Abenteuer in Afrika

Meine Geschichte ist eine Weiterführung der Storys "Indigo" und "Eine Überraschung nach der anderen" (falls sich jemand für die Vorgeschichte interessiert).

Jens hat in Sabrina eine außergewöhnliche Freundin gefunden mit der er sehr glücklich ist, die aber durch ihren Beruf viel Aufregung in sein Leben bringt.

Mit ihrer Hilfe konnten Michael und Dirk aus Amerika zurück kommen. Michael hat Karin einen Heiratsantrag gemacht und sie ist inzwischen schwanger.

Gina ist mit Mark verheiratet. Am Heiligen Abend hat sie ihn überrascht und ihm eröffnet, dass er Vater von Zwillingen wird.

Seit Michaels Rückkehr gibt es auf der Basis 3 Teams da Ralf zurückgekehrt ist. Thomas ist nicht verunglückt und inzwischen mit Biggi verheiratet die ihren gemeinsamen Sohn, Florian, zur Welt gebracht hat.

Team 1

Thomas Wächter (Pilot), Dr. Mark Harland (Arzt) und Peter Berger (Sani)

Team 2

Gina Harland (Pilotin), Dr. Karin Thaler (Ärztin) und Enrico Contini (Sani)

Team 3

Jens Köster (Pilot), Dr. Michael Lüdwitz (Arzt) und Ralf Staller (Sani)

Hauptpersonen: Gina und Mark Harland, Sabrina Wagner, Jens Köster

Weitere Personen: Biggi Wächter, Lisa, Laura und Florian Wächter, Stella und Oliver Berger, Sabrinas Leute: Pierre, Mathieux und Siegfried, Senator Ben Foster mit Familie.

 

Gina stand auf der Veranda des Hotels, stützte sich auf das Geländer und blickte über die Steppenlandschaft in die untergehende Sonne.

"Na wie geht es meinen dreien heute Abend? War der Tag nicht zu anstrengend für euch?" fragte Mark und stellte zwei Gläser Limonade auf einem kleine Tisch ab. Zärtlich nahm er sie von hinten in die Arme und strich über ihren Bauch der langsam immer dicker wurde.

"Wir fühlen uns pudelwohl. Es ist angenehm warm und eine faszinierend schöne Landschaft. Sieh dir nur die herrlichen Farben vom Sonnenuntergang an", schwärmte Gina. "Ich bin froh, dass ich dich überreden konnte mit mir hier her in Urlaub zu fliegen."

"Hundertprozentig wohl ist mir immer noch nicht dabei. Du bist im 5. Monat schwanger und wir bekommen Zwillinge."

"Dafür bist du Arzt und bislang ist die Schwangerschaft ohne Komplikationen und Probleme verlaufen. Ich bin erst Anfang des 5. Monats. Selbst der Frauenarzt hat gesagt er hat keine Bedenken und wenn Urlaub, dann jetzt. Also lass uns die Zeit hier genießen. Zu zweit und in Ruhe werden wir so schnell keinen Urlaub mehr verbringen können, bald haben wir jede Menge Leben um uns herum."

"Gegen den Urlaub spricht überhaupt nichts, aber musste es heute ein Rundflug über die Steppe sein? Musstest du unbedingt selbst fliegen? Und ab morgen noch eine Woche Safari mit Übernachtungen in der Wildnis?"

"Was soll das? Willst du mit mir streiten? Ich bin Pilotin und liebe das Fliegen über alles! Hat es dir nicht gefallen?"

"Ich will mich nicht mit dir streiten, ich mache mir nur Sorgen um euch drei."

"Hör bitte auf damit. Eine werdende Mutter weiß was ihr gut tut. Glaub mir, wenn ich mich nicht gut fühle bist du der Erste der es erfährt", lachte Gina.

"O.K. ich verlass mich drauf. Ich bin nur noch nie Vater geworden und als Arzt sieht man das noch ein wenig anders."

"Weißt du eigentlich, dass du unheimlich süß bist wenn du dich aufregst?"

Gina drehte sich grinsend um und erstickte jede weitere Bemerkung mit einem langen innigen Kuß.

Am nächsten Morgen starteten die kleine Reisegruppe mit 5 Fahrzeugen in den Nationalpark. Mit dabei waren ein Senator aus Amerika mit Frau, zwei Kindern, seinen zwei persönlichen Sicherheitsbeamten, zwei weitere junge Ehepaare sowie ein einheimischer Reiseführer und 4 Einheimische die für den Zeltaufbau und die Verpflegung zuständig waren. Sie verstanden sich auf Anhieb recht gut, lediglich der Senator mit seinen gehobenen Ansprüchen und seinen Angebereien stieß nicht immer auf Gegenliebe in der Gruppe. Am ersten Abend in der Wildnis führte das dann auch zu einem kleinen Zwischenfall.

"Herrgott Ben, nun halt endlich mal den Mund. Wir sind hier in der Wildnis, die Leute bemühen sich wirklich und es fehlt uns an nichts. Warum können wir nicht einmal Urlaub machen ohne dass du ständig überall rummeckerst und aneckst? Wenn du nicht damit aufhörst gehe ich das nächste Mal mit den Kindern alleine in Urlaub. Zuhause kannst du dich wieder in deinem Luxus suhlen und auf deine Privilegien pochen aber hier musst du darauf versichten. Und wenn du es mal versuchst wirst du feststellen, dass es gar nicht so schlecht ist das nicht zu haben." Wütend, mit Tränen in den Augen drehte sich Carry Foster um und lies ihren Mann stehen.

Da die Auseinandersetzung in einer erheblichen Lautstärke geführt wurde und fast jeder englisch verstand hatten es alle mit angehört. Ben Foster holte tief Luft und verschwand im Zelt weil er die Augen aller auf sich spürte. Shelly und Ryan liefen ihrer Mutter hinterher um sie zu trösten.

"Das hat hoffentlich gesessen", sagte Gina zu Mark.

"Vielleicht wird es nun ein bisschen besser, er ist schon ein wenig nervig. Eigentlich müsste man wissen auf was man sich einlässt wenn man auf Safari geht", antwortete Mark.

"Komm lass uns in unser Zelt gehen. Was machst du eigentlich wenn heute Nacht ein Löwe kommt und um unser Zelt schleicht?" fragte Gina schlemisch.

"Ich zeige auf dich und sage ihm du bist die bessere Beute, ihr seid zu dritt", grinste Mark.

"Oh, du bist ....." Gina stürzte sich auf Mark. Sie rangelten miteinander, lachten und küssten sich.

"Ich liebe dich und bin sehr glücklich mit dir. Und unsere kleinen Kabbeleien machen es nur noch interessanter."

"Es ist schön hier mit dir zu sein. Was wohl die anderen jetzt Zuhause machen?" überlegte Gina.

"Da wir Mitte Februar haben werden sie mit Sicherheit viel Schnee haben und es wird ordentlich kalt sein. Bevor wir abgeflogen haben sie eine große Schlechtwetterfront angesagt."

"Ob es Karin langsam besser geht?" Nachdenklich strich Gina mit der Hand über ihren Bauch.

"Sie ist inzwischen bereits im dritten Monat und die Schwangerschaftsübelkeit

hat nachgelassen. Michael hat richtig mitgelitten. Nun werden wir uns bald an neuen Kollegen gewöhnen müssen", antwortete Mark.

"Was mich aber total überrascht hat ist, dass Ebelsieder so kurzfristig versetzt worden ist."

"Der Zwischenfall mit der Lawine wo wir geblieben sind um zu helfen und die Ereignisse im letzten Jahr mit Michael und Jens ..... Irgendwie hatte ich das Gefühl das da immer eine gewisse Spannung zwischen Ebelsieder und Sabrina war. Und als er dann bei höherer Stelle Beschwerde eingereicht hat, hat er, warum auch immer, offensichtlich den Kürzeren gezogen. Sie scheint viele Freunde zu haben und genau genommen bin ich froh, das er weg ist. Michael soll die Basis jetzt kommissarisch leiten bis ein Nachfolger gefunden ist. Ich hoffe er schafft das, aber er hat ihn früher schon vertreten, vielleicht sollte er das generell übernehmen", grübelte Mark und runzelte die Stirn.

"Ich weiß nicht, es ist doch eine Menge Arbeit und schließlich wird er auch bald Vater. Wir sind jetzt zwar 3 Teams und es ist einiges einfacher geworden, aber ich denke es ist besser wenn wieder jemand kommt. Nun lass uns den Urlaub genießen, an den Job möchte ich in den nächsten Tagen nicht denken. Wollen wir noch einen kleinen Spaziergang machen?" fragte Gina.

Mark nahm Gina in den Arm und sie schlenderten in die Abendsonne.

Am späten Nachmittag des nächsten Tages wurde der Konvoi durch einen Unfall eines alten Lastwagens vor einer Senke gestoppt.

Mark und die anderen Männer sprangen sofort aus dem Auto und wollten helfen. Plötzlich waren sie von zahlreichen Einheimischen mit Waffen umgeben. Die Frauen und Kinder wurden festgehalten und mit Gewehren bedroht.

Besorgt wollte Mark zu Gina und rief: "Lassen sie bitte meine Frau los, sie ist schwanger."

Durch Marks Bewegung wurde der Mann neben ihm nervös. Er holte aus und traf ihn mit dem Gewehrkolben hart am Kopf. Vor seinen Augen wurde es schwarz und er sackte bewusstlos auf den Boden. Gina die den Vorfall beobachtet hatte, versuchte sich zu wehren, aber zwei Männer hielten sie brutal fest und banden ihr die Hände auf den Rücken. Anschließend wurden ihr die Augen verbunden, ein Knebel in den Mund gesteckt und die Füße wurden ihr eng zusammengebunden. Kräftige Hände hoben sie hoch und legten sie auf einen Lastwagen. Sie hatte schreckliche Angst, versuchte aber ruhig zu bleiben und alles um sie herum zu erfassen. Irgendwann fielen Schüsse und weitere Personen wurden auf den Wagen gelegt das konnte sie spüren und an den erstickten Rufen erkennen. Dann fuhr der Wagen los.

Langsam kehrte Marks Bewusstsein zurück. Schreckliche Kopfschmerzen plagten ihn und ihm war übel. Mühsam versuchte er sich durch den Nebel in seinem Kopf zu orientieren. Warum war es dunkel? Warum konnte er seine Hände und Füße nicht bewegen? Seine Handgelenke schmerzten. Das alles war so anstrengend, dass es sein Körper vorzog wieder in der Bewusstlosigkeit zu versinken.

Wie lange sie auf den holprigen Straßen unterwegs waren konnte Gina nicht sagen. Immer wieder versuchte sie sich zu beruhigen und an ihre Babys zu denken, ihre Ruhe war ihr Schutz. Als das Fahrzeug endlich anhielt kam es ihr wie eine Erlösung vor. Wieder wurde sie gepackt, ein kurzes Stück getragen und auf eine Pritsche gelegt. Es waren mehrere Personen und offensichtlich wurde noch jemand in den Raum gebracht. Innständig hoffte sie, dass es Mark war. Die Fesseln an ihren Händen wurden gelockert und eine Tür fiel ins Schloss. Die Stimmen entfernten sich. Nach einiger Zeit gelang es ihr die Hände zu befreien. Schnell nahm sie den Knebel und die Augenbinde ab und löste die Fesseln an den Füßen. Sie befand sich anscheinend in einer Hütte, durch das vergitterte Fenster fiel fahles Mondlicht. Auf einem Tisch stand eine brennende Kerze, ein Krug mit Wasser, eine Schüssel, Tücher und ein Verbandkasten. An der gegenüberliegenden Wand stand noch eine Pritsche auf der ein Mensch lag. Langsam durchquerte sie den Raum. Erleichtert erkannte sie im schwachen Schein der Kerze Mark. Sie löste seine Fesseln und Knebel und drehte ihn vorsichtig auf den Rücken. Über die Schläfe zog sich eine dicke blutige Schramme. Das Blut war inzwischen angetrocknet und eine kräftige Beule zeigte sich auch bereits. Sie fühlte nach seinem Puls und der Temperatur. Dann füllte sie etwas Wasser in die Schüssel und reinigte vorsichtig die Wunde. Nach einiger Zeit hatte sie sein Gesicht und die Wunde soweit gereinigt das sie einen Verband anlegen konnte.

"Mark, bitte wach auf", flüsterte sie und strich ihm zärtlich über die Wange.

Auf der einen Seite wünschte sie sich er würde endlich aufwachen, auf der anderen Seite war es vermutlich besser wenn er sich ausruhte. Der Beule nach zu urteilen war der Schlag sehr heftig gewesen den er erhalten hatte. Sie stand auf und holte sich einen Becher mit Wasser um ihren Durst zu stillen. Als sie mit dem feuchten Tuch wieder seine Stirn abtupfte bewegte er sich leicht.

"Mark?"

"Hmmmm, .... Gina?" langsam schlug er die Augen auf und blinzelte sie an.

"Gott sei Dank. Bleib ruhig liegen und beweg dich nicht so viel." Gina legte eine Hand an seine Wange und hielt mit der anderen seine Schulter fest.

"Was ist passiert?"

"Wir sind überfallen und verschleppt worden. Du hast einen Gewehrkolben an die Schläfe bekommen und warst ziemlich lange bewusstlos. Ich bin zwar kein Arzt, aber der Beule und Schramme nach zu urteilen tippe ich auf eine ordentliche Gehirnerschütterung."

"Deshalb die schrecklichen Kopfschmerzen. Was ist mit den anderen? Wo sind wir?" fragte Mark und hielt sich mit der Hand den Kopf.

"Keine Ahnung. Draußen ist es inzwischen dunkel. Wir sind in einer Hütte eingesperrt. Soweit ich das mitbekommen habe waren noch mehr Gefangene auf dem Lastwagen. Wer kann ich nicht sagen. Aber bevor wir losgefahren sind habe ich noch Schüsse gehört. Ich hatte schreckliche Angst. Wenigstens sind wir zwei zusammen."

"Wie geht es dir und den Zwillingen? Haben sie dir weh getan?" Mühsam setzte er sich hoch und nahm Gina in den Arm.

"Uns geht es gut, ich habe einfach versucht ruhig zu bleiben. Ich mache mir nur Sorgen was sie von uns wollen und was aus uns werden wird. Ganz abgesehen von den Vorwürfen die ich mir mache, wären wir nur Zuhause geblieben." Als sie so in seinen Armen lag löste sich die Anspannung ein wenig und sie lies ihren Tränen freien Lauf.

"Nun beruhige dich wieder, ich bin ja bei dir. Wenn sie uns töten wollten, dann hätten sie sich nicht die Mühe gemacht uns hierher zu bringen. Wir werden es sicher bald erfahren. Auf jeden Fall sollten wir versuchen uns auszuruhen und zu schlafen." Die Worte fielen ihm schwer weil er sich selbst große Sorgen machte aber sie gaben Gina vielleicht ein wenig Hoffnung.

"Guten Morgen meine Liebe", sagte Mark als er merkte, dass Gina wach wurde.

