. Bei mir haben die Schutzengel wohl Überstunden geleistet. Wenn du nicht so schnell reagiert hättest, ich möchte lieber nicht an die Folgen denken. Und das alles nur wegen so ein paar Idioten die eine Bank überfallen haben.", sagte Marc.
Seine Augen wurden glasig und Karin merkte, dass er mit seinen Gefühlen und den Tränen kämpfte. Karin nahm Marcs Hand "das war doch selbstverständlich. Wir brauchen dich schliesslich noch." Marc konnte nicht verhindern, dass ihm ein paar Tränen die Wangen runterkullerten. Karin nahm ein Taschentuch und wischte sie sanft ab. "Hey was ist denn los mit dir? Hier wird nicht geheult." "Entschuldigung, ich habe gerade meinen moralischen Durchhänger. Mir sitzt wohl immer noch der Schock in den Knochen und mir wird gerade bewusst was alles hätte passieren können. Ausserdem bekomme ich hier langsam den Krankenhauskoller." "Marc, du musst dich nicht entschuldigen. Uns allen sass der Schock in den Knochen. Na komm schon. Ich weiss, es fällt dir nicht leicht, aber die paar Tage Krankenhaus und den Rest schaffen wir auch noch." Karin umarmte Marc tröstend und strich ihm über den Rücken. "Kopf hoch." "Danke Karin."
Nachdem Marc sich wieder gefangen hatte fragte er, " aber kannst du nicht wenig-stens mal bei Dr. Schneider ein gutes Wort einlegen, dass ich heute Nachmittag mal aus diesem Bett hier rauskomme. Dieser Geruch nach Desinfektionsmittel wird mir langsam zu viel und draussen ist so schönes Wetter." "Ich weiss nicht, ob das eine gute Idee ist. Du solltest damit noch ein oder zwei Tage warten bis du etwas stabiler geworden bist." "Ich möchte aber nicht mehr so lange warten. Bitte Karin." "Na gut. Ich werde sehen, was ich tun kann. Aber erwarte nicht zuviel."
"Was sagst du eigentlich zu den Plänen von Peter", fragte Karin nach einer kurzen Pause? "Ich finde es gut, dass er den Schritt wagt. An ihm ginge sonst ein guter Arzt verloren. Wer hat ihn denn eigentlich auf die Idee gebracht?" "Ich glaube das war Claudia. Sie hat ihn neulich gefragt, warum er sein Medizinstudium an den Nagel gehängt hat. Und dann hat sie und Thomas Peter dazu ermuntert, doch mal darüber nachzudenken das Studium nicht doch noch abzuschliessen. Peter hat nicht lange nachdenken müssen. Ihm hat einfach der Stein des Anstosses gefehlt und eine Lösung für alles andere." "Ich glaube Peter macht das schon richtig. Das ist jetzt wahrschein-lich seine letzte Chance ", sagte Marc. "Und für was sind wir ein Team. Wir werden ihn da schon gemeinsam durchboxen und was damals passiert ist, war ihm sicherlich eine Lehre." "Ich denke auch. Da kommt wenigstens noch ein bisschen mehr Leben in unser Haus. Es ist eh zu gross für Thomas, seine Mädels, dich und mich. Für Peter und Oliver hat es da noch locker Platz und wenn man es genau nimmt sogar noch für eine weitere Person", resümierte Karin. "Moment mal. Du denkst doch nicht etwa an eine bestimmte Person, oder?" "Komm Marc, jetzt tu nicht so, als wenn dir der Ge-danke nicht auch schon gekommen wäre. Ich seh’s dir doch an der Nasenspitze an und deine offensichtlichen Blicke habe Bände gesprochen." "Ich muss wohl zugeben, dass mir der Gedanke nicht ganz fremd ist. Ich wollte Claudia wirklich fragen, ob sie nicht zu uns in Haus ziehen möchte. Sie sucht doch eh noch eine Wohnung." "Es ist übrigens nicht nur mir aufgefallen, dass du in sie verknallt bist. Thomas hat mich auch schon darauf angesprochen." Marc zog die Stirn in Falten "Vor euch kann man aber auch nichts geheim halten. Meinst du sie ahnt etwas. Das wäre mir sehr peinlich." "Ich könnte mir vorstellen, dass es ihr nicht völlig entgangen ist, schliesslich ist sie eine Frau. Sie ist in ihrer Art aber sehr zurückhaltend und wird daher nicht von sich aus kommen. Ausserdem würde ich sie nicht zu sehr bedrängen und ihr die Zeit geben die sie braucht. Das gleiche gilt übrigens auch für dich."
