Der Ausflug
Personen:
- Medicopter 117
Gina Aigner (Pilotin), Dr. Karin Thaler (Notärztin), Enrico Contini (Sanitäter)
Peter Berger (Sanitäter), Stella Berger (Peter's Frau), Oliver (ihr Sohn)
- Gastrollen
Romina Cervic (zivile Fahnderin), Maria Cervic (ihre Tochter), Nick Fengler (ziviler Fahnder)
aus der Krimiserie " Die Zivilen Fahnder " - mehr Info www.die-zivilen-fahnder.de
Mittagshitze lag über dem Berchtesgadener Land. Der Himmel war blau, und Sonnenschein seit den frühesten Morgenstunden ließ die Temperaturen locker über die 30°-Grenze ansteigen. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn.
"Du bist überhaupt nicht abgehärtet, Nick!" Peter boxte mir vor den Oberarm. Der etwa 175cm große Sanitäter hatte leuchtend blaue Augen und blonde Haare: "Ziviler Fahnder, eben! Die dauernden Oberservationen, viel mit dem Auto fahren, kaum Bewegung, und dazu noch das Fast-Food - hier eine Currywurst, dort eine dicke Käsesemmel zwischen durch ...!"
"Du schaust wohl zu viel Fernsehen!" entgegnete ich: "Ziviler Fahnder ist ein echter Knochenjob!" Ich ließ meinen Blick durch die Gegend schweifen. Wir befanden uns wenige Höhenmeter über dem Ausflugziel Kehlsteinhaus. Vor der Berggaststätte war jeder Tisch besetzt und die Kellner liefen sich garantiert Blasen an den Füßen. Gekühlte Getränke und Eis fanden reißenden Absatz - während sich Kaffee oder warmer Tee als Ladenhüter erwiesen.
"Tatsächlich?" Peter grinste: "Müßtest mal einen Tag bei uns erleben! Das ist noch richtige Arbeit!"
Von unserer Pausenstelle hatten wir einen tollen Blick auf den Königssee, der majestätisch zwischen Jenner, Watzmann und dem Steinernen Meer eingebettet lag. Im Tal der idyllische Ort Schönau. Scheiben von Häusern und Autos spiegelten die Sonne.
"Ich kenn's nur aus Deinen Erzählungen." meinte ich ohne jegliche Abschätzung.
Unsere Frauen hielten sich ein paar Meter entfernt auf und plauderten intensiv.
"Möchte mal wissen, worüber die wieder lästern ...!" Peter deutete herüber.
"Ist doch klar ...," entgegnete ich spontan, "... über Männer!"
"Letztes Jahr bist Du noch allein hier gewesen." erinnerte Peter sich bei der Gelegenheit.
Ich nickte. "Romina begann erst Ende letzten Jahres ihren Dienst auf meinem Revier." erzählte ich: "Wir verstanden uns von Beginn weg gut, und bei einem Außeneinsatz in Willingen ist's dann halt passiert. Bei Dir und Stella gab es auf alle Fälle mehr Komplikationen ...!"
"Da hast Du wohl Recht!" stimmte Peter zu und sah auf die Uhr: "Wir müssen langsam. Soll Regen geben."
Romina blickte gerade herüber. Sie war etwa 170cm groß und sehr schlank, hatte braune Augen. Ihr kurzes, dunkles Haar steckte sie am Hinterkopf mit einer Spange zusammen. Die Frisur bedurfte keiner aufwendigen Pflege und unterstrich ihre Natürlichkeit ebenso wie der Verzicht auf Make-Up. Ich nutzte die Chance, daß sie her blickte, und winkte ihr zu. Sie verstand und nickte.
Stella war ein paar Zentimeter größer als Romina; war ebenso schlank und hatte ähnlich dunkle, aber etwa mittellange Haare, die heuer zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden waren. Sie nahm ihren Sohn Oliver auf den Arm, während Maria, Rominas 4jährige Tochter, freiwillig folgte. Die zukünftige Stieftochter von mir war bemerkenswert gut erzogen, kam wohl eher auf die Mutter, als auf den leiblichen Vater. Zum Glück!