Er saß schon einige Zeit bei ihr und betrachtete sie. Sie war stark und tapfer gewesen am vergangenen Tag und in der Nacht und hatte mit überraschend viel Ruhe reagiert.

"Konntest du einigermaßen gut schlafen? Lass mich nach unserem Nachwuchs sehen." Vorsichtig tastete er Ginas Bauch ab und stellte zu seiner Beruhigung fest, dass alles in Ordnung war.

"Die Liege ist ein wenig hart, aber es ging. Wie geht es dir?"

"Nur noch leichte Kopfschmerzen, ansonsten ganz gut."

In diesem Moment hörten sie ein Geräusch an der Tür und zwei Männer betraten den Raum. Einer hielt ein Gewehr im Anschlag der andere trug eine Schale mit Brotfladen und Früchten die er auf den Tisch stellte.

"Guten Morgen. Bleiben sie bitte sitzen, es wird ihnen nichts geschehen wenn sie mit uns zusammen arbeiten", sagte er.

"Sie sprechen deutsch? Was soll das Ganze hier?" fragte Mark überrascht.

"Ich habe 12 Jahre in Deutschland gelebt und studiert. Wir wollen in unserem Heimatland einen Umsturz der Diktatur erreichen und haben mit einem Aufstand begonnen. Die Gräueltaten der Regierung haben ein Ausmaß angenommen das nicht mehr toleriert werden kann. Leider schenkt die internationale Staatengemeinschaft dem trotz vieler Hinweise keine Beachtung, das hat uns nun zum Handeln gezwungen. Ich möchte mich entschuldigen falls unsere Leute etwas grob mit ihnen umgegangen sind, es sind einfache Menschen. Ihre Entführung war nicht geplant, aber die radikalen Elemente gewinnen leider immer stärkeren Einfluss auf unsere Anführer um schneller unser Ziel zu erreichen. Ich konnte es leider nicht verhindern. Momentan kann ich nur dafür sorgen, dass es für sie hier einigermaßen erträglich ist. Sie sind Arzt und ihre Frau Pilotin, wir hoffen auf ihre Kooperation und Unterstützung. Sobald sich die Lage etwas gebessert hat lassen wir sie wieder frei. Meine Frau und mein Sohn werden ihnen bringen was sie benötigen, soweit wir es zur Verfügung haben. Mein Name ist Jusuf", erklärte er in einem relativ guten deutsch.

"Was ist mit den anderen Mitgliedern unserer Safari? Ist jemand verletzt, meine Frau hat Schüsse gehört", fragte Mark.

"Den Senator und seine Familie haben wir ebenfalls mitgenommen. Vielleicht können wir durch sie die Aufmerksamkeit der Welt wecken und die Amerikaner dazu bewegen uns zu unterstützen anstatt die Regierung. Leider wurde der Bodygard bei einem Handgemenge erschossen, das war nicht beabsichtigt. Die anderen wurden gefesselt und zurückgelassen, sie dürften sich inzwischen befreit haben und auf dem Rückweg sein. Sie werden eine Nachricht überbringen. Herr Harland ich wollte sie bitten mit mir zum Senator zu gehen und anschließend nach einigen unserer Leute zu sehen. Wenn sie uns keine Schwierigkeiten machen wird ihnen nichts passieren", sagte er nochmals eindringlich.

Mark sah Gina an. "Das hört sich doch recht gut an. Ich werde mit gehen, es ist das Vernünftigste was wir tun können. Bleib ruhig und versuche etwas zu essen."

"Gut, das glaube ich auch. Ich habe tatsächlich Hunger", antwortete Gina.

"Danke. Meine Frau kommt gleich und bringt ihnen noch einige Dinge um es ihnen hier etwas bequemer zu machen." Erleichtert drehte sich Jusuf um und gab einige Anweisungen.

Mark drückte Gina an sich und flüsterte: "Es wird alles gut, ich glaube daran."

Gegen Abend kam Mark zurück und fand Gina vor der Hütte sitzend mit der Hand auf ihrem Bauch. Nicht weit entfernt im Schatten einer anderen Hütte lehnte ein Mann mit einem Gewehr.

"Gina, alles in Ordnung?" rief er sofort alarmiert und rannte fast zu ihr.

"Ja, es geht uns gut. Was hast du so lange gemacht?"

Mark kniete sich zu ihr, nahm sie in den Arm und legte seine Hand auf ihren Bauch, er wollte sich selbst überzeugen.

"Zuerst sind wir zum Senator und seiner Familie gegangen. Sie werden in einer Höhle am Rande der Berge festgehalten. Der Senator hat durch die Aufregung Probleme mit seinem Herzen bekommen, war aber schon wieder soweit fit um sich lautstark zu beschweren. Meiner Meinung nach sollte er etwas ruhiger werden, das habe ich ihm auch gesagt. Er ist nicht in der Position um Forderungen zu stellen. Seiner Frau und den Kindern sind seine ständigen Meckereien offensichtlich lästig und unverständlich, sie tun mir fast ein wenig leid. Anschließend habe ich noch bei drei Einheimischen Verletzungen notdürftig versorgt, es fehlt an Medikamenten und Verbandzeug. Hier im Dorf scheint nur ein kleiner Teil der Aufständischen zu sein, die meisten sind in den nahegelegenen Bergen. Und wie war dein Tag?"

"Jusufs Frau Kadscha war hier, sie hat uns noch einige Möbelstücke, Decken und Kissen gebracht. Jetzt ist es fast gemütlich in der Hütte. Ich konnte mich relativ frei im Dorf bewegen, habe lediglich einen Leibwächter. Mit Kadscha habe ich mich lange unterhalten, sie ist sehr nett und gebildet. Sie hat ebenfalls lange in Deutschland gelebt. Die Militärdiktatur hier im Land hat alles total abgeschottet, es herrschen Korruption und Grausamkeiten ohne Ende. Wenige haben viel Geld und Macht, der Rest der Bevölkerung hungert und leidet unter der Willkür der Machthaber. Sie versuchen eine Revolution ohne viel Gewalt, aber die Militärs setzen all ihre Waffen ein und haben schon viele getötet. Vor allem Frauen und Kinder sind besonders betroffen."

"Das deckt sich mit dem was ich von Jusuf erfahren habe. Das Schlimme daran ist, dass das Land total abgeschottet ist und fast keine Nachrichten nach draußen dringen. Die Regierung leistet ganze Arbeit", sagte Mark und stand auf. "Ich habe Hunger und Durst, haben wir etwas zu essen? Außerdem bin ich müde und habe wieder stärkere Kopfschmerzen."

"Kadscha hat uns recht gut versorgt, vor allem mit Nahrungsmitteln und Wasser. Sie behandeln uns relativ gut", antwortete Gina und ging mit ihm in die Hütte.

Am nächsten Morgen wurden sie von Jusuf geweckt.

"Wir brauchen sie heute beide, kommen sie bitte mit", sagte er.

"Kann meine Frau nicht hier bleiben, in ihrem Zustand?" fragte Mark vorsichtig, er wollte Aufregungen für sie vermeiden.

"Sie ist Pilotin und soll uns zu einem abgestürzten Flugzeug bringen. Einer unserer Piloten wurde letzte Nacht von Soldaten angeschossen und ist kurz darauf gestorben. Die Absturzstelle ist gesichert, es besteht vorerst keine Gefahr. Es ist sehr wichtig für uns, bitte", versuchte Jusuf Mark zu beruhigen.

"Es geht schon Mark", meinte Gina.

Nach einem kurzen Fußmarsch in Richtung Berge erreichten sie ein Versteck in dem zwei kleine zivile Helikopter standen. Sie wurden bereits erwartet und starteten gleich nachdem sich Gina mit dem Hubschrauber vertraut gemacht hatte. Der Flug dauerte eine knappe halbe Stunde bis sie die Absturzstelle erreicht hatten.

"Kommen sie bitte mit", sagte Jusuf an Mark gewand. Zu Gina sagte er: "Bleiben sie hier, wir werden uns beeilen."

Gemeinsam mit einigen anderen gingen Mark und Jusuf zum Flugzeug. Soweit die Kennzeichnung noch sichtbar war handelte es sich um eine Maschine er UN. Zu seinem Bedauern konnte Mark bei den beiden Piloten nur noch den Tod feststellen. Im Frachtraum des Flugzeuges fanden sie allerdings eine große Anzahl mit Kisten die Verbandmaterial, zahlreiche Medikamente und andere Hilfsgüter enthielten.

Mit knappen Anweisungen teilte Jusuf die Leute zum Abtransport der Kisten ein die sofort in die beiden Helikopter und auf Lasttiere verladen wurden.

"Was ist passiert?" fragte Mark.

"Die Maschine war auf dem Weg in die Hauptstadt des Nachbarlandes um ein Lazarettschiff mit neuen Medikamenten und Verbandmaterial zu versorgen. Dort ist es vor zwei Wochen aufgrund unerwartet heftiger Regenfälle zu starken Überschwemmungen und Erdrutschen gekommen. Die Regierung ist demokratisch und offen und hat sofort die UN und das Rote Kreuz um Hilfe gebeten. Leider ist sie vom Kurs abgekommen und wurde von unseren Militärs abgeschossen. Sie sehen in allem und jedem einen potentiellen Feind. Es wird nicht lange dauern und sie werden hier sein. Wir haben die Maschine zu unserem Glück etwas schneller gefunden. Ich bedauere nur den Tod der Piloten, zumal es Mitarbeiter der UN waren die eigentlich nur helfen wollten." Jusuf schüttelte resigniert den Kopf.

Von zwei seiner Leute erhielt er Zeichen und einen Zuruf.

"O.K. steigen sie bitte ein. Wir können wieder starten und die geborgenen Kisten in Sicherheit bringen, sie werden uns bei unserem Kampf gute Dienste leisten."

Gina startete den Helikopter und sie flogen zurück.

Schweigend wurden die Kisten am Landeplatz entladen. Alle wirkten bedrückt, es hatte wieder unschuldige Tote gegeben.

"Mark würden sie noch einmal nach unseren Verletzten sehen? Die Versorgung dürfte nun etwas leichter fallen."

"Ja. Was ist mit meiner Frau?" fragte er.

"Kann ich hier im Schatten des Baumes bleiben bis alles erledigt ist? Ich möchte mich etwas ausruhen."

"Fühlst du dich nicht gut?" fragte Mark sofort.

"Es ist alles in Ordnung, geh ruhig. Ich will mich nur ein wenig ausruhen und auf dich warten wenn das möglich ist", versuchte Gina ihn zu beruhigen.

"Ich lasse ihnen zur Sicherheit einen meiner Männer da", sagte Jusuf und ging mit Mark in Richtung Berge.

Gina setzte sich unter den Baum und lies ihren Blick über die Landschaft gleiten.

Warme Brauntöne bestimmten die Farben in der relativ kargen und doch reizvollen Ebene. Kleinere Baumgruppen und Büsche lockerten das Bild immer wieder auf. Je länger sie in die Ebene blickte desto mehr Einzelheiten konnte sie erkennen unter anderem mehrere Tierherden. Eigentlich war es sehr schön, aber so richtig genießen konnte sie das Ganze nicht. Zu viel hatten sie in den letzten Tagen gehört und gesehen. Sie dachte nach, welcher Tag war heute? Es musste Samstag sein, Karin würde heute ihren Geburtstag feiern. Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und sie schrak aus ihren Gedanken hoch.

"An was hast du gerade gedacht?" fragte Mark und setzte sich zu ihr.

"Wie schön es hier eigentlich ist und was wir alles erfahren haben. Ist heute nicht Samstag? Karins Geburtstag? Ich kann sie nicht mal anrufen und gratulieren", antwortete Gina traurig.

"Vielleicht können wir das bald nachholen, man soll die Hoffnung nie aufgeben. So wie es hier im Moment läuft hoffe ich, dass sie uns nicht allzu lange fest halten.", sagte Mark und reichte ihr die Hand um ihr beim Aufstehen zu helfen.

Zur gleichen Zeit viele tausend Kilometer entfernt

Jens klopfte an die Terrassentür der Wohnung von Michael und Karin.

"Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Gesundheit und alles Gute für euch Beide", sagte Jens umarmte Karin, gab ihr einen Kuss auf die Wange und überreichte ihr einen riesigen Blumenstrauß.

"Danke, der ist ja wunderschön. Hoffentlich habe ich eine Vase dafür", antwortete sie lachend.

"Es ist zwar noch nicht die offizielle Kaffeezeit, aber ich dachte ich frage mal ob ich schon eine Tasse kriegen kann."

"Jederzeit, gerne!" Karin drehte sich um und ging in die Küche um ihm eine Tasse einzuschenken.

"Hier Jens, ganz frisch und heiß."

"Danke, du bist mein Lebensretter", meinte Jens neckisch.

"Ist Sabrina schon zurück?"

"Ja, sie kam kurz nach mir. Hat noch geduscht, ist ins Bett gefallen und schläft seitdem. Sie hat furchtbar ausgesehen als sie ankam heute morgen. Das Duschen hat es auch nicht viel besser gemacht. Sie war total erschöpft, fertig und wollte nicht reden."

"Wer sieht furchtbar aus?" fragte Michael der gerade aufgestanden war. Er hatte sich wie Jens nach der anstrengenden Nachtschicht am Morgen zum Schlafen hingelegt.

"Du, nach der Nachtschicht!" grinste Karin. "Soll einer von uns nach ihr sehen?"

"Ihr kennt sie doch inzwischen, Schlafen hilft ihr. Sie kommt bestimmt bald runter."

Kurze Zeit später klopfte Sabrina an die Tür und Michael öffnete ihr.

"Schön das du es geschafft hast", sagte er und sah sie an. Blass war sie, mit eingefallenen Wangen und wirkte stark mitgenommen. Er legte seine Hand unter ihr Kinn und sah ihr tief in die Augen.

"Du siehst nicht gut aus", meinte er.

"Wenn ich so aussehe wie ich mich fühle kannst du ruhig deutlicher werden, sag einfach beschissen, das trifft es glaube ich ziemlich genau", grinste sie und wich ihm aus. "Jetzt möchte ich aber erst dem Geburtstagskind gratulieren." Sie ging auf Karin zu und umarmte sie herzlich. "Ich wünsche dir alles Gute und das alle deine Wünsche in Erfüllung gehen. Das Geschenk ist für euch Beide, ich hoffe es tut euch gut und hilft euch."

Karin nahm das Geschenk betrachtete es und stellte es auf die Kommode.

"Ist es das wofür ich es halte?"

Sabrina nickte.

"Du bist verrückt! Herzlichen Dank."

"Und warum packst du es nicht aus?" fragte Michael neugierig.

"Das hebe ich mir für später auf, dafür brauche ich Ruhe", antwortete Karin.

Jens war inzwischen in die Küche gegangen um eine Tasse Kaffee für Sabrina zu holen. Mit einem dankbaren Blick nahm sie die Tasse an.

"War es sehr anstrengend? Du siehst auf jeden Fall ziemlich mitgenommen aus und abgenommen hat du auch ganz ordentlich. Wir werden dich erst mal richtig aufpäppeln müssen." Jens legte einen Arm um ihre Schulter.