"An dir ist eine Psychologin verloren gegangen", meinte Marc. "Nein das ist weib-liche Intuition. Aber ich glaube du wirst das schon richtig machen. Lernt euch erstmal richtig kennen. Gebe ihr die Chance sich dir gegenüber zu öffnen, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass sie im Hinblick auf ihre Familie einiges durchgemacht hat. Spiel auch du mit offenen Karten und erzähle ihr von deiner verstorbenen Frau. Dann habt ihr eine gute Basis auf der ihr aufbauen könnt." "Ich werde mir deinen Rat zu Herzen nehmen. Aber woher weisst du das alles mit Claudia", fragte Marc? "Das ist nur eine Vermutung", antwortete sie.
"Karin du kennst mich und weisst wie gerne ich wieder in einer Beziehung leben möchte. Ich habe aber einfach Angst vor einer neuen Bindung und einem weiteren Verlust." "Ja ich weiss Marc. Aber daran darfst du nicht denken und deine verstor-bene Frau hätte das mit Sicherheit auch nicht gewollt." "Ich weiss nicht was ich manchmal ohne dich machen würde." "Oder besser was ihr Männer ohne uns Frauen machen würdet." Beide mussten lachen. "So gefällst du mir schon viel besser, Marc. Übrigens, es kann gut sein, dass Claudia heute Nachmittag kommt." "Na dann muss ich wohl sehen, dass ich mich vorher noch ein wenig hübsch machen kann und zu-mindest mal diesen 5-Tage Bart aus dem Gesicht bekomme." Karin musste lachen.
"Ich glaube dann werde ich dich nicht länger in deinen Bemühungen aufhalten. Ich muss sowieso zum Dienst. Claudia wird schon auf mich warten."
"Danke Karin, für alles." "Wozu sind Freunde da." Sie hauchte ihm noch einen Kuss auf die Wange und ging.
Bevor sie allerdings zur Basis fuhr, wollte sie noch kurz mit Dr. Schneider über Marcs Wunsch sprechen. Dieser war zwar ebenfalls nicht begeistert, willigte aber dann doch ein, nachdem Karin ihm die Fakten darlegte.
Als Karin auf der Basis eintraf waren die anderen gerade unterwegs zu einem Einsatz. Nur Max war da. Er arbeitete im Hangar am Generator. Als er sie kommen hörte, ging er zu ihr. "Wie geht’s Marc?" "Schon besser Max. Er hat alles gut überstanden, aber er schläft noch relativ viel." "Gott sei Dank geht’s ihm besser. Ärgert er schon wieder die Krankenschwestern?" "Nein das glaube ich nicht. Es ist eher umgekehrt. Er be-klagt sich eher über sie, weil er nur die alten Schachteln zu Gesicht bekommt", schmunzelte Karin. "Das kann ich mir vorstellen, würde mir auch nicht gefallen", meinte Max. "Würde mich nicht wundern, wenn er bald den Krankenhauskoller be-kommen würde." "Den hat er schon Max. Aber eine Woche muss er mindestens noch durchhalten, vielleicht sogar noch etwas länger." "Oh, oh das wird hart für ihn." "Das kannst du laut sagen."
Eine halbe Stunde später kamen Jens, Ralf und Claudia von ihrem Einsatz zurück. Karin berichtete kurz von ihrem Besuch bei Marc heute Morgen und das es ihm schon besser ging.