Eine halbe Stunde später hatten wir schon einen steilen Abstieg hinter uns. Das Kehlsteinhaus war längst nicht mehr zu sehen, und auch kaum noch Leute. Daß auf dem Kehlsteinhaus sehr viel los war, lag vor allem an einer Straße, über die der Berg erschlossen war. In recht kurzen Abständen verkehrten Busse zwischen Obersalzberg und dem Ausflugziel, während den Fußweg weniger Menschen nutzten, vor allem bei dieser Hitze. Der Weg lag ab der Mittagszeit nämlich völlig in der Sonne ...
"Runter läßt sich's aber aushalten." meinte Stella.
"Du als Italienerin bist warme Temperaturen doch sowieso gewohnt." erwiderte ich.
"Ich war nur leider schon lange nicht mehr im sonnigen Italien." entgegnete sie.
"Das holen wir nach!" versprach Peter ihr: "Sobald ich Urlaub hab ...!"
Die Ruhe wurde vereinzelt durch laute, dröhnende Geräusche gestört. Waldarbeiter waren damit beschäftigt, mehrere Bäume in etwa ein bis zwei Meter lange Stücke zu zersägen und zu einem Haufen aufzutürmen. Ein dunkelhaariger Arbeiter stand hinter dem Holzhaufen, direkt am Abgrund. Auf der anderen Seite war ein Wagen abgestellt. Ich beobachtete, wie ein zweiter Kollege mit Glatze seine Säge beiseite legte und den Kofferraum durch suchte, aber scheinbar fehlte irgend etwas.
Als wir näher kamen, hörten wir noch, wie der glatzköpfige Arbeiter "Ich fahr mal eben runter!" rief. Hastig öffnete er die Tür des Wagens und startete den Motor - vermutlich bei eingelegtem Gang, aber ohne die Kupplung herunter zu treten! Der Motor gab ein jaulendes Geräusch von sich und das Auto machte einen Ruck nach vorn, prallte direkt vor den Holzhaufen.
Mit einem erschrockenen Schrei verschwand der Arbeiter dahinter aus unserem Blickfeld, und ein Großteil des Holzes fiel mit ihm den Abhang hinab. "Um Himmels Willen!" rief Stella: "Wie weit geht's dort runter!" Sie suchte bereits ihr Telefon hervor.
"Wir müssen helfen!" beschloß Peter gleich: "Ruf Hilfe herbei, Stella!"
Sie blickte ihn verzweifelt an. "Du hast keinen Dienst, Peter!" erklärte sie ihm: "Das ist zu gefährlich!"
"Ich kann nicht zuschauen!" verteidigte er sich: "Der Arbeiter braucht Hilfe! Mir passiert schon nichts!"
"Das sagst Du ja immer!" Sie blickte ihren Mann finster an: "Mein Gott, der Medicopter ist in wenigen Minuten hier! Willst Du Dir wieder den Arm brechen, wie beim letzten Mal? Du hast nicht immer so viel Glück! Irgend wann reißt Deine Glückssträhne! Ein Halsbruch läßt sich nicht reparieren!"
"Ich geh da runter!" bestimmte Peter: "Du holst Hilfe!"
"Mach doch was Du willst!" fuhr Stella ihn an. Als sie wählte, nahm ich Oliver auf den Arm. Romina hielt Maria fest, während Peter bereits den Abhang hinab stieg. Er war nur auf den ersten Metern steil, danach wurde er flacher, und nach zwanzig Metern war eine ebene Stelle. Bis dort war der Arbeiter gerutscht. Ich konnte von ihm aber nur einen Arm entdecken, der zwischen zwei Stämmen hindurch nach draußen ragte. Lebendig begraben, und das unter einem Haufen Baumstämme!
Peter hatte bereits die Hälfte des Weges geschafft, als Stella ihr Telefon wieder ausschaltete. Der Arbeiter aus dem Auto lehnte sich im Sitz zurück und schüttelte den Kopf. Er stand vermutlich unter Schock. "Ich werd ihn mal ein bißchen ablenken!" meinte Romina.