"Wir waren zehn Tage im Erdbebengebiet in Afghanistan. Am schlimmsten betroffen sind die unzugänglichen Bergregionen. Am Anfang haben wir wenigstens noch Überlebende gefunden, nach dem fünften Tag nur noch Tote. Die Menschen wurden Nachts im Schlaf überrascht. Ihre Häuser sind so einfach gebaut, sie sind in sich zusammengestürzt. Es waren viele Frauen und Kinder, ein Grossteil der Männer ist im Bürgerkrieg. Wir haben kaum geschlafen und Appetit hatte ich irgendwie keinen. Die Kälte zu dieser Jahreszeit in den unwegsamen Bergen und der Schnee haben es nicht leichter gemacht. Ich kann dir nicht sagen wie viel Flugstunden ich hinter mir habe und wenn ich nicht geflogen bin, haben wir Trümmer weggeräumt. Norbert ist mit einem Teil meiner Leute heute morgen gleich nach dem Verladen der Hilfsgüter runter geflogen. Sie werden beim Aufbau der Zeltlager und Notunterkünfte helfen. In 10 Tagen wollen wir sie dann wieder ablösen, es gibt noch viel Arbeit."

In diesem Moment klingelte es und der Rest der Gäste traf ein. Thomas mit Biggi, Lisa, Laura und Florian, sowie Peter mit Stella und Oliver und Ralf mit seiner neuen Freundin, selbst Enrico fehlte nicht.

"Hallo kleiner Mann, du entwickelst dich prächtig. Und demnächst bekommst du reichlich Gesellschaft, da könnt ihr gleich einen Hort aufmachen. Kann ich ihn dir abnehmen?" fragte Sabrina Biggi und begrüßte den kleinen Florian ganz besonders.

"Klar doch. Bei dir ist der Räuber sowieso am friedlichsten", meinte Biggi.

"Na wenn wir jetzt endlich komplett sind, dann kann ich das Kuchenbuffet eröffnen", sagte Karin und deutete einladend auf den gedeckten Tisch.

Es wurde ein lustiger und lauter Nachmittag.

Irgendwann zog sich Sabrina zurück und sagte zu Jens: "Ich leg mich noch ein wenig hin. Weck mich bitte vor dem Abendessen und entschuldige mich, falls mich jemand vermissen sollte."

Niemand außer Michael bemerkte ihr Verschwinden. Fragend sah er Jens an.

"Sie hat sich noch mal hingelegt, ich soll sie zum Abendessen wecken."

Michael nickte. "Ich übernehme das nachher, dann kann ich sie mir etwas genauer ansehen."

"Danke Michael. Du glaubst nicht wie froh ich bin euch in der Nähe zu haben", etwas erleichtert setzte er sich zu den anderen. Karin und Michael waren gute Freunde geworden und hatten ein wachsames Auge auf Sabrina.

Kurz bevor Karin das Abendessen fertig hatte ging Michael nach oben um Sabrina zu wecken. Leise setzte er sich auf die Bettkante und betrachtete sie. Ihre Hände waren rau, ausgetrocknet und zahlreiche Kratzer und Schürfwunden zeichneten sich ab. Das sonst so strahlende Gesicht war blass und eingefallen. Die Strapazen hatten sich tief eingegraben. Mit einer Hand fasste er nach ihrer Hand um nach dem Puls zu fühlen, mit der anderen Hand berührte er ihre Wange.

"Sabrina, wach auf", sagte er leise.

"Hallo Michael, das kannst nur du sein. Ist es schon soweit?" fragte sie ohne die Augen zu öffnen.

"Mach langsam! Ich möchte nicht, dass du zusammenbrichst. Du bist in den letzten Tagen mal wieder über deine Grenzen gegangen und außerdem hast du ziemlich stark abgenommen. Habe ich recht?

"Ja. Ich konnte aber nicht anders, bei all dem Elend und den vielen Verletzten, da musste ich helfen wo ich konnte. Außerdem hat mir meine Colitis seit langem mal wieder etwas Probleme gemacht, deshalb habe ich recht wenig gegessen. Aber meine Medikamente wirken und es wird langsam wieder besser", antwortete sie und öffnete die Augen.

"Wenn ich dich so ansehe, dann glaube ich es ist besser wenn ich dir etwas zum Aufbau und zur Stärkung spritze. Anschließend werde ich mir deinen Bauch mal ansehen, einverstanden?"

"Tu was du nicht lassen kannst, sonst habe ich ja doch keine Ruhe vor dir."

Michael ging an den Schrank wo für Notfälle einige Medikamente für sie bereit lagen und griff nach dem benötigten.

"Hilf mir ein bisschen, du kennst das. Ich bin besonders vorsichtig."

Er nahm ihren Arm, band ihn ab und setzte die Kanüle. Während er das Medikament spritzte sagte er: "Heute ganz ohne Gegenwehr, das bin ich gar nicht von dir gewöhnt. Was ist los?"

Als er fertig war entfernte er die Kanüle und drückte einen Tupfer auf die Einstichstelle.

"Ich bin einfach zu fertig. Außerdem kennen wir uns bereits einige Zeit und ich weiß, dass ich dir vertrauen kann und du nur tust was nötig ist. Danke, dass du dich um mich kümmerst."

Michael tastete behutsam ihren Bauch ab und beobachtete ihre Reaktionen. Mehrfach zuckte sie leicht zusammen. Aber langsam kehrte etwas Farbe in ihre Wangen zurück.

"Es ist das Geringste was ich für dich tun kann. Außerdem hast du schon weitaus mehr für uns getan. Du scheinst eine abklingende Darmentzündung zu haben. Definitiv sagen könnte man das nach einer Darmspiegelung. Fühlst du dich etwas besser? Das Essen dürfte fertig sein und wird dir sicher gut tun, ich rate dir zu leichteren Dingen. Nimm meine Hand und komm langsam hoch", sagte er während er ihr die Hand reichte.

Gemeinsam gingen sie zurück zur Geburtstagsfeier. Bevor Sabrina ihre Wohnung verlies griff sie noch nach dem Schlüssel und ihrem Peeper.

Das erste mal seit Tagen genoss sie wieder eine warme Mahlzeit und aß mit großem Appetit ohne das ihr übel wurde. Michael stellte fest, dass sie im Laufe des Abends etwas besser aussah. Kurz vor dem Nachtisch meldete sich ihr Peeper. Stirnrunzelnd blickte sie auf die Telefonnummer.

"Karin heb mir bitte etwas davon auf, es sieht köstlich aus und riecht herrlich. Ich muss kurz telefonieren und komme bald wieder", sagte Sabrina.

Aus dem "kurz" wurden über zwei Stunden. Peter und Thomas waren inzwischen mit ihren Kindern nach Hause gegangen. Jens sah auf die Uhr es war bereits 22 Uhr, sie hatten nicht bemerkt wie die Zeit vergangen war.

"Da muss etwas passiert sein, sonst würde sie nicht so lange weg bleiben. Ich werde mal nach ihr sehen", murmelte er sorgenvoll.

Da hörten sie Schritte auf der Terrassentreppe und Sabrina stand vor der Tür.

Sie sah wieder blass und schrecklich aus, Entsetzen stand ihr im Gesicht.

"Meine Güte Sabrina was ist denn los?" Jens war sofort bei ihr.

Sie setzte sich in den nächsten Sessel und fuhr mit den Händen verzweifelt durch die Haare.

"Oh Gott, ich weiß nicht wie ich euch das sagen soll. Ich habe eine schlechte Nachricht. Mark und Gina sind in Afrika auf ihrer Safari von Aufständischen entführt worden. Ich habe eben mit dem Generalsekretär der UN gesprochen. Auch ein Senator mit seiner Familie wurde entführt."

"Ist das sicher? Sind sie noch am Leben?" fragte Karin entsetzt.

"Es ist sicher, man hat ihre Ausweise zurück gelassen. Die Rebellen wollten mit dieser Aktion auf die Situation unter der Militärdiktatur in ihrem Land aufmerksam machen. Es gibt lediglich eine Forderung an die USA um Unterstützung im Kampf gegen die Militärs. Über Mark und Gina wird in der Botschaft nichts gesagt. Bis jetzt leben sie noch, da Mark Arzt ist und Gina Pilotin vermute ich, dass sie die beiden brauchen und ihnen nichts antun werden. Die restlichen Urlauber wurden gefesselt mit zwei Fahrzeugen zurückgelassen und konnten sich nach einiger Zeit befreien. Lediglich der Bodyguard des Senators ist tot, laut Aussagen der Urlauber hat er sich heftig gewehrt und im Handgemenge ist der Schuss los gegangen. Sie haben die Behörden verständigt und eine Botschaft überbracht."

Betretenes Schweigen trat ein und auf den Gesichtern spiegelte sich tiefe Sorge wieder.

"Weiß man etwas näheres über den Aufenthaltsort? Das Urlaubsland galt doch als sicher, ich versteh das nicht", fragte Karin.

"Die Rebellion ist im Nachbarstaat ausgebrochen der normalerweise durch die Militärdiktatur von der Außenwelt abgeschottet ist. Sie wurden über die Grenze verschleppt."

"Kannst du irgendetwas unternehmen um sie da raus zu holen?" Jens sah sie bittend an.

"Ich habe zahlreiche Telefonate geführt und schon einige Hebel in Bewegung gesetzt. Unsere Leute arbeiten daran. Eine Schwierigkeit die sich aber schon herauskristallisiert ist die Regierung der USA. Es wurden bereits zwei Sonderkommandos der Navy-Seals in Bewegung gesetzt unter dem Befehl von Lieutenant Ward um den Senator zu befreien."

"Das hört sich doch gut an, die werden sicher Mark und Gina gleich mit befreien", meinte Ralf.

"Ist es absolut nicht. Sie haben nur den Befehl den Senator und seine Familie zu befreien. Außerdem kenne ich die Arbeitsweise von Lieutenant Ward, er liebt große und schnelle Auftritte. Es ist mit Sicherheit nicht sehr geschickt mit mehreren Apache-Hubschraubern aufzutauchen, ein Lager anzugreifen und mehrere Gefangene zu befreien. Wir gehen davon aus, dass sie an unterschiedlichen Orten untergebracht sind. Also wird er sich auf sein Hauptziel konzentrieren, der Rest ist ihm egal. Seine Aktionen laufen selten ohne Verletzte und Tote ab."

"Hast du denn gar keine Möglichkeiten?" fragte Jens noch einmal.

"Da meine Leute fast alle im Erdbebengebiet mit unseren Maschinen im Einsatz sind habe ich ein zusätzliches Problem. Aber es ist bereits ein UN Jet nach München unterwegs der mich und drei meiner Leute heute Nacht noch an den Zielort fliegt. Im Nachbarstaat liegt ein Lazarettschiff der UN von dem wir uns einen Helikopter ausleihen können. Genaue Orts und Zieldaten hoffe ich im Laufe der Nacht von unseren Leuten auf meiner Basis zu erhalten. Es bleibt nur die Hoffnung, dass wir schnell genug sind und Lieutenant Ward zuvor zu kommen. Vielleicht erreicht der Botschafter auch noch einen Aufschub für den Einsatz des Sonderkommandos, er wird mich hoffentlich bald zurück rufen." Während sie redete lief sie unruhig im Raum hin und her.

"Du bist nicht unbedingt in der Verfassung um einen solchen Einsatz durchzuziehen", sagte Michael besorgt. Er war aufgestanden und hielt sie an den Armen fest.

"Mach mir einen Alternativ-Vorschlag den ich akzeptieren kann und ich nehme ihn an. Wir haben keine andere Wahl, außerdem trifft es mich persönlich. Von unseren Gruppen steht derzeit niemand so kurzfristig zur Verfügung. Sie haben alle Aufträge oder sind in einem der vielen Katastrophengebieten. Bis Norbert aus Afghanistan zurück ist, kann es zu spät sein und wer mit mir zurück gekommen ist hat zumindest ein paar Stunden geschlafen und etwas gegessen. Wir können uns auf dem Flug noch ausruhen. Wenn allerdings Jens mitkommen könnte, wäre das sehr gut. Außer mir kann sonst keiner einen Heli fliegen bzw. hat Nachtflugerfahrung und ich brauche für den Einsatz dringend einen zweiten Piloten."

"Klar, auf jeden Fall. Ich denke Biggi wird sich freuen wenn sie mal wieder fliegen kann. Ein Babysitter findet sich bestimmt. Demnächst muss ich mich sowieso nach einem anderen Piloten umsehen und eine Ärztin werde ich auch bald brauchen. Soll ich mit oder kann ich dir noch jemanden mitgeben?"

"Nein, danke. Wir haben sowieso schon ein Gewichts- und Platzproblem. Der Heli ist eigentlich nur für einen Piloten und 7 Passagiere zugelassen. Wir fliegen mit 5 Leuten und wollen 4 Erwachsene und 2 Jugendliche raus holen. Es wird verdammt eng. Wenn wir einige Ausrüstungsgegenstände zurück lassen wird es gerade gehen. Außerdem weiß ich noch nicht wie weit wir ins Landesinnere müssen und wie viel Sprit wir brauchen."

Ausnahmsweise hatte Sabrina ein Handy dabei das in diesem Moment klingelte.

"Sabrina Wagner", sie lauschte. "Was, mehr nicht? Das wird verdammt knapp."

Sie trennte die Verbindung, schüttelte den Kopf, warf einen verzweifelten Blick an die Decke und murmelte einen stillen Fluch.

"Die Amerikaner geben uns 48 Stunden, dann sind sie im Zielgebiet und schlagen mit ihren Leuten los. Wie kann man nur so blind sein, das kann nicht gut gehen. Es wird den Konflikt nur noch mehr anstacheln", erklärte sie kurz.

"Nimm mich bitte mit Sabrina", sagte Ralf plötzlich und stand auf.

"Das macht keinen Sinn, wir haben im Heli keinen Platz mehr."

"Doch, macht es. Ich kann auf dem Schiff bleiben und sollte etwas passieren kann ich gleich helfen. Mark ist Arzt, wir haben schon zusammen gearbeitet und auf dem Schiff sind sicher auch Ärzte, aber niemand weiß über deine Eigenheiten so gut Bescheid wie Michael oder ich", antwortete Ralf hartnäckig.

"Das stimmt nicht, meine Leute kennen sich aus und haben alle eine Saniausbildung gemacht."

"Die Idee ist gar nicht so schlecht, es würde uns ein wenig beruhigen und er kann den Kontakt mit uns halten", stimmte Michael zu.

"O.K. dann pack ein paar Sachen zusammen wir müssen um 3 Uhr in München am Flughafen sein wenn wir den Zeitplan überhaupt irgendwie schaffen wollen." Resigniert hob Sabrina die Schultern.

"Bring sie uns bitte heil zurück und nimm deine Medikamente mit." Karin stand vor Sabrina und nahm sie in den Arm. Verstohlen wischte sie sich eine Träne weg.

"Wir tun was wir können", antwortete Sabrina mit einem kleinen Seufzer und ging zur Tür.

"Jens pass bitte auf sie auf und meldet euch sooft es geht", sagte Michael und versuchte ein optimistisches Gesicht zu machen.