Dann nahm sie noch Claudia zur Seite. "Claudia, bevor du gehst, möchte ich noch kurz was mit dir besprechen." "Klar Karin. Um was geht’s?" "Du gehst doch heute Nachmittag zu Marc, oder?" "Ja habe ich vor. Ist was mit ihm?" "Nein nicht direkt. "Gesundheitlich geht es bergauf nur er hat heute einen ziemlichen psychologischen Tiefpunkt und braucht dringend eine Aufmunterung. Auf gut deutsch gesagt, der Schock sitzt ihm noch immer ziemlich in den Knochen und ihm fällt langsam die Decke auf den Kopf." "Kann ich gut verstehen. Was schlägst du vor?" "Ich habe vorhin noch schnell mit Dr. Schneider gesprochen. Wir finden zwar beide, dass es noch ein, zwei Tage zu früh ist, aber Marc hat mich regelrecht angefleht, dass er heute Nachmittag aus dem Bett raus darf", erzählte Karin. Claudia zog ebenfalls die Stirn in Falten "Ich bin da ebenfalls deiner Meinung, aber ich glaube es ist mindestens genau-so wichtig hier den psychologischen Nutzen zu sehen." "Richtig, das haben wir uns auch gedacht." "Dann schnapp ich mir einen Rollstuhl und gehe mit ihm ein bisschen raus an die frische Luft. Das bringt ihn hoffentlich auf andere Gedanken." "Und rede ihm gut zu." "Mache ich", sagte Claudia.
Von der Basis machte sich Claudia zuerst auf den Weg in den Stall zu ihrem Pferd. Sie machte einen einstündigen Ausritt, bevor sie es anschliessend auf die Weide brachte, wo es mit den anderen Pferden grasen konnte. Dann fuhr sie nach Hause. Sie wollte sich noch ein, zwei Stunden auf’s Ohr legen, bevor sie zu Marc ins Kranken-haus fuhr.
So gegen 15Uhr betrat Claudia dann das Krankenhaus. Auf dem Gang vor Marcs Zimmer traf sie zufällig auf Dr. Schneider mit dem sie sich kurz unterhielt. Er brachte ihr noch einen Rollstuhl für Marc und bat sie nach einer Schwester zu rufen, falls sie noch Hilfe benötigte. Den Rollstuhl vor sich her schiebend, betrat Claudia dann Marcs Zimmer.
"Hallo Marc. Das Taxi ist da." "Hey Claudia. Schön dich zu sehen. Hat es Karin also doch geschafft." "Wir haben uns schon Gedanken gemacht, ob es nicht vielleicht noch zu früh dafür ist. Auf der anderen Seite tut es dir aber vermutlich gut tut, ein bisschen frische Luft zu schnappen." "Ihr seid klasse." Marcs Laune besserte sich schlagartig.
"Du siehst schon wieder viel besser aus", meinte Claudia. "Ich habe vorhin auch den 5-Tage Bart abrasiert. Das höchste der Gefühle wäre jetzt noch eine schöne Dusche und Haare waschen." "Na jetzt mach mal halblang. Eins nach dem anderen. Zuerst machen wir jetzt mal einen schönen Ausflug in den Garten." "Ich gebe mich ja schon mit den kleinen Dingen zufrieden", erwiderte Marc. "Das ist gut, denn mehr gibt es im Moment nicht."
Claudia nahm den Bademantel vom Haken. Marc schlug derweil die Bettdecke zurück und setzte sich auf die Bettkante. "Warte ich nehme dir kurz den Tropf ab, dann kannst du den Mantel leichter anziehen. Bist du überhaupt schon mal aufgestanden seit der OP?" "Nein kein einziges Mal. Nicht mal auf’s Klo haben die mich gelassen. Ich kann das Wort Bettpfanne und Urinflasche nicht mehr hören. Und dieser eine Giftzwerg von Krankenschwester mag es anscheinend mich zu quälen. Weisst du wie demütigend das ist?" "Ich kann’s mir denken, dann wäre ich auch grantig." "Ich wusste du verstehst mich." "So Marc, jetzt langsam aufstehen und halte dich an mir fest." Marc stand langsam auf, war aber ziemlich wackelig auf den Beinen. Seine Knie gaben nach, aber Claudia war darauf vorbereitet und hielt ihn fest. "Geht’s", fragte sie ihn? "Ja, meine Muskeln wollen erst wieder ein bisschen trainiert werden." Als Marc einigermassen stabil stand, zog sie ihm den Bademantel über. "So und jetzt setz dich in den Rollstuhl. Ich halte dich fest." Als Marc sass, meinte er, "ich wusste gar nicht dass das so anstrengend sein kann." Claudia legte ihm wieder den Tropf an und sagte, "kein Wunder nach fünf Tagen Bettruhe. So jetzt wollen wir aber keine Zeit mehr verlieren und raus an die Sonne." "Gute Idee."