Peter hatte es fast geschafft, als er mit seinem linken Bein weg rutschte. Stella machte einen erschrockenen Schritt nach vorn. Ich hielt sie vorsichtshalber fest. "Nichts passiert!" beruhigte ich sie: "Er ist da!" Sie atmete erleichtert aus und schwieg. Ich gab ihr Oliver wieder und setzte meinen Rucksack ab.
"Nicht Du auch noch!" meinte sie: "Typisch Männer ...!"
"Die Baumstämme sind viel zu schwer für Peter!" entgegnete ich.
"Romina!" rief Stella: "Dein Mann ist genauso verrückt wie meiner!"
"Noch ist er nicht mein Mann!" entgegnete Romina emotionslos: "Er will's erst noch werden ...!"
"Sie war schon immer so charmant!" erklärte ich Stella, die nur die Augen zum Himmel verdrehte.
"Hast Du schon einmal überlegt, ihr einen Heiratantrag zu machen?" fragte Stella.
"Du hast ja richtig gute Ideen!" lobte ich sie grinsend.
"Armleuchter!" Sie streichelte Oliver über den Kopf: "Paß auf Dich auf, Nick!"
"Versprochen!" Vorsichtig stieg ich herunter. Es sah von oben steiler aus als es war.
"Schön, daß Du auch noch kommst!" begrüßte Peter mich nach rund einer halben Minute. Neben seiner Stimme hörte ich leises Wimmern des Arbeiters, allerdings sehr undeutlich. Zusammen packten Peter und ich an, um die ersten Stämme beiseite zu räumen. Wie schwer Holz doch sein konnte! Selbst diese Stücke von maximal zwei Meter Länge! "Der Arm ist mehrfach gebrochen!" erklärte mir Peter und deutete auf ihn.
"Danke!" Ich sah gar nicht hin: "So genau wollte ich's gar nicht wissen ...!"
Endlich kam das Gesicht zum Vorschein, danach der Oberkörper. Der Arbeiter sah uns mit großen Augen an, er war, wie sein Kollege auch, in einem Schockzustand. Blut rann aus der Nase und lief zum Hals herab, zudem zierte eine Platzwunde seine Stirn über dem rechten Auge. Den gebrochenen Arm hatten wir neben den Körper gelegt, nun mußten wir noch seine Beine befreien.
Peter hob den Kopf. "Der Medicopter!" Er lächelte: "Das Geräusch kenne ich ...!"
"Kann ich mir denken." Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn: "Wer fliegt denn? Biggi?"
"Biggi ist schon gar nicht mehr bei uns." antwortete Peter: "Gina ist die neue Pilotin, ebenso wie der Jens."
Von Thomas' tragischem Tod wusste ich, und kannte auch Jens, seinen Nachfolger. Nur das mit Biggi war mir neu. "Sie hat sich eine Verletzung zugezogen, die ihr den Beruf als Pilotin nicht mehr ermöglicht." berichtete Peter mir: "Ihr ist aber nichts wie Thomas passiert. Nur Enrico ist untröstlich, weil es sie nach Amerika gezogen hat."
"Das kann ich mir vorstellen." Ich seufzte: "Die beiden waren ein Herz und eine Seele."
Der Medicopter kam über den Kehlstein hinweg geflogen. Schlagartig nahm der Lärmpegel zu. Peter kniff die Augen zusammen und sah hoch. Eine Person hing bereits am Seil, das vorsichtig von Gina herunter gelassen wurde. Es war Karin, die alsbald neben uns stand. Sie trug einen Helm. Ihr Haar war kürzer als bei meinem letzten Besuch, denn nichts schaute mehr unter ihrer Kopfbedeckung hervor. Die blauen Augen waren aber geblieben, der Wiener Akzent ebenfalls.
Das Seil wurde wieder hoch gefahren. "Enrico kommt auch noch, bringt die Trage mit." erklärte Karin und musterte Peter lächelnd: "Es ist egal, wo Du Dich aufhältst! Immer mußt Du uns einen Einsatz bescheren! Du bekommst keinen freien Tag mehr gewährt, ehrlich!"
"Das könnt ihr nicht machen!" mischte ich mich ein: "Sonst werdet Ihr arbeitslos!"