Die Tür fiel ins Schloss, Stille kehrte ein.

"Mist, am liebsten wäre ich mit gegangen", zornig schlug Michael mit der Faust gegen die Wand.

"Was hätte das gebracht? Unter diesen Umständen ist es so die beste Lösung, so schwer es mir auch fällt das zu sagen. Irgendjemand muss auf der Basis bleiben", meinte Karin und umarmte ihn fest. Sie musste kämpfen um nicht in Tränen auszubrechen.

Um 3 Uhr saßen sie im Flugzeug und waren unterwegs nach Afrika.

Jens kannte lediglich Siegfried näher von ihrem Abendteuer in Südamerika. Pierre und Mathieux waren etwas jünger und er hatte sie nur einmal kurz auf ihrer Basis gesehen. Da alle noch erschöpft von ihrem Einsatz in Afghanistan waren suchte sich jeder einen Platz wo er ein wenig schlafen konnte. Selbst Sabrina rollte sich ohne Aufforderung auf einer Couch zusammen und schlief schnell ein.

Jens deckte sie zu und setzte sich zu ihr. Gedanken und Sorgen gingen ihm durch den Kopf. Seit er sie kannte häuften sich die Einsätze und sie war mehrfach verletzt worden. Warum gab es keine Ruhe für sie? Die Sache war wichtig, schließlich ging es um Mark und Gina, aber warum musste ausgerechnet wieder Sabrina in den Einsatz, sie war doch gerade erst zurück gekommen und das es ihr nicht gut ging war nicht zu übersehen. Er hoffte für sie, dass nach diesem Auftrag ein wenig Zeit zur Erholung für sie blieb. Wenigstens konnten alle schlafen da die UN nicht nur die Maschine sondern auch zwei Piloten zur Verfügung stellte. Ihre Gruppe war international anerkannt und erhielt vielfältige Unterstützung. Zum Glück konnten er und Ralf mitfliegen. Dadurch, dass Michael die Basis Vertretungsweise leitete, konnte er diese Entscheidung schnell und ohne Hindernisse treffen. Er beschloss sich ebenfalls hin zu legen.

Einige Stunden später landete die Maschine auf dem Fughafen der Hauptstadt.

Piloten und Maschine würden auf sie warten. Ein bereitstehender Helikopter der sie bereits erwartete brachte sie auf das Lazarettschiff.

"Hi, Sabrina. Es ist schön dich mal wieder zu sehen, ich freue mich wenn wir dich unterstützen können", begrüßte sie Kapitän Clark Anders.

"Danke Clark. Wenn es auch ein trauriger Anlass ist. Kannst du uns Quartiere und einen Konferenzraum zur Verfügung stellen?" fragte Sabrina und stellte ihre Leute kurz vor.

"Alles was du brauchst", antwortete Clark und führte sie nach unten.

"Ich warte noch auf Daten, ist schon etwas eingetroffen?"

"Hier, diese Quartiere könnt ihr beziehen. Wegen der Daten sehe ich gleich in der Funkzentrale nach. Wir treffen uns im Konferenzraum 3, der ist für euch reserviert", antwortete Clark und lief den Gang entlang.

"Verteilt euch und richtet euch ein. Wir treffen uns in einer viertel Stunde zur Besprechung und Datensichtung, der Raum ist schräg gegenüber." Sabrina deutete auf mehrere Türen und öffnete selbst eine davon.

"Kann ich zu dir mit rein?" fragte Jens.

"Warum nicht, allerdings gibt es hier keine Doppelbetten. Du musst dich nur zwischen oben und unten entscheiden. Wobei wir heute Nacht sowieso kein Bett sehen werden."

"Du willst es so schnell versuchen?"

"Was heißt wollen? Wir haben nur diese eine Nacht, bei Tag haben wir keine Chance. Morgen Abend sind unsere 48 Stunden bereits vorbei. Nach Mitternacht ist die beste Zeit und die Wahrscheinlichkeit am größten, dass alle schlafen. Ich hoffe die Daten geben uns genügend brauchbare Hinweise um es schnell und ohne Verletzte durchzuziehen. Wenn wir es schaffen sie ohne großes Aufsehen zu befreien hat die Revolution noch eine Chance. Ward würde mit einem direkten Angriff alles zu Nichte machen was dort begonnen wurde."

"Du weißt um die Hintergründe der Revolution und was in diesem Land vor sich geht?"

"Ja. Es sind zwar nur gelegentlich Berichte über die Zustände in diesem Land nach draußen gesickert, die Militärs haben ganze Arbeit geleistet, aber wir haben versucht mit unseren Möglichkeiten eine friedliche Revolution zu unterstützen. Das Problem ist nur, du kannst die Menschen nicht kontrollieren, wenn so etwas einmal in Gang gesetzt ist. Es gibt gemäßigte Menschen und aggressive die jetzt die Führung übernommen haben weil ihnen alles zu lange dauert. Sie haben das Ziel aus den Augen verloren und greifen zu Mitteln die nicht in Ordnung sind, wie die Entführung von Unbeteiligten."

"Warum unterstützt ihr eine Revolution?" Irritiert sah Jens sie an.

"Weil wir wissen was die Militärs in ihrem Land angerichtet haben und weil es Menschenrechte gibt. Es kann nicht sein, dass so viele Leiden und sterben damit einige Wenige in Saus und Braus leben, wie es hier der Fall ist. Es kann nicht der Sinn sein das wir darum wissen und einfach wegsehen. Kommst du?"

Sabrina verlies die Kabine und ging in den Konferenzraum. Als sie den Raum betraten wurden sie gleich von Clark begrüßt. Er stand vor Karten und Luftaufnahmen die an eine Wand geheftet waren.

"Das Datenmaterial auf das du gewartet hast ist eingetroffen. Vielleicht finden wir auch die Versorgungsmaschine die wir seit gestern vermissen."

"Ihr vermisst ein Flugzeug?"

"Ja, wir erwarten eine Maschine mit Medikamenten und Hilfsgütern. Sie sind einer Gewitterfront ausgewichen und wir haben den Kontakt verloren. Ich befürchte, sie ist abgestürzt. Dabei benötigen wir das Material so dringend, so langsam wird hier alles knapp", seufzte er.

Sabrina holte sich einen Kaffee der bereit stand und ging zu der Wand mit den Bildern. Schweigend studierte sie die Aufnahmen. Nach und nach kamen Siggi, Mathieux und Pierre herein.

"Hast du noch etwas von unseren Kontaktleuten gehört?" fragte sie Clark.

"Durch das gebirgige Gelände und den Aufstand ist das sehr schwierig. Das letzte Mal hatten wir vor einer Woche Kontakt. Das Lager der Hauptgruppe muss nach unseren Informationen in dieser Region liegen", antwortete Clark und zeigte auf eine Aufnahme. "Hier liegt ein größeres Dorf der Einheimischen und am Berghang sowie dem angrenzenden Tal haben wir verstärkte Bewegungen beobachtet."

"Hmmm, was meinst du Siggi?" Nachdenklich lehnte Sabrina am Tisch.

"Das deckt sich mit den Hinweisen die wir haben. Vom Gelände her könnten wir vielleicht von Hinten heran kommen." Seine Hand glitt über das Bild und deutete einen möglichen Weg an.

"Wie sieht es mit Unterstützung durch die hiesige Regierung aus?" fragte Sabrina.

"Das kannst du vergessen. Die haben die Grenzen dicht gemacht und halten sich raus. Sie haben Angst, dass die Militärs sie angreifen. In der derzeitigen Lage haben sie praktisch keine Kapazität Flüchtlinge aufzunehmen. Die Überschwemmungen haben großen Schaden angerichtet und erfordern enorme Anstrengungen."

"Dann müssen wir versuchen das Radar beider Seiten zu unterfliegen um Ärger zu vermeiden. Die zerklüftete Landschaft lässt das zu, dafür wird allerdings einen Umweg erforderlich. Jens traust du dir das zu bei Nacht? Ich werde dich dirigieren."

"Wenn du mir hilfst und das Wetter einigermaßen mitspielt müsste das klappen", versuchte Jens optimistisch zu sein.

"Welche Entfernung müssen wir überwinden und was für einen Helikopter haben wir zur Verfügung?" fragte er.

"Ich kann euch eine BK 117 geben", antwortete Clark.

"Gut, mit der kenne ich mich aus. Bleibt die Entfernung und der Sprit."

"Da wir das Radar unterfliegen und einen Umweg machen, müssen wir einige Kanister zusätzlich mitnehmen. Die Entfernung werde ich gleich durchrechnen. Nach der Landung können wir den Sprit umfüllen und die Kanister zurück lassen, wir brauchen den Platz. Außerdem werden wir einige Ausrüstungsgegenstände ausbauen, auf dem Rückweg haben wir durch die vielen Personen sonst Übergewicht", sagte Sabrina.

"Könnte klappen. Wir sollten uns alle durch die Bilder mit dem Gelände vertraut machen", meinte Siggi. "Wann willst du los?"

"Gegen 23 Uhr. Ich schätze wir werden ca. 2 Stunden Flugzeit haben. Nach der Landung müssen wir über den Berg und sowohl im Dorf als auch in dem Seitental nach unseren Zielpersonen suchen, das braucht Zeit. Es wäre gut wenn wir den Rückweg noch im Dunkeln antreten könnten."

"Einverstanden. Jens kommst du mit, wir sehen uns den Heli an und was wir ausbauen können." Siggi sah ihn auffordernd an und Jens folgte ihm.

"Kann ich mich irgendwie nützlich machen?" fragte Ralf der das ganze Gespräch schweigend verfolgt hatte und sich irgendwie nutzlos vor kam.

"Ja, du kannst eine Notfallausrüstung zusammenstellen. Wir müssen durch das steinige Gelände mit Verstauchungen rechnen. Ginas Zustand macht mir etwas Sorgen, hoffentlich schaden die Aufregungen ihr nicht. Über den Senator habe ich gelesen, das er schon des öfteren Herzprobleme hatte. Nicht auszuschließen sind Schussverletzungen. Sprich einen der Ärzte an damit er dir die erforderlichen Medikamente mitgibt. Schwere Geräte können wir nicht im Helikopter lassen, sie bringen zu viel Gewicht und benötigen Platz den wir nicht haben."

Jeder wusste was er zu tun hatte und packte an. Sabrina blieb allein im Konferenzraum zurück. Gründlich und lange studierte sie nochmals in Ruhe das gesamte Material um sicher zu stellen, dass sie nichts übersehen hatte.

Einige Zeit später streckte Siggi den Kopf zu Tür herein. "Alles erledigt!"

"Danke! Dann stärkt euch und ruht euch vor allem aus, die Nacht wird anstrengend werden."

"Du solltest dasselbe tun, sonst hältst du uns nicht durch", meinte Jens der den Raum betrat und sie von hinten in den Arm nahm.

"Gut, gehen wir anschließend zusammen was essen. Ich habe mir alles nochmals angesehen, damit wir uns heute Nacht nicht verfliegen und hoffentlich alles ohne Probleme durchziehen können. Du solltest dir die Flugroute und das Gelände ebenfalls gut einprägen."

"Warum? Ich habe doch dich, oder willst du nicht mitfliegen?" fragte Jens leicht irritiert.

"Doch, aber für alle Fälle. Ich gehe davon aus das alles klappt", drückte sich Sabrina vorsichtig aus.

"Du klingst sehr zuversichtlich und sicherst trotzdem jede Möglichkeit ab."

Jens ging zur Wand und studierte die Karten und Aufnahmen.

"Ich bin zuversichtlich, wir haben die Überraschung und die Nacht auf unserer Seite. Dadurch, dass wir sehr schnell reagiert haben, glaube ich nicht, dass sie bereits mit einer solchen Aktion rechnen, das ist unsere Vorteil."

"Sabrina ich habe euch zwei Notfalltaschen gerichtet. Es stehen allerdings nicht mehr alle Medikament zur Verfügung die erforderlich wären. Durch den offensichtlichen Verlust des Versorgungsflugzeuges sind sie knapp geworden", sagte Ralf der nun auch zurück kam.

"Danke Ralf. Wir müssen mit dem Auskommen was wir haben und hoffen, dass nichts passiert. Kommst du mit essen?" antwortete Sabrina.

"Klar, ich habe schon wieder Kohldampf."

Der Koch servierte ihnen eine hervorragende Mahlzeit. Jens freute sich darüber, dass vor allem Sabrina Appetit hatte.

"Woher kennst du Kapitän Clark?" fragte Jens.

"Während meiner Sani-Ausbildung habe ich eines meiner Praktika hier auf dem Schiff gemacht. Er war damals sehr froh darüber, dass ich einen Pilotenschein hatte, so konnte ich ihnen zweifach helfen. Und mir hat es in zwei Bereichen Übungsstunden verschafft", erklärte Sabrina.

"Sag mal was kannst du eigentlich nicht?" Ralf sah sie kopfschüttelnd an.

"Oh, da gibt es noch eine ganze Menge. Aber wir versuchen ständig zu lernen und uns weiterzubilden. Getreu dem Motto `Wer rastet der rostet´." Geheimnisvoll schmunzelnd erwiderte sie seinen Blick.

Nach einigen Stunden Schlaf standen sie alle gegen Abend wieder auf und bereiteten sich auf ihren Einsatz vor.

"Sabrina nimm mich doch bitte auch mit", bat Ralf noch einmal.

"Ralf, Sabrina hat recht. Auf dem Rückflug wird es verdammt eng und jede Person mehr bringt zusätzlich Gewicht was das Fliegen und manövrieren enorm erschwert. Es geht beim besten Willen nicht", unterstützte Jens sie.

"Sei einfach da, wenn wir zurück kommen, das hilft uns am meisten", sagte Sabrina.

Der Flug verlief ohne Zwischenfälle und nach etwas mehr als 2 Stunden landete Jens die Maschine am vorbestimmten Ort, einem kleinen Tal in den Bergen.

"Gut, jeder weiß was er zu tun hat. Jens füll bitte den Sprit um und warte hier auf uns. Wir versuchen uns zu beeilen. Sei wachsam und falls sich jemand nähert verschwindest du, wir brauchen dich und den Heli. Der Funkkontakt wird nur im Notfall benutzt, er könnte uns verraten. Sollte irgendetwas passieren fliegst du weg, wir werden eine Möglichkeit finden mit dir Kontakt aufzunehmen. Spätestens wenn Lieutenant Ward angreift um den Senator hier raus zu holen finden wir eine Möglichkeit zur Flucht. Als erstes holen wir Mark und Gina raus und schicken sie zu dir." Zärtlich nahm Sabrina Jens in den Arm und gab ihm einen Kuss. "Spiel bitte nicht den Helden! Ich brauche dich!"

"Versprochen! Pass auf dich auf, versprich du mir das", sagte Jens und blieb mit einem mulmigen Gefühl zurück. Viel lieber hätte er sie begleitet, aber es ging nicht, er verstand ihre Beweggründe.

Sabrina und ihre Männer stiegen den Berg hinauf, sondierten die Lage und schlichen auf der anderen Seite wieder den Hang hinunter. Die Verständigung lief hauptsächlich über Handzeichen. Hinter einer Gruppe Büsche am Ende des Dorfes trafen sie sich.