Claudia schob den Rollstuhl aus dem Zimmer und den Gang runter zum Aufzug. Auf dem Weg dorthin kam ihnen ausgerechnet dieser Giftzwerg von Krankenschwester entgegen und sie fing auch gleich an wieder Gift zu spritzen. "Wer hat ihnen erlaubt aufzustehen Dr. Harland? Sie gehen sofort wieder zurück in ihr Bett. Und wer sind sie überhaupt?" Marc blieb ganz gelassen. "Meine behandelnden Ärzte haben mir das er-laubt. Und ich werde den Teufel tun. Wenn ihnen das nicht passt, beschweren sie sich doch bei Dr. Schneider. Und ausserdem rate ich ihnen dringend dazu, sich mit mir nicht anzulegen und mit den Patienten in Zukunft freundlicher umzugehen, sonst haben sie hier nämlich die längste Zeit gearbeitet." "Sie können mir nicht drohen." "Komm Claudia, lass uns gehen." Sie liessen die Krankenschwester einfach stehen. Sobald sich die Aufzugstüren geschlossen hatten, sagte Claudia "was war das denn? So eine unfreundliche Schwester habe ich ja schon lange nicht mehr erlebt. Aber der hast du’s gegeben." "Jetzt kannst du mal sehen, was ich hier mitmache. Und da soll man gesund werden", meinte Marc. "Es gibt jetzt drei Möglichkeiten, entweder macht sie dir jetzt erst recht die Hölle heiss oder sie frisst dir aus der Hand oder du hast eine andere Krankenschwester die dich betreuen wird. Wirst du das Dr. Schneider sagen?"
"Ich glaube das muss ich gar nicht. Ich denke das wird der Giftzwerg schon erledigen in dem er sich über mich beschwert was für ein schlimmer Patient ich sei und Dr. Schneider wird dann schon dementsprechend reagieren."
Es war ca. 25 Grad draussen und die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel. Marc sog die frische Luft richtig in sich ein und genoss jeden Sonnenstrahl. Claudia steuerte auf eine etwas abseits gelegene Bank zu, die im Schatten unter Bäumen stand. Sie stellt den Rollstuhl vor die Bank und setzte sich dann Marc gegenüber.
"Ich hätte nicht gedacht, dass ich die kleinen Dinge mal so zu schätzen lerne", sagte Marc. "Dinge die man sonst als selbstverständlich nimmt." "Ja das ist oft so. Immer dann wenn sie einem fehlen, merkt man erstmal was sie einem bedeuten." "Klingt so als sprichst du aus Erfahrung." "Vermutlich schon. Es gab mal eine Zeit, da hätte mir ein bisschen Liebe oder Verständnis viel geholfen", sagte Claudia.
"Was ist passiert", fragte Marc? "Bist du sicher, dass du das hören möchtest? Ich bin eigentlich gekommen, um dich ein wenig aufzumuntern. Wollen wir uns nicht lieber über angenehmere Dinge unterhalten?" "Ich habe Zeit und bin ein guter Zuhörer. Und wenn ich ehrlich bin, möchte ich dich ein bisschen besser kennen lernen", ergänzte er verlegen. "Ich hoffe ich habe dich jetzt nicht erschreckt." Claudia schmunzelte, "nein hast du nicht. Ich habe das schon geahnt, so wie du mich letzte und vorletzte Woche angeschaut hast." "Oh Gott ist mir das peinlich. Du hast es also auch gemerkt." Marc lief rot an. "Ja, es war nicht zu übersehen. Aber mach dir nichts draus. Ich finde es schön, mal wieder ein bisschen umworben zu werden." "Gott sei Dank. Dann muss ich kein schlechtes Gewissen haben?" "Nein musst du nicht", sagte Claudia.