"Das befürchte ich auch." Sie nickte: "Du bekommst übrigens Einreiseverbot, Nick!"
"Wie bitte?" fragte ich geschockt: "Niemals! Auf keinen Fall! Das hier ist meine zweite Heimat!"
Wenige Sekunden später stand auch Enrico bei uns und musste schmunzeln, als er Peter entdeckte.
"Sag jetzt bitte nichts!" forderte Peter ihn gleich auf: "Ich weiß, Ihr seid nicht gut auf mich zu sprechen!"
"Was ist denn genau passiert?" wollte Karin wissen und beugte sich zu dem Arbeiter herunter.
"Er ist den Abhang herunter gestürzt." berichtete ich, weil der Arbeiter keinen Ton heraus brachte.
"Die Baumstämme haben ihn begraben." fuhr Peter fort: " Platzwunde Stirn, Nasenbluten, Arm gebrochen."
Enrico breitete bereits die Trage neben dem Arbeiter aus. "Wir müssen uns beeilen." erklärte der Sanitäter: "Ein Regengebiet ist im Anmarsch, mit großen Wassermengen, Sturm, Blitz und Donner. Vor dem möchten wir wieder zuhause sein ...!"
"Wir auch ...!" entgegnete ich.
Peter und ich räumten die letzten Baumstämme beiseite. Enrico öffnete den Koffer und gab der Notärztin die gewünschten Medikamente und Mittel zur Versorgung. Ich bewunderte ihre gute Zusammenarbeit, die beiden waren schon ein sehr eingespieltes Team. Zusammen mit Peter legten sie den Arbeiter dann nach der Erstversorgung auf die Trage. Enrico und Karin befestigten sie an dem Seil.
"Ich fliege mit!" beschloß Enrico. Der Sanitäter, Bruder von Stella, war fast 180cm groß und schlank. Im Gegensatz zu seiner Schwester hatte er allerdings blaue Augen. Das braune Haar war leicht gewellt und stets gut gepflegt: "Gina läßt uns auf dem Parkplatz Ofnerboden ab, und holt dann Dich, Karin!"
"Ist okay!" Sie nickte ... und schon war Enrico weg ...
Während der Medicopter Richtung Tal schwebte, näherte sich von der oben gelegenen Bushaltestelle ein Audi der bayrischen Polizei. Die Beamten hielten neben dem Auto des Arbeiters und stiegen aus, verschwanden dann aber aus unserem Blickfeld. "Wir müssen langsam wieder hoch." meinte ich zu Peter.
"Ich geh mit." beschloß Karin: "Gina wird mich dort oben auch finden."
Stella fiel Peter gleich in die Arme. "Ich hab mir Sorgen gemacht!" tadelte sie ihn.
"Ich weiß!" antwortete er: "... und das ist auch sehr beruhigend!" Er lächelte verschmitzt.
Romina trat dazu, während die Polizisten mit dem zurück gebliebenen Arbeiter sprachen. "Gut gemacht!" lobte sie: "Alle beide! Du solltest stolz sein auf Deinen Mann, Stella, und Du, Peter, trotz diesem erfolgreichen Einsatz auch mal auf Deine Frau hören ...!"
"Da halten die beiden zusammen, ganz klar!" seufzte Peter und sah zu mir herüber.
Ich nickte. "Allerdings hast Du noch Oliver als Verbündeten, während ich mich ständig zwei Frauen gegenüber behaupten muß!" Als ich das aussprach, machte Peter einen kurzen Schritt zurück und stieß vor eine Bodenwelle. Vor Schreck riß er die Arme hoch und stürzte nach hinten. Er wollte sich abstützen, doch sein Arm geriet genau zwischen zwei Felsen neben dem Weg. Ausgerechnet der rechte Arm, der schon vor kurzem gebrochen war! Ein Schmerzensschrei des Sanitäters bedeutete nichts positives.
"Als wenn ein Armbruch nicht genug wäre!" meinte Karin voller Tadel nach der Begutachtung.
"Es ist nicht bei dem Einsatz passiert!" erklärte ich Stella, die ihre Augen wieder einmal zum Himmel verdrehte.