"Sabrina, vor der einen Hütte am Dorfrand steht ein Mann, ich vermute eine Wache", sagte Pierre.

"Ja, habe ich auch bemerkt. Kannst du ihn ausschalten?"

"Wird erledigt", erwiderte Pierre leise und schlich sich davon.

"Ich habe sonst nichts bemerkt. Sichert ihr trotzdem die Umgebung?" fragte Sabrina.

"O.K. Geh schon!" stimmte Siggi zu.

Sabrina sah wie der Wachposten in sich zusammensackte und aus dem Blickfeld gezogen wurde. Leise schlich sie zur Tür und öffnete den Riegel. Vorsichtig ging sie in die Hütte und blickte sich um. Zwei Personen schliefen auf Pritschen. Sie steuerte die Pritsche an die ihr am nächsten war. Im schwachen Licht das durch das Fenster fiel erkannte sie Mark. Mit Erleichterung kniete sie sich daneben. Mit einer Hand hielt sie ihm den Mund zu mit der anderen schüttelte sie ihn leicht und hielt ihn fest.

"Mark, wach auf!" sagte sie leise. "Nicht schreien, ich bin es Sabrina."

Mit einer Taschenlampe leuchtete sie kurz ihr Gesicht von unten an. Mark war sofort hellwach und gab ihr ein Zeichen der Zustimmung.

"Sabrina, was machst du hier? Gott bin ich froh dich zu sehen!" Mark setzte sich auf und reichte ihr die Hand.

"Ich mache meinen Job und will euch rausholen. Alles in Ordnung? Du hast eine ordentliche Schramme. Wie geht es Gina und den Zwillingen?"

Flüsternd verständigten sich die beiden.

"Sie haben uns gut behandelt. Die Schramme ist von einem Gerangel, war mein Fehler. Gina hält sich tapfer und es geht den dreien gut. Wie bist du so schnell hier her gekommen?"

"Sagen wir gute Informationen, ich erkläre euch das später. Hast du eine Ahnung wo der Botschafter ist?" fragte Sabrina.

"Ja, den halten sie in den Bergen in einer Höhle fest. Ich war bei ihm weil er über Herzprobleme geklagt hat."

"Kannst du mir den Weg beschreiben?"

"Ich bringe euch hin."

"Nein, auf keinen Fall. Du machst dich mit Gina und Pierre auf den Weg zum Helikopter. Jens wartet dort auf euch. Ihr seid vermutlich nicht so schnell mit Gina, deshalb geht ihr gleich los. Den Botschafter hole ich mit meinen Leuten, beschreib mir den Weg und wecke Gina." Eindringlich sah sie Mark an.

Mark erklärte Sabrina den Weg und legte im Sand eine Zeichnung an um seine Beschreibung zu verdeutlichen.

"O.K. das müssten wir ohne Probleme finden", sagte Sabrina und ging nach draußen um sich mit ihren Leuten zu besprechen während Mark Gina weckte.

"Gina Liebes wach auf, wir gehen nach Hause." Vorsichtig und leise sprach Mark sie an.

"Mark was ist los?" Verschlafen blinzelte Gina ihn an.

"Sabrina ist mit ihren Leuten hier, sie bringt uns nach Hause."

"Sabrina? Wo?" Sofort war Gina richtig wach und setzte sich.

"Jetzt frag nicht so viel, sie ist draußen. Wir müssen allerdings noch ein Stück laufen, Jens wartet mit einem Helikopter auf der anderen Seite des Berges. Meinst du, du schaffst das?"

"Natürlich, uns geht es gut und wenn wir nicht rennen sehe ich da kein Problem. Wie hat sie das so schnell geschafft?"

"Ich weiß es nicht. Nun komm schon. Sie wird uns das später erklären", sagte Mark und half Gina beim Aufstehen.

Sabrina kam mit Pierre zurück.

"Das ist Pierre, er begleitet euch. Gina, wird es gehen?" fragte sie.

"Ja. Solange wir nicht rennen. Bin ich froh dich zu sehen", antwortete Gina und fiel ihr um den Hals.

"Lasst euch Zeit und stolpert nicht im Dunkeln. Vor allem geht Menschen aus dem Weg und verhaltet euch leise", sagte Sabrina eindringlich.

"Ich passe schon auf, mach dir keine Sorgen", flüsterte Pierre. "Seid ihr vor allem vorsichtig, der Senator wird mit Sicherheit besser bewacht."

"Es waren meistens 3 bis 4 Wachen in der Nähe. Außerdem sind dort oben fast alle Rebellen", fügte Mark hinzu.

"Ich hoffe die meisten schlafen jetzt. Wir schaffen das schon, nun macht euch aber auf den Weg." Sabrinas Hand griff nach Pierre. "Du kennst die Anweisungen!"

"Ja und wir werden uns daran halten", antwortete Pierre.

Sabrina begleitete sie zur Tür und schlich mit Siggi und Mathieux in Richtung des Rebellenlagers. Sie hatten es bald erreicht und kauerten hinter einem großen Stein.

"Soweit ich feststellen kann sind es zwei Wachen, die ziemlich verschlafen wirken. Wir müssten sie recht einfach ausschalten können. Hoffentlich macht der Senator keine Probleme."

"Wir übernehmen die beiden Wachen, versuch du dein Glück mit dem Senator."

Siggi schlich mit Mathieux davon und Sabrina konzentrierte sich auf den Eingang der Höhle.

Die Wachen sackten zusammen und verschwanden aus dem Sichtfeld. Vorsichtig schlich Sabrina in die Höhle. Nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten entdeckte sie die Schlaflager der Familie und ging darauf zu. Sie hielt dem Senator mit der Hand den Mund zu und sprach ihn an:

"Senator Foster, ich bin hier um sie zu befreien. Verhalten sie sich bitte ruhig.

Haben sie mich verstanden?"

Der Senator war sofort wach und nickte.

"Wer sind sie? In wessen Auftrag sind sie hier?" fing er sofort an Fragen zu stellen.

"Ich hatte sie gebeten sich ruhig zu verhalten. Die UN schickt mich um sie im Stillen hier herauszuholen und eine Eskalation zu verhindern. Wecken sie ihre Familie und sagen sie allen sie sollen leise sein. Wir müssen so schnell wie möglich los", wies sie ihn nochmals an und ging zurück in Richtung Eingang.

Hoffentlich macht er keine Probleme dachte sie mit einer bösen Vorahnung, er wirkte auf sie nervös und unbeherrscht.

Pierre, Mark und Gina erreichten ohne Schwierigkeiten den Helikopter. Pierre führte sie mit erstaunlicher Sicherheit durch das Gelände und sicherte sie ab.

Mark war ständig an Ginas Seite und hielt ihre Hand fest um im Notfall zugreifen zu können.

Jens hörte jemanden kommen und rief leise: "Wer da?"

"Wir sind es, Pierre, Gina und Mark!" antwortete Pierre ebenso leise.

"Gina! Mark! Bin ich froh, dass ihr da seid. Geht es euch gut? Wo ist Sabrina?" fragte Jens ganz aufgeregt und erleichtert. Er drückte beide fest.

"Ich bin auch froh dich zu sehen. Sabrina holt noch den Senator und seine Familie und kommt dann nach. Mit euch und so schnell hätte ich nicht gerechnet. Du glaubst gar nicht wie froh ich war als Sabrina plötzlich an meinem Bett saß."

Jetzt wo er am Heli war und mit Jens reden konnte viel ihm regelrecht ein Stein vom Herzen.

"Ich kann dir auch nicht genau sagen woher sie die Informationen so schnell hatte, sie wird uns das später sicher erklären. Aber so wichtig ist das nun nicht mehr, die Hauptsache ist, dass ihr hier seid."

Gina holte plötzlich tief Luft und hielt sich an Mark fest. "Was ist los?" rief er alarmiert.

"Ich weiß nicht, mir ist ganz komisch", stöhnte sie.

"Jens hilf mir, sie muss sich hinlegen und braucht Ruhe. Habt ihr Medikamente dabei?"

"Ja, im Heli. Ralf hat sie auf Anweisung von Sabrina zusammengestellt", antwortete Jens besorgt.

"O.K. Jens hilf ihnen. Ich sichere die Umgebung", sagte Pierre.

Behutsam hoben sie Gina in den Heli und legten sie auf eine Luftmatratze.

"Hier sind zwei Notfalltaschen." Jens reichte ihm beide Taschen und Mark fand sofort was er suchte.

"Gina ich gebe dir etwas zum Entspannen. Bleib ganz ruhig liegen es wird dir schnell helfen." Beruhigend sprach er auf Gina ein.

"Wir sollten sie so schnell wie möglich in ein Krankenhaus bringen. Jens, was glaubst du, wie lange dauert es noch?" Voller Sorge tastete er Ginas Bauch ab.

"Keine Ahnung, ich hoffe sie kommen bald. Sabrina wollte den Rückflug noch bei Dunkelheit antreten. Ich gehe raus und sehe nach ob sie schon kommen."

"Wenn sie in einer Stunde nicht da sind starten wir", sagte Pierre.

"Ich starte auf keine Fall ohne Sabrina", kam die prompte Antwort von Jens.

"Wenn sie bis dahin nicht da sind gab es vermutlich Schwierigkeiten und sie hat Anweisung gegeben zu starten. Wir sollen Mark und Gina unter allen Umständen in Sicherheit bringen. Sie schaffen das schon irgendwie. Wir können später zurückkommen und Lieutenant Ward ist bereits im Anmarsch." Pierres Antwort kam bestimmt und ohne Widerspruch zuzulassen. Es fiel ihm selbst schwer Sabrinas Anweisungen zu folgen, aber er musste sich um die Sicherheit von Mark, Gina und Jens kümmern.

Kurz darauf erschien der Senator mit seiner Familie am Höhleneingang.

"Folgen sie mir, einzeln und vorsichtig, suchen sie immer wieder Deckung. Hinter dem Berg wartet ein Helikopter", flüsterte Sabrina. "Meine Leute halten uns den Rücken frei und geben uns Deckung."

Sabrina erhielt ein Zeichen von Siggi und sie führte die Gruppe weg vom Tal der Rebellen den Hang hinauf. Erst als sie über der Bergkuppe waren holte sie etwas erleichtert Luft und sah sich suchend nach ihren Männern um.

"Gehen sie weiter den Hang hinunter, unten wartet der Hubschrauber auf uns. Seien sie vorsichtig, der Boden ist sehr steinig."

Die Familie ging an ihr vorbei weiter den Berg hinab. Da tauchten bereits Siggi und Mathieux auf.

"Alles in Ordnung?"

"Ja. Bis jetzt ist es ruhig und alles verlief gut. Mathieux hat sich einen Messerstich am Arm eingefangen, aber nicht weiter schlimm. Wir haben es gleich geschafft", antwortete Siggi mit einem Blick ins Tal.

"Das glaube ich erst wenn wir über der Grenze sind", meinte Sabrina und stieg weiter ab.

Plötzlich hörten sie einen erstickten Schrei. Sabrina eilte in die Richtung. Die Familie des Senators stand beisammen und stützte die Tochter.

"Sie hat sich den Knöchel vertreten. Mussten sie auch so einen steinigen Weg wählen?" schnauzte sie der Senator an.

"Warum sind sie nicht froh, das wir sie hier raus holen? Leider habe ich keinen roten Teppich dabei. Und wenn sie noch lauter reden haben wir bald die Rebellen am Hals", raunte Sabrina zurück. "Siggi kannst du sie stützen oder tragen? Mathieux führ sie weiter ins Tal zum Helikopter ich gebe euch Rückendeckung."

Ohne ein Wort folgten die Männer ihrer Anweisung. Sabrina sicherte das Gelände und folgte langsam. Im zurückliegenden Tal fiel ein Schuss und laute Rufe waren zu hören. Sie blickte nach unten und konnte sehen das alle den Helikopter erreicht hatten. Ihre Hand ging zum Funk um es einzuschalten.

"Jens starte den Heli, ich bin gleich bei euch", rief sie und fing an den Hang hinunter zu rennen.

Nun war Eile geboten, die Flucht war entdeckt. Als sie selbst den Helikopter erreichte waren bereits alle eingestiegen und sie schloss die hintere Tür.

Sie sprang auf den Kopilotensitz und Jens hob sofort ab.

"Gott sei Dank, dass du da bist!" rief Jens erleichtert.

"Nichts wie weg hier! Sind alle in Ordnung? Siggi gib Mark bitte ein Headset und lass mich mit ihm reden", bat sie.

"Mark wie sieht es aus? Sind alle Passagiere o.k.? Kommt ihr einigermaßen mit dem Platz zurecht? Es ist sehr eng, aber es gab keine bessere Lösung."

"Soweit ja. Der Senator hat durch die Aufregung wieder Herzbeschwerden und seine Tochter einen verstauchten Knöchel. Gina macht mir etwas Sorgen, ich hoffe es war nicht zuviel, zum Glück war eine entsprechendes Medikament im Notfallkoffer. Einer deiner Leute hat eine leichte Verletzung am Arm von einem Messer, ansonsten geht es allen gut."

"Danke. Siggi versuche zu helfen, vor allem Gina", bat sie.

Siggi rutschte zu Gina und berührte sie unauffällig mit der Hand. Er spürte die drohende Gefahr und setzte seine Kräfte ein um zu verhindern, dass sie ihre Babys verlor. Gina sah ihn überrascht an weil sie eine seltsame angenehme Empfindung wahrnahm. Er lächelte sie an, schüttelte leicht den Kopf und bedeutete ihr nichts zu sagen. Mit einem Augenzwinkern sagte er: "Später."

"Ich will mit dem verantwortlichen Einsatzleiter sprechen. Was ist das für eine Behandlung hier? Ich bin Senator der Vereinigten Staaten und verlange sofort Erklärungen! Nicht einmal einen vernünftigen Sitzplatz bekommen wir hier. Geben sie mir ein Mikro!" tönte der Senator schon wieder und griff nach Marks Headset.

"Siggi, was ist da hinten los?" fragte Sabrina.

"Der Senator probt den Aufstand, verlangt Erklärungen und eine bessere Behandlung."

"Die kriegt er wenn wir alles überstanden haben, im Moment habe ich keine Zeit dafür. Falls er keine Ruhe gibt dann bring ihn zum Schweigen, egal wie", genervt holte Sabrina tief Luft.

Von hinten war nochmals ein kurzes Wortgefecht zu hören und dann herrschte Ruhe.

"Problem erledigt!" meldete sich Siggi wieder.

"Danke Siggi, das war eine Erlösung", brummte Mark.

"Wie hast du ihn zum Schweigen gebracht?" fragte Jens der alles mitbekommen hatte.

"Ich hab ihn K.O. geschlagen. Und es hat gut getan", war Siggis zufriedene Antwort.

"Wir sind gleich aus dem Tal raus, dann verlassen wir die größte Gefahrenzone. Schön das du es ohne große Schwierigkeiten geschafft hast", sagte Jens.