"Möchtest du darüber reden?" "Ja möchte ich. Dieser Zeitpunkt ist so gut wie jeder andere und ich bin für klare Verhältnisse. Zeit haben wir ja genug, denn es ist eine lange Geschichte. Ich möchte nur nicht, dass es dich zu sehr anstrengt. Sag mir also bitte bescheid, wenn du wieder in dein Zimmer möchtest." "Keine Sorge. Das sehe ich noch lange genug", antwortete Marc.
"Also gut", begann Claudia. "Das erste für mich einschneidende Erlebnis liegt über 20 Jahre zurück. Ich war gerade zwölf Jahre alt, als meine Mutter starb. Das an sich war schon schlimm genug, aber was dann kam, war der Gipfel. Kurz nachdem meine Mutter beerdigt war, sagte mein Vater dass er nach Deutschland zurück wolle. Er war ja Deutscher, meine Mutter war Amerikanerin. Mein Bruder war damals 20 Jahre alt und studierte an der Uni. Ich musste damals gegen meinen Willen mit nach Deutsch-land, obwohl ich nicht aus meiner gewohnten Umgebung, Schule, Freunde, etc raus wollte. Mein Bruder hat für mich das Sorgerecht beantragt, es aber nicht zugespro-chen bekommen. Begründung damals vom Richter, der Vater lebe ja noch und mein Bruder sei ja nur Student und könnte nicht für den Lebensunterhalt aufkommen, was absoluter Blödsinn war, denn meine Mutter hat mir und meinem Bruder ihr ganzes Vermögen vererbt. Mein Vater war leer ausgegangen und im Nachhinein wusste ich warum. Als wir nach Deutschland kamen, habe ich gedacht mich trifft der Schlag. Mein Vater hatte sich auf den vielen geschäftlichen Deutschlandreisen eine Geliebte angelacht. Meine Mutter war nicht mal richtig unter der Erde, da hat er die andere schon geheiratet. Für mich begann eine harte Zeit. Ich kam mir vor wie im Gefängnis. Ich durfte nichts. Nach der Schule musste ich pünktlich zu Hause sein, durfte nicht mit anderen Kindern auf der Strasse spielen. Wenn ich es doch mal tat, habe ich Prügel angedroht bekommen, etc." "Das muss ja die Hölle gewesen sein", schaltete sich Marc ein. "Oh ja das war es. Ich habe es ungefähr sechs Wochen ausgehalten. Dann habe ich einen Plan gefasst und meine Flucht vorbereitet. Ich habe nach und nach die Sachen die mir wichtig waren in meinem Schulspind versteckt. Dann bin ich zur Post gegangen und habe an meinem Bruder telegrafiert, er möchte mir doch bitte für einen bestimmten Tag ein Ticket am Flughafen hinterlegen. Ich hatte Gott sei Dank einen Notgroschen, von dem mein Vater nichts wusste. Am besagten Tag bin ich dann wie immer in die Schule gefahren, nicht aber um am Unterricht teilzu-nehmen sondern um meine Sachen zu holen und dann an den Flughafen zu fahren und nach Hause zu fliegen. Ich habe bis zuletzt gebangt, dass sie nicht merken, dass mein Pass nicht mehr da war. Das wäre für mich das schlimmste gewesen, wenn der Plan nicht funktioniert hätte."
"Meine Güte wenn ich das so höre. Ich frage mich, wie man einem Kind, dass gerade seine Mutter verloren hat, so was antun kann", sagte Marc und schüttelte den Kopf. "Das hat sich die Richterin, die nach meiner Rückkehr den Fall bearbeitet hat, auch gefragt und hat das Urteil des ersten Richters als höchst bedenklich eingestuft. Sie hat das Sorgerecht zu gleichen Teilen meinem Bruder und dem Bruder meiner Mutter zu-gesprochen und dringend dazu geraten mich wieder in meine gewohnte Umgebung einzugliedern." "Hast du jemals wieder was von deinem Vater gehört?" "Nein und es interessiert mich auch nicht. Ich weiss nicht mal ob er noch lebt. Er hat mich damals auch nicht verfolgt oder versucht Einspruch gegen das zweite Urteil einzulegen. Ver-mutlich war er froh dass er mich bzw. uns los war." "Unglaublich, was in manchen Menschen vorgeht. Wie hast du das damals alles verkraftet?" "Durch die Liebe und Geborgenheit die mir die Familie meiner Mutter gegeben hat und mit Hilfe meines Bruder natürlich. Wir haben uns schon immer gut verstanden, aber seit dem sind wir zusammen gewachsen wie eineiige Zwillinge."