"Das tut aber mehr weh als beim letzten Mal!" jammerte Peter: "Verdammte Scheiße!"
"Ich sollte Dich nie mehr aus den Augen lassen, Peter!" meinte Stella kopfschüttelnd.
"Wir werden ihn wohl mit nehmen müssen." entschied Karin.
"Wohin geht denn Eure Reise?" fragte Stella: "Traunstein?"
"Ja, Traunstein!" bestätigte Karin.
"Ich muß mit!" beschloß Stella.
"Das wird zuviel!" meinte Karin: "Komm nach!"
Stella seufzte und sah zu mir herüber. "Ihr habt doch Euer Dienstauto mit, richtig?"
Ein lautes Grollen verhieß nichts Gutes, denn es war nicht der Medicopter, der Karin und Peter soeben einsammelte, sondern eine Naturgewalt namens Gewitter - und das nicht mehr sehr weit entfernt! "Brauchen Sie uns noch?" fragte Romina einen Polizisten. Der schüttelte den Kopf. "Es reicht, wenn Sie uns eine Kontaktadresse oder Telefonnummer für Rückfragengeben."
Sie suchte eine Visitenkarte hervor und reichte sie ihm. "Die Handynummer steht drauf."
"Alles klar!" Er sah auf die Karte, und fügte noch "Kollegin!" hinzu.
"Jetzt aber ganz schnell!" forderte Stella auf. Die ersten Wolken schoben sich bereits über den Kehlstein: "Hier bricht gleich die Hölle los!" Sie schulterte Peters Rucksack, während sich Romina meinen schnappte. "Du hast schon genug gearbeitet, heute!" erklärte sie grinsend.
"Danke!" Ich richtete noch einen letzten Blick auf den Medicopter, der zwischen Lattengebirge und Reiteralpe hindurch geflogen war und Traunstein ansteuerte. Er wurde immer kleiner, und war dann ganz verschwunden, nicht mehr mit den Augen erkennbar.
"Zurück werden die wohl eine andere Route nehmen müssen." meinte ich.
Eine Viertelstunde später legte das Unwetter los. Wir hatten das Gröbste geschafft, mußten nur noch den Parkplatz überqueren. Stella lief gleich zu ihrem roten Mitsubishi Geländewagen. Ich entriegelte den silbernen 3er-BMW, unseren zivilen Dienstwagen des Reviers Süd einer Großstadt aus dem Ruhrgebiet. Romina legte den Rucksack in den Kofferraum und öffnete Maria die rechte, hintere Tür. Auf dieser Seite befand sich auch der Kindersitz, den wir vor dem Urlaub aus meinem Privatauto ausgebaut hatten.
"Ich fahr bei Euch mit!" rief Stella herüber. Sie brachte den Kindersitz von Oliver mit.
Mit durchdrehenden Reifen fuhr ich los. Stella saß mittig auf der Rückbank zwischen Maria und Oliver.
Romina drehte sich zu ihr um. "Wie ist das?" fragte sie lächelnd: "Zwischen unseren zwei Kindern?"
"Beengt, aber nicht unangenehm!" antwortete Stella und deutete auf das Blaulicht: "Wie wär's damit?"
"Jetzt noch nicht." legte ich mich fest: "Ist auch eigentlich nur für den Notfall gedacht!"
"Das ist ein Notfall!" bestimmte Stella: "Wo ist hier eigentlich der Aschenbecher?"
"Ausgebaut." erklärte ich: "Unser Gäste rauchen immer nur vor Wut ...!"
Die Scheibenwischer wurden nur sehr schwer Herr über die Regenmengen, die auf die Windschutzscheibe klatschten. In Berchtesgaden nahm ich das Blaulicht und stellte es auf das Dach hinaus. Bis Traunstein war es ein gutes Stück, wobei wir die meiste Zeit über die deutsche Alpenstraße fuhren. Die Ramsau ließen wir links liegen, danach ging es weit bis zur Schwarzbachwacht hinauf. Die engen Kurven machten mit dem agilen BMW richtig Spaß. Gott sei Dank herrschte kaum Verkehr!