Der Helikopter hatte die Höhe des Bergkammes erreicht. Schemenhaft waren in der Dunkelheit mehrere Gestalten zu erkennen. Da fielen mehrere Schüsse. Etliche trafen den Heli, jedoch ohne Schaden anzurichten. Eine Kugel flog durch das offene Fenster, traf eine Verstrebung, pfiff durch die Kanzel und bohrte sich in Sabrinas rechten Oberschenkel. Ein brennender Schmerz durchfuhr sie der ihr fast das Bewusstsein raubte.

"Uff, das war knapp! Alle Kontrollen im grünen Bereich", seufzte Jens an dem die Kugel vorbeigepfiffen war.

´Du darfst jetzt nicht umkippen, Jens braucht dich,` dachte Sabrina mit zusammengebissenen Zähnen. Mit einer Hand löste sie ihren Gürtel und band sich das Bein oberhalb der Verletzung ab. Dann nahm sie ihr Halstuch und legte einen notdürftigen Verband an.

"Jens halte dich rechts, das übernächste Tal bringt uns zurück zur Grenze."

Sie zog ihre Weste aus und legte sie über das blutverschmierte Bein.

Durch die Konzentration auf den Flug und die Instrumente in der Dunkelheit hatte Jens nichts von ihrer Verwundung mitbekommen.

"Geschafft, das war die Grenze. Die Dämmerung setzt ein, jetzt wird es einfacher", erleichtert pfiff Jens durch die Zähne als sie das Ende des Tals erreicht hatten und über die Bergkuppe flogen.

"Du kannst dem Flusslauf folgen, der führt direkt zum Meer und in die Nähe der Hauptstadt. Bleib aber weiterhin unter dem Radar", empfahl Sabrina.

Sabrina lehnte sich zurück und versuchte sich zu entspannen, durch die Anstrengung standen ihr Schweißperlen auf der Stirn. Jens brauchte sie, sie durfte nicht ohnmächtig werden.

`Du bist verletzt, ist es schlimm?´ hörte sie Siggis Stimme in ihrem Kopf.

`Siggi ´ reagierte sie überrascht.

`Ich kann deinen Schmerz spüren. Kann ich dir helfen?´

`Nein, der Oberschenkel, ich habe es bereits notdürftig versorgt und abgebunden. Es wäre schwierig hier vorne und nach hinten kann ich auch nicht.´

`Wie ist das passiert? Als du eingestiegen bist warst du nicht verletzt.´

`Ein Querschläger, als die Schüsse fielen.´

`Geht es noch?´

`Ich werde durchhalten. Sag nichts, Jens soll in Ruhe fliegen.´

"Leute, wir haben es bald geschafft, noch 30 Minuten und wir sind auf dem Schiff. Mark brauchst du gleich etwas wenn wir landen?" fragte Jens.

"Ja, drei Tragen. Gina ist eingeschlafen, der Senator ist K.O. und die Tochter des Senators mit ihrem Knöchel, sie sollten alle ins Lazarett getragen werden."

"Gut, ich verständige Ralf oder willst du selbst mit ihm reden."

"Ralf ist auch da?" fragte Mark überrascht. Er hatte die Bemerkung von Jens dass Ralf die Notfalltaschen gepackt hatte, in der Aufregung nicht registriert.

"Der Junge hatte Sehnsucht und wollte uns nicht alleine lassen", grinste Jens.

Während Mark mit Ralf sprach und gleich einige Medikamente anforderte übernahm Jens den Funkverkehr mit dem Schiff. Minuten später setzte er zur Landung an.

Ralf stand schon mit einem Arzt, weiteren Sanitätern und den Tragen bereit.

"Mathieux, Pierre ihr geht mit den anderen nach unten und seht zu das alle gut versorgt werden. Ich komme mit Sabrina und Jens nach", übernahm Siggi das Kommando und öffnete die Tür.

In aller Eile waren die drei verletzten auf die Bahren gelegt und wurden nach unten ins Lazarett getragen. Jens fuhr die Turbinen runter und schaltete alle Systeme aus.

"Sabrina das hast du wieder super hin gekriegt. Schnell, ohne viel Aufsehen und keine großen Verletzungen." Jens nahm den Helm ab und blickte zu ihr hinüber. Erst jetzt wurde ihm bewusst wie still sie geworden war.

In diesem Moment öffnete Siggi die Tür und griff nach Sabrinas Gurten. Dadurch verrutschte die Weste und er sah das Blut.

"Um Himmels Willen was ist passiert?" rief er sofort.

"Ein Querschläger! Nimm ihr den Helm ab und hilf mir, wir müssen sie nach unten bringen", wies ihn Siggi an.

Jens öffnete den Helm und nahm ihn ab. Siggi griff an ihren Hals und fühlte nach dem Puls. Ihrem Gesicht konnte man die Schmerzen ansehen.

"Warum hat sie nichts gesagt?"

"Sie hat sich selbst versorgt. Wir hätten während dem Flug nichts anderes tun können. Sabrina, ich werde dich nach unten tragen. Wird das gehen?"

"Muss es wohl, im schlimmsten Fall verliere ich das Bewusstsein", brachte sie mühsam hervor.

Siegfried war groß und kräftig und hatte keine Mühe sie vom Sitz zu heben.

Sie stöhnte leise und lehnte sich an ihn.

Jens lief vor und öffnete ihm die Türen bis zur Krankenstation. Dort angekommen rief er: "Mark, Ralf wir brauchen Hilfe!"

Siggi legte Sabrina vorsichtig auf das nächste Bett. Ralf war sofort bei ihnen da die anderen bereits versorgt wurden. Als er das viele Blut sah erschrak er und ging zu Mark der bei Gina war.

"Mark kannst du bitte kommen, Sabrina braucht dich."

"Was ist los? Ich möchte Gina nicht alleine lassen."

"Sabrina hat eine Schusswunde am Oberschenkel und verliert viel Blut."

Erschrocken blickte er auf und sagte zu Pierre: "Bleib bitte bei ihr, sie ist stabil und schläft. Sollte sich etwas ändern gib sofort Bescheid."

Mit Ralf eilte er zu Sabrina. Ein Blick genügte ihm um die Situation zu erfassen.

"Hat sie ihre Medikamente dabei? Hol sie schnell Jens", wies er an.

"Ralf ich brauche eine Schere und einen Arterienabbinder."

Während er mit der Schere die Hose aufschnitt um die Wunde genauer zu untersuchen fragte er: "Was ist passiert?"

"Als die Schüsse auf den Heli fielen wurde sie von einem Querschläger getroffen", antwortete Siggi.

"Warum hat sie nichts gesagt?"

"Was hättest du tun können? Sie hat die Verletzung so gut es ging selbst versorgt. Wie hättest du ihr helfen wollen während dem Flug?"

"Sie muss furchtbare Schmerzen haben, das sieht böse aus. Der Querschläger hat die alte Verletzung wieder aufgerissen. Ralf leg ihr einen Zugang, hoffentlich kommt Jens bald. An Bord haben sie kaum noch Medikamente, zumindest nichts, was sie verträgt." Suchend blickte Mark in Richtung Tür.

"Bitte hol die verdammte Kugel raus!" kam es schwach von Sabrina.

"Du brauchst etwas für die Schmerzen, das wird ziemlich weh tun."

"Mach weiter, ich werde ihr helfen. Sie wird es aushalten", sagte Siggi. Er stand bei ihrem Kopf und seine Finger suchten bestimmte Punkte an ihren Schläfen und am Hals.

Die Kugel saß tief und war bis auf den Knochen eingedrungen. Da es sich um einen Querschläger handelte hatte die Kugel keine glatte Wunde gerissen, sondern war stumpf und dadurch das Gewebe aufgerissen. Es kostete ihn große Mühe sie herauszuholen zumal er sich Sorgen machte ihr noch stärkere Schmerzen zuzufügen als sie so schon hatte.

"Ich hab sie", sagte er triumphierend als er sie endlich packen konnte.

In diesem Moment kam Jens zurück mit ihrem Notfallpäckchen.

"Ralf gib ihr sofort das Schmerzmittel", rief er erleichtert.

Ralf zog die Ampulle auf und verabreichte sie ihr über den Zugang den er zwischenzeitlich gelegt hatte. Ein dankbarer Blick aus Sabrinas Augen traf Marks Blick und sie verlor das Bewusstsein.

"Ralf kontrolliere den Blutdruck und den Puls."

Es dauerte noch einige Zeit bis Mark die Wunde gereinigt und versorgt hatte.

Erst als Mark andeutete er sei fertig löste Siggi seine Verbindung zu ihr.

Dann zogen sie ihr die blutverschmierten Kleider aus und legten sie in ein frisches Bett.

"Ralf wir brauchen noch zusätzlich Ringer- und Glukoselösung um sie besser zu stabilisieren, sie sieht nicht gut aus." Mark kontrollierte erneut ihre Werte.

"Danke Mark", sagte Jens und setzte sich zu ihr.

"Ich bin froh, das ich ein wenig von ihr wusste und sie ihre Medikamente dabei hatte, sonst wäre die Sache schwieriger gewesen. Sie sieht sehr schlecht aus, das kommt nicht nur von der Schusswunde, oder?" Besorgt sah Mark Jens an.

"Sie war gerade zurück von einem 10 tägigen Einsatz im Erdbebengebiet in Afghanistan als sie von euerer Entführung erfahren hat. Wir haben uns sofort auf den Weg gemacht. Warum musste es sie schon wieder erwischen?" Verzweifelt legte Jens seinen Kopf auf ihren Arm.

"Das erklärt einiges. Ich werde dafür sorgen das sie schläft und sich ausruht. Die Wunde wird vermutlich etwas länger brauchen bis sie heilt. Der Querschläger hat die alte Wunde wieder aufgerissen, sie wird sich längere Zeit schonen müssen."

24 Stunden später waren alle ausgeschlafen, geduscht und durch eine kräftige Mahlzeit fast wieder hergestellt.

Der Senator erholte sich am schnellsten von seinem K.O.-Schlag und war bereits wieder meckernd unterwegs. Seine Tochter humpelte ebenfalls vorsichtig über den Flur, das Verhalten ihres Vaters war ihr sichtlich peinlich.

Jens war nicht von Sabrinas Seite zu bewegen. Er verbrachte die Nacht auf dem Boden in einem Schlafsack. Mark saß bei Gina am Bett und hielt ihre Hand fest.

"Hallo Mark, wie geht es uns?" fragte Gina als sie wach wurde.

"Nach allen Untersuchungen besser als erwartet. Ihr habt die Aufregungen gut überstanden. Jetzt müssen wir nur noch heil nach Hause kommen. Und von Urlaub möchte ich in nächster Zeit keinen Ton mehr hören", seufzend legte Mark seinen Kopf auf Ginas Bauch.

"Einverstanden, davon habe ich auch erst mal genug. Wie geht es den anderen?" Gina strich ihm liebevoll über die Haare.

"Soweit ganz gut. Am Schlimmsten hat es Sabrina erwischt. Der Querschläger hat eine Verletzung aufgerissen die noch nicht allzu lange verheilt war. Zum Glück schläft sie und wir haben spezielle Medikamente für sie da."

Plötzlich hörten sie polternd jemanden den Gang entlang kommen.

"Wo ist dieses Miststück, ich will sie sehen. Sie hat mir wieder meinen Einsatz versaut, das lasse ich ihr nicht durchgehen." Mit vor Wut rotem Gesicht stand Lieutenant Ward in der Tür.

Genauso schnell waren Siggi, Pierre und Mathieux im Raum uns stellten sich schützend vor Sabrinas Bett. Jens kam ebenfalls angestürmt.

"Was wollen sie Ward. Man hat uns 48 Stunden gegeben um die Sache auf unsere Art zu erledigen und das haben wir getan", antwortete Siggi mit Ruhe.

"Es ist die Aufgabe der Navy-Seals einen amerikanischen Staatsbürger zu befreien und nicht die von Zivilisten. Nun sind wir umsonst hierher gekommen. Diese Revolutionäre hätten eine Lektion verdient." Er versuchte sich wütend an Siggi und den anderen vorbeizudrängen allerdings ohne Erfolg.

"Sie sind doch nur verärgert weil es ohne Gewalt und Blutvergießen funktioniert hat, das hätte den Konflikt nur weiter geschürt. Warum geben sie nicht zu das Sabrina besser ist und das Problem ohne Gewalt gelöst hat. Haben sie nicht schon genug Menschen auf dem Gewissen. Ein einfaches Danke für die Unterstützung hätte vollkommen genügt. Und jetzt nehmen sie ihren Staatsbürger und verschwinden von hier, der hat genauso wenig Anstand wie sie." Wer Siggi kannte wusste, dass er innerlich kochte und sich nur mit Mühe zurückhalten konnte.

Kapitän Anders betrat den Raum und erfasste die Situation mit einem Blick.

"Was haben sie hier zu suchen? Verlassen sie sofort mein Schiff!"

Der Lieutenant holte tief Luft, drehte sich wutentbrannt um und rannte davon.

"Das war eine hervorragende Ansprache, ich hätte es nicht besser gekonnt!" meinte Sabrina anerkennend.

"Dabei habe ich mich noch beherrscht. Am liebsten hätte ich diesem Idioten noch mehr an den Kopf geworfen. Wie geht es dir? Endlich ausgeschlafen?" Siggi drehte sich um, griff nach ihrer Hand und sah ihr tief in die Augen. Ohne ein Wort erwiderte sie seinen Händedruck.

"Hallo mein Kätzchen, wie fühlst du dich?" Jens gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Alle drängten sich um das Bett.

"Hey, lasst mir noch ein bisschen Luft. Es tut noch ein wenig weh und ich bin groggy, aber das hat andere Ursachen. Vor allen Dingen habe ich Durst und Hunger", schmunzelte sie.

"Das hört sich gut an und lässt einrichten. Könnte ihr jemand etwas aus der Küche besorgen? Ihr wisst am besten was sie mag." Mark prüfte mit schnellen Griffen ihren Puls und den Blutdruck. "Das war hart an der Grenze, weißt du das? Du kannst von Glück reden das Ralf da war und das ich inzwischen einiges über dich weiß."

"Nun übertreib mal nicht. Meine Leute kennen sich aus was mich betrifft und meine Medikamente habe ich immer dabei."

"Jetzt hört aber auf. Danke an alle, dass ihr uns raus geholt habt. Und dir Siggi besonderen Dank, du hast das Schlimmste verhindert." Gina setzte sich auf und reichte Siggi die Hand.

"Das haben wir gern gemacht. Dafür sind wir da." Siggi war genauso verlegen wie Sabrina sonst.

"Habe ich irgendetwas verpasst?" fragte Mark überrascht.

"Siggi hat Gina mit seiner Kraft geholfen damit sie euere Babys nicht verliert. Er hat wie ich gewisse Fähigkeiten", erklärte Sabrina.

"Geht es ihr deshalb so gut? Und dir hat er geholfen als ich die Kugel aus dem Bein geholt habe. War das nicht anstrengend?" Mark sah ihn fragend an, so ganz war ihm noch nicht klar wie das mit diesen Fähigkeiten funktionierte.