"Und trotz dieser Erlebnisse bist du, wenn auch über 20 Jahre danach, alleine nach Deutschland zurückgekommen", meinte Marc. "Hat dich das nicht viel Überwindung gekostet?" "Nein komischer Weise nicht. Erstens ist es schon sehr lange her, dann spreche ich die Sprache und ich habe den deutschen Pass und das Land kann schliess-lich nichts dafür. Für mich war viel wichtiger Abstand zur jüngsten Vergangenheit zu gewinnen auch wenn ich meinen Bruder sehr vermisse und ich mir jeden Tag neue Sorgen um ihn mache, weil er mittlerweile wieder in irgendeinem Krisengebiet stationiert ist." Claudia wurde still.
Marc nahm ihre Hände, die eiskalt waren, in die seinen. "Du musst mir nicht davon erzählen wenn du nicht willst. Ich kann mir vorstellen, dass es dir schwer fällt. Mit dem Tod umzugehen ist nicht einfach." "Woher weisst du", fragte Claudia erstaunt? "Glaube mir, ich kenne das Gefühl und ich kann eins und eins zusammenzählen. Ich hatte schon am ersten Tag den Eindruck, das da noch etwas ist, was du zu verdrängen versuchst. Irgendwie hatte ich das Gefühl dass uns diesbezüglich etwas verbindet", erzählte Marc und strich ihr eine Haarsträne aus dem Gesicht. "Das ist komisch. Ich hatte den gleichen Gedanken bei dir", meinte Claudia." "Und du hast Recht damit. Ich habe lange nicht darüber reden können und bin wie du damals regelrecht davon ge-laufen, nur nicht so weit. Erst Thomas hat mir über das Erlebte hinweg geholfen und Karin hat mir, nachdem ihr und Thomas meine dir geltenden Blicke ebenfalls nicht entgangen sind, die Leviten gelesen und gemeint, dass ich mich nicht ewig verstecken könnte." Claudia musste schmunzeln und sagte, "ich glaube da wollen uns ein paar Kollegen, unbedingt verkuppeln." "Sieht wohl so aus. Ich komme mir vor wie ein kleiner Schuljunge, der das erste Mal verknallt ist aber Angst hat, sich die Finger zu verbrennen." "Das finde ich gar nicht. Du hast wahrscheinlich einfach nur Angst vor einer neuen Bindung oder einem erneuten Verlust. Stimmt’s?" "Ja", gab Marc zu. "Mir geht es nicht anders", meinte Claudia.
"Was ist damals mit deiner Frau passiert", fragte Claudia nach einer Weile? "Sie erkrankte vor ca. drei Jahren an Krebs. Wir haben mehrere Monate lang um ihr Leben gekämpft, Operation, Chemo, das ganze Programm und haben den Kampf letztendlich verloren. Sie ist mir einfach unter meinen Händen weggestorben. Ich habe sogar ange-fangen an meinen Fähigkeiten als Arzt zu zweifeln und habe meinen Job an der Klinik aufgegeben, weil ich es nicht mehr ertragen konnte dort zu arbeiten. Ein paar Wochen später hatte ich mich dann wieder einigermassen im Griff. Ich sah die Anzeige von Medicopter in der Zeitung und habe mich beworben. Es war ein Anfang, eine neue Stadt, ein neuer Job und ich war froh aus dem Krankenhausalltag raus zu kommen", erzählte Marc mit Tränen in den Augen. Er musste tief durchatmen. Claudia schaute Marc besorgt an, nicht dass er sich zu sehr anstrengte. Sie nahm seine Hand, auch um seinen Puls zu fühlen. "Keine Sorge. Mir geht’s gut Claudia. Das geht gleich wieder vorbei." "Du liebst sie noch immer. Glaub mir, ich kann dich gut verstehen." "Claudia ich werde sie nie vergessen." "Das sollst du auch gar nicht. Behalte sie in Erinnerung so wie sie war. Ich werde meinen Mann auch nie vergessen."
Nach einer kurzen Pause fragte Marc, "wie hast du deinen Mann verloren?" "Ich kam von einem längeren Auslandseinsatz zurück. Das war vor ca. 1½ Jahren. Wir waren glücklich nach langer Zeit wieder vereint zu sein. Ich arbeitete inzwischen wieder als leitende Chirurgin am Militärkrankenhaus in Colorado City. Zwei Monate nach meiner Rückkehr habe ich dann erfahren dass ich schwanger bin. Ich habe mich riesig gefreut und konnte es kaum erwarten meinem Mann die Neuigkeiten mitzuteilen. Ich versuchte ihn zu erreichen. Am Telefon sagte mir dann ein Kollege, dass er im Ein-satz sei. Mein Mann war Polizist. Eine Stunde später wurde ich zu einem Notfall in die Notaufnahme gerufen. Angehörige von Militärpersonal wurden oft zu uns ins Militär-Krankenhaus gebracht, aber ich hatte nicht erwartet meinen Mann dort vor-zufinden. Auf Grund der Schwere der Verletzungen haben sie mich dazu geholt. Er hatte zahlreiche Schussverletzungen. Ich war geschockt. Erst da ist dem aufnehmen-den Arzt klar geworden, dass dort mein Mann lag. Wir konnten ihn erfolgreich ope-rieren, aber er lag anschliessend im Koma. Nach drei Monaten ist er dann gestorben. Er hat das Bewusstsein nie wieder erlangt und er hat auch nie erfahren, dass ich ein Kind erwartete. Das hat mir fast das Herz gebrochen. Alle haben mir gut zugeredet und mich versucht zu trösten. Sie sagten mir, ich müsse mich jetzt schonen und an das Kind denken. Aber ich habe mich in die Arbeit gestürzt. Ich habe es nicht mehr aus-gehalten, hatte viel zu viel Zeit zum Nachdenken. Zu Hause ist mir die Decke auf den Kopf gefallen."
Claudia legte eine Pause ein, stand von der Bank auf und wandte sich von Marc ab. "Claudia ich weiss es tut weh darüber zu sprechen. Aber du kannst nicht alles in dich rein fressen. Lass mich daran teilhaben und dir helfen." Marc griff nach ihrer Hand und schaute sie mitfühlend an. "Was ist dann passiert?" Sie drehte sich wieder um und setzte sich wieder hin. Dann erzählte sie mit Tränen in den Augen und bebender Stimme, "vier Wochen später bekam ich Wehen, Ende des 6.Monats. Sie gaben mir Wehenhemmer und versuchten das Unvermeidliche aufzuhalten, aber die Herztöne des Babys wurden immer schwächer. Also machten sie einen Kaiserschnitt, aber das Baby konnte nicht gerettet werden, es war einfach noch zu klein."
Claudia hatte Tränen gefüllte Augen. Marc beugte sich zu ihr rüber und umarmte sie tröstend. "Schhh, lass es raus. Das tut gut." Nach einem Augenblick fing sie sich wieder und wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen aus dem Gesicht. "Das muss jetzt alles ziemlich genau ein Jahr her sein." "Ja. In zwei Wochen ist der erste Todestag meines Mannes." "Hast du schon mal mit jemandem darüber gesprochen?" "Nur mit meinem Bruder. Ich habe bislang nicht den Mut gefunden mit anderen da-rüber zu sprechen und habe vieles in mich rein gefressen. Nach einer Schonfrist von ein paar Monaten, fanden es meine Vorgesetzten besser, mich wieder in den Einsatz zu schicken und wollten dass ich nach Afghanistan gehe. Ich aber hatte die Schnauze voll von staubigen Kriegsschauplätzen und quittierte sehr zum Erstaunen aller meinen Dienst. Ich fand es einfacher allem den Rücken zuzukehren und neu anzufangen. Tja und jetzt sitze ich hier und bereue es keineswegs diesen Schritt gemacht zu haben." "Und ich bin froh, dass du da bist", sagte Marc und hauchte Claudia einen Kuss auf die Wange.
Endlich war es ausgesprochen. Sie schienen beide froh darüber zu sein. "Wir sitzen hier wie zwei verliebte Teenager", meinte Claudia lächelnd. "Sind wir das nicht auch? Du hast mir jedenfalls gehörig den Kopf verdreht." Beide mussten lachen und ein erster inniger Kuss folgte. "Jetzt weiss ich was mir gefehlt hat", meinte Marc. "Und ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so schnell wieder in einen Mann verlieben könnte", meinte Claudia. "Ich habe mich lange nicht mehr so gut gefühlt. Danke für’s Zuhören, Marc." "Ist doch selbstverständlich, auch ich habe zu danken."
Marc und Claudia sassen eine Weile einfach nur da und hingen ihren Gedanken nach. Keiner von beiden wollte den Moment zerstören bis Claudia nach ein paar Minuten fragte, "was werden wohl die Kollegen dazu sagen?" "Keine Ahnung, aber sie werden sich vermutlich für uns freuen. Sie warten eh schon eine Ewigkeit darauf, dass ich wieder in feste Hände komme. Bis jetzt allerdings vergebens. Wenn du nichts da-gegen hast, wäre ich dafür ihnen auch noch nichts zu sagen. Sie werden es noch früh genug mitbekommen. Und ausserdem gibt das dir und mir die notwendige Zeit unsere Beziehung zu festigen." "Du hast Recht. Wir sollten nichts überstürzen und das in Ruhe angehen. Ich staune eh über mich und habe fast ein bisschen Angst, dass es mir zu schnell geht." "Claudia ich möchte dich nicht drängen. Nehme dir die Zeit die du brauchst", meinte Marc verständnisvoll. "Danke für dein Verständnis, ich werde dich sicher nicht lange warten lassen, dafür ist mir unsere Beziehung viel zu wertvoll. Aber ich brauche einfach ein Augenblick um mir über alles klar zu werden." "Natürlich, das verstehe ich."
Nachdem sie noch einen Augenblick da gesessen waren, meinte Claudia besorgt, "du siehst müde aus Marc." "Ich bin auch müde. Jetzt merke ich, dass ich noch nicht so fit bin. Das ist anstrengender für mich als ich zugeben möchte." "Kein Problem ich bringe dich auf dein Zimmer zurück, dann legst du dich hin und schläfst ein bisschen. Für heute war das eh lang genug. " "Danke Claudia."
Sie gingen langsam zurück. Im Zimmer angekommen, meinte Marc, "bevor ich mich hinlege, muss ich aber noch mal für kleine Jungs. Nicht das wieder eine Schwester auf die Idee kommt, mir eine Bettpfanne unterzujubeln." Claudia musste schmunzeln. "Brauchst du Hilfe? Soll ich einen Pfleger rufen?" "Nein Danke. Das sollte ich noch alleine schaffen. Helfe mir bitte nur aus dem Rollstuhl und führe mich auf’s WC." Sie half ihm aufzustehen und stützte ihn die paar Schritte bis zur Toilette. Claudia stellte fest, dass er schon noch recht wackelig auf den Beinen stand und hoffte nur, dass er auf der Toilette keinen Schwächeanfall bekam. Sie hätte darauf bestehen sollen, einen Pfleger zu rufen. Aber es ging alles gut. Er stand in der offenen Badtür und fragte "bringst du mich ins Bett? Ich weiss nicht, ob mich meine Beine noch bis dort rüber tragen." "Na klar." Sie führte ihn Schritt für Schritt zum Bett und war erleichtert, als er sich auf die Bettkante setzte. Claudia half ihm den Mantel auszuziehen und sich anschliessend hinzulegen. Sie deckte ihn zu, hängte den Tropf wieder an und stellte das Kopfteil des Bettes etwas flacher, so dass er bequem liegen konnte. Marc fielen die Augen schon fast zu, so müde war er. "Sei mir nicht böse Claudia, aber ich schlafe gleich ein." "Du siehst auch sehr erschöpft aus. Der Schlaf wird dir gut tun." Claudia strich ihm eine Haarsträne aus der Stirn und küsste ihn auf den Mund. "Schlaf gut und danke für alles." "Danke für den Nachmittag."
Kaum dass Claudia aus dem Zimmer war, schlief Marc schon tief und zufrieden ein.
Fortsetzung folgt
© 2003: Claudia Hausheer