Wir überquerten die Saalach, und fuhren dann den Zubringer zur B305 hoch. Linkerhand befand sich tief unten eine Schlucht, während sich rechts Felsen ausbreiteten. Der Regen hatte nach gelassen, trotzdem tropften noch riesige Mengen Wasser herunter, auf die Straße und auf die Scheibe.
An einer Stelle hatte sich ein regelrechter See gebildet. Das Wasser spritzte beinahe einen Meter hoch, als ich hindurch fuhr. Kurz vor dem Ort Inzell, bekannt durch das Eisstadion, ging die B305 dann in die B306 über. Die Wolken verzogen sich und der Himmel wurde wieder blau. Vom Asphalt stieg Dampf auf, die Landschaft wirkte naß und strahlte hell.
Stella wies mir den Weg zum Krankenhaus. Auf dem Hubschrauber-Landeplatz entdeckte ich den Medicopter und fuhr auf ihn zu. Wenige Meter vor den Kufen hielt ich. Stella stieg als erste aus. "Wie geht's Peter?" fragte sie gleich.
"Gut." antwortete eine etwa 30jährige Frau mit dunklen, kurzen Haaren und brauner Augenfarbe. Das konnte nur Gina sein, von der Peter vorhin gesprochen hatte. Sie war etwa 160cm groß und trug eine Pilotenjacke. Romina und mir stellte sie sich auch gleich vor. "Ein Glück, daß Deine Freunde von der Polizei sind." schmunzelte sie und deutete auf das Blaulicht.
"Warum seid Ihr denn noch hier?" wollte Stella wissen ohne auf die Bemerkung einzugehen.
"Das Wetter war zu schlecht," erklärte Gina, "und außerdem wollten wir auf Peter warten."
"Bei uns wär sowieso kein Platz mehr frei gewesen." bemerkte ich.
"Höchstens auf dem Dach." schränkte Romina ein.
In diesem Moment traten Karin und Enrico aus dem Krankenhaus. Peter folgte den beiden, der Arm war eingegipst. Stella rannte gleich auf ihn zu, Oliver folgte. "Das nenn ich eine glückliche Familie!" meinte Romina, die das Spiel beobachtete. Sie lehnte sich vor mich. Ich nahm sie in den Arm.
"Wenn Du doch bloß nicht so unbeweglich wärst!" jammerte Stella.
"Stella, bitte!" flehte Peter: "Streu mir doch mal ein bißchen Salz über das Fleisch. Ich kann's nicht!"
Romina und ich schwiegen. Sie musste aber grinsen, als sie anschaute.
"Aber Essen kannst allein?" fragte Stella.
"Ja, Du hast ja alles schön mundgerecht geschnitten!" antwortete er: "Der Bruch ist kompliziert." wandte er sich dann an Romina: "Ich werde meine Kollegen einige Wochen allein lassen müssen. Wie die das ohne mich schaffen?"
"Die werden Dich bestimmt auch ganz enorm vermissen!" meinte ich.
"Wie lang seid ihr denn noch hier?" erkundigte Stella sich und reichte Romina einen vollen Teller.
"Noch vierzehn Tage." antwortete sie: "Sag mal, willst Du mich mästen? Das ist zuviel für mich!"
"Du kannst ruhig mal etwas zulegen!" widersprach Stella: "Sonst paßt Du nicht zu Nick ...!"
Ich verschränkte die Arme vor dem Körper. Mein Teller wirkte fast schon leer gegen ihren.
"Na gut." meinte Stella augenzwinkernd, und legte mir noch ein Salatblatt auf den Teller.
"Deine Frau macht sich sehr unbeliebt bei mir!" erklärte ich Peter.
"So ist sie halt!" schwächte er ab: "Was ist denn nun mit dem Ausflug zur Medicopter-Garage!"
"Ich möchte die gern einmal kennen lernen!" Romina nickte: "Nächstes Wochenende?"
"Gut!" stimmte ich zu: "... und wehe, daraus wird wieder ein Einsatz!"
"Du hast doch jetzt Übung, Nick," meinte Peter, "und durch Stella's Essen strotzt Du nur so vor Kraft ...!"
Copyright 2004: Christian