"Ein wenig schon, inzwischen habe ich mich wieder erholt. Schlaf und Ruhe hilft uns immer bei der Regeneration", antwortete Siggi.

"Ralf hast du Karin und Michael verständigt?" Sabrina sah ihn an.

"Gestern Mittag habe ich sie bereits informiert, sie waren sehr erleichtert. Er war überrascht wie schnell ihr das durchgezogen habt. So schnell hatte er nicht mit einer positiven Nachricht gerechnet. Er hofft wir kommen bald zurück."

"Da müssen wir wohl unseren Doktor fragen wann wir die Rückreise antreten können. Wenn es nach mir geht, so bald als möglich." Gina versuchte aufzustehen aber Mark drückte sie zurück in das Bett.

"Hoppla hier wird jemand übermütig. Die beiden Damen brauchen dringend noch ein paar Tage Bettruhe und darauf muss ich bestehen", funkelte Mark sie an.

"Wie seid ihr eigentlich hier her gekommen?"

"Mit einer Sondermaschine der UN, sie steht immer noch auf dem Flughafen der Hauptstadt und wartet auf uns", antwortete Pierre.

"Können wir uns nicht auf den Rückweg machen? Ich glaube nicht, dass ich es sehr lange hier aushalte, ich will nach Hause. Wenn ich schon das Bett hüten muss, dann bitte mein eigenes", protestierte Sabrina.

"Jetzt gibt es erst mal was zu Essen und zu Trinken." Mathieux kam mit einem voll beladenen Tablett durch die Tür.

"Wir warten noch einen Tag und eine Nacht ab wie es euch beiden geht. Morgen entscheiden wir dann wann es zurück geht. Einverstanden?" fragte Mark.

Sabrina und Gina sahen sich an: "Haben wir eine andere Wahl?"

"NEIN!" kam es bestimmend von Mark zurück.

Der Tag und die Nacht verlief ruhig und beiden ging es zusehend besser. Sie achteten allerdings darauf das ständig mindestens einer von ihnen bei den Frauen war damit sie auch wirklich in ihren Betten blieben.

Mark telefonierte längere Zeit mit Michael um sich mit ihm über Sabrinas Behandlung zu unterhalten. Dass sie stark abgenommen hatte und ihr Allgemeinzustand nicht der Beste war, war nicht zu übersehen.

Anschließend besprach er sich mit Jens, Siggi und den anderen über ihr weiteres Vorgehen. Auch Siggi und seine Leute wollten zurück nach München da ihre Basis unterbesetzt war.

"Guten Morgen meine Damen", begrüßten Mark und Ralf ihre Patienten am nächsten Tag. "Wenn euere Werte heute so gut sind wie gestern Abend werden wir uns auf den Rückweg machen."

Mark kümmerte sich um Gina und Ralf kontrollierte Sabrinas Werte. Sabrina beobachtete die beiden erwartungsvoll.

"Bei Gina sind sie noch besser geworden. Wie sieht es bei Sabrina aus?" fragte Mark.

"Leicht angestiegen im Vergleich zu gestern, ich würde sagen zufriedenstellend", antwortete Ralf.

"Prima, dann kann ich ja aufstehen. Habt ihr eine Krücke für mich?" Sabrina versuchte sich aufzusetzen.

"Stop, du bleibst liegen. Ihr beide werdet getragen." Mark drückte sie zurück.

"Was soll der Blödsinn?" wehrte sich Sabrina.

"Du sollst langsam machen und das Bein schonen. Dein Zustand ist nicht der Beste. Ich gebe dir erst mal etwas für den Kreislauf und noch eine deiner Ampullen. Einen Zusammenbruch unterwegs will ich nicht riskieren. Ralf wird dir noch den Verband wechseln." Mark zog bereits eine Ampulle auf und verabreichte sie ihr über den Zugang. Ralf reichte ihm die zweite und öffnete den Verband. Dadurch wurde Sabrina abgelenkt da sie versuchte einen Blick auf die Wunde zu werfen.

"Michael hatte recht mit seiner Einschätzung und sein Vorschlag war richtig", sagte Mark und setzte die zweite Spritze an. Nachdem er fertig war drückte er sie behutsam zurück.

"Was machst du? Wieso Michael?" fragte sie weil ihr erst jetzt bewusst wurde was er sagte und merkte wie sie müde wurde.

"Ihr seid hinterhältig und gemein", war das Letzte was sie sagen konnte bevor sie eingeschlafen war.

"Es ist besser so. Du brauchst viel Ruhe und Schlaf und sollst dich nach Möglichkeit nicht bewegen." Mark fühlte nach ihrem Puls. "Ralf kontrolliere den Blutdruck noch mal und dann können wir sie fertig machen."

"Mark wie konntest du! Das war nicht fair! Mach das nicht mit mir!" entsetzt sah Gina ihn an.

"Werde ich nicht. Du bist wenigstens soweit vernünftig, dass du momentan auf mich hörst. Michael hat mir dazu geraten und Jens hat zugestimmt. Ihr Allgemeinzustand ist nicht besonders gut und sie schont sich zu wenig. Ich habe ihr nur eine Zwangsruhe verschafft. Es wird ihr helfen am Ende schneller wieder gesund zu werden. Glaub mir, es ist mir wirklich nicht leicht gefallen." Traurig blickte er sie an.

"Es ist wirklich besser so. Michael hat einige Erfahrung mit ihr und du hast selbst gesehen wie schlecht sie aussieht", unterstützte Ralf ihn.

Jens und Siggi kamen zur Tür herein.

"Wir sind fertig, es kann los gehen. Kapitän Anders bringt uns mit zwei Hubschraubern zum Flughafen. Die UN Maschine wird gerade startklar gemacht, wir können dort gleich anschließend starten. Ich bin froh, wenn wir endlich Zuhause sind." Zärtlich strich Jens Sabrina über die Wange. "Es tut mir leid wenn wir dich überrumpelt haben, aber es war besser so. Ich hoffe sehr, du bekommst ein wenig Ruhe."

Genervt saß Michael im Büro und versuchte den Papierberg abzubauen der sich vor ihm auftürmte als das Telefon klingelte.

"Medikopter Basis, Dr. Lüdwitz, was kann ich für sie tun?" meldete er sich sofort weil er dankbar für die Abwechslung war. Er lauschte. "Ja, geht klar. Das übernehmen wir gerne. Ist kein Problem wir haben zwei Helikopter zur Verfügung." Wieder hörte er zu. "Wann sollen wir dort sein?" ............. "Danke für ihre Mitteilung! Auf Wiederhören!"

Ein Lächeln zog über sein Gesicht. Er stand auf und ging in den Aufenthaltsraum wo Biggi, Karin und Enrico gerade beim Frühstück saßen. Ihre Schicht hatte um 6 Uhr in der Frühe begonnen und verlief bislang ruhig. Eigentlich wollte er nach der Nachtschicht sofort ins Bett, weil die Nacht aber ohne Einsätze verlaufen war und er einige Stunden schlafen konnte, hatte er sich dann entschlossen die Arbeit auf dem Schreibtisch anzugehen. Dadurch konnte er jetzt die gute Nachricht überbringen und er nahm sich vor alle gehörig zu überraschen.

"Was würdet ihr davon halten wenn wir alle zwei freie Tage bekämen?" fragte er in die Runde.

"Das wäre zu schön um wahr zu sein. Deinem Gesicht nach zu urteilen hat die Sache aber einen Haken", meinte Enrico.

"Ja, einen kleinen. Wir sollen heute Nachmittag um 17 Uhr am Flughafen München sein um zwei Verletzte zu übernehmen und nach Traunstein bringen. Da die Familienmitglieder mitkommen werden beide Helis benötigt. Sobald der Auftrag erledigt ist, bekommen wir alle zwei Tage frei."

"Mal wieder ein lachendes und ein weinendes Auge. Ich hasse solche Transporte, warum kann man das nicht mit einem Rettungswagen erledigen, wir sind doch kein Taxiunternehmen. Da spielt doch sicher wieder Geld eine Rolle, bestimmt sind das höhere Persönlichkeiten", meckerte Enrico.

"So in etwa, eine UN Maschine bringt die Verletzten", antwortete Michael und grinste innerlich. `Wenn ihr wüsstet` dachte er im Stillen.

"Biggi kannst du Thomas verständigen, er soll gegen 15 Uhr hier sein. Habt ihr für solche Notfälle einen Babysitter oder gibt das Probleme?" fragte er. "Ich werde gleich Peter anrufen."

"Lisa und Laura sind heute Nachmittag zu Hause und die Oma hat bestimmt Zeit. Sie liebt den Kleinen über alles. Ich rufe gleich an!" Zuversichtlich ging Biggi zum Telefon, die Aussicht auf freie Tage für sie trieb sie an.

"Weißt du etwas Näheres über die Verletzten?" fragte Karin.

"Nein, der Anrufer war sehr kurz angebunden und tat unheimlich wichtig. Was soll es, wenn dafür zwei freie Tage rausspringen tut uns das doch gut. Vor allem wo uns ein komplettes Team und noch ein Pilot fehlen." Michael musste innerlich Lachen, die Überraschung wird groß werden.

Pünktlich um 15 Uhr waren Peter und Thomas da. Sie meckerten ebenfalls ein wenig, aber die Aussicht auf freie Tage überwog den Unmut.

Fast gleichzeitig mit der UN-Maschine kamen sie an dem etwas abseits gelegenen Hangar am Münchner Flughafen an. Eine Gangway wurde an das Flugzeug gefahren und die Türen öffneten sich. Erwartungsvoll standen sie unten und blickten nach oben.

Ralf und Jens streckten den Kopf durch die Tür, sahen die anderen und stiegen die Treppe runter.

"Ich glaub das nicht! Unsere Abendteurer sind zurück!" rief Thomas und stürmte los. Kurz darauf lagen sie sich in den Armen.

"Wo sind die anderen?" fragte Karin mit sorgenvoller Miene. Sie wusste durch Michael von Sabrinas Verletzung und Ginas Zustand.

"Im Flugzeug. Gina und Sabrina sollen auf Marks Wunsch hin liegend transportiert werden, deshalb seid ihr da", antwortete Ralf.

"Ich will sofort zu ihnen." Karin eilte allen voran die Treppe hinauf.

"Mark, Gina, Sabrina wo seid ihr", rief sie als sie das Flugzeug betrat.

"Schrei nicht so, uns geht es gut und Sabrina schläft", antwortete Gina.

Karin setzte sich zu ihr und nahm sie in den Arm. Eine Hand legte sie auf Ginas Bauch. Verstohlen wischte sie eine Freudenträne aus dem Augenwinkel.

"Alles in Ordnung? Wirklich? Hast du eine Ahnung welche Sorgen ich mir gemacht habe?" sprudelte es aus ihr heraus.

"Wirklich, es geht uns gut und wir haben es ohne Komplikationen überstanden. Ich bin Sabrina und ihren Leuten sehr dankbar und von Urlaub in Afrika habe ich vorerst mal die Nase voll." Lachend schaute Gina sie an.

Nachdem Karin sich selbst überzeugt hatte lies sie Gina erleichtert los.

Michael ging zu Sabrina und sah Mark fragend an. Seine Hand ging an ihre Wange und er fühlte nach Temperatur und Puls.

"Ich habe ihr für den Transport und Flug ein Beruhigungsmittel gegeben. Du hattest Recht, sie wollte gleich aufstehen heute morgen. Ansonsten geht es ihr den Umständen entsprechen. Das meiste habe ich dir bereits am Telefon erzählt. Sie braucht viel Ruhe und muss das Bein noch einige Tage schonen. Es war Glück, dass die Kugel den Knochen nicht verletzt hat," erklärte Mark.

"Es überrascht mich immer wieder mit welcher Präzision sie diese Aktionen durchzieht und wie gut sie Verletzungen weg steckt. An ihre Fähigkeiten kann ich mich irgendwie nicht gewöhnen." Michael schüttelte leichte den Kopf.

"Es ist mir auch rätselhaft, obwohl ich diesmal einiges davon selbst erlebt habe. Wir sollten sehen, dass wir unsere Patienten nach Hause bringen", sagte Mark.

Siggi kam auf Michael zu.

"Ich überlasse sie deiner Obhut. Seht zu, dass sie die nächsten Tage nie alleine ist. Die Nähe von Menschen die ihr vertraut sind hilft ihr und gibt ihr Sicherheit damit sie tief schlafen kann und sich erholt. Wir müssen dringend auf unsere Basis, werden aber abwechselnd vorbei kommen."

"Ihr könnt euch darauf verlassen. Danke für eueren Einsatz", antwortete Michael und reichte ihm die Hand. Ohne großes Aufheben verschwanden Siegfried, Pierre und Mathieux.

Zusammen trugen sie Gina und Sabrina in je einen Helikopter und flogen zurück zu ihrer Basis.

Thomas und Biggi verabschiedeten sich um zu ihren Kindern zu gehen. Peter und Enrico begleiteten Gina und Mark um sie zu unterstützen. Ralf zog es nach den aufregenden Tagen nach Hause zu seiner Freundin. Sabrina und Jens wurden von Karin und Michael begleitet.

Drei Stunden später lag Sabrina friedlich schlafend in ihrem eigenen Bett und hatte von der ganzen Aktion nichts mitbekommen.

"Wie lange wird sie noch schlafen Michael?" fragend sah Jens ihn an.

"Ich werde ihr noch mal etwas geben damit sie die Nacht durchschläft. Das ist besser. Karin und ich bleiben abwechselnd bei ihr, du brauchst dir keine Sorgen machen. Da bislang keine Komplikationen aufgetreten sind, glaube ich nicht das noch welche auftreten werden. Du solltest dich auch hinlegen."

"Du hast Recht, wenn die Ruhe einkehrt merkt man wie geschlaucht man ist. Anna warte bestimmt schon auf mich. Ich löse dich morgen früh ab. Danke!" Jens strich Sabrina über Stirn und Wange und gab ihr einen Kuss bevor er das Zimmer verlies um nach Hause zu fahren. Er wusste, sie war in guten Händen.

Als Jens am nächsten Morgen das Schlafzimmer betrat fand er Michael schlafend in einem Sessel und musste grinsen. Sabrina schlief ebenfalls noch, man konnte aber in ihrem Gesicht erkennen, dass es ihr langsam besser ging.

Jens ging auf Michael zu und schüttelte ihn leicht.

"Michael, aufwachen du Schlafmütze, deine Ablösung ist da."

Verschlafen blinzelte dieser ihn an.

"Wie spät ist es? Hab ich geschlafen?"

"Es ist gleich 9 Uhr und du hast fest geschlafen. Ich habe euch Brötchen mitgebracht, dann kannst du mit deiner Familie frühstücken."

Michael erhob sich aus dem Sessel und streckte sich.

"Allzu oft darf ich das nicht machen, ich bin ganz steif. Danke für die Brötchen, auf ein gemütliches Frühstück freue ich mich jetzt. Lass Sabrina ausschlafen. Ich komme später und lege einen neuen Verband an", sagte er und kontrollierte schnell ihre Wert.

Jens nickte dankbar und setzte sich in den Sessel. Seine Gedanken schweiften ab. Er kannte sie noch nicht mal ein Jahr und sie hatten schon so viel erlebt. Durch sie waren eine Menge Veränderungen in Gang gekommen. Sie war immer da wenn ihre Hilfe gebraucht wurde und fragte nicht lange. Michael und Dirk konnten aus Amerika zurück kommen, Ralf war wieder auf die Basis zurückgekehrt, sie hatten einen zweiten Helikopter und ein drittes Team. Seid er sie kannte war ständig etwas los. Das Abendteuer in Südamerika, der Absturz in Russland, die Lawine und jetzt Gina und Mark. Schlimm waren für ihn nur die Verletzungen die sie davontrug. Warum immer wieder sie? Aber sie ertrug es ohne murren. Lediglich die Ruhe die ihr verordnet wurde bereitete ihr Schwierigkeiten, sie wollte nicht untätig sein. Ihre Arbeit war ihre Aufgabe die sie mit Hingabe erfüllte. Er hatte mit ihr eine ungeahnte tiefe Liebe gefunden und war sehr glücklich.

"Jens? Was ist ..... Wo?" Langsam wurde Sabrina wach und sah sich verwirrt um.

Jens war sofort bei ihr und setzte sich zu ihr aufs Bett.

"Na mein Kätzchen, endlich ausgeschlafen?"

"Ausgeschlafen? Ich fühl mich, als ob ich zu lange geschlafen hätte, mir tut alles weh. Wie bin ich nach Hause gekommen?" Langsam kam die Erinnerung zurück und ihr dämmerte was vorgefallen war.

"Wo sind Mark und Ralf? Mit denen muss ich noch ein Hühnchen rupfen! Und Michael kommt mir auch nicht ungeschoren davon", sagte sie und versuchte sich aufzusetzen aber Jens hielt sie zurück.

"Das wirst du auf keinen Fall. Wir haben darüber gesprochen und das gemeinsam entschieden. Du bist zwar eine ´Indigo` und hast gewisse Fähigkeiten, aber ohne gelegentliche Ruhe geht es auch bei dir nicht. Da es nicht den Anschein hatte, dass du so vernünftig bist haben wir etwas nachgeholfen und wie ich sehe hat es dir nicht geschadet. Wir wollten alle nur dein Bestes und wenn du dich weiter aufregst sorge ich persönlich dafür, dass du wieder ruhig gestellt wirst. Du bist nun mal keine Maschine, sondern ein Mensch und hast schon nach euerem Einsatz in Afghanistan mitgenommen ausgesehen."

Jens hielt sie weiter an den Schultern fest und sah sie eindringlich und streng an. Ihre Blicke begegneten sich und beugte er sich zu ihr um sie lange und innig zu küssen.

"Ihr hättet mit mir reden können. Es war gemein mich so zu überrumpeln", sagte sie noch immer beleidigt.

"Wir waren uns nicht sicher ob du vernünftigen Argumenten zugänglich gewesen wärst und wollten Diskussionen aus dem Weg gehen. Man weiß nie so genau was in deinem hübschen Köpfchen vorgeht und wie hast du gesagt, Katzen sind unberechenbar."

"Ich bin doch schon vernünftiger geworden in letzter Zeit, daran bist du nicht unschuldig. Versprich mir, dass ihr so etwas nicht noch mal mit mir macht."

"Mal sehen", antwortete er grinsend.

"Hey, was soll das? Versprich mir das oder ich lasse mich scheiden!" scherzhaft griff sie ihn an.

"Dafür müssen wir erst mal heiraten mein Kätzchen."

"Darüber werde ich noch mal ernsthaft nachdenken müssen nach diesem Vorfall," funkelte ihn Sabrina an.

"Du bist so süß wenn du zornig bist," sagte Jens entwaffnend und küsste sie leidenschaftlich.

"Kann ich aufstehen? Frage bitte Michael! Ich würde gerne duschen und anschließend gemütlich mit dir frühstücken."

"Ich ruf ihn kurz an, ich soll dich nämlich nicht aus den Augen lassen."

Jens nahm sein Handy und telefonierte mit Michael während Sabrina Grimassen schnitt und die Augen verdrehte.

"Du kannst duschen, er kommt dann um dir einen neuen Verband anzulegen. Ich soll allerdings in der Nähe bleiben und du darfst das Bein noch nicht voll belasten, aber das spürst du vermutlich selbst, meint er."

Eine Stunde später saßen sie am Tisch und genossen ihr Frühstück.

"Jetzt geht es mir um einiges besser. Bei diesem herrlichen Wetter würde ich heute gerne noch raus gehen. Schnee und Sonnenschein im Februar, einfach ideal."

"Ich werde mit Michael reden was machbar ist."

Es klingelte und Jens stand auf um zu öffnen. Kurz darauf kam er mit einem Mann zurück.

"Guten Morgen Sabrina. Wie geht es dir?" fragte er.

"Oh, guten Morgen Achim. Den Umständen entsprechend recht gut. Wenn du auftauchst und noch dazu persönlich bedeutet das immer Arbeit die ich im Moment nicht annehmen kann", begrüßte ihn Sabrina mit einem saueren Gesicht.

"Du kannst dich beruhigen, keine Arbeit. Ich wollte dir einen Vorschlag unterbreiten und das nicht am Telefon tun", sagte Achim Schmid. Er war Vorsitzender des DRK Bundesverbandes und einer der wichtigsten Entscheidungsträger.

"Ein Vorschlag von dir? Das kann nichts Gutes bedeuten!" Misstrauisch sah Sabrina ihn an.

"Kaffee?" fragte Jens dazwischen an Herrn Schmid gerichtet der zustimmend nickte und zu Sabrina sagte er: "Jetzt warte doch erst mal ab."

Jens reichte ihm eine Tasse Kaffee.

"Wir haben die Entwicklung der letzten Monate beobachtet und ich weiß um deine Einsätze und die Vorfälle auf der Medikopter Basis", fing er an zu reden.

"Ich habe Freunden geholfen, weiter nichts ...."

"Die Basis ist derzeit ohne offiziellen Leiter. Herr Dr. Lüdwitz macht das Vertretungsweise und wir sind mit seiner Arbeit sehr zufrieden. Da die Zusammenarbeit zwischen dir und diesen Leuten bei eueren Einsätzen sehr gut funktioniert hat liegt es nahe, dass wir die Basis deiner Organisation angliedern."

"Nein, das will ich nicht und bin strickt dagegen!" antwortete Sabrina bestimmt.

"Jetzt hör mir doch zu. Du hast sowieso zu wenig Leute und ihr arbeitet gut zusammen, es wäre eine sinnvolle Ergänzung."

"Nein. Ich will sie nicht im großen Stil da mit hineinziehen. Sie haben mir zwar geholfen aber eigentlich eher gezwungenermaßen und weil ich nicht Nein sagen konnte. Es war in den Situationen unausweichlich, ich wollte sie nicht mitnehmen. Sie sind nicht ausgebildet und es war sehr riskant. Außerdem kannst du diese Region nicht ständig ohne dienstbereite Basis lassen wenn ich ihre Hilfe in Anspruch nehme und das käme zwangsläufig."

Sabrina war aufgestanden und diskutierte lautstark mit Achim.

"Das sollten sie selbst entscheiden und nicht du allein."

"Ich will das nicht und damit basta. Sie haben ihr Leben, ihre Familien und sind meine Freunde geworden. Ich werde sie nicht mit hineinziehen. Bei meinen Leuten ist das etwas anderes, sie haben die Entscheidung aus anderen Beweggründen getroffen. Sie haben sich uns aus freien Stücken angeschlossen, Spezialausbildungen gemacht und sind mir nicht unterstellt worden. Außerdem hängen zu viele Leute daran und das würde unserer Arbeit nicht gut tun."

"Warum fragen wir sie nicht einfach?"

"Zum letzten Mal, weil ich es nicht will. Es ist nicht richtig!"

"Sie wissen doch sowieso schon fast alle Bescheid, was soll das Theater!"

Wütend standen sich die beiden gegenüber.

"Sie wissen fast gar nichts und das ist besser so. Ich habe nein gesagt. Ich lasse mir von niemandem vorschreiben mit wem ich zusammenarbeiten soll, das ist und bleibt meine Entscheidung wenn es um unsere Organisation geht." Inzwischen war sie richtig wütend geworden, so hatte Jens sie bislang nur einmal erlebt. Offensichtlich hatte Achim einen wunden Punkt getroffen.

Durch das lautstarke Gespräch aufmerksam geworden kamen Karin und Michael die Treppe hochgestürmt.

"Was ist los hier?" Michael ging sofort auf Sabrina zu, packte sie und drückte sie in einen Sessel. "Du beruhigst dich augenblicklich sonst tue ich das." Mit einem strengen und besorgten Blick sah er sie an. "Karin setzt dich zu ihr und sie Herr Schmid erklären mir was hier los ist!"

Karin setzte sich zu Sabrina und sprach beruhigend auf sie ein. Michael zog Herrn Schmid auf den Flur und Jens folgte. Herr Schmid, Michael hatte ihn erkannt, und Jens erklärten ihm was vorgefallen und der Grund für die hitzige Diskussion war.

"Gut. Das war kein guter Zeitpunkt heute morgen. Ich habe alles gehört, wir werden darüber reden und in Ruhe nachdenken. Sie haben ihre Argumente dargelegt und Sabrina kann ich auch verstehen. Gehen sie jetzt bitte, sie braucht noch Ruhe. Wir werden ihnen unsere Entscheidung sobald als möglich mitteilen." Michael warf einen schnellen Blick zu Karin und Sabrina.

"Danke, Herr Lüdwitz. Ich weiß, sie werden die richtige Entscheidung treffen." Damit drehte sich Herr Schmid um und verlies die Wohnung.

Michael holte tief Luft und ging nachdenklich zu Sabrina.

"Warum hast du dich so aufgeregt?" fragte er.

"Ich will das nicht. Ihr steckt schon viel zu tief mit drinnen."

"Wozu sind Freunde da?"

"Sie sind füreinander da wenn man sie braucht. Aber hier geht es um eine Aufgabe die ich übernommen habe und für die ich mich frei entschieden habe. Dafür habe ich viele Jahre eine Ausbildung gemacht und gelernt. Es ist nicht euere Sache." Sabrina sah sie der Reihe nach an.

"Aber die Sache ist gut, warum sollen wir sie nicht unterstützen?" fragte Jens.

"Du kannst diese Entscheidung nicht für alle auf der Basis treffen," meinte Michael

"Richtig, wir sollten darüber reden und jeder kann selbst entscheiden," fügte Karin ein.

"Ihr gehört zusammen. Was ist wenn einige von euch nicht dahinter stehen können? Ich will euch nicht auseinanderreißen," wehrte sich Sabrina.

"Mal abgesehen davon, dass ich es nicht glaube, wir sollten es einfach versuchen. Jens und mir wäre es sowieso lieber wenn wir dich regelmäßig begleiten könnten." Michael sah sie bittend an.

"Das hat mir gerade noch gefehlt. Damit ihr ständig um mich herum seid und mich kontrolliert? Nein danke", stöhnte sie.

"Michael hat Recht. Wir sollten mit allen reden. Ich finde die Idee gar nicht so schlecht", meinte Jens und Karin nickte zustimmend.

"Woher soll ich wissen, dass ihr mich nicht wieder so überrumpelt wie in Afrika? Auf so einer Basis kann ich nicht mit euch zusammen arbeiten."

"Wir wollten doch nur dein Bestes und dir Ruhe verschaffen, das musst du doch verstehen," antwortete Michael.

"Es stellt für mich nun mal keine Grundlage dar und ich kann das nicht tolerieren. Das mit dem künstlichen Koma in Russland war gerade noch in Ordnung aufgrund meines Zustandes und für alle Fälle war Aljoscha da. Aber in Afrika, .... ihr habt ja nicht mal versucht mit mir zu reden," sagte Sabrina beleidigt.

"Hey Sabrina, ihre Beweggründe waren von Sorge um dich geprägt, das musst du doch verstehen," unterstützte Karin die beiden.

"Ihr müsst mich aber auch verstehen, wenn meine Autorität und Anweisungen untergraben werden, dann kann das gefährlich werden. Keiner von euch hat die Erfahrung und das Wissen von den Dingen da draußen wie ich sie habe. Ich weiß was ich tue und was ich mir zutrauen kann. Auf meine Leute muss ich mich absolut verlassen können und ihnen vertrauen. Das geht nicht, wenn ich die Befürchtung haben muss, dass mich ein Doktor außer Gefecht setzt, wenn er es für richtig hält. Auf solche Unterstützung kann ich verzichten, bislang ging das sehr gut ohne."

"Ich gebe zu, dass es nicht ganz in Ordnung war und es tut mir Leid," gab Michael klein bei.

"Ich weiß euere Führsorge sehr zu schätzen, nur übertreiben und mich damit erdrücken dürft ihr nicht. Jahrelang hatte ich Menschen um mich herum die mir Vorschriften gemacht haben, das ist seit 10 Jahren vorbei und ich werde es nie wieder zulassen. In unserer Organisation funktioniert das auf einer anderen Ebene und ist eine lange gewachsene Struktur, die lassen wir uns von Außenstehenden nicht aufbrechen, deshalb habe ich so heftig reagiert. Tut mir Leid, wenn ich euch damit vor den Kopf gestoßen habe," erklärte Sabrina.

"Vermutlich wissen wir doch nicht so viel wie wir glauben und müssen noch einiges erfahren und lernen." Jens holte erleichtert Luft, Sabrinas Ausbruch hatte ihn etwas überrascht.

"Ich wäre praktisch euere Vorgesetzte, ob das gut geht? Männer haben doch in der Regel Probleme mit starken Frauen als Chef. Außerdem solltet ihr noch einige Ausbildungen hinter euch bringen auf die ich Wert lege, vorher kann und werde ich euch nicht mitnehmen", grinste sie.

"Wir werden sehen. Bislang hat es doch recht gut funktioniert, oder?" Jens sah sie bittend an.

"Von mir aus, setzen wir eine Besprechung an, aber erst wenn ich mit meinen Leuten gesprochen habe. Glücklich bin ich damit nicht!" Sabrina gab sich scheinbar geschlagen.

"Vielleicht wird das sogar besser als du glaubst", sagte Karin.

"Falls wir uns darauf einlassen sollten, verspreche ich euch jetzt schon eines, leicht werdet ihr es nicht mit mir haben. Und falls ihr das nicht glauben wollt könnt ihr Norbert und meine Leute fragen!"

"Soll das eine Drohung sein?" fragte Jens.

"Vielleicht ......?! Warte es nur ab, du kennst mich nicht wirklich. ..... Können wir an die frische Luft? Das brauche ich damit sich der Rauch verzieht!" Damit zog Sabrina einen vorläufigen Schlussstrich unter die Diskussion.

Sie zogen sich alle warme Sachen an. Michael zauberte von irgendwo her einen Rollstuhl und sie gingen im nahegelegene Park bei strahlendem Sonnenschein im Schnee spazieren.

 

Copyright Regina Schubert

April 2005